Vom Scheitern an einer Bauaufgabe

  • Nachricht von "stadtbild-deutschland.org"

    Sechs Nachkriegsjahrzehnte brauchte die deutsche Architektur, um mit Meinhard von Gerkans Berliner Hauptbahnhof erstmals wieder ein respektables Bahnhofsgebäude zuwege zu bringen. Zwar hatte schon die Wiederaufbauzeit mit lichtdurchfluteten gläsernen Empfangsgebäuden biederer Machart versucht, an die glorreichen Vorkriegszeiten der Bahnhofsarchitektur anzuknüpfen, so vor allem in Heidelberg, Köln und München, aber danach rutschte alle Verkehrsarchitektur in primitivste […]

  • Okay, kein Verriss, sondern dem provokativen Titel entsprechend ein Eintrag meinerseits.


    Ungeachtet aller Hypes unterscheiden sich Architekten, was "ihre Größe" angeht, für mich nicht nach Namen sondern eher nach Bodenständigkeit oder Bodenlosigkeit ihrer Entwürfe.


    Der Berliner Hauptbahnhof versucht an die Größe seiner Schwestern und Brüder in den vergangenen zwei Jahrhunderten anzuknüpfen, doch für mich wirkt er wie gewogen und zu leichtfüßig befunden. Nichts von der Schwere der Eisenbahn, die als bodenständiges Verkehrsmittel mit Wucht und Geschwindigkeit durch die Lande zieht. Eher wirkt der Hauptbahnhof analog einer Messehalle oder eines gelifteten Baus der Hauptverkehrsstätte von Mc Möbel.


    Der ganze Bau: gewiss gut proportioniert, doch merkwürdig kalt und geradezu seelenlos. Und das liegt nicht nur am kostenmäßig entgegen dem Architektenentwurf eingespartem Tunnelbahnhofgewölbe hin zur austauschbaren Flachdecke, es ist dem ganzen Bau im Vergleich zu denjenigen Bauten, die ihr Bahnhofsdasein nicht nur vortäuschten, sondern es vom ersten Anblick bereits waren, auf gewisse Weise eigen. Ein Multifunktionsbau eines Mobil- und Immobiliendienstleisters gleichermaßen, eingefasst von einer vorher unbebauten, jetzt zu einer stärker und stärker bebauten Mondlandschaft.

  • Der Berliner Hauptbahnhof macht für mich den Eindruck eines überdimensionierten Einkaufszentrums wo nebenher mal ein paar Züge durchfahren.
    Der Münchner Ostbahnhof ist als Bahnhof erst einmal gar nicht zu erkennen, hier vermutet man eher ein Bürogebäude.
    Der Siegerentwurf des Münchner Hauptbahnofes (ich hoffe das dieser nicht gebaut wird) würde eher in eine Star-Wars Landschaft passen als in einer Innenstadt.

    Jeder hat das Recht auf meine Meinung.

  • Mir gefällt der neue Lehrter Bahnhof überhaupt nicht. Das ist alles klotzig und unelegant. und der Eindruck "Einkaufszentrum mit Gleisanschluss" trifft wirklich zu. Es liegt eben schon daran, dass die heutigen Architekten mit der Bauaufgabe Bahnhof nicht mehr zurechtkommen, was ich komisch finde. Bei Museen, Flughäfen oder anderen Profanbauten kommen doch auch immer bessere Entwürfe bei raus. Das sehe ich aber wieder als spezifisch deutsches Problem. Einerseits traut man sich im Gegensatz zu z. B. Frankreich nicht wirklich an skulpturale Verkehrsarchitektur, andererseits wagt man auch nicht an die Grandiose Monumentalität eines Leipziger HBFs anzuknüpfen. Um Gottes Willen, ich höre schon wieder hysterisches Gekreisch von 4. Reich. Deutschland hatte vor dem Krieg die beste Bahnhofsarchtektur Europas, Der Berliner HBF dagegen zählt zu den architektonisch schlechtesten. Leipzig, Stuttgart, Karlsruhe waren Meilensteine der Verkehrsarchitektur, wie schon viel früher Frankfurt. Es ist auch bezeichnend, dass es keine deutsche Großstadt, München ausgenommen, geschafft hat nach dem Krieg eine Nennenswerte U-Bahnarchtektur zu entwickeln. Vergleicht man die Bahnhöfe der U5, die gerade in Bau sind beispielsweise mit dem großartigen Vorkriegs-U-Bahnhof Alexanderplatz (Line D und E), erkennt man in welches Mittelmaß diese Bauaufgabe in Deutschland abgeglitten ist. An der alten Architektur war alles sinnvoll, überlegt und pointiert. Die Lösungen überzeugten ohne Schnickschnack. Heute ist alles nur noch Effekthascherei. Zum Vergleich:


    Alex:
    http://upload.wikimedia.org/wi…g_der_U5_(6904300029).jpg
    https://upload.wikimedia.org/w…erlin_Alexanderplatz2.JPG
    http://cdn.pinkbigmac.com/img/…_dem_park_inn_01_u-ba.jpg
    http://upload.wikimedia.org/wi…lin_Alexanderplatz_U5.JPG


    Hier stimmt alles, von der Type über die Fliesen und der Beleuchtung bis zum Eingangstransparent.


    Wie armselig dagegen dies!


    http://dschneble.tssd.de/fotos/berlin/IMG_5340.jpg
    http://humblog.humboldt-instit…ds/2011/07/U-U-Bahn-2.jpg
    http://upload.wikimedia.org/wi…nburger_Tor_Bahnsteig.jpg


    Billige Blechverkleidung, keine Akzente und Goldgetüttel statt Typo!

    Der deutsche Pfad der Tugend ist immer noch der Dienstweg.

  • Man sollte nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Die Kategorie, innerhalb deren der Berliner Hbf zu beurteilen ist, wird abgesteckt durch Bahnhöfe wie Braunschweig Hbf, Kassel Wilhelmshöhe, Würzburg Hbf usw., nicht durch die Großtaten einer ganz anderen Epoche, in welcher der Leipziger Bau mit einem triumphalen Superlativ aufwartete. Für das, was von heutiger deutscher Architektur zu erwarten ist, bedeutet Berlin Hbf einen Meilenstein nach vorn. Es ist ein zeichenhaftes Gebäude, wenn auch nicht in Sandstein, sondern in Stahl und Glas. Woher die Assoziation Einkaufszentrum kommt, ist mir schleierhaft; ich kenne kein Einkaufszentrum mit einer derartigen Ausstrahlung.


    Eigentlich aber geht es in obigem Blog-Artikel gar nicht um den Berliner Hbf, sondern um die Frage, wie ein innerstädtischer Bahnhofsplatz wie der in München mit einem das Stadtbild komplettierenden und bereichernden Bahnhofsgebäude besetzt werden könnte. Einen Kopfbahnhof mit repräsentativem Empfangsgebäude zu errichten, ist eine ganz andere Aufgabe als sie sich in Berlin gestellt hat. Hier kommt die Architektur nicht umhin, aufs neue eine Architektursprache mit Bildqualität zu entwickeln. Wohin es führt, wenn Architekten dies nicht begreifen, das zeigt der Entwurf von Auer und Weber. Vielleicht sind die deutschen Architekten noch immer nicht so weit, und es muss erst nochmals ein Kaufhaus mit Gleisanschluss errichtet und nach zwanzig Jahren wieder abgerissen werden. Die nächste Generation wird es dann kapieren.

  • . Es ist ein zeichenhaftes Gebäude, wenn auch nicht in Sandstein, sondern in Stahl und Glas. Woher die Assoziation Einkaufszentrum kommt, ist mir schleierhaft; ich kenne kein Einkaufszentrum mit einer derartigen Ausstrahlung.

    Daher schrieb ich ja auch überdimensioniertes Einkaufzentrum, sicher, ein Einkaufzentrum dieser Größenordnung ist auch mir noch nicht untergekommen - wohl aber entsprechende Konstruktionen aus Stahl und Glas welche als Einkaufzenter fungieren.


    Sicher ist es eine Geschmacksfrage was entsprechende Bahnhofsarchitektur anbelangt, ich persönlich halte den neuen Bahnhof Ostkreuz allerdings für gelungener, womit ich allerdings nicht verhehlen kann, daß mich doch der vollständige Abbruch des altehrwürdigen Bahnhof "Rostkreuz" sehr schmerzte und ich nicht verstehen konnte warum man diese Historie nicht wieder rekonstruiert? Behindertengerechte Einbauten wären zudem auch sicher möglich gewesen.


    Aber ich möchte nun auch mal näher auf den Artikel eingehen;


    Der "preisgekrönte Entwurf" des Münchener Hauptbahnhofes ist von der Ästehtik her überhaupt nicht vertretbar, glücklicherweise ist der Entwurf so wie er vorgestellt wurde einfach zu teuer, um ihn realisieren zu können, womit der Architekt gezwungen ist, seinen arg futuristischen Entwurf überarbeiten zu müssen.
    Leider gibt es keine Möglichkeit diesen Entwurf zu stoppen, sobald die Baugenehmigungen erteilt sind, allerdings sind diese abhängig von der 2. Münchner S-Bahn Stammstrecke. Könnten die Bauvorhaben auf einige Zeit ausgesetzt werden, würde sich die Möglichkeit ergeben, den momentanen Entwurf zu verwerfen und eine neue Ausschreibung zu veranlassen (ich weiß jetzt aber nicht, wie viel Zeit der Bauuntätigkeit dazu vergehen muß)
    Im Moment ist das sinnvollste die Bauvorhaben möglichst weit hinauszuschieben, um dem Münchner Bahnhofsplatz eine neue Chance geben zu können.
    Ich habe ganz hervorragende Entwürfe gesichtet wie man den Münchner Hauptbahnhof zwar modern, jedoch mittels Anlehnung der alten Bürklein-Fassade gestalten könnte - leider kann ich da selbst nicht mit entsprechenden Bildern dienen, da ich entsprechenden Entwurf nur augenscheinlich auf dem Papier sah.

    Jeder hat das Recht auf meine Meinung.

  • Der Berliner Hbf ist trotz Glas/Stahl Konstruktion ein ziemlich düsterer Ort geworden. Leider auch überaus ungemütlich dazu. Das Gegenteil kann man in London sehen: St. Pankreas. Für mich äußerlich wie von innen der schönste Bahnhof. Schöne Geschäfte, Cafe's, Bar's, Restaurants. Ich freue mich jedes Mal von diesem Bahnhof abfahren zu dürfen.


    Gaube

  • Man sollte nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Die Kategorie, innerhalb deren der Berliner Hbf zu beurteilen ist, wird abgesteckt durch Bahnhöfe wie Braunschweig Hbf, Kassel Wilhelmshöhe, Würzburg Hbf usw., [...]


    Naja, auch im Nachkriegsdeutschland gab es m.E. herausragende Bahnhöfe, wie z.B. Heidelberg Hbf, Bochum Hbf oder auch die hier vielgescholtenen Bahnhöfe von Köln und München. Dagegen fällt aber der Berliner Hauptbahnhof weit ab. Das einzig positive ist die Bahnhofshalle, die wirklich sehr hell und modern daherkommt.

    Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
    Karl Kraus (1874-1936)

  • Man sollte nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Die Kategorie, innerhalb deren der Berliner Hbf zu beurteilen ist, wird abgesteckt durch Bahnhöfe wie Braunschweig Hbf, Kassel Wilhelmshöhe, Würzburg Hbf usw., nicht durch die Großtaten einer ganz anderen Epoche


    Das verstehe ich nicht ganz. Auf der einen Seite orientieren sich hier doch immer alle an den vergangenen Großtaten, dann soll man da Abstriche machen. Ein Bahnhof heute, egal ob Fern-, U- oder S-Bahn, dem eine solche herausragende Stellung in Deutschland zukommt muss sich geradezu an seinen "Vorvätern" messen lassen. Die Formensprache ist da irrelevant. Die Idee und die Vision zählen. Die ist m. E beim Beliner Hbf nicht gegeben. Die Architektur ist langweilig, die Umfeldgestaltung eine Katastrophe. Vergleicht man den Bahnhof aber mit "Provinzbahnhöfen" wie Braunschweig oder Ludwigshafen ist das natürlich ein Schritt nach vorn.

    Der deutsche Pfad der Tugend ist immer noch der Dienstweg.

  • Was mir am Berliner HBF nicht gefällt ist, dass es schwer ist sich zu orientieren, wo ist vorne und wo ist hinten. Die Aufzüge sind extrem langsam und nervig, die Rolltreppen langsam und funktionieren oft nicht. Das Umfeld des Bahnhofs wird ja erst gestaltet in den nächsten Jahren, das wird bestimmt interessant werden. Von der Formensprache her betrachtet finde ich den Berliner Bahnhof ganz schön. Ich habe noch Bilder aus der Bauphase, die mich sehr beeindruckt haben. Was ich nicht verstehe ist, warum mal Holz am Geländer ist und mal nicht, sieht so aus, als ob zwischendrin das Geld ausgegangen ist. Ich glaube die lange Version des Dachs wäre schöner gewesen. Es ist schade, dass keine Sbahn nordwärts zum Ring fährt, aber auch die ist in der Mache, als S21. Das wird bestimmt den Wedding sehr umkrempeln. :lehrer:

  • Visionen zu entwickeln, die mehr sind als wohlklingende Worte auf ausgereichtem Hochglanzpapier, dazu braucht es wohl eine Empfindung über den Ort und das beruht auf einem gefühlsmäßigen, nicht nur verstandesmäßigen / kopfmäßigen Verständnis vom Ort, "erfahren" mit der Geschwindigkeit einer Computersimulation. Ja, es lohnt hinzuschauen. An der endlosen Kette kleinteiliger Details am Alexanderplatz im Unterschied zum Berliner Hauptbahnhof wird dies m. E. sehr deutlich.