Tausenden Kirchen droht der Abriss

  • Es gibt kaum Bauwerke, die sich besser umnutzen lassen als Kirchen (s. ehemalige Kirchenschiffe und Klöster in NL etc. die jetzt als Buchhandlung, Hotel, Gastrohalle dienen). In der Torre Girona in Barcelona ist sogar ein Supercomputer eingezogen!

    Also besser umnutzen und graue Energie sparen und die Kirchenbauten als stadtbildprägende, geschichtsreiche, emotional aufgeladene Bauten stehen lassen.

    MODERNExit: Mehr Altstadt wagen!

  • Nennt mich einen spirituellen Spinner, aber Glaubensorte wurden in der Vergangenheit mehrheitlich weiter genutzt in ähnlich würdigem und funktionalen Sinne. Da folgte auf eine heidnische Kultstätte eine Kirche, auf einen römischen Tempel eine Kirche, in Spanien auf Moscheen eine Kirche (und umgekehrt). Man kann eine Bibliothek vielleicht noch als Wissenstempel in dieser Abfolge der Umnutzungen sehen, aber für die Seele kommt da auch nicht viel. Wenn in unserer Gesellschaft nun aber darauf ein Fresstempel und eine Serverfarm folgen oder gleich ganz ein Abriss für Profanbauten, dann ist der Bruch mit unserer Kultur tiefer als ich für vertretbar halte. Das hat dann ganz viel zu tun mit dem Thema dieses Forums, vom Verlust des Menschlichen.

  • Es gibt kaum Bauwerke, die sich besser umnutzen lassen als Kirchen (s. ehemalige Kirchenschiffe und Klöster in NL etc. die jetzt als Buchhandlung, Hotel, Gastrohalle dienen). [...]

    Das ist in der Tat richtig.
    Ich habe in Italien einige sehr schöne bis bizarre Beispiele von Umnutzungen gesehen (von privaten Wohnungen, über Büros bis zu einer Autowerkstatt in Norditalien).

    Ich weiß allerdings, dass im Ruhrgebiet (Bistum Essen, der dortige Bischof) Kirchen bewusst abgerissen werden, damit sie nicht umgewidmet werden können, obwohl es zum Teil konkrete Pläne für eine Umnutzung (durch kirchliche Altenheime o.ä.) gab.

  • Zum Thema mögliche Umwidmung ehemaliger Sakralbauten ist mir gerade eingefallen, dass ich vor... sechs, oder sieben Jahren in Neapel in einer kleinen Kapelle Stand (die Tür war geöffnet), welche (bis auf die Bestuhlung) leergeräumt war und vermutlich auf ihre Umwidmung wartete.
    Ich werde beim nächsten Mal wenn ich dort bin schauen, was aus dem Kirchlein geworden ist.
    Ich bin auf jeden Fall überzeugt, dass sie nicht abgerissen wurde.
    Hier noch ein paar Bilder:




    Die Bilder sind von mir

  • In Italien herrscht ein wärmeres Klima. In Mittel- und Nordeuropa wären Kirchenbauten nur in der warmen Jahreszeit nutzbar. Zu großes Innenvolumen, keine Isolierung. Die Wärme konzentriert sich im Deckenbereich, wenn sie nicht von Gebläsen nach unten befördert wird.

  • In Italien herrscht ein wärmeres Klima.

    So besonders viel wärmer als in Deutschland sind die Winter in der Mitte und im Norden Italiens - zumindest abseits der unmittelbaren Küstenregionen - auch nicht. Auf jeden Fall ist es frisch genug, um Gebäude ohne dauerhaftes Heizen faktisch unbewohnbar werden zu lassen.


    Ich kann das Unbehagen einiger hier, Kirchenbauten umzuwidmen, sehr gut nachempfinden. Nennenswerte Umbauten von historischen Kirchen sehe ich auch kritisch. Die oben verlinkte Kirche in Holland mit der Buchhandlung zum Beispiel hätte ich baulich überhaupt nicht verändert, sondern lediglich schlichte "Marktstände" aus Holz und Tuch im Inneren platziert. Die Magie des Ortes bliebe so wenigstens teilweise erhalten.


    Aber was sollen wir sonst machen? Wir können den Prozess der Entkirchlichung nicht stoppen. Und was wir bis jetzt in dieser Beziehung erleben, ist noch lange nicht der Endpunkt. Die ganz große Masse der heutigen Eltern sind maximal noch vor dem Finanzamt und zu Weihnachten Christen. Es braucht wenig Phantasie, um sich vorzustellen, was das für die weitere Entwicklung bedeutet: Christen werden in 30 Jahren in Deutschland eine Minderheit sein, die auf dem Weg ist, eine unbedeutende Randgruppe zu werden.


    Besonders fatal ist dabei die Rolle der Kirchensteuer. So lange es gesellschaftlich ein Stigma war, nicht in der Kirche zu sein, hat dieses Konstrukt für stetig hohe Einnahmen gesorgt. Heute treibt die Steuer Menschen mit nachlassender Glaubensbindung in den Austritt und ist eine kaum überwindbare Hürde für Wiedereintritte. Wer erst mal formal draußen ist, schickt seine Kinder auch nicht mehr zur Kommunion/Konfirmation. Aus einer ohne die Steuer vielleicht nur temporären Distanz des Einzelnen zur Kirche wird so eine dauerhafte Ent-Christianisierung der Gesellschaft.

  • Ich war mal in den 90ern im "Limelight" in New York. Das war ein Techno-Club in einer Kirche von 1844 nahe der Sixth Avenue. Ein ziemlich beeindruckender Abend für mich. Ich weiß noch, wie der Türsteher uns vor dem Eingang entdeckte, nach vorne winkte und an der ganzen Schlange vorbei reinließ. An die Käfige hoch über der Tanzfläche kann ich mich auch noch gut erinnern. Einer der interessantesten Clubs, die ich gesehen habe. Aber die Nutzung war natürlich alles andere als pietätvoll (oder wie kann man das besser ausdrücken?) Der Originalclub wurde ca. 2003 nach mehreren Drogenrazzien geschlossen. Heute ist dort ein Einkaufscenter drin. Ziemlich krass. Und auch nicht "pietätvoll". Aber immerhin eine Nutzung.


    Hier ein paar Fotos: https://patch.com/new-york/new…0s-favorite-nyc-nightclub


    Leider war das vor dem Zeitalter des guten Digitalfilmens, weshalb ich keine guten Innen-Videos finde. Somit nur dunkle Eindrücke...


    Einst:


    External Content www.youtube.com
    Content embedded from external sources will not be displayed without your consent.
    Through the activation of external content, you agree that personal data may be transferred to third party platforms. We have provided more information on this in our privacy policy.


    External Content www.youtube.com
    Content embedded from external sources will not be displayed without your consent.
    Through the activation of external content, you agree that personal data may be transferred to third party platforms. We have provided more information on this in our privacy policy.


    Einst und heute im Vergleich:


    External Content www.youtube.com
    Content embedded from external sources will not be displayed without your consent.
    Through the activation of external content, you agree that personal data may be transferred to third party platforms. We have provided more information on this in our privacy policy.


    Heute:


    External Content www.youtube.com
    Content embedded from external sources will not be displayed without your consent.
    Through the activation of external content, you agree that personal data may be transferred to third party platforms. We have provided more information on this in our privacy policy.

  • Vielleicht könnte man mal unvoreingenommen die Voraussagen des Mühlhiasl und des Alois Irlmaier über die Zukunft lesen, ebenso den Text des Gedichtes der Linde von Staffelstein. Das sind alles keine Glaubensdogmen, aber frappierend sind diese Aussagen allemal. Jeder mag darüber denken, was er will.

    Wie im Sturm ein steuerloses Schiff,

    preisgegeben einem jeden Riff,

    schwankt herum der Eintags-Herrscherschwarm,

    macht die Bürger ärmer noch als arm.

  • In Hannover wird am 4. Dezember 2021 der Turm der Corvinuskirche gesprennt nachdem das Kirchenschiff schon vor einiger Zeit abgerissen wurde. Sogar das benachbarte Pfarrhaus wurde schon platt gemacht:


    https://www.ndr.de/nachrichten…,aktuellhannover9862.html


    https://de.wikipedia.org/wiki/Corvinuskirche_(Hannover)


    https://www.moderne-regional.de/tag/corvinuskirche/


    Allerdings ist Stöcken nun auch nicht gerade der bevorzuge Wohnort in Hannover!



    Apropos Hannover, gibt es im Forum eigentlichen niemanden, der "Live" aus Hannover berichten kann??????????

  • Wirklich eine Tragödie.

    "80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs wiederholen Politiker jedes Jahr die Worte 'Nie wieder'. Und nun sehen wir, dass diese Worte wertlos sind." (Wolodymyr Selenskyj)

  • Das einzig schöne am Pfarrhaus war der Dachreiter und die Kirche ist sowieso furchtbar gewesen. Ich freue mich immer wenn sowas fällt.

    Hat die Schönheit eine Chance-Dieter Wieland

  • Um die Kirche in Hannover-Stöcken, finde ich, ist es schon schade. Moderne Kirchen sind häufig interessant, weil sie einen Versuch darstellen, dem Glauben in unserer Zeit einen baulichen Ausdruck zu verleihen.


    Das Gemeindehaus in Stöcken war ein richtig schönes Haus. Schade, dass sie das auch abgerissen haben! Hätte da nicht irgendwer einziehen können?

  • Um die Kirche in Hannover-Stöcken, finde ich, ist es schon schade. Moderne Kirchen sind häufig interessant, weil sie einen Versuch darstellen, dem Glauben in unserer Zeit einen baulichen Ausdruck zu verleihen.

    Ich empfinde da völlig anders. Für mich sind moderne Kirchen meist lichtgeflutete, nüchterne, sterile Orte. Das Eintauchen in eine andere Welt fällt mir dort maximal schwer.

  • Wenn man sich den Entwurf des neuen Kirchenzentrums ansieht, das an die Stelle der Corvinuskirche kommen soll, ist es tatsächlich schade um sie. Es geht von der Nachkriegsmoderne in eine "zeitlose" weiße Moderne.

  • Ok im Anbetracht dessen, wäre ein Erhalt vorzuziehen gewesen.

    Hat die Schönheit eine Chance-Dieter Wieland

  • Wenn das eine Kirche andeuten soll, dann werde ich sogar als Erzkathole zum Atheisten! Was ist das eigentlich für ein angebauter Turm mit den Lamellen? Ist das die Klimaanlage, der Kühlturm oder einfach nur die Hühnerleiter zum geilen Gockel dort oben?

    „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“ (Sir William Scott)

  • Was ist das eigentlich für ein angebauter Turm mit den Lamellen? Ist das die Klimaanlage, der Kühlturm oder einfach nur die Hühnerleiter zum geilen Gockel dort oben?

    Ich kenne die Intention des Architekten nicht, könnte mir aber vorstellen, dass diese ein Zitat der Klanglamellen darstellen sollen, wie sie an vielen Kirchtürmen mit Glockenstube zu finden sind. So auch bei der alten Corvinuskirche, bei der an der Spitze des Turms auch ein Hahn angebracht war:


    https://media05.myheimat.de/20…331560_web.jpg?1286445600

    https://de.wikipedia.org/wiki/Klangarkade