Verfall und Vernachlässigung im Osten Deutschlands

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    • Naja, die Tatsache dass so Perlen wie Osterwieck verkommen hat meines Erachtens eher etwas mit der Urbanisierung und Stadtflucht zu tun. Die Wohnraumprobleme in praktisch allen deutschen Großstädten, während sich Mittel- und Kleinstädte selbst in besseren Lagen bestenfalls in Schlaf-, häufig aber in Geisterstädte verwandeln (das kann man mittlerweile schon 30 km von Frankfurt am Main beobachten) legen Zeugnis davon ab. Natürlich gibt es auch Nebeneffekte eines halben Jahrhunderts Eiserner Vorhang, Stichwort Zonenrand, Stichwort Städte mit US-Militärpräsenz, wo immer gewisse Viertel von, sagen wir mal vorsichtig, geprägt worden sind (hier in der Region z. B. das Frankfurter Bahnhofsviertel oder die Friedberger Kaiserstraße).

      Wobei man es ja schon als positiv bezeichnen kann, dass Städte wie Dresden oder Leipzig wieder wachsen oder die Abwanderung anderswo zumindest mittelfristig gestoppt ist, so dass die neuen Bundesländer nicht mehr so krass ausbluten wie in den 1990er Jahren. Aber wie gesagt, das ist lange schon ein gesamtdeutsches Problem geworden. Wenn man durch Mittel- und Nordhessen mit seinen zahllosen trotz Jahrzehnten BRD gut erhaltenen Fachwerkstädten fährt, wird einem anbetrachts des Altersdurchschnitts auf den Straßen wirklich Angst und Bange, was da noch auf uns zukommt. Wenn man einen solchen Blick in die Zukunft schon heute mal voll auf die Fresse haben will, muss man bloß angucken, was in Altenburg in Thüringen, einer im Krieg völlig unbeschädigten Stadt seit der Wende (nicht davor!) alles weggerissen worden ist – Zittau ist ein Witz dagegen.
    • Der Fall Altenburg stimmt einen tatsächlich immer wieder traurig und vor allem auch wütend. Allerdings kann man die Abrissorgien dort meiner Ansicht nach nicht nur auf die Demographie schieben. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Stadt die Abrisse wirklich bedauert. Im Gegenteil kann man bisweilen richtige Freudenstimmung vernehmen wenn wieder mal ein ruinöses Haus abgerissen wird. Beseitigung von Schandflecken und so. In den günstigsten Fällen entstehen anspruchslose Neubauten aber das ist eher die Ausnahme und passiert eigentlich auch nur in der Altstadt bzw in den historischen Vorstädten.
    • Die Vernachlässigung während der DDR-Zeit ist sicher ein gewisser Faktor. Wäre die Substanz besser gepflegt worden, würden die Gebäude nicht ganz so schnell zum "Schandfleck" mutieren, der dann wiederum abgerissen werden "muss". Man hätte bei besserer Pflege schlicht Zeit gewonnen, da die Hemmschwelle zum Abriss etwas höher wäre.

      Gleichwohl handelt es sich, wie "RMA" anmerkt, um ein strukturelles Problem. Dass dieses entstanden ist bzw. sich vielleicht noch verschärfen wird, hat wiederum auch mit politischen (Fehl-)Entscheidungen zu tun. Würde man weit stärker eine Politik zur Förderung des ländlichen und kleinstädtischen Raums betreiben, könnte man diesen Tendenzen entgegenwirken. Jedoch, es ist offenbar gar nicht gewünscht.
    • Heimdall schrieb:

      Würde man weit stärker eine Politik zur Förderung des ländlichen und kleinstädtischen Raums betreiben, könnte man diesen Tendenzen entgegenwirken. Jedoch, es ist offenbar gar nicht gewünscht.

      Diese "Politik der Gießkanne" gab es doch v.a. in den 90ern im Osten. Völlig ohne Ergebnis. Statt sich auf Kraftzentren zu konzentrieren, die Leute halten und sogar anziehen, hat man in der gesamten Fläche Geld verbrannt. Völlig hirnrissig. Das hat dann gleichzeitig den größeren Städten wie auch den kleinen Gemeinden geschadet.

      Erst in den 2000ern hat man sich vermehrt auf urbane Zentren wie Jena, Dresden, Leipzig, Erfurt, Potsdam, Magdeburg, Greifswald-Stralsund und Rostock besinnt. Und das mit Erfolg.

      Der weltweite Urbanisierungstrend ist nun einmal nicht aufzuhalten. Wodurch auch? Das Leben in der Stadt ist einfach in fast allen Belangen attraktiver als auf dem Lande/im Dorf.
      Diesen "Trend" gibt es im Übrigen aber auch schon seit Anbeginn der Zivilisationsgeschichte. Und man tut immer noch so, als sei Landflucht bzw. Urbanisierung etwas Neues und Überraschendes. Wahrscheinlich, weil es für einen Wimpernschlag der Geschichte im 20. Jahrhundert eine Weile den Gegentrend zur Suburbanisierung/Stadtflucht gab. Aber das ja auch nur rund um bereits entwickelte Städte und Metropolregionen. Wirds auch weiterhin geben.

      Was allerdings passieren muss: Eigeninitiative der Dörfler und Kleinstädter. Warum nur rumjammern und zusehen, wie alles verfällt und dahin vegetiert? Anpacken!
      Unternehmen und Familien gründen, gegenseitig bei Reparaturen helfen, ein Gemeindezentrum etablieren, die Abgeschiedenheit genießen... Die Deutschen sind doch ein Volk voller Ideen und Visionen - davon sollte man auch im 21. Jahrhundert endlich mal wieder etwas merken. Gründergeist!
    • erbse schrieb:

      Der weltweite Urbanisierungstrend ist nun einmal nicht aufzuhalten. Wodurch auch? Das Leben in der Stadt ist einfach in fast allen Belangen attraktiver als auf dem Lande/im Dorf.


      Ich bin selbst Städter, aber hinsichtlich der Attraktivität muss man sich doch stets die konkreten Umstände und Bedürfnisse anschauen. Ob ein in der Favela Hausender wirklich attraktiver lebt, als ein im Dorf gebliebener Kleinlandwirt, ist zumindest hinterfragbar. Als deutscher Großstädter mit Single-Wohnung, Warmwasser, WC, Heizung und ausreichendem Einkommen zum steten Einkauf im Supermarkt und zur Teilhabe am kulturellen Leben mag das natürlich anders aussehen, als in weiten anderen Teilen der Welt.

      Zugleich hinterfragbar sind diese Reden von der "Alternativlosigkeit", nach dem Motto "Das ist so", das ist "nicht aufzuhalten". Da werde ich immer hellhörig, weil die dahinter stehenden wirtschaftlichen Interessen verschwiegen bleiben, die solche Prozesse erst leiten und begünstigen.

      Es gab zudem stets in der Geschichte auch Gegenbewegungen, z.B. die zwischen Stadt und Land vermittelnde Gartenstadtbewegung vor 100 Jahren. Zugleich gab es stets auch Zeiten, in denen das Leben auf dem Land attraktiver war, als in der Stadt, vor allem bei Krisen, Kriegen, Systemzusammenbrüchen. Rom z.B. hat nach dem Verfall des römischen Reiches bis zum Ende des Mittelalters einen atemberaubenden Schrumpfungsprozess erlebt. In Detroit sieht es derzeit nicht anders aus.

      Folglich: Nur mit dem Appell, dass sich die Land- und Kleinstadtbewohner mal ein bisschen zusammenreißen sollen, ist es nicht getan. Hier bedarf es konkreter Strukturmaßnahmen von seiten der Politik, statt in den Großstädten immer weiter zu verdichten und dort riesige Gewerbekomplexe aufzutürmen.
    • Einen konkreten Ansatz bleibst du nun aber schuldig.

      Sollen wir die Pendlerpauschale erhöhen und mit der Eigenheimzulage die Suburbanisierung und Flächenverschwendung wieder begünstigen? Das ist ökonomisch wie ökologisch dumm. Zudem ist Deutschland ohnehin bereits viel zu zersiedelt.

      Wenn überhaupt, sollte die denkmalgerechte Sanierung von erhaltungswürdigen Altbauten in peripheren Lagen noch stärker begünstigt werden. Es muss qualitätvolle Bildungsangebote auf dem Land geben. Zudem sollte der Gründungszuschuss wieder eingeführt werden. Und der Breitbandausbau muss vorankommen. Denn ein steigender Anteil an Arbeiten kann mittlerweile von nahezu überall erledigt werden, wenn es denn wenigstens eine anständige Internetverbindung gibt.

      Ich habe selbst Immobilien in absoluten Schmerzzonen zu vermieten (u.a. Demmin und Anklam). Die erwähnte Gießkannenpolitik der Nachwendezeit hat höchstens einiges verzögert, strukturell aber kaum etwas begünstigt. Stärkere Urbanisierung ist vielleicht in einem alternden Land wie Deutschland nicht alternativlos - aber dennoch kaum aufzuhalten. Da bleibe ich bei meiner absoluten Aussage.
    • Der Trend, dass die (Groß-)Stadt wieder als „Lebensraum“ und nicht als ein Sammelsurium von Funktionsbauten begriffen wird, ist eigentlich relativ neu. Als die Städte im Mittelalter entstanden, war es für den Großteil der Bevölkerung ja nicht so, dass er einfach in die Stadt ziehen konnte, dafür brauchte man das Bürgerrecht. Das konnte man überwiegend entweder kaufen oder durch Einheirat erwerben, Stadtmenschen waren also Privilegierte. Das wurde ja erst im 19. Jahrhundert nach dem Zusammenbruch des Alten Reiches aufgeweicht, aber meines Wissens wohnte noch im dritten Viertel des 19. Jahrhunderts, als die erste große Stadtfluchtwelle der jüngeren Zeit einsetzte, immer noch ein Großteil der Bevölkerung auf dem Land. Die Geburtenraten waren gerade nach 1870/71 zudem derart astronomisch, dass man davon heute nur träumen kann, und dies die Bevölkerungsbewegungen wohl weitgehend kompensieren konnte.

      Der Bruch und die Suburbanisierung konzentrierte sich – interessanterweise in den USA ebenfalls – auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und das anschließende dritte Viertel des 20. Jahrhunderts. Eine Ursachensuche fällt mir recht schwer, in den USA waren es angeblich vor allem die Rasseunruhen der 1960er Jahre, die die weiße Oberschicht wie einen Schock trafen und aus den Großstädten trieben. In Deutschland sind die Großstädte mit ihren Altstädten und über Jahrhunderte gewachsenen, fein in Funktionalität und Nutzung austarierten Strukturen oftmals völlig zerstört worden, der Wiederaufbau erfolgte ausnahmslos nach funktionalen Maßstäben und in ebensolcher Architektur. Der damalige Städtebau erhob die Stadt zu einem durch das Auto zu erschließenden Gebilde aus Funktionsbauten, die man für die Arbeit oder zum Einkaufen besuchte, aber dann abends ebenso wieder verließ, um im Reihenhäuschen bestenfalls am Stadtrand, häufig aber auch auf dem Land unterzukommen. Eventuell spielte auch die bleierne Schwere des Kalten Krieges eine Rolle, in der die allgegenwärtige Angst vor einem Atomkrieg mit den Großstädten als Primärzielen diese zumindest psychologisch abwertete.

      Paradoxerweise war in dieser Zeit, als die ländlichen Regionen in Folge der Suburbansierung nicht die Probleme von heute hatten, die Bausubstanz kaum besser dran als heute. Den Denkmalschutz gab es vor 1975 de facto nicht, in den alten Bundesländern wurde im Zuge des Wirtschaftswunders möglichst viel abgerissen und neu gebaut (welches Dorf hat keine abartige Sparkasse aus der Zeit 1950–1975?) oder zumindest kaputtsaniert, in der DDR fehlt noch mehr als in den Großstädten das Geld, um irgendetwas zu erhalten.

      Was den nun vielleicht bestenfalls 20 Jahre jungen Trend zurück in die Stadt ausgelöst hat, ich weiß es nicht so Recht. Uneingeschränkt würde ich erbse nicht Recht geben, dass das Leben in der Stadt in fast allen Belangen attraktiver sei als auf dem Land respektive Dorf. Hier in Frankfurt am Main macht ein Club nach dem anderen zu, es gibt bald nur noch Großraumdiscos mit entsprechendem Publikum. Passt irgendwie nicht dazu, dass die Stadt selbst in den gerade mal knapp 10 Jahren, die ich jetzt hier wohne, jedes Jahr mehr zunehmend von Zuzüglern geradezu überrannt worden ist und momentan aus allen Nähten platzt. Und wir sind noch nichtmal Berlin. Leerstand gibt's hier keinen, stattdessen statt alter Traditionsgeschäfte und -restaurants immer mehr Schickeria-Läden aller couleur und Restaurant-Ketten.

      Ich sehe rein objektiv bis auf die massive Zusammenballung von verschiedensten Menschen, die freilich für viele die wahre Attraktivität der Großstadt ausmacht, wenig strukturelles, was man nicht auch auf dem Land haben könnte. Vermutlich dreht sich der Spieß in einer Generation wieder um, wenn ein Großteil der jungen Leute, die jetzt in der Großstadt geboren werden und aufwachsen, davon die Schnauze voll hat und aufs Land zieht.
    • Heimdall schrieb:

      Die Vernachlässigung während der DDR-Zeit ist sicher ein gewisser Faktor. Wäre die Substanz besser gepflegt worden, würden die Gebäude nicht ganz so schnell zum "Schandfleck" mutieren, der dann wiederum abgerissen werden "muss". Man hätte bei besserer Pflege schlicht Zeit gewonnen, da die Hemmschwelle zum Abriss etwas höher wäre.



      Aus meiner Sicht ist das komplizierter. Die Gebäude haben zwei Diktaturen und einen Weltkrieg überstanden. Viele waren 1990 in ihrer Substanz noch in Ordnung und hätten saniert und einer angepassten Nutzung zugeführt werden können. Zu oft waren aber die Eigentumsverhältnisse unklar. Ehe diese geklärt waren, hat man auf der grünen Wiese gebaut. Moderner war es eh. Für mich sind Erbengemeinschaften für Gebäude schlimmer als es die Kommunisten waren.

      Dies ist aber auch schon Vergangenheit. Wenn man heute durch die Zonenrandgebiete fährt, kann einem das kalte Grauen kommen.
    • Im nächste Jahr jährt sich das Wendedatum zum 25en male. Die heutigen Probleme haben ihre Ursachen zwar in der Vergangenheit, müssen aber jetzt und in der Zukunft gelöst werden. Weder das aktuelle Gejammere noch blinde Zukunftsgläubigkeit werden die Probleme lösen. Selbstbeweihräucherung löst auch keine Probleme. Wenn man in Landeshauptstädten wie München oder Dresden ob tatsächlicher oder gepumpter Erfolge meint, die Problemregionen oder erforderlichen Zukunftsaufgaben ignorieren zu können, ist dies aus meiner Sicht problematisch. Auch wenn ich mir mit dieser Meinung keine Freunde mache. Bayern ist eben auch das Fichtelgebirge und die Oberpfalz. Und der Pott ist sowieso etwas eigenes. Manche Versuche die jeweilige Stadt zu retten, wirken hilflos und machen traurig.

      Aktuelle Diskussionen dazu z.B: HIER oder HIER .
    • Stahlbauer schrieb:

      Bayern ist eben auch das Fichtelgebirge und die Oberpfalz.

      Als Oberpfälzer, der ich bin, muss ich hier schlichtweg einhaken. Nicht, dass ich über die wirtschaftliche Entwicklung insbesondere meiner Heimatstadt sonderlich begeistert wäre, noch weniger mit der Oberbayern zentrierten Wirtschaftspolitik der hiesigen Staatspartei. Aber ein paar Anmerkungen seien mir erlaubt.

      Offensichtlich gilt die Oberpfalz, so man überhaupt über deren blosse Existenz in Kenntnis ist, als der Inbegriff eines bayerischen Armenhauses. Man übersieht die deutlichen Unterschiede, insbesondere wirtschaftlicher Natur. Stadt und Landkreis Regensburg zählen nun schon seit gut über einer Dekade als Wachstumsregionen innerhalb Bayerns. Die grosse Kreisstadt Neumarkt, mit ihrem angeschlossenem Landkreis weist seit Jahren eine, selbst für Bayern, überdurchschnittlich gute wirtschaftliche Entwicklung auf.

      Hinter Niederbayern hat die Oberpfalz die zweitbesten Arbeitsmarktzahlen im Freistaat... Spitzenreiter ist der Landkreis Neumarkt mit 2,0 Prozent, Schlusslicht ist die Stadt Weiden mit 6,0 Prozent.
      br.de/nachrichten/oberpfalz/ar…alz-2013-oktober-100.html

      Insofern ist es auch nicht passend einen gesamten bayerischen Regierungsbezirk wie die Oberpfalz mit lediglich einer Teilregion eines anderen Bezirkes gleichzustellen, wie hier mit dem Fichtelgebirge ( Oberfranken) geschehen. Schattenseiten der glorreichen weissblauen Wirtschaftspolitik gibt es in sämtlichen Regionen, in welchen althergebrachte Industriezweige vorherrschten, bzw. Regionen, welche an Tschechien, Sachsen oder Thüringen grenzen. Sprich von Neustadt/Saale über Schweinfurt bis hinüber nach Hof und Selb und von dort hinunter nach Zwiesel.
      "Wenn wir die ehemalige Schönheit der Stadt mit der heutigen Gemeinheit verrechnen, kommen wir, so die Bilanz, aufs direkteste in den Schwachsinn." (E.H.)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Valjean ()

    • Sehr richtig, Valjean!

      Manche verwechseln die Oberpfalz vermutlich mit einigen Teilen im Norden und Osten derselben. Regensburg dagegen ist zur Boomtown geworden, verliert damit aber seinen ganzen Reiz. Die Entwicklung dort ist sehr besorgniserregend. Wie dort alles zugebaut wird, ist unerträglich. Es passiert genau das Gegenteil von dem, was die Landesentwicklung seit Jahrzehnten erreichen sollte, die (möglichst) geichwertigen Lebensverhältnisse im ganzen Staatsgebiet. In Schwandorf dagegen gehen die Lichter aus...
    • Pardon! Ich wollte hier niemandem zu nahe treten. Genau so gut hätte ich Köln, Hamburg oder Stuttgart nennen können. In der ganzen Republik gibt es Ecken, die man als problematisch bezeichnen kann. Vielleicht erwische ich auch nur manchmal die falschen Hotels. Oder ich sollte mal mit meinen Kolleginnen reden und sie fragen wo sie mich denn unterbringen. Zimmer für mehr als 150,00 Euro mit einer eingetretenen Tür ist o.K.? Waschbecken auf dem Flur. o.K.?

      Sagen wollte ich eigentlich nur, dass es auch in den alten Ländern Probleme gibt.

      Im Schwarzwald und auf der Schwäbischen Alb könnte man auch schöne Fotos machen.
    • Nein Stahlbauer, meine Einlassung war auch nicht gegen gegen dich persönlich gerichtet aber du hattest gewissermassen einen Nerv getroffen.

      Im letzten Jahr bei einem geschäftlichen Gespräch hier in der Schweiz äusserte mir gegenüber ein Deutscher, welcher in Freiburg aufwuchs und München studierte, dass es in der Oberpfalz schon hart sein müsse. Zunächst für einen kurzen Augenblick perplex über das Ausmass an zur Schau gestellter Ignoranz, entgegnete ich lapidar, dass ich froh sei diesem Elend entronnen zu sein und dankbar zu wissen, dass es zu den Erdäpfelschalen auch Früchte gibt, die man essen kann.

      Es ist aber schon so, dass meiner Einschätzung nach Amberg vor 15 Jahren besser dastand als heute und das macht sich auch atmosphärisch bemerkbar. Ähnliches wird wohl sicherlich auch für Sulzbach-Rosenberg, Weiden und Schwandorf aber eben auch für die ein oder andere bayerische Stadt.

      Um den Bogen zum eigentlichen Diskussionsthema zu spannen, möchte ich anmerken, dass Zittau vor rund 100 Jahren 37.000 Einwohner hatte. Im Vorwendejahr waren es 38.000 und gegenwärtig, nach umfangreichen Eingemeindungen wohlgemerkt, leben 26.000 Menschen in der Grenzstadt im Dreiländereck, Tendenz weiterhin fallend. Der Bevölkerungsstand Zittaus nähert sich somit dem Stand vor der Industrialisierung an. Schade, dass karasek nicht mehr im Forum aktiv ist, um seine Einschätzung kundzutun aber falls in 20 Jahren der letzte Zittauer das Licht endgültig löschen sollte, wollte man dann immer noch die DDR dafür verantwortlich machen? Ist es nicht an der Zeit die gängigen politischen Dogmen (Bund und Land) zu hinterfragen, welche die aktive Vernachlässigung ganzer Kulturlandschaften nach sich ziehen? Oder sollte man solch unproduktive Landstriche einfach outsourcen und unseren östlichen Nachbarn zukommen lassen?
      "Wenn wir die ehemalige Schönheit der Stadt mit der heutigen Gemeinheit verrechnen, kommen wir, so die Bilanz, aufs direkteste in den Schwachsinn." (E.H.)
    • Was soll man denn outsourcen, die Grenzen sind doch offen? Die Polen oder Tschechen kommen genausowenig nach Zittau wie die Deutschen. Fahr mal nach Reichenberg, da sieht es nicht viel besser aus. Die Spirale ist in dieser Gegend gefühlt soweit zurückgedreht, dass man eigentlich nur noch die langsame Abwicklung verwalten kann. Bei einem „Gesundschrumpfen“ auf vorindustrielles Niveau ließen sich die Altstädte ja problemlos erhalten, wenn man sie gezielt restaurieren und wieder zu dem vorindustriellen Wohnraum erheben würde, der sie einmal waren. Stattdessen rührt man entweder aus finanziellen oder ideologischen Gründen die DDR-Platten weit draußen vor den Städten nicht an, wo die Bevölkerung ihren Lebensabend verbringt, während die Altstädte von innen her verrotten. Wobei das noch nichtmal ein Ostproblem ist, viele der in den alten Bundesländern spätestens seit 1945 ins Land gewucherten Siedlungen in der Provinz müsste man ebenso plattmachen, wenn so manche Altstadt überleben will. Aber der Erhalt baulicher Kultur hat halt keinen Stellenwert im Hinblick auf die Summen, die dafür aufgewendet werden müssten.

      Dieser Beitrag wurde bereits 4 mal editiert, zuletzt von RMA II. ()

    • Das mit dem "outsourcen" war von mir bewusst überspitzt formuliert und sarkastisch gedacht und in keiner Weise Ernst gemeint. Ich dachte, dies wäre aus meinem Beitrag und aus vorangegangenen ersichtlich. So stehe ich prinzipiell einer alles dominierenden Betrachtungsweise verschiedenster gesellschaftlicher Themenbereiche unter populär, marktwirtschaftlichen Aspekten kritisch gegenüber.
      "Wenn wir die ehemalige Schönheit der Stadt mit der heutigen Gemeinheit verrechnen, kommen wir, so die Bilanz, aufs direkteste in den Schwachsinn." (E.H.)
    • Letztlich glaube ich, dass das Thema "Verfall und Vernachlässigung im Osten Deutschlands" und das FAKTISCHE Abschreiben ganzer Landstriche weit mehr mit einer sich ändernden Denk- und Vorstellungswelt zu tun hat als dass dem vorrangig mit Gesetzen und einschlägigen Verordnungen begegnet werden kann Auch wäre zu unterscheiden zwischen Tendenzen, die unabhängig der Himmelsrichtung Platz greifen und Tendenzen, die spezifisch in Ostdeutschland Platz greifen, a) als Nachhang der DDR und b) als Wirken in einem teilweisen regulatorischen Vakuum, jedenfalls im Vergleich zu Nord-, West- und Süddeutschland.

      Mehr als dass die Stadt Kristallisationsort des Handels und des Wandelns war und die ländlichen Gebiete eher langsameren Zeitmaßen zugetan, litt das Land jahrzehntelang darunter, dass es in der Nachkriegszeit lediglich als Miniausgabe der Großstadt verstanden wurde. Mit allen Strukturen, die sich dort breitzumachen hatten, vom Zwangsanschluss an die Kanalisation über die durchgeschossene Dorf- und die Umbenennung zur Hauptstraße bis zur obligatorischen Verkehrsampel, damit die Dörfler angesichts der realen Geschwindigkeit auf ihrer Hauptstraße wenigstens von einer Seite des Dorfes zur anderen kamen. Der Osten hat so gesehen Glück gehabt, dass die DDR nicht in der Lage war, Geld aufzubringen, um diesen Unsinn mitzumachen und jene Städte, an denen der Kelch der sozialistischen Bezirkshauptstadt vorüberging, hatten so gesehen gleichwohl dieses "Glück".

      Für die Bausubstanz in den meisten Orten der DDR stand es zur Wendezeit 5 vor 12. Diesen Zustand hat keine einzige Stadt im "restlichen", übergroßen Deutschland jemals erreicht - weder Teile der Oberpfalz noch die Eifel noch das niedersächsische Wendland. Wo es sich um abgeschriebenes Land handelte, sind jene, die der Stadt ob ihres Unwirtlichen den Rücken kehrten, ihm, dem Land, mit Renovierungsinitiativen positiv auf den Leib gerückt. Allerdings ist das Denken, dass es sich beim Land um eine Miniaturausgabe der Großstadt handelt, bis heute ungebrochen, wenngleich auch die Vorstellungen über das Ortsbild sich positiv wandelte. Davon hat weit mehr der Osten ob seiner maroden Strukturen profitiert, als der Westen, der mit viel Geld seine Dörfer und Kleinstädte glattpoliert oft bis zur Unkenntlichkeit verhunzte.

      Dass die Denk- und Vorstellungwelt, sprich: das Bild einer Stadt, weit mehr Folgen hat als Gesetze und Verordnungen, das will ich an einem Beispiel illustrieren:
      Potsdam hat nach der Wende nahtlos an seinen Ruf vor dem Krieg anknüpfen können, zum Teil hat er trotz der Biegungen und Brechungen selbst zur DDR-Zeit bestanden. Von daher war eine Ansiedlung namhafter Institutionen weitaus leichter als bei einer Stadt, die in den Augen wirtschaftlich und politisch Entscheidender diesen Ruf nicht hat und immer noch als "typisch Ost" gilt. So beispielsweise Brandenburg an der Havel, gemeinhin geltend als geschliffene und graugewordene Industriestadt.

      Eingeklemmt zwischen dem Ende des Landes Sachsen-Anhalt, das vor den Toren der Stadt aufhört und dem Ausfransen des Landes Brandenburg nach Westen hin. Aus Sicht Berlins, dessen zentralem Blick sich die Brandenburgischen zu eigen mach(t)en, liegt die Stadt Brandenburg an der Havel HINTER Potsdam.Zum Rücken von Potsdam wird sich aber selten jemand umdrehen. Angeknüpft an die uralte Kapitale-Funktion, die Brandenburg an der Havel jahrhundertelang ausübte und demzufolge dem ganzen Land und auch dem bekanntesten Bauwerk in Berlin seinen Namen gab: Was wäre gewesen, hätte nicht Potsdam den Landeshauptstadt-Status bekommen, sondern Brandenburg an der Havel? Wäre es Potsdam dann vergleichsweise schlecht ergangen wie Brandenburg an der Havel? Oder hätte sich Potsdam vglw. gut am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen können, ZWISCHEN Brandenburg und Berlin, wo es dann gelegen hätte und damit im Wahrnehmungsfokus?

      Brandenburg an der Havel ist langsam dabei, sich nach einem Vierteljahrhundert zu berappeln. Wer aber von den Berlinern und wer von den Touristen, die vorgestern die große Party feierten, weiß um den Sinn der Namensgebung des Tores, an dem sie feierten?

      Zur Prignitz hat mal jemand gesagt, "Ihr liegt nicht nur da, wo Brandenburg aufhört, Ihr liegt genau in der Mitte zwischen Berlin und Hamburg. Daraus kann nicht zuletzt touristisch eine Riesenchance erwachsen." Das ist kürzlich sogar filmisch umgesetzt worden. Von der terra incognita irgendwo auf der schnellen Vorbeifahrt, zum bewussten Hinschauen und einer versteckten Liebeserklärung. Analog auch woanders: Als verhindertes "Atomklo" ist Schwandorf aus den Schlagzeilen geraten. Eine neue Wahrnehmung von außerhalb ist noch nicht gefunden. Görlitz/Zgorzelec, Zittau, Luban und Liberec/Reichenberg - dort liegend, wo die jeweiligen Länder aufhören oder "in the middle of nowhere", treffender bezeichnet: in der Mitte dort, wo die Nahtstellen nicht immer noch geistig aufgetrennt, sondern sie wirklich als Nahtstellen begriffen werden?

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Himmelsrichtungen ()

    • Himmelsrichtungen schrieb:

      Zur Prignitz hat mal jemand gesagt, "Ihr liegt nicht nur da, wo Brandenburg aufhört, Ihr liegt genau in der Mitte zwischen Berlin und Hamburg. Daraus kann nicht zuletzt touristisch eine Riesenchance erwachsen."


      Auf meiner Fahrradtour durch D-Land bin ich auch durch die Prignitz gekommen und war durchaus angetan ob der Leere der Landschaft, der kleinen Orte entlang der Elbe, der Naturnaehe (zumindest den Eindruck hatte ich)... Klar, wenn da die neue Autobahn (A14?) durchkommt, wird's mit der Ruhe wohl auch vorbei sein, aber im Moment, wenn ich den entsprechenden Geldbeutel haette, wuerde mir ein Backsteinhaeusle irgendwo dort zwischen Wittenberge und Havelberg nicht unrecht sein...
      „Groß ist die Erinnerung, die Orten innewohnt“ - Cicero

      BITTE UNTERSCHREIBT DIE GEMEINSAME ERKLÄRUNG: Petition im Deutschen Bundestag
    • Stahlbauer schrieb:

      Pardon! Ich wollte hier niemandem zu nahe treten. Genau so gut hätte ich Köln, Hamburg oder Stuttgart nennen können. In der ganzen Republik gibt es Ecken, die man als problematisch bezeichnen kann.
      z.B. Stuttgart ist eine der hässlichsten Städte die man sich überhaupt vorstellen kann. Leipzig hingegen ist sehr schön!
      => Insgesamt befinden sich derzeit in den neuen Bundesländern weitaus schönere Städte als in den alten Bundesländern!
      Wirtschaftliche Grundlagen spielen da keine Rollen, da z.B. Böblingen zu den hässlichsten Städten in Deutschland gehört obwohl es dort Vollbeschäftigung gibt.