Tübingen

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    • Das ist ja sehr interessant. Die Bilder vom geplanten Neubau kannte ich noch gar nicht. Unsere Lokalzeitung hat sie jedenfalls bisher nicht gezeigt. Der Neubau wirkt wie eine gute Imitation eines typischen Tübinger Altstadthauses (abgesehen von den bodentiefen Fenstern links). In der Froschgasse war ich zuletzt vor ein paar Wochen; damals war das Vorgängergebäude schon ratzekahl abgeräumt und vom Neubau noch nichts zu sehen. Ich werde demnächst dort vorbeischauen.
    • Der Neubau erinnert mich stark an einige Häuser aus den 1980er Jahren, die im Zuge der Altstadtsanierung errichtet worden sind.

      Zum Beispiel in der Ammergasse und zwar die beiden Häuser rechts neben dem hellen Haus. Sie sind so schlicht, wie es in Tübingen üblich ist.




      Oder in der Metzgergasse die drei Häuser auf der rechten Seite. Mit den Erkern und dem Zierfachwerk sind sie allerdings zu verspielt für Tübinger Häuser.

    • "...extremen Instandhaltungsrückstau, so dass sich eine Sanierung des mittelalterlichen Gebäudes nicht mehr lohnte.


      Auch wäre in dem historischen Gebäude kein zeitgemäßes Wohnen mehr möglich gewesen, da die Raumhöhe im Obergeschoß gerade mal 1,80 Meter erreicht. Deshalb wurde der Abbruchantrag gestellt."
      Wären im Osten der Bundesrepublik diese württembergischen Kriterien zugrunde gelegt worden, hätten dort ganze Straßenzüge in den Altstädten nach der Wende dem Erdboden gleichgemacht werden müssen, statt sie -wie erfolgt- zu sanieren.

      Zum Glück aber ist Württemberg fern und der Fall Froschgasse 12 für Tübingen sogar verschmerzbar. Unter dem Gesichtspunkt des Stadtbildes fügt sich der Neubau entsprechend der Visualisierung wahrscheinlich ein und wäre in einem anderen Zusammenhang geradezu vorbildlich und wünschenswert. Die Fensterversprossung ist offensichtlich noch verbesserungswürdig, sollte sie wie abgebildet geplant sein.

      Problematisch bleibt der Fall, weil hier aus fragwürdigen Gründen ein historisches Gebäude abgebrochen wurde/ wird.


      Jeder, der sich die
      Fähigkeit erhält Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.

      www.archicultura.ch

    • Wenn ein Neubau sich so stark am Vorbild orientiert und damit für den Laien kaum von historischem Bestand zu unterscheiden ist, dann gibt es für mich keinen Grund zur Klage. Auch eine Stadt wie Tübingen muss sich manchmal erneuern, und wenn das auf so einfühlsame Weise geschieht nimmt das Stadtbild keinen Schaden. Ich frage mich nur, wieso man nicht z.B. in Stuttgart im Bereich der (ehemaligen) Altstadt solche Gebäude errichten kann, dafür müsste nichtmal irgendwas Bedeutendes geopfert werden. Der Stadt scheint es da leider an Vorstellungskraft und Traditionsbewusstsein zu mangeln.
      In dubio pro reko
    • Zeno wrote:

      In diesem Fall aber orientiert sich der Neubau ja eben gerade nicht am Vorgängerbau, sondern nur an der allgemeinen Tübinger Bautradition.

      So ist es. Das Haus war eigentümlich und seine (Bau)Geschichte ist für immer verloren. So sah es aus:




      Aber selbst wenn es ein ganz durchschnittliches Altstadthaus gewesen wäre, hätte man es trotzdem erhalten sollen. Ob sich der Neubau gut einfügen wird, bleibt abzuwarten. Der Entwurf an sich ist passabel. Sehr viel hängt aber auch von der Qualität der verwendeten Baustoffe und der handwerklichen Arbeit ab. Ein lieblos erbautes Haus aus industriell erzeugten Teilen wäre ein Fremdkörper; Sprossenfenster und Satteldach würden daran nichts ändern.
    • Der Vorstellung, dass ein authentisches Altstadthaus einfach so entbehrlich ist, bloß weil hinterher ein Neubau kommt, der irgendwie in die Altstadt passt, weil er grundsätzlich der tradierten Bauweise entspricht, kann ich überhaupt nicht folgen. Dieser Sicht der Dinge liegt die Vorstellung zugrunde, in einer Altstadt käme es bloß darauf an, irgendwelche mehr oder weniger alt oder altartig ausschauenden Gebäude würden ausreichen, das Stadtbild zu bewahren. Genau das ist der Fehler. Ein authentisches Altstadthaus ist nicht einfach entbehrlich und austauschbar, sondern mit jedem solchen echten Haus geht ein Stück der Originalstadt verloren. Wenn der Verlust eines Altbaus als gegeben unterstellt wird, dann kann man einen solchen Neubau grundsätzlich zwar gutheißen, aber die Vorbildlichkeit eines solchen Neubaus kann nicht den Verzicht auf ein Orginalgebäude rechtfertigen. Ich kenne unzählige gute Neubauten, aber ein Beispiel, bei dem der Verlust des Originals einfach so verschmerzt werden kann, will mir nicht einfallen. Anders stellt es sich nur dar, wenn der Vorgängerbau kein Original war, sondern etwas Störendes. Dafür freilich kenne ich Beispiele. Da ist man froh, dass der störende Vorgängerbau endlich weg ist. Bei Froschgasse 12 in Tübingen aber ist es eindeutig so, dass ein wertvolles, charakteristisches, einmaliges, originales Altstadthaus verlorengegangen ist. Das lässt sich nicht einfach so mit einem guten Neubau rechtfertigen. Aber auch jedes andere originale, "ganz durchschnittliche Altstadthaus" ist genausosehr zu erhalten, genau, wie Tübinger schreibt.
    • Zeno, und genau das nenne ich Altersfetischismus, dem ICH wiederum überhaupt nicht folgen kann.
      Manchmal (wenn der Zustand derart ruinös ist und eine Sanierung nicht mehr vertretbar erscheint) muss eben auch historische Substanz dran glauben, und man muss lobend anerkennen dass man sich hier bemüht, etwas Ebenbürtiges an dessen Stelle zu setzen. Mir ist in BW kein anderer Fall bekannt, wo man so einfühlsam vorgegangen wäre. Was wirklich zählt ist, dass an dieser Stelle der Altstadtcharakter bewahrt bleibt und nicht durch einen provokativen Neubau beeinträchtigt wird.
      In dubio pro reko

      The post was edited 2 times, last by Königsbau ().

    • Diese Diskussion haben wir ja gerade bezüglich Baden-Württemberg regelmäßig.
      Die einen freuen sich über einen angepassten Neubau. Die anderen ärgern sich über den Abriss. Und "ursus carpaticus" wünscht sich gerade unangepasste, brutale Neubauten, damit die Abrisswunde nicht kaschiert wird und sich die Leute das nächste mal einen Abriss besser überlegen.

      Ich denke, man muss eben jeden Einzelfall genau prüfen. Ist ein Haus noch finanziell vertretbar zu sanieren? Gibt es eine Nutzungsmöglichkeit, die einen Sinn macht? In diesem Fall wird es bei einer Raumhöhe von 1,80 Meter im Obergeschoss problematisch. Ich muss allerdings zugeben, dass gerade die Baden-Württemberger teils ausgesprochen leichtfertig mit ihrem Bauerbe umgehen und auf Abriss plädieren.
    • Hm also über diesem Fall bin ich gespalten: auf der einen Seite hat Zeno schon recht indem er sagt, dass nur die Originalsubstanz authentisch und wertvoll ist, aber auf der anderen Seite sehe ich ein sehr gutes im tübingischen Stil gestaltetes Wohnhaus, dass außer den beiden bodentiefen linken Fenstern fast wie ein Altstadthaus aussieht. Zudem sah man leider vom Vorgängerbau der im Kern mittelalterlich sein soll nichts von außen dass darauf hinweist. Wenn zb gotische Maßwerkfenster im Erdgeschoss zu sehen wären, hätte ich auch gesagt: das kann man nicht abreißen ohne es als Verbrechen zu deklarieren, doch so wie es aussah war das Haus durch spätere Umbauten stark verändert worden. Als Alternative hätte man wirklich das Haus von Grund auf sanieren sollen und soweit möglich in den Originalzustand des späten Mittelalters versetzen (alemannisches Fachwerk (aber bitte freigelegt, die Masche mit dem Verputzen kam erst ab dem 18 Jh um Steinhäuser vorzutäuschen und aufgrund des Brandschutzes), Spitzbögen, oder Maßwerk im Erdgeschoss), bei genauerer Hausforschung hätte man sicherlich weitestgehend diesen Zustand ermitteln können. Natürlich wäre dies sehr kostspielig und quasi ein Neubau bzw Reko, aber dann wäre Tübingen um eine “Sehenswürdigkeit“ reicher! Trotzdem kann ich mich mit dem aktuellen Bauvorhaben anfreunden.

      The post was edited 1 time, last by Fachwerkliebhaber ().

    • Ich möchte die Gelegenheit mal nutzen und etwas zu Tübingen sagen. Mit unserem großenartigen Forumskollegen Triforium hatte ich die Chance, Tübingen zu erkunden. Auch noch mal hier ganz offiziell der Dank für deine tolle Expertise über das Wochenende. Und jetzt keine Panik, es wird von mir keine Tübingen Galerie gebe, aber zu einem anderen Ort, aber erst demnächst, wenn ich den ganzen Fotoberg zu Dresden und Leipzig abgearbeitet habe.
      Trotzdem möchte ich einige wenige Bilder zeigen, die mich an Tübingen so positiv fasziniert haben
























      Das vielleicht mal als eine kleine Zusammenstellung der Highlights der Stadt. Ich war von der Geschlossenheit und dem Gesamtensemble wirklich fasziniert, ich hatte Tübingen deutlich kleiner erwartet und ich bin sonst ja nicht der eingeschleischte Fachwerkfan, aber die Stadt hat es mir trotzdem sehr angetan, weil sie so unglaublich urban ist. Deutschland kann eben so schön sein!
      APH - am Puls der Zeit
    • Trotzdem sind mir zwei Dinge aufgefallen.

      1. Ich hatte das Gefühl, dass es ein leichtes Graffiti Problem gibt, was mich doch sehr gewundert hat, hier mal ein exemplarischer Fall.


      Das so etwas in so exponierter Lage in Tübingen geduldet wird, hätte ich nicht erwartet!

      2. Teilweise gab es doch ein Problem mit dem baulichen Zustand einiger Bauten, was mich sehr überrascht hat. Dabei stellten sich besonders die Fenster als Problem dar. Hier mal eine Auswahl:











      Gerade weil die Stadt so gut erhalten ist, fallen so Bauten dann besonders negativ auf. Mich wunderte einfach, dass der Denkmalschutz hier nicht einschreitet.
      APH - am Puls der Zeit
    • Und dann schiebe ich noch ein Baustellenupdate nach. In der Straße "Am kleinen Ämmerle" trägt sich folgendes zu


      Hier wurde offenkundig ein Fachwerkhaus abgerissen


      Ein paar Meter weiter steht diese furchtbare Entgleisung






      Der Bau scheint sehr alt zu sein



      Ich hoffe, dass ist nur eine Notmaßnahme gewesen und wird bei Zeiten ordnungs- und denkmalgerecht wiederhergestellt.
      APH - am Puls der Zeit
    • Danke, Wissen, für die lieben Worte! Es freut mich immer wieder, Anderen die Schönheit dieser Stadt zu zeigen.

      Ja, das mit den Fenstern ist typisch für württembergische Altstädte. In Tübingen geht es ja noch, da die prächtigen Fassaden oft von diesem Manko ablenken können, und hier viele Häuser auch vorbildlich hergerichtet wurden. In Städten wie Reutlingen sind es jedoch gerade solche Details, die eine prächtigere Ensemble-Wirkung verhindern.

      The post was edited 1 time, last by Suebicus ().

    • Wissen.de wrote:

      1. Ich hatte das Gefühl, dass es ein leichtes Graffiti Problem gibt, was mich doch sehr gewundert hat, hier mal ein exemplarischer Fall.




      Das so etwas in so exponierter Lage in Tübingen geduldet wird, hätte ich nicht erwartet!

      Das ist die Münzgasse 13, ehem. Stipendium Martinianum, direkt gegenüber vom Eingang der Stiftskirche gelegen. Heute ist es ein selbstverwaltetes Studentenwohnheim / alternatives Wohnprojekt, das auf eine Hausbesetzung im Jahr 1977 zurückgeht. Graffitis gehören da zur Folklore, auch im Inneren des Gebäudes. Einen Film des SWR über das Haus findet man bei Youtube. Allgemein ist es mit den Graffitis in Tübingen nicht mehr ganz so schlimm wie früher.



      Die Kellergewölbe und den Eingangsbereich sieht man auch in diesem Filmchen:





      Wissen.de wrote:

      Ein paar Meter weiter steht diese furchtbare Entgleisung




      Ich hoffe, dass ist nur eine Notmaßnahme gewesen und wird bei Zeiten ordnungs- und denkmalgerecht wiederhergestellt.
      Das Haus kenne ich nur in diesem Zustand. Seit mindestens 10 Jahren sieht es so aus.
    • Wissen.de wrote:



      In Baden-Württemberg besteht das Risiko, dass das Gebäude nicht denkmalgerecht saniert und ein Schmuckstück wird, sondern als "Schandfleck" weggerissen wird und einem effizienteren Neubau weicht.

      Tübinger wrote:

      Das ist die Münzgasse 13, ehem. Stipendium Martinianum, direkt gegenüber vom Eingang der Stiftskirche. Heute ist es ein selbstverwaltetes Studentenwohnheim / alternatives Wohnprojekt, das auf eine Hausbesetzung im Jahr 1977 zurückgeht. Graffitis gehören da zur Folklore, auch im Inneren des Gebäudes. Einen Film des SWR über das Haus findet man bei Youtube. Allgemein ist es mit den Graffitis in Tübingen nicht mehr ganz so schlimm wie früher.



      Die Kellergewölbe und den Eingangsbereich sieht man auch in diesem Filmchen:



      Ich hatte schon in meiner Schulzeit als 16-Jähriger intensiver mit Leuten dieses Schlages zu tun, habe da auch in zugemüllten hässlichen WGs mit Leuten auf Matratzenlagern herumgehockt, die weitgehend Schwachsinn vor sich hergeredet haben. Schon damals und heute erst recht, waren mir Menschen, die in diesem Siff gerne und freiwillig leben, völlig fremd. Es muss irgendetwas archaisches sein, ähnlich wie diejenigen, die nur im Bauwagen leben, am besten sogar immer mobil. Für mich wäre es der Alptraum.
    • Heimdall wrote:

      Es muss irgendetwas archaisches sein, ähnlich wie diejenigen, die nur im Bauwagen leben, am besten sogar immer mobil.
      Nur ganz kurz, weil es ja nicht in diesen Strang paßt - aber ich finde modulares und mobiles Wohnen einfach faszinierend, und es gibt ja inzwischen auch eine gewisse Szene mit eine Reihe von Anbietern.

      Bei Bedarf einfach das Haus mit einem weiteren Modul erweitern oder einfach mit dem kompletten Haus in eine andere Stadt umziehen, wäre die Lösung vieler Probleme (aber ich fürchte, eine entsprechende Infrastruktur wird es in Deutschland schon allein aufgrund der trägen Behörden und Gesetzgeber in absehbarer Zeit nicht geben).