Istanbul (TR) - Konstantinopel

  • leider ist es aber so, daß sehr viele unserer Zeitgenossen ihr Geschichtsbild aus solchen 'Schinken' beziehen (ob daneben das, was an allgemeinbildenden Schulen und in den Medien vermittelt wird unbedingt dem jeweils aktuellen Stand der Forschung entspricht , ist nochmal eine ganz anderer Frage) . Dieses Faktum müßte den Filmemachern eigentlich eine besonders sorgsame Vorgehensweise hinsichtlich der Fakten auferlegen. Daß Faruk Aksoy sich derer offensichtlich nicht befleißigte, läßt darauf schließen daß er weniger Fakten, als eine Botschaft (in wessen Auftrag auch immer...) transportieren wollte.

    Das ist Kino! Geradezu allen Historienfilme bedienen sich dieses "Stilmittels". Ist das denn so schwer zu verstehen? Als Gegenstück könnte man hier wunderbar Ridley Scotts "Königreich der Himmel" stellen, das es natürlich ebenfalls mit den historischen Gegebenheiten während der Kreuzzüge nicht so eng sieht: https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6nigreich_der_Himmel

    Kunsthistoriker, Webdesigner und Blogger

    Hat die Website für Stadtbild Deutschland erstellt und war eine Zeit lang als Webmaster für Forum und Website verantwortlich.

  • Lieber Tegula,


    vielleicht können wir und darauf einigen, daß Farku Aksoys Werk nicht unter die Gattung der Historien-, sondern die der Fantasy-Filme zu subsumieren ist... :wink:


    Im Übrigen wünsche ich Ihnen einen angenehmen Tag, muß nun zur Arbeit...

  • So soll es meinetwegen sein. Historienfilme können zuweilen in Fantasy abgleiten.


    Tiefer mit dem Phänomen Medien in der Türkei beschäftigt sich folgender Artikel von Berna Pekesen, Vergangenheit als Populärkultur. Das Osmanenreich im türkischen Fernsehen der Gegenwart, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 12 (2015), H. 1


    Er ist auch online abrufbar: https://zeithistorische-forschungen.de/1-2015/id=5186


    Quote

    Der Film »Fetih 1453« wurde zunächst im Kino gezeigt, dann kam er als Serie ins Fernsehen. Das »mit Märtyrerblut durchtränkte Heldenepos« beginnt mit der angeblichen prophetischen Ankündigung von der Einnahme der Stadt und endet mit ihrer Eroberung. Kritische Historiker monierten, der Film halte sich nicht an die tatsächliche Chronologie der Ereignisse, aber derlei pedantische Einwände treffen das Genre nicht. Der Film konzentriert sich auf den Helden- und Edelmut des osmanischen Herrschers. Zum Beispiel ordnet Sultan Mehmed II. großmütig an, den Leichnam des byzantinischen Kaisers Konstantin XI. nach den Regeln der christlichen Religion beizusetzen. Ungeachtet dessen finden sich zahlreiche Feind-Klischees wie die »Schlampe Byzanz« (kahpe Bizans) oder das »verruchte Byzanz«. Damit entsteht aus dem religiösen Zusammenprall das Bild einer moralischen Höherwertigkeit, die gleichzeitig als Legitimation für die Eroberung gelten darf. Doch scheint sich an dieser Stelle ein Widerspruch einzustellen, denn der hohe Anspruch der islamischen Eroberer wird im Film bildlich zurückgenommen. Die Handlung kommt nicht ohne sittlich zweifelhafte Bikini-Schönheiten aus, die sich lasziv in der Therme räkeln, wo auch die politischen Beratungen stattfinden.


    Wie fügt sich dieser Film in das politisch-ideologische Umfeld der gegenwärtigen Türkei ein? Im Sinne einer ideologisch funktionalisierten Unterhaltung entsprechen der fast drei Stunden dauernde Blockbuster und die Fernsehserie auf den ersten Blick dem konservativ-islamischen Programm der seit 2002 regierenden Partei für Gerechtigkeit und Aufbau, der AKP, bzw. der von ihr betriebenen glorifizierenden Rückschau auf die erfolgreichen Vorväter. In der Tat kann von einem neuen Phänomen der Aneignung des Mediums Fernsehen unter islamischen Vorzeichen die Rede sein. Doch wie eben angedeutet, kann diese Aneignung des Mediums auch zu Konflikten mit islamischen Vorstellungen von Anstand und Moral führen. Die AKP mag das Medium Fernsehen ideologisch instrumentalisieren, aber zugleich unterwirft sie sich unausweichlich der Welt des Kommerzes und der Logik der Unterhaltung.

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  • Nun war die Hagia Sophia von 1453 bis 1934 Moschee.

    Sie war seit 1935 Museum.

    Auf mich hat Sie beim Besuch vor 10 Jahren im Inneren den Eindruck einer Moschee hinterlassen. Riesige islamische Schrift-Kartuschen an den Haupt-Pfeilern des Sakralraums dominierten schon damals; die christlichen Mosaike traten in ihrer raumprägenden Wirkung zurück.


    Nun will man den Bau wieder so nutzen, wie er 500 Jahre genutzt war, v.a. weil sich konservative Kreise in der Türkei eine wieder tiefere Verankerung von Religion in der Gesellschaft wünschen und dafür Symbolpolitik betreiben.

    Ich persönlich finde die tiefere Hinwendung zur Islamischen Religion nicht wünschenswert, weil mir selbst so ziemlich alle Religionen (mit ihren dogmatischen Ansätzen) missfallen. Allerdings hätte ich auch nichts gegen eine erneute Nutzung jeglichen religiösen Sakralbaus, so lange dadurch keine Geschichtsglitterung betrieben wird und historische denkmalwürdige Strukturen dadurch zerstört werden.


    Für mich stellt sich somit in der Sache eigentlich NUR die (wichtige) Frage, wie mit den christlichen Mosaiken umgegangen wird.

    Alle anderen Aspekte der Diskussion scheinen mir ein wenig in Richtung Geschichts-Revanchismus zu tendieren und ich finde sie nicht hilfreich.

    Konkrete Frage, die mich umtreibt: Was ändert sich für die orthodoxe Kirche durch die Wieder-Nutzung als Moschee?

  • Also wenn wir hier schon anfangen die Nutzung der Kirche in Jahren hochzurechnen um die Umwidmung zu relativieren, kann ich Ihnen auch sagen, dass die Hagia Sophia ~920 Jahre eine christliche Kirche war. Dieser Aspekt fehlt in Ihrer Ausführung, was ich ebenso als Geschichts-Revanchismus verbuchen könnte. Nichts desto trotz wird sie für immer eine Kirche bleiben. Für gläubige Christen, vor allem griechisch orthodoxe Christen (in dieser Epoche ging sie verloren), ist diese Kirche heilig. Manchmal zählt eben nicht nur das Material, sondern es gibt auch einen ideellen Wert, eine Wertschätzung auf einer anderen, nicht sichtbaren, spirituellen Ebene.
    Wenn für Sie NUR der kommende Umgang mit den christlichen Mosaiken von Belang ist, weshalb sind Ihnen die Mosaike überhaupt noch etwas Wert? Aus künstlerischen Aspekten? Weil sie halt historische denkmalwürdige Strukturen sind? Für gläubige Christen sind dort heilige abgebildet, eine Entfernung oder Schändung wäre für die Orthodoxe Kirche ein Schlag ins Gesicht und eine Demütigung gegenüber der gesamten Christenheit.
    Was sich für die orthodoxe Kirche nun ändert? Die Sehnsucht, dass diese Kirche einmal wieder als Kirche genutzt werden kann, schwindet.
    Der Drops ist fürs Erste gelutscht, ich finde, die Hagia Sophia sollte für alle Christen eine Mahnung sein.

  • Komisch, dass Sie glauben, dass es sich bei dem Bauwerk um eine Kirche handeln würde.
    In meiner Welt kann ich mir gar nicht vorstellen, dass irgendjemand ernsthaft glaubte, dass dieses Bauwerk irgendwann wieder eine Kirche werden würde. Aus welchem Grund?
    Oder würden Christen in Cordoba wieder ne Moschee einrichten lassen?

    Das ist doch komplett an der Geschichte vorbei...


    Ich möchte sonst Südbrandenburg und Sachsen-Anhalt wieder in den Freistaat Sachsen integrieren. Diese Gebiete mussten wir nach der Völkerschlacht abgeben. :-)


    Übrigens:

    Alle Ihre Ausführungen zu den Mosaiken kann ich teilen.

    Nur das Ergebnis meiner Überlegungen ist eben weniger "fundamentalistisch".

  • Komisch, dass Sie glauben, dass es sich bei dem Bauwerk um eine Kirche handeln würde.
    In meiner welt kann ich mir gar nicht vorstellen, dass irgendjemand ernsthaft glaubte, dass dieses Bauwerk irgendwann wieder eine Kirche werden würde. Aus welchem Grund?
    Oder würden Christen in Cordoba wieder ne Moschee einrichten lassen?

    Das ist doch komplett an der Geschichte vorbei...


    Ich möchte sonst Südbrandenburg und Sachsen-Anhalt wieder in den Freistaat Sachsen integrieren. Diese Gebiete mussten wir nach der Völkerschlacht abgeben. :-)

    Da es sich bei der Hagia Sophia um ein Bauwerk handelt und um kein Gebiet, gäbe es und gab es theoretisch immer die Möglichkeit die tatsächliche Ursprungsfunktion bspw. aus Loyalität oder als Zeichen des interreligiösen Entgegenkommens wiederherzustellen. Wenn eine Umwidmung von Museum zur Moschee möglich ist, dann auch von Museum/Moschee zur Kirche. Wir bspw., also überwiegend (christliche) Europäer kommen dem Islam aus interreligiösen Gründen sehr stark entgegen und lassen unter anderem den Bau von unzähligen Moscheen zu. Nach einer kurzen Recherche wurde 2019 anscheinend in der Türkei, die erste "neue" Kirche in 100 Jahren gebaut. Diesbezüglich ist hier ein massives Ungleichgewicht. In Instanbul gibt es immer noch das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel, deren Hauptsitz bis zur Eroberung 1453 die Hagia Sophia war, hier hätte man ansetzen können, wenn man nur wollte. Circa 350 millionen orthodoxe Christen haben bestimmt geglaubt, und glauben auch noch heute, dass dieser Tag irgendwann kommen wird, an dem die Hagia Sophia wieder zur Kirche wird.
    Das man aus Instanbul wieder Konstantinopel macht, ist allein schon aus demografischen Gründen unrealistisch, war auch nicht beabsichtigt. ;)


    Oder würden Christen in Cordoba wieder ne Moschee einrichten lassen?

    Was mir diesbezüglich gerade noch in den Sinn kam:
    Liegt zwar in Barcelona und nicht in Cordoba, aber solche Gedanken sind gar nicht so weit hergeholt ...
    La Monumental

  • Vielleicht darf ich hier auch mal etwas religiöses anmerken: Der Islam und die Römisch Katholische Kirche haben eine Gemeinsamkeit - das Alte Testament. Die Auslegung dessen , sieht allerdings völlig unterschiedlich. Während im katholischen Glauben Jesus Christus der Sohn Gottes ist und das kathohlische Christentum die Allumfassenheit des Universums beschreibt - womit Jesus Christus, der heilige Geist und der Herrgott nicht von einander zu trennen sind, sondern die Dreifaltigkeit in einer Einheit bilden, ist für die Mohamedaner Jesus Christus nur einer der Propheten. Sie stützen sich allerdings auf ihren Propheten Mohamett, welcher ihrer Meinung nach die Verkündung Gottes zu ihnen brachte.


    Das hängt auch ein wenig mit der Mentalität der Völker zusammen, die Osmanen sind Glaubensmäßig völlig anders geartet als die Mittel und Westeuropäer - von daher sind sogenannte Glaubenskonflikte eher Mentalitäzskonflikte. Letzteres macht es schwer, einen gemeinsamen Nenner zu finden - Europa will nicht wirklich islamisiert werden, Islamisten hingegen wollen Europa mit aller Gewalt islamisieren. Hat doch mit Byzanz auch geklappt.


    Mit tuen die aufrechten ehrlichen gläubigen Moslems leid, daß sie nun in Europa - auch dank Erdowahn- sehr sehr arg beäugt werden.

  • Sehr geehrter Heinrich der Böse,


    was die von Ihnen angesprochenen Differenzen in der Mentalität angeht, so ist es in der Tat so, daß die Griechen - anders als wir deutschsprachigen Mitteleuropäer - in der Regel den gesamten Verlauf ihrer Geschichte als lebendigen Bezugspunkt vor Augen haben. Für sie ist daher nicht bloß die klassische Zeit Athens und Spartas , sondern eben - und ganz besonders - auch die Epoche von Byzanz für ihr Selbstbild prägend . Für viele Hellenen sind nach wie vor der Athos das Herz und Konstantinopel das Haupt ihrer Welt. Diese Haltung äußert sich im Übrigen auch in bemerkenswerten Details: So kann man von griechischen Flughäfen nicht nach 'Istanbul' fliegen. Als Destination wird statt dessen 'Constinopoli' angegeben.


    Als Beleg dafür, wie sehr die Halosis selbst in der heutigen griechischen Populärkultur noch präsent ist, anbei eine Interpretation des klassischen Lamentos über den Verlust der Hauptstadt von einer zeitgenössischen Sängerin. Bei der Auswahl des Bildmaterials für das Video kamen im großen Umfang auch die Mosaiken der Sophienkirche zum Zuge, deren permanente Sichtbarkeit ja nun leider einer ungewissen Zukunft entgegen sieht.


    [Kurze Anmerkung in eigener Sache, bevor hier ein falscher Eindruck ensteht:

    Mein Engagement für diese Thematik entspringt nicht etwa einer Mitgliedschaft in der griechisch orthodoxen Kirche (ich bin vielmehr tief und überzeigt in der calvinistisch-reformierten Tradition Bremens verwurzelt), sondern der stark empfundenen Solidarität mit unseren Christlichen Glaubensgeschwistern aus den altorientalischen und orthodoxen Konfessionen. Sie stellen wertvolle und unverzichtbare Facetten innerhalb unserer so vielfältigen christlichen Ökumene dar. Wenn daher eine der vier, die Ökumene tragenden Säulen (Altorientalen{Nestorianer, Kopten, Äthiopier, Syrer, Armenier} , Orthodoxe, Katholiken und Protestanten {inkl. aller Freikrichen}) in Mitleidenschaft gezogen wird, dann ist es - meiner Meinung nach - die Pflicht der anderen drei, sich schützend vor die Bedrohte zu stellen !]


    Und hier nun das oben angekündigte 'Lamento':


  • Weitere Nahansichten und Stadtveduten

    (Eigene Fotos)


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    Blick in die andere Richtung zur Blauen Moschee. Im Prinzip die gleiche Architektur nach dem Prinzip der Kreuzkuppelkirchen. Also soweit entfernt sind da byzantinische und islamische Architektur nicht. Das Vorbild war stark genug und wirkte nach!


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  • Bevor die Übertüncher zum ersten Mal kamen


    Übertünchung des Deesis Mosaiks (Bildquelle: https://www.pemptousia.gr/2020/05/istoriko-tis-agia-sofias/)


    Anbei ein Link, der zu einer griechischen Internetseite führt, welche eindrucksvolle Rekonstruktionen (und Rekonstruktionsversuche) hinsichtlich des Erscheinungsbildes der Mosaiken mit Stand vom 28. Mai 1453 enthält:


    http://www.fhw.gr/projects/agi…sifidotes-parastaseis.php

  • Noch einige touristische Impressionen aus der Hagia Sophia, Oktober 2014:


    Schöne Marmorwände im Eingangsbereich:


    Hagia Sophia Istanbul 2014


    Mosaik des 10. Jhd. im südlichen Vorraum: rechts Kaiser Konstantin, Gründer von Konstantinopel, mit einem Stadtmodell, links Kaiser Justinian mit einem Modell der Hagia Sophia:


    Hagia Sophia Istanbul 2014


    In einer Apsis im Hauptraum: Maria mit dem Kind, datiert laut Baedeker 867:


    Hagia Sophia Istanbul 2014


    Kuppel:


    Hagia Sophia Istanbul 2014


    Schön gerahmtes Portal:


    Hagia Sophia Istanbul 2014


    Als Wandverkleidung wurde vielerorts ein Brekzienstein gewählt:


    Hagia Sophia Istanbul 2014


    Hagia Sophia Istanbul 2014


    Auch für die Säulen:


    Hagia Sophia Istanbul 2014


    Rohbau eines Gewölbes:


    Hagia Sophia Istanbul 2014

    Eingestellte Bilder sind, falls nicht anders angegeben, von mir

  • Animation der Kaiserkrönung vom 15. September 1261


    Nach der Rückgewinnung Konstantinopels von den Lateinern wurde am oben genannten Tage Kaiser Michael VIII. in der Hagia Sophia zum Basileus der Rhomäer gekrönt. Er war der Begründer der Palailogen-Dynastie, deren letzer regierender Repräsentant Konstantin XI. sein sollte.


    (Bildquelle: http://www.fhw.gr/projects/agiasofia/)