Protestaktion gegen Onlineshopping - Händler kleben Schaufenster zu

  • Na ja, wenn ich mich mal an die Vor-Internetzeiten zurückerinnere, wo man in vielen Läden als kleiner Bittsteller behandelt wurde und Mondpreise zahlen durfte, hält sich meine Anteilnahme doch sehr in Grenzen. Und ein halbes Jahr auf Fachliteratur aus den USA (damals noch mit Vorkasse in unserer Universitätsbuchhandlung!) möchte ich auch nicht mehr warten müssen...

  • Für den reinen Einzelhandel sehe ich in Zukunft auch keine Chance gegen das Internet. Das bessere ist der Feind des Guten! Wenn ich mich an früher erinnere, wo man bei Interesse an einem Produkt erstmal in die nächstgelegene Fußgängerzone / Einkaufszentrum gegangen ist und dort geschaut hat. Wenn es das da nicht gab, nahm man die weite Anfahrt zur Mönckebergstraße / Spitalerstraße auf sich (Ich bin aus Hamburg). Und wenn es da auch nicht zu kaufen war, hatte man eben Pech gehabt.
    Heute ist alles jederzeit verfügbar, notfalls kauft man online im Ausland. Das ist schon ein Fortschritt gegenüber früher. Das klassische Kaufhaus wie Karstadt oder Hertie liegt in den letzten Zügen bzw. ist schon gestorben. Mediamärkte sind die nächsten....


    Ist nicht schade drum: Letztlich waren das nur schön dekorierte Warenlager kombiniert mit einer Beratungsleistung, die man auch selber nach kurzer Einweisung (1-2 Tage) hätte erbringen können.


    Die Zukunft für die Ladenflächen liegt in solchen Betrieben, die die Ware mit einer Beratungsleistung kombinieren, die nicht-trivial ist oder für die es einfach Talent braucht, was man eben hat oder nicht hat.

  • Auf die Frage "Und was machen wir mit den ganzen Arbeitslosen?" versuchte Gunter Dueck schon eine - wenngleich für mich noch nicht richtig befriedigende - Antwort zu geben...
    https://www.youtube.com/watch?v=T01_KYOjFKA


    Die hier interessierende Frage wäre: Und was machen wir mit den ganzen Innenstädten?

  • Die hier interessierende Frage wäre: Und was machen wir mit den ganzen Innenstädten?

    Wirklich eine gute Frage. Innenstädte sind bedroht von Einkaufszentren und vom Online-Shopping. Was dann aus ihnen werden kann, ist in Neuss schon seit Jahren zu beobachten. Neben dem Kaufhof gibt es fast nur noch Selbstbedienungsbäckereien, Handy-Läden oder 1-Euro-Shops. Einige wenige Modegeschäfte gibt es noch. Aber wer weiss wie lange noch?

  • Auf die Frage "Und was machen wir mit den ganzen Arbeitslosen?" versuchte Gunter Dueck schon eine - wenngleich für mich noch nicht richtig befriedigende - Antwort zu geben...
    https://www.youtube.com/watch?v=T01_KYOjFKA


    Die hier interessierende Frage wäre: Und was machen wir mit den ganzen Innenstädten?


    Das regelt der Markt. Die Erdgeschosse wird man in Zunkunft sicher nicht zu Wohnzwecken umnutzen können, denn dann könnten die Passanten den Bewohnern ständig ins Zimmer gucken. Also wird es da auch weiterhin irgendeine Art Gewerbe geben müssen! Ein Gewerbe, das nicht mehr nur darin besteht, ein begrenztes Sortiment mit einer begrenzten Beratungsleistung zu kombinieren. Das kann das Internet besser.


    Also Handwerk, Gastronomie und nicht-triviale Beratungsleistungen sowie alles, für das man neben einer Ausbildung auch noch ein Talent braucht, das nicht so einfach durchs Internet ersetzt werden kann.


    Dafür müssen aber die Ladenmieten runter, sonst rechnet es sich nicht.
    Leerstand aber rechnet sich noch schlechter als gesenkte Ladenmieten.

  • Du meinst also, ganze Innenstadtareale werden künftig mit vor sich hinwerkelnden (Kunst-)Handwerkbetrieben gefüllt werden? Es ist ja wohl keine Großschreinerei oder ein Schlachtbetrieb gemeint, wenn Leute darüber wohnen sollen. Und noch mehr Gastronomiemeilen? Also ganze Städte faktisch eine Art großes Touristenareal mit Bars, Restaurants und Nippesläden? Und wer soll dann diese gastronomischen Angebote und handwerklichen Produkte mit seiner Kaufkraft am Leben halten? Die Packer bei Amazon?


    Wohl gemerkt, einfach wird das nicht. Doch alle Verwerfungen einmal ausgeblendet, es wurde schon richtig bemerkt: "Das regelt der Markt."

  • Ich denke da an "mein" Einkaufsquartier, die Hamburger Osterstraße mitsamt den Seitenstraßen. Ein paar typische Kettenläden gibts hier auch, aber das meiste entspricht dem, was ich weiter oben genannt habe. Mit Handwerk meine ich nicht das typische Kunsthandwerk oder Nippes, sondern z.B. eine Polsterei oder einen PC-Laden mit angeschlossener, eigener Werkstatt (D.h. die reparieren vor Ort und schicken nicht ein)

  • " Das regelt der Markt"– So wirds kommen. Die Innenstädte, vorallem der finanziell schwächeren Städte, werden weiter verramscht werden. Ich kenn das aus eigener Erfahrung hier bei uns. Frankenthal und Ludwigshafen sind für mich schon NoGo-Aereas. Warum sollte ich da auch hin? Billig, Bäcker, Telefonie, Wettbüros und Döner und Gemüseläden. Und das en masse. Man muss nicht rechs sein um da an Geldwäsche zu denken wenn auf 500 Metern 10 Dönerläden kommen. Gut, um die meisten Innenstädte ists in Deutschland nicht wirklich schade. Städte wie Freiburg, Wiesbaden, München oder Hamburg, werden nach wie vor funktionieren. Aber was ist mit Gelsenkirchen, Bochum, Kaiserslautern, Pforzheim, Offenbach etc., die das Gros der deutschen Innenstädte ausmachen?
    Dazu kommen selbst in Frankenthal hohe Parkgebüren, da geh auch ich lieber gleich auf die grüne Wiese und bei den Preisen macht das zwischendurch mal ins Café setzen auch keinen Spaß mehr.

    Der deutsche Pfad der Tugend ist immer noch der Dienstweg.

  • Ich sehe kein Problem darin, wenn diverse Erdgeschosszonen auch in Wohn- oder Büroräume umgewandelt werden. Die Fenster kann man ja mit einer lichtdurchlässigen Folie o.ä. versehen, damit einem nicht jeder auf'n Teller glotzt, nach draußen geguckt wird dann eben hinten raus. ;)


    In Stralsund etwa ist das sehr häufig zu sehen.


    Letztlich ist es ein Bereinigungs- und Anpassungsprozess. Heute gibt es ja auch so gut wie keine Schmiede o.ä. in unseren Innenstädten mehr; da sieht die Mehrheit wohl auch keinen Verlust.


    Dass sich das Stadtleben dadurch verändert, ist allerdings nicht zu bestreiten. Es muss jedoch nicht negativ sein.

  • Dass sich das Stadtleben dadurch verändert, ist allerdings nicht zu bestreiten. Es muss jedoch nicht negativ sein.


    Solange es sich um eine "schöne" Innenstadt handelt sehe ich das genauso. Durch weniger Kundenverkehr und die damit verbundene Beruhigung, wird die Straße auch für Wohnzwecke interessanter. Dadurch kann es auch Chancen für Kleingastronomie oder Läden des täglichen Bedarfs geben. In den von mir vorher angesprochenen unattraktiveren und unattraktiven Städten sieht die Sache natürlich anders aus. Grund für den Rückzug hochwertiger Geschäfte sind allerdings nicht nur die Mieten, sondern auch eine sich ändernde Sozialstruktur. Die Läden passen sich ihrer Kundschaft an. In Ludwigshafen kann man das sehr gut sehen. Die dortige Bismarckstraße war bis in die späten Achtziger eine ganz normale Einkaufsstraße. Heute hat sich das Erscheinungsbild stark gewandelt so wie das Publikum. Kamen früher die "Damen" aus den wohlhabenden Vororten zum Einkaufen und Nachmittagskaffee in die Stadt, so prägen heute die 3 As das Stadtbild: Arme, Ausländer, Asoziale.
    Sorry klingt jetzt hart, aber die angrenzenden Stadtviertel sind fast nur noch von dieser Klientel bewohnt, wer es sich leisten kann zieht weg.
    In Mannheim auf der anderen Rheinseite ist die Situation noch nicht ganz so schlimm, aber auch hier dringen Ramsch und die 3 As immer weiter vor. Mit der dortigen Breiten Straße verhält es sich schon wie mit der Bismarckstraße.

    Der deutsche Pfad der Tugend ist immer noch der Dienstweg.

  • Das ist natürlich ein knallharter, aber auch heilsamer Ausleseprozess. Wenn die Bevölkerung nicht mehr genötigt ist, durch primitiv gestaltete Fußgängerzonen zu hasten, um Fachgeschäfte abzuklappern, dann werden die unansehnlichen Einkaufsstraßen veröden und die attraktiven Boulervards sich zu Zentren der Freizeitgeselligkeit, des Restaurantbesuchs und des Stadterlebens weiterentwickeln, dann wierden schließlich auch dem letzten Stadtrat und dem routiniertesten Planer endlich die Augen geöffnet für die wahren Qualitäten der Stadt, an denen sich ihre Zukunft entscheidet. Bisher wurden die Deutschen nicht gefragt, ob ihre Städte ihnen behagen; sie waren einfach dazu verdammt, wenigstens zweimal wöchentlich ihre Einkaufsstraßen zu frequentieren und möglichst jeden Blick auf die architektonischen Nichtigkeiten oberhalb der Schaufenster zu vermeiden. Jetzt endlich findet in zunehmendem Maße eine Abstimmung mit den Füßen statt, vor der schließlich der verborteste modernistische Planer kapitulieren muss. Freuen wir uns also auf die erzwungene Wiedergeburt wahrer Stadtkultur.

  • Immerhin gibt es in Ludwigshafen mit der Rhein-Galerie, dem Tialini (dem Pilotprojekt einer neuen Pizza-Kette gleich daneben - dafür wurde eigens ein neues Gebäude errichtet) und dem deutlich aufgewerteten Rheinufer auch Projekte, mit denen die Innenstadt aufgewertet wird. Wirklich schön fand ich Ludwigshafen aber auch schon 1990 nicht, als ich zum ersten Mal dort war...


    Hier einige Impressionen: Rheinufer und Mannheim und Ludwighafen

  • Kamen früher die "Damen" aus den wohlhabenden Vororten zum Einkaufen und Nachmittagskaffee in die Stadt, so prägen heute die 3 As das Stadtbild: Arme, Ausländer, Asoziale.

    Die sog. A-Bevölkerung, ein Begriff, der unter Stadtplanern immer mehr zum alltäglichen Vokabular gehören wird, besteht nicht nur aus drei A's, sondern aus wenigstens sieben:


    Arme, Alte, Arbeitslose, Ausländer, Asylbewerber, Asoziale und Almosenempfänger


    Zur B-Bevölkerung zählen wenigstens vier B's.


    Beamte, Besitzende, Betuchte, Besserverdienende.


    Es ist schon deprimierend, dass die "moderne" Stadtbaukultur, die vor neunzig Jahren mit einem so hochfahrenden sozialen Anspruch angetreten ist, mittlerweile nichts weiter leistet als die das Auseinanderklaffen der Schichten zumindest einfach abzubilden, wenn nicht gar zu vertiefen und zu
    zementieren.

  • Immerhin gibt es in Ludwigshafen mit der Rhein-Galerie, dem Tialini (dem Pilotprojekt einer neuen Pizza-Kette gleich daneben - dafür wurde eigens ein neues Gebäude errichtet) und dem deutlich aufgewerteten Rheinufer auch Projekte, mit denen die Innenstadt aufgewertet wird.

    Die RG hat die Innenstadt mitnichten aufgewertet, vielmehr auf der ehemaligen Industriebrache eine "schicke" Insel geschaffen. Wer da hingeht, lässt alles andere links liegen. War bisher einmal dort, muss auch nimmer hin. Die Probleme der Stadt haben inzwischen in Form "südlicher" Gangs, die drinnen und davor herumlungern und Kunden und Passanten anpöbeln auf die heile Shoppingwelt übergegriffen. So nachzulesen in der "Rheinpfalz" vor ein paar Monaten. Man geht dagegen vor...

    Der deutsche Pfad der Tugend ist immer noch der Dienstweg.

  • So negativ würde ich das jetzt auch nicht sehen, ich war zwar erst dreimal dort, fand das Ambiente und Umfeld aber ziemlich angenehm - vor allem wurde das gesamte Ufer deutlich aufgewertet, und die nahe Fußgängerzone profitiert irgendwie sicherlich auch davon - wobei dort aber wirklich Billig-Gastronomie vorherrscht.

  • die nahe Fußgängerzone profitiert irgendwie sicherlich auch davon

    Da muss ich dir wiedersprechen. Da wollte schon vorher keiner mehr hin. Gastro gibts zuhauf in der RG. Das einzig positive an dem Ding ist, neben der Aufwertung des Rheinufers, dass wieder Kaufkraft nach LU geholt wird, die früher nach Mannheim abwanderte. Die Stadt wird sich freuen über vermehrte Gewerbesteuer.

    Der deutsche Pfad der Tugend ist immer noch der Dienstweg.

  • "Noch bis zum Wochenende sind die Schaufenster der Läden von Kastellaun verpackt. Danach wird wohl so mancher im Hunsrückstädtchen seinen Schaufensterbummel mit ganz anderen Augen genießen als vorher." (DLF-Sendung)


    Das bleibt zu hoffen.


    In meinen Augen ist die Angelegenheit des Einkaufens nicht nur eine bloß technische, sondern im wahrsten Wortsinne immer auch eine kulturelle. Wie das Essen ja auch nicht nur bloße Nahrungszufuhr ist, sondern die Entstehung und die Herkunft der Zutaten mit beinhaltet.


    In dieser Weise will ich an den Beitrag Nr. 3 anknüpfen, der Zitatreihe von Oswald Metzger, die die Angelegenheit sehr trefflich auf den Punkt bringt: Meines Erachtens gab es zwei Technisierungsschübe im Verhältnis zum Einzelhandel. Der erste mit der Massenmotorisierung in den 1960er und 1970er Jahren, die Menschen Stadtflucht hat begehen lassen und die zu einer Konzentration des Einkaufs auf einmal wöchentlich geführt hat. Mit allen Nebenwirkungen bis hin zur H-Milch, H- ..., H- ..., die der Frische von Nahrungsmittel schon per se entgegensteht.


    Ein Teil der Einkaufenden hat sich ab der ersten Hälfte der 1980er Jahre von diesem Trend abgekoppelt und tut dies bis heute.


    Der 2. Technisierungsschub geht in der Tat einher mit dem Internet-Versandhandel und betrifft Produkte, die außerhalb des Nahrungsmittelbereichs liegen. Hier kommt es rein kulturell zu einer Ersetzung aller Sinne, die beim tatsächlichen Einkaufen walten durch einen einzigen davon, dem Sehsinn. Die Sache wird zwar überaus zweckmäßig und einfach, doch im wahrsten Wortsinn weitgehend sinnlos.


    Kurzum: Die Angelegenheit des Einkaufens dort, wo schon seit Beginn der Stadt der Kristallisationspunkt des Handels und Wandels war, hat weit mehr mit dem Walten bzw. Nichtwalten von Sinnen zu tun, als dass hier irgendeine Entwicklung "bloß über uns käme". Bei der Gestaltung von Häusern ebenso wie bei der Begegnung real existierender Menschen zum Zweck des Einkaufs.

  • Ich frage mich, was die Aufregung soll? Es verbietet doch niemand, dem kleinen Händler seine Waren auch über das Internet anzubieten? Für die Einkaufszentren dürfte es dagegen die bittere Pille sein, wenn sie ihre Gewerbeflächen nicht mehr vermietet kriegen - da hält sich mein Mitleid allerdings arg in Grenzen.

    Diejenigen, die entscheiden, sind nicht gewählt, und diejenigen, die gewählt werden, haben nichts zu entscheiden.

    Horst Seehofer

  • Das Problem an der ganzen Sache ist doch auch, dass die Innenstädte immer unattraktiver werden. Überall nur noch die gleichen Ketten, die sich die horrenden Mieten leisten können, Parkgebühren jenseits von gut und böse, und das sogar abends nach 19 Uhr. Das trifft sicher vermehrt auf die Großstädte zu, in den Kleinstädten wie Kastelaun liegt das Problem weniger an den von mir genannten Problemen. Ob hier wirklich der Internethandel das Hauptproblem ist, oder auch manchmal überzogene Erwartungen der Inhaber was die Rentabilität ihres Geschäftes anbelangt, mag ich nicht zu beurteilen. Den Otto-Katalog und Einkaufszentren auf der grünen Wiese gibts schließlich schon Jahrzehnte.

    Der deutsche Pfad der Tugend ist immer noch der Dienstweg.

  • Das ist sicherlich richtig - dazu kommen noch immer höhere Anforderungen an den Brandschutz und die Gebäudesicherheit, die kleine inhabergeführte Läden offensichtlich nicht mehr leisten können (jedenfalls stand vor kurzem ein entsprechender Artikel in einer Stuttgarter Zeitung).


    Die Ladenbesitzer müßten halt ein Angebot zusammenstellen, das nicht ohne weiteres im Internet zu bestellen ist, und dazu wirklich qualifiziert beraten. Genau dasselbe anbieten wie die großen Ketten, nur zu höherem Preis, wird wohl kaum funktionieren...