Arnold von Westfalen und der Meißner Stil

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    • Arnold von Westfalen und der Meißner Stil

      Arnold von Westfalen († 1480 oder 1481 in Meißen) war sächsischer Landesbaumeister und der Erbauer der Albrechtsburg in Meißen.

      Er war mit Margarethe Rülckin aus einer adligen Familie verheiratet und gilt auch als Erbauer der Schlösser Burg Kriebstein und Schloss Rochsburg und des Torhauses des Dresdner Schlosses. Zudem wurde durch ihn die St. Georgskapelle im Matthiasturm der Ortenburg in Bautzen ausgebaut. Unsicherer ist, ob er auch die Burg Tharandt erbaute. Als Baumaterial verwendete er wiederholt Tuffstein vom Rochlitzer Berg.

      Sein Steinmetzzeichen findet sich auf einer Gehaltsquittung von 1479.

      Jüngst hat Stefan Bürger aufgrund kunsthistorischer Formenanalyse die These aufgestellt, Arnold von Westfalen habe ab etwa 1461 den Chorneubau der Peterskirche in Görlitz geleitet. Er sieht weiterhin stilistische Parallelen zur dortigen Frauenkirche (Vollendung der Langhauswölbung um 1480) und der Rochlitzer Kunigundenkirche (Mittelschiffgewölbe 1476). Bürger vermutet eine vorausgegangene Ausbildung Arnolds an der Wiener Dombauhütte unter dem Dombaumeister Hans Puchspaum.


      Soweit Wikipedia.

      Über die Albrechtsburg heißt es dort:

      Die außerordentlich aufwändige Bauaufgabe der Albrechtsburg erforderte die Einrichtung und den konstanten Betrieb einer großen Bauhütte, die unter Meister Arnold und seinen engsten Schülern zu einem Zentrum der Architekturentwicklung und -ausbildung mit überregionaler Ausstrahlungskraft wurde, wie sie vorher nur für die großen Kirchenbauhütten typisch war. Das in der Albrechtsburg entwickelte Zellengewölbe und die vorhangartigen oberen Abschlüsse der Hauptfenster wurden in weitem Umkreis kopiert; teilweise wurden die zunächst für den Profanbereich geschaffenen Formen anschließend sogar im Sakralbau eingeführt.


      Hier ist endlich unser Stichwort gefallen.

      Zellengewölbe (auch Diamantgewölbe) sind eine Sonderform der Gewölbe der Spätgotik. Statt die zwischen den Rippen (oder Graten) eines Sterngewölbes entstehenden Dreiecke wie üblich als durchgehende, gebogene Kappen auszumauern, wurden diese aus drei geraden Flächen als pyramidale Hohlräume ausgebildet, so dass eine vielfach gefaltete Decke entsteht. Das Netz der tragenden Verstrebungen wurde dabei ohne Lehrgerüst durch kleine Gewölbe-„Zellen“ ausgefacht. Zellengewölbe sind (im Vergleich zu den anderen gotischen Gewölbeformen) relativ wenig verbreitet, Beispiele finden sich etwa in der Albrechtsburg in Meißen, in der Marienkirche in Danzig und in Schloss Greinburg in Grein an der Donau.
      (immer noch Wikipedia).

      Beginnen wir mit Wohlbekanntem.

      Bild und wohl auch folgender Kommentar von Frank Hoehler, Dresden:


      sa_meissen_albrechtsburg_grosser_saal_frank_hoehler_10_09_1_765x715 von ursuskarpatikus auf Flickr

      Ein Höhepunkt spätgotischer Profanbaukunst: Der Große Saal auf der Albrechtsburg in Meißen mit den charakteristisch gedrehten und gekehlten Pfeilerbasen.


      Indes- ist dies das Wesentliche des Großen Saals? Wird hier nicht etwas viel Revolutionäreres als ein derartiger zugegebenermaßen Hübscher Manierismus in die Wege geleitet?

      Hier eine vergleichsweise harmlose Vorstufe:


      innenraum von ursuskarpatikus auf Flickr
      (Photo: aff-architekten.com/story/64/2864.html

      Hier kann man noch nicht von einem Zellengewöbe sprechen, wenngleich die Kappen schon sehr in Richtung Verselbständigung drängen.
      Im Großen Saal ist es es so weit: den Rippen, so überhaupt noch vorhanden, kommt keine tragende Bedeutung mehr zu, die Kappenpaare ersetzen ihre Funktion.

      Hier bereits klassische Beispiele aus dem ersten:


      P3170103 von ursuskarpatikus auf Flickr

      und zweiten Obergeschoss:

      P3170108 von ursuskarpatikus auf Flickr


      P3170110 von ursuskarpatikus auf Flickr

      beziehungsweise vom Großen Wendelstein:


      P3170105 von ursuskarpatikus auf Flickr


      P3170104 von ursuskarpatikus auf Flickr

      oder vom Domkreuzgang:


      P3170091 von ursuskarpatikus auf Flickr

      Diese Kombination: Laubengang- Zellengewölbe wurde in den böhm. Ländern aufgegriffen (bzw wiederholt, wie man eher sagen müsste, wie noch zu zeigen seine wird) - der Kenner denkt hier an Komotau und Neuhaus, aber seinen Ursprung hat auch sie hier, auf dem Meißner Burgberg!


      P3170093 von ursuskarpatikus auf Flickr

      Und noch ein Beispiel (nachdem die herrlichen Gewölbe des als Amtsgebäude entweihten Bischofsschlosses mir nicht zugänglich waren) vom Burgberg:


      P3170087 von ursuskarpatikus auf Flickr

      ...nämlich die Einfahrtshalle der Probstei.
      (Bilder von mir, soweit nicht anders angegeben).
      ... dass jeder troglodytischen Lebensart, beruht sie nur fest in sich selbst, etwas schlechthin faszinierendes eignet, überhaupt für solche, die einen Ansatz dazu schon besitzen und mitbringen, der dann nur noch einer gewissen Entwicklung bedarf. (HvD)
    • Im DKV-Handbuch Sachsen finden sich gerade mal zwei Abbildungen von Zellengewölben, und zwar nicht einmal Meißen, sondern so Periphäres wie Veste Stoplen und Strehla, ebensoviele wie im Band Böhmen und Mähren: Klosterkirche Bechin und Bürgerhaus in Zlabings. Keine große Ausbeute.
      Aus westlicher Sicht ist das Phänomen der Zellengewölbe niemals besonders bekannt geworden, eine überzeugende Antwort findet sich im Buch von M. u O. Rada:

      Es ist naheliegend, dass die Zellengewölbe dort dem Interesse entgingen, wo sie nicht auftraten.


      Mit Ausnahme der wahrscheinlich nicht einmal zwei Hand voll österreichischen Beispielen lagen alle ZG hinter dem Eisernen Vorhang! Und wer hat schon die Ziele aufgesucht: Schloss Breiteneich bei Horn (nicht zugänglich), Schloss Greinburg bei Grein (schön, aber nicht besonders bekannt), Ackerbürgerhaus in Wullersdorf -das einzige Beispiel, das ich aus eigener Anschauung kenne:




      Bürgerhaus in Waidhofen/Thaya Hauptplatz 11, Allerheiligen im Mühlkreis, Kirche, Erdgeschoss des Kirchturmes... Bleibt noch das Chorherrnstift in Klosterneuburg... gut, das ist prominent, wenngleich es kaum einen Besucher in den Binderstadel verschlägt...
      Angeblich ist da noch was in Sitzendorf in der Schmieda: bergfex.at/sommer/sitzendorf-a…-kunst-reich-aufgetischt/

      Das Mittelschiff der dortigen Pfarrkirche ist zwar originell, weist steile, unberechnbar anmutende Kappen auf auf, hat aber mit ZG nix zu tun:



      Von den österreichischen Beispielen sind jene der erwähnten beiden Schlössern am bedeutendsten.
      Greinburg:

      Des-Raetsels-Loesung-Diamantgewoelbe-in-der-Greinburg von ursuskarpatikus auf Flickr
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    • Was nun die bürgerliche Stadtbaukunst betrifft, so ist die Ausbeute in Sachsen erstaunlich gering.
      Man nehme bloß die Vaterstadt der ZG. Wieviele der Meißner Bürgerhäuser sind mit ZG ausgestattet? Hundert, fünfzig, zwanzig oder wenigstens zehn?
      Weit gefehlt. Gerade mal drei. Rathaus, Bennohaus (Marktplatz 9), Görnische Gasse 4.
      Wie sieht es mit dem altehrwürdigen Pirna aus?
      Zwei Stück, Marktplatz 11 und Schlossstraße 13!
      Freiberg?
      Ein einziges Bürgerhaus, nämlich Nonnengasse 15, dazu zwei Klerikerhäuser um dem Dom, Dommherrenhof mit einigen großartigen Beispielen und das anschließene Rektorratshaus.
      Da diese drei Städte niemals substanzielle Einbussen erleiden mussten, ist anzunehmen, dass es niemals besonders viele Häuser mit ZG gab.

      Nehmen wir zum Vergleich zwei südmährische Städte:
      Znaim: immerhin 6 Bürgerhäuser!
      Zlabings musste im Historismus ein paar wenige, indes herbe Verluste hinnehmen, so das Herrenhaus vor der Kirche mit sehr interessanten, mit Rippen ausgestatteten Formen . Übrig blieben immerhin fünf Häuser, deren bedeutendsten am Unteren Platz stehen. Es handelt sich hiebei um die Nummern 46 und 25.


      P3290357 von ursuskarpatikus auf Flickr

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    • Hinterfragen wir den erstaunlich geringen Anteil der ZG in Sachsens Bürgerhäusern, so gelangen wir eventuell zu einer Antwort, die uns im wahrsten Sinne des Wortes Wesentliches über die ZG und ihre Geschichte mitteilt. Eng damit dürfte wahrscheinlich auch die Frage verbunden sein, warum die sächsichen ZG nicht den Wandel zur Renaissance mitmachten, warum es also zB das in Zlabings beobachtete Motiv des hängenden Schlusssteines in Sachsen nicht gibt.

      Holen wir etwas aus:
      Es existieren drei Kerne von Großlandschaften oder -gebieten, in denen ZG anzutreffen sind. Diese Kerne weisen eine sehr hohe Häufung oder Dichte von von ZG auf. Von diesen Kernen geht eine Ausstrahlung in weite, umliegende Gebiete aus.
      Der größte Häufungspunkt oder Kern ist natürlich Obersachsen mit der weltweiten ZG-Hauptstadt Meißen. Von hier sind Ausstrahlungen in alle Himmelsrichtungen zu beobachten, nach Thüringen (mit Eisenach als wahrscheinlich westlichsten Punkt, an welchem ZG auftreten), nach Norden bis zur mecklenburgischen Ostsee (Schwerin) mit besonders vielen Vorkommen in beiden Lausitzen, sehr sporadisch in Brandenburg, nach Osten bis Schlesien, und nach Süden bis Nordböhmen und Prag.
      Die Größe dieses betroffenen Gebietes entspricht der Dichte und Bedeutung des obersächsischen Bestandes.

      Der zweite große Kern ist um die Danziger Marienkirche anzusiedeln und umfasst West- und Ostpreußen. Von hier wird in den baltischen Raum bzw nach Masowien und Großpolen ausgestrahlt.

      Der dritte Kern ist der kleinste. Die Rede ist von Südböhmen. Initialbau dürfte die Klosterkirche zu Bechin = Bechyně gewesen sein:
      img.nova-x.com/26/0/014/260114483.jpg
      Allerdings gibt es hier gewisse Besonderheiten und Selbstständigkeiten in der Entwicklung. Die Ausstrahlung geht ins nördliche Österreich und überschreitet in Klosterneuburg als südlichsten Punkt sogar die Donau. Daneben ging es weiter nach Oberungarn. Im heutigen Ungarn und im heutigen Siebenbürgen gibt es jeweils ein Beispiel.

      Sonst gibt es nirgendwo auf der Welt "klassische" ZG.

      (Fortsetzung folgt)
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    • Unterbrechen wir das gelehrige Gelabere mit ein paar Bildlein.
      Die schlechten Beziehungen der Wettiner zu den Hohenzollern waren wohl der Grund für das weniger als sporadische Auftreten der ZG im brandenburgischen Kernland. Insgesamt gibt es nur drei Orte mit ZG: Brandenburg/H, Belzig und Jüterbog.
      Brandenburg/H hat gleich zwei Bauten aufzuwarten, deren gewichtigtsten die im Schatten des Doms stehende Petrikapelle ist:

      imagesCAM8FI2N von ursuskarpatikus auf Flickr


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      Ein größeres Kirchengebäude befindet sich im niederlausitzischen Senftenberg- die dreischiffige HallenkircheST. Peter und Paul.


      800px-Peterpaul_sfbinnenraum von ursuskarpatikus auf Flickr


      450px-Peterpaul_sfbgewoelbe von ursuskarpatikus auf Flickr

      Eine derartige Kirche ist auch in Sachsen nicht zu finden!

      Die Gewölbe der Marienkirche zu Dohna bei Pirna sind bis dato nur selten als ZG erkannt worden, indes handelt es sich unzweifelhaft als solche:


      marienkirche_dohna_kirchenschiff von ursuskarpatikus auf Flickr

      Vernünftige Bilder im Web sind selten. Auf diesem Bild ist es zu sehen, vor allem hinten rechts im Seitenschiff:


      balken von ursuskarpatikus auf Flickr

      Das Wurzener Schloss hat einigermaßen bekannte ZG aufzuweisen. Die ZG in den beiden Chören des Domes hingegen sind unauffälliger, weil flacher und mit Rippen versehen. Bilder sind selten im Web, hier eines im Westchor:


      wurzen-altstadt-dom-11 von ursuskarpatikus auf Flickr
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    • Mensch ursus..das ist ja urst-genial (Ja, der war flach. Ich gebe es zu :lachentuerkis: ), was du uns hier kredenzt. Vielen Dank. Gehe ich also recht in der Annahme, dich hat es zu Ostern ins Sächsische geführt?

      Grüße und vielen Dank nochmals
      "We live in the dreamtime-Nothing seems to last. Can you really plan a future, when you no longer have a past." Dead Can Dance - Amnesia

      "Why not reinventing something from the past, something combining, nature and art." Lebanon Hanover - Fall Industrial Wall
    • @DW Deine Annahme ist eigentlich falsch. Ich war zwar in Sachsen, aber nicht zu Ostern, dh über ein verlängertes WE vor dem Palmsonntag. Zu Ostern war ich in Zlabings, was ja thematisch gut zu Meißen passt, denn damit sind die zeitlichen Eckpunkte des Meißner Stils abgesteckt, wie noch zu zeigen sein wird.
      Tatsächlich war meine Fahrt nach Zlabings im Ganzen ursächlicher für diesen Beitrag, was vielleicht ein Zufall ist, vielleicht aber auch nicht.
      In der Albrechtsburg gibt es eine umfassende Darstellung über obersächsische Gewölbeformen, in der auch der Begriff ZG erwähnt wird. Allerdings umfasst dieser nur eine sehr frühe Sonderform, die der flächig aneinander gereihten Zellen. Der Rest wird unter gängige gotische Formen wie Netz-, Strahlen- oder Sterngewölbe subsumiert. Generell scheint mir in Sachsen das Bewusstsein für diesen Sonderstil zu fehlen. Nehmen wir das Haus Pirna, Schlossstraße 13. Es ist aufgrund seines durch Abbruch des Nachbarhauses freigelegten Giebel wohl jedem Pirnakenner von außen ein Begriff. Die daran affichierte Tafel teilt uns etwas über seinen Giebel mit dazu etwas über seinen (höchst mickrigen und vernachlässbaren) Renaissance-Arkadenhof, aber über die Halle mit hübschem ZG wird kein Wort verloren. Heute ist übrigens eine tschechisch-deutsche Schule drin, und eine der Lehrerinnen, mit der ich ins Gespräch kam, stammt wie es der Zufall will, aus der Zlabinger Gegend.
      Insgesamt kann gesagt werden, dass man auf der Albrechtsburg vor lauter architektonischem Reichtum auf das für mich allerwesentlichste Element, die ZG, zu wenig eingeht. Fast wird den historisierenden Monumentalmalereien mehr aufmerksamkeit geschenkt.

      @Mündener
      In einem Nebenraum einer Schässburger Kirche, Genaueres muss ich nachschlagen.
      ... dass jeder troglodytischen Lebensart, beruht sie nur fest in sich selbst, etwas schlechthin faszinierendes eignet, überhaupt für solche, die einen Ansatz dazu schon besitzen und mitbringen, der dann nur noch einer gewissen Entwicklung bedarf. (HvD)
    • Kommen wir auf die im Beitrag 4 diskutierten Punkte zurück.
      Die ZG sind in Ostmitteleuropa höchst unregelmäßig verteilt, insgesamt gibt es drei Häufungsgebiete. Allerdings sind sie auch in diesen Gebieten nicht der Regelfall, sondern stets eine aparte Ausnahme geblieben. Vom Meissener Burgberg abgesehen gibt es keinen Ort, an welchem die ZG die überwiegende Wölbungsart geworden sind.
      Vor allem bei Bürgerbauten ist das Auftreten der ZG höchst sporadisch.
      Hier einige Beispiele zur Untermauerung des Gesagten: Schon für Meißen-Stadt fällt die Bilanz sehr enttäuschend aus: Küche des Afra-Klosters, ein paar Details in Vorstadtkirchen, ein Raum im Rathaus, dazu jeweils ein Raum in zwei Bürgerhäusern.
      Süd- und Westböhmen sind mit großartigen ZG durchaus gesegnet, allerdings nur was Kirchen und Schlösser betrifft. Es gibt in dieser Großregion nämlich nur zwei Bürgerhäuser, in denn ZG auftreten, und zu diesen wird auch noch etwas zu bemerken sein.
      Die Stadt Teltsch ist berühmt für ihr Renaissance-Stadtbild und für ihre ZG. Die vielen (über 50) Bürgerhäuser mit ihrem reichen Schmuck, mit ihren Lauben, Giebeln, Fresken, Sgrafitti haben indes kein einziges ZG aufzuweisen.
      Ein ähnliches Phänomen ist für das östlichste Verbreitungsgebiet, den Danziger Raum und seine Ableger, zu vermelden.
      In West- und Süddeutschland sowie in Österreich südlich des Donautales fehlen ZG völlig.
      Nur im äußersten Südmähren gibt es zwei Städte, in denen ZG vermehrt in Bürgerhäusern auftreten, dies allerdings auch nur etwa im Ausmaß jeweils einer Handvoll.

      Warum ist das so?
      Die Antwort ist relativ schlicht: Die Herstellung der ZG erforderte erhöhte technische Fertigkeiten, die nur eine kleine Gruppe von Bauleuten beherrschte. Es war eben ein Meißnerischer Stil, der von Angehörigen der Meißner Bauhütte getragen wurde. Davon aber später.
      In diese Bauhütte trat Arnold im Jahre 1471 ein. Er revolutionierte sie und führte sie zu ihrer Größe. Sein Sterbejahr war wahrscheinlich 1482 ("vor Pfingsten"), mitunter wird auch 80 oder 81 angegeben. Dies war indes keineswegs das Ende der Bauhütte oder des Meißner Stils. Für die Bauhütte war die Aufteilung des Wettinischen Familienbesitzes im Jahre 1485 maßgeblicher, nach welcher die Albrechtsburg nicht mehr der eigentliche Herrschaftssitz war. man kann vielleicht auch sagen, dass die Bauhütte ihre Schuldigkeit getan hatte - schließlich darf man die Albrechtsburg ja als vollendetes Kunstwerk ansehen. Nach dem November 1485 zerfiel sie förmlich und löste sich in alle Richtungen auf. Einige gingen in die neuen wettinischen Residenzen, nach Dresden, wo nichts erhalten ist (dazu später), und nach Wittenberg, sodann auch an Herrschaftssitze wie Wurzen, Torgau etc oder an andere Orte, wo sie gebraucht wurden, etwa nach Dohna, wo die Kirche neu gewölbt werden musste. Das ZG im erwähnten Pirnaischen Haus Schlossstraße 13 ist ein Ableger des Meisters der Dohnaer Pfarrkirche (1490er Jahre). Was Marktplatz 11 betrifft, kann man dies vermuten oder auch nicht, das Portal jedenfalls weist eine spätere Jahreszahl auf (1527). Viel mehr ZG wird es im bürgerlichen Pirna wohl nicht gegeben haben. Gebaut wurde auch in und um den Freiberger Dom, wie die erhaltenen Beispiele eindrucksvoll bestätigen. Nur: das waren Einzelfälle, Großbaustellen für kirchliche Auftraggeber, nach deren Abwicklung die Bauleute weiterzogen. Für das bürgerliche Freiberg etwa fiel da kaum was ab.
      Die Wanderbewegung der Bauleute umfasste indes nicht nur Sachsen (und das zur Herrschaft der Wettiner gehörige Thüringen), sondern auch befreundete umliegende Länder, dh zunächst die Länder der böhm. Krone außer Böhmen selbst. Die Beziehungen mit Prag hatten sich nämlich durch die Parteinahme der Wettiner für Matthias Corvinus getrübt, weshalb sie nur in den böhmisch-erzgebirgischen Raum und höchstens in die angrenzenden Niederungen vorstoßen konnten (zB Teplitz, Komotau). Prag, wo der Jagiellone Wladislaw herrschte, und Mittelböhmen blieben vom Meißner Stil weitestgehend unberührt, wodurch sich das "böhmische Loch" zwischen dem an Sachsen angrenzenden Norden und dem dichten Süden erklärt.
      Die meißnerische Bautätigkeit im Süden hingegen erklärt sich über die guten Beziehungen über den franziskanischen Observantenorden, der auch in Sachsen bestand und rege Bautätigkeit in Anspruch nahm. Der erste Bau war die Klosterkirche zu Bechin, der weitere anspruchsvolle Kirchenbauten folgten, nämlich Sobieslau, Horaschdowitz, Nezamyslitz und nicht zuletzt der Chor der Táborer Stadtkirche.
      Entgegen der früher von nationalistischen tschechischen Forschern vertrenen Meinung handelte es sich hiebei keineswegs um einen parallel zu Meißen entstandenen regionalen Sonderstil, der genuin südböhmische Züge trug, sondern um einen reinen meißnerischen Import. Freilich mussten lokale Bauleute kräftig mitwirken, damit eine so große Zahl an Bauten ermöglicht wurde. O. und M. Rada führen in ihrem "Buch von den ZG" als Beispiel die Sobieslauer Peter und Pauls- Kirche an (ein brauchbares Bild ist im Internet nicht zu finden, vielleicht scanne ich mal was aus diesem Buch, was mit korrekter Zitierung bzw Quellenangabe ausdrücklich erlaubt wird). Eine wichtige Tätigkeit wie die Gerüstaufstellung wurde von den lokalen Kräften übernommen, die Meißner nahmen nur die eigentliche Wölbung vor!
      Zweifellos nahmen die Meißner auch lokale Bauleute zu Hilfe und lernten sie an, wodurch dieses Wissen zumindest eine Generation lang weiter gegeben wurde. Aber die Zahl der Kundigen blieb begrenzt, ein Massenstil konnte auf diese Weise niemals entstehen.

      Günstiger waren die Voraussetzungen in den übrigen böhmischen Ländern, in den beiden Lausitzen,in welchen eine reiche Tätigkeit zu beobachten war, in Schlesien und zuletzt Mähren. Dennoch gibt es hier kein Gebiet mit einer ähnlichen Dichte wie den süd-westböhm. Raum.
      Über Mähren (Pernstein, Misslitz bei Znaim) gingen die Bauleute sodann nach Österreich, wo es zwei größere Projekte gab: die erwähnten Schlösser in Grein und Breiteneich.
      Hier kam in den zwanziger(dreißiger Jahren der Meißner Stil zu seinem späten, bereits renaissancegeprägten Ende.
      Fünfzehn bis zwanzig Jahre später kommt es zu einem neuerlichen Aufflackern und zwei fern voneinander gelegenen Landstrichen, nämlich in Thüringen und Südmähren. Die Thüringer Beispiele blieben sporadisch, sind jedoch insofern bemerkenswert, als die den westlichsten Punkt der ZG-Ausbreitung markieren.
      Interessanter ist das neuerliche Auftreten in äußersten Westen Südmähren, nämlich in und um dem Städtchen Zlabings. Davon später.
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    • ursus carpaticus schrieb:

      Vor allem bei Bürgerbauten ist das Auftreten der ZG höchst sporadisch.
      Dies könnte allerdings auch daran liegen, dass die Ästhetik dieser Zellengewölbe - m. E. wäre Falt- oder Knittergewölbe treffender - durchaus als fragwürdig angesehen wurde und darüber hinaus wohl eher in riesigen Räumen eine optische Gesamtwirkung mit sich bringt.
      Das ist aber nun allein mein persönlicher Geschmack rückwirkend auf die damaligen Baubürger übertragen.
      Dagegen dürfte die Akustik dieser Gewölbe eine ganz besondere Qualität haben.
      Schön ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt.
      (Immanuel Kant)
    • Mir gefallen eigentlich gerade die kleinen Räume sehr gut, überhaupt die Meißner und Zlabinger, die für mich am formvollendetsten sind. Die Ästhetik der Senftenberger Kirche könnte man schon als fragwürdig empfinden, zumindest als sehr modern anmutend (was, von uns ausgesprochen, nicht eben ein Kompliment ist). Allerdings hab ich noch keinen größeren Kirchenraum mit ZG gesehen. Wahrscheinlich ist die Perspektive vom Chor sehr ungünstig gewählt und kehrt eine vielleicht gar nicht ausgeprägte Plumpheit hervor.
      Als Berliner hast du es ja nicht weit nach Brandenburg/H, wo du dir sowas in Echt anschauen kannst und auch nicht so sehr nach Senftenberg. Ich habs da deutlich weiter nach Sobieslau (mit unvorhersehbaren Öffnungszeiten).

      Ansonsten glaub ich nicht, dass es ästhetische Bedenken waren. Die meisten bürgerlichen Hallen haben ja auch kein besonders schönes Rippengewölbe. Es war mE eine Frage der Leistbarkeit.

      Ansonsten habe ich ein mir zuverlässig scheinendes Verzeichnis über die im heutigen D vorhandenen ZG und beantworte gerne Anfragen nach einzelnen Orten. Sinnvoll sind Anfragen nur in Bezug auf Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Brandenburg (Niederlausitz).
      ... dass jeder troglodytischen Lebensart, beruht sie nur fest in sich selbst, etwas schlechthin faszinierendes eignet, überhaupt für solche, die einen Ansatz dazu schon besitzen und mitbringen, der dann nur noch einer gewissen Entwicklung bedarf. (HvD)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von ursus carpaticus ()

    • Die Ostgebiete sind natürlich auch sinnvoll, falls Interesse besteht - da kann es schon was geben.
      Nur die Alt-BRD bzw Mecklenburg-Vorpommern bzw Brandenburg/Nord wäre sinnlos, weil da (fast) nichts ist.
      Ich schau schon nach, wenn ich erst zu Hause bin.
      ... dass jeder troglodytischen Lebensart, beruht sie nur fest in sich selbst, etwas schlechthin faszinierendes eignet, überhaupt für solche, die einen Ansatz dazu schon besitzen und mitbringen, der dann nur noch einer gewissen Entwicklung bedarf. (HvD)
    • ad Sighisoaram:
      Gewölbe der Schatzkammer über der Sakristei der Stadttkirche (wohl die ehem. Klosterkirche). Das Gewölbe ist einfacher als die normalen ZG. Von einem mittigen Scheitelpunkt strahlen zwölf tiefgebuste und scharfkantige Kappenpaare zu den Wänden, wo sie spitzbogige Schildwände bilden - ein Element, das in Sachsen Bestandteil komplexerer Gewölbestrukturen ist. Milada+Oldrich Rada nehmen ("zweifellos") eine Vermittlung über den obersächsischen Bergbau an und datieren es um 1500.

      ad Eisenachem:
      Hellgravenhof, Georgenstraße 45.
      Wikipedia schreibt hiezu:
      Im Erdgeschoss befindet sich auch der sogenannte Saal mit einem äußerst wertvollen, dekorativen Sterngewölbe aus dem 18. Jahrhundert.

      de.wikipedia.org/wiki/Hellgrevenhof

      Offenbar sorgt diese exotische Wölbungsart bei den lokalen Wikischreibern für Verwirrung.
      M+O Rada:
      Neben dem Flur liegt ein Raum mit einem ZG, das auf Mauerpfeilern ruht. Es erstreckt sich über 3 Joche, sein reiches Muster besteht aus 3 8strahligen Sternen, zwischen die 2 kleinere 10strahlige Sterne eingefügt sind. Die reiche ornamentale Gestaltung des Musters, die flach gebusten Kappen und die Zierlichkeit der Ausbildung lassen auf eine späte Ausführung, frühestens um 1550 schließen.

      (Das Buch von den ZG, Jalna-Verlag, Prag 2001)
      Klingt sehr interessant. Bilder hab ich leider keine, vielleicht kannst mal hinfahren und es abknipsen?

      Daneben gibt es in Eisenach noch ein schlichtes historisierendes ZG im Gasthof unter der Wartburg um 1900.
      ... dass jeder troglodytischen Lebensart, beruht sie nur fest in sich selbst, etwas schlechthin faszinierendes eignet, überhaupt für solche, die einen Ansatz dazu schon besitzen und mitbringen, der dann nur noch einer gewissen Entwicklung bedarf. (HvD)
    • Wahrscheinlich besonders schmerzlich für den christlichen Karpathiker, aber ganz besondere "Zellengewölbe" finden sich (bereits) in der islamischen Baukunst.
      Die gefallen mir sogar recht gut in ihrer farbernfrohen, ausgefallenen Gestaltung...

      Die alte Wazir-Khan-Moschee in Lahore, Pakistan:

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      Schön ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt.
      (Immanuel Kant)
    • Nu, Palantir, immer nur Geduld, auf das wär ich schon zu sprechen gekommen, über Anklänge in anderen Kulturen bzw neuer Strömungen. Meine Darstellung wird eine umfassende. Was dich betrifft, so hätte ich eher gehofft, du würdest wo ein Hellgravenhofisches Bild ausgraben.
      ... dass jeder troglodytischen Lebensart, beruht sie nur fest in sich selbst, etwas schlechthin faszinierendes eignet, überhaupt für solche, die einen Ansatz dazu schon besitzen und mitbringen, der dann nur noch einer gewissen Entwicklung bedarf. (HvD)
    • Innenaufnahmen vom Hellgrevenhof scheint es im Internet nicht zu geben. Eine Aufnahme aus der Bibliothek habe ich gefunden eisenachonline.de/scr/picturenew.php?id=6118633 , dabei könnte es sich um den Saal im Erdgeschoss handeln, aber man erkennt fast nichts vom Gewölbe. Von außen habe ich einige Bilder, aber wenn ich mal nach Eisenach komme werde ich versuchen Innenaufnahmen zu machen.

      Im Dehio Thüringen steht dazu folgendes: "Im 18. Jh. (inschriftlich 1741/42 dat. Bauphase) Einbau eines dreijochigen Sterngewölbes im Erdgeschoßsaal, ähnlich wie ehem. im Schloß von Farnroda."

      Das Schloss Farnorda bzw. dessen Reste wurden 1997 abgerissen.

      Kaminzimmer im Hotel auf der Wartburg (gebaut 1912-14): kern-energie.com/blog/wp-conte…-wartburg-kaminzimmer.jpg