Lübeck - Neubauten im Gründerviertel

  • Tobias_HH: zu der Fensterteilung, da braucht man keine Sorgen zu haben, denke ich. Die Fenster liegen doch ganz oft in einer anderen Ebene als der Rest der Fassade, und bei einem Gründerzeitler wirkt es trotzdem völlig logisch, dass die Fensterteilung genauso mittig und symmetrisch ist wie die Verzierung mit dem Giebel um das Fenster herum, die 40 cm weiter vorne liegt.

  • Lieber Tobias HH,

    es geht doch nicht darum dich oder dein Haus schlecht zu machen. Es ist doch eine tolle Sache, dass sich viele Foristen für dein Haus interessieren und es noch besser machen möchten. Natürlich kann so etwas unangenehm sein, wenn man von seinem Entwurf überzeugt ist. Aber sieh es doch einmal so. Du bekommst hier kostenfrei Tips von Menschen deren Leidenschaft es ist, sich mit alten oder historisierenden Häusern zu beschäftigen. Diese Menschen haben ein besonders Gefühl für Ästhetik und du könntest davon profitieren....

    Ich wünsche dir viel Erfolg bei deinem Bauprojekt!

    Besten Gruß

  • Als kleines Ostergeschenk haben wir am Samstag die Baugenehmigung für die Alfstraße 25 erhalten. Genau 2 Monate nach Einreichung aller Bauunterlagen. Ganz herzlichen Dank an das Lübecker Bauamt für die ausgesprochen schnelle Bearbeitung (und an meinen Architekten für die tollen Pläne). Jetzt kann es losgehen mit der Ausführungsplanung!


    Tobias_HH

  • Muss sagen, herzlichen Glückwunsch! Es ist die einzige Fassade in dieser Flucht, die es mit dem gotischen Vorgänger wenigstens aufzunehmen versucht. Man stelle sich die Wirkung mehrerer aufeinanderfolgender Fassanden in dieser Art vor. Sie würde sich übrigens sogar innerhalb der Originalabfolge gut ausnehmen... Gut, man wird ja noch träumen dürfen.

    Jedenfalls ein sehr ambitioniertes und gelungenes Unterfangen.

    An der Fassade selbst finde ich nichts herumzumeckern, was ich andernfalls auch keineswegs unterlassen würde. Auch das gefaltete UG gefällt mir in seinem Anklang an den tschechischen Kubismus. Auch der erste Entwurf war hübsch, schade, dass der nicht an anderer Stelle verwirklicht wird.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • die tollen Pläne

    Naja, ich lasse mich dann mal überraschen. Der überarbeitete Entwurf ist ja immerhin deutlich besser als der erste. Ich bleibe aber zumindest bei der Meinung, dass das Fehlen des dritten Fensters in der unteren Dachgeschossreihe der Fassade schadet. Ja, ich weiß mittlerweile, da ist eine Wand. Aber dann hätte man die eben etwas anders planen müssen.

    gotischen Vorgänger

    Genau genommen stammte das Vorgängerhaus Alfstraße 25 aus der (frühen) Renaissance. Nr. 27 dagegen war gotisch.

    Lûbeke, aller Stêden schône, van rîken Êren dragestu de Krône. (Johann Broling, Lübecker Kaufmann und Ratsherr, um 1450)

  • Ja, stimmt. Eigentlich war kein gotisches Element mehr da.

    Widerspruch hingegen, was das "Fehlen" des 3. Fensters betrifft. Ein solches würde mE die aufwärtsstrebende Wirkung und damit den gotischen Charakter beeinträchtigen. Das fehlende Fenster wird eine Etage höher und umso wirkungsvoller nachgeholt.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Mit "toll" war hier erst einmal die Vollständigkeit und Prüfbarkeit im Baugenehmigungsprozess gemeint. Und das ist nun mal eine reife Leistung, wie jeder bestätigen kann, der sowas schon mal eingereicht hat.


    Gibt es mal wieder Fotos von Dir Frank - oder muss ich selber hochfahren... :smile:

  • Fotos vom 19.4.2020


    Na gut - wenn ich schon darum gebeten werde, kommt hier eine Not- bzw. "Corona-Edition" :wink: mit Fotos von heute zur Überbrückung bis die Zeiten wieder besser werden. Da ich seit Mitte März nur einmal die Woche zum Einkaufen vor die Tür gehe, war ich folglich seitdem leider nicht mehr im Gründungsviertel.


    Ich habe daher einen Freund, der mittlerweile in der Fischstraße wohnt, gebeten, mir ein paar Fotos zu machen. Da aber auch er nicht unnötig aus dem Haus gehen möchte, kommen hier ein paar Bilder aus ungewöhnlicher, aber nicht minder interessanter Perspektive. Er hat mir die Erlaubnis gegeben, die Fotos hier zu posten. Die Bautätigkeiten gingen trotz der Kontaktbeschränkungen weiter, so dass auf den Fotos einige Fortschritte im Vergleich zu meinen letzten Fotos zu sehen sind.


    Abb.1: Braunstraße 14, Rückseite. Die Wände des 2. OGs stehen mittlerweile. Offenbar wird dieses doch ein Vollgeschoss - entgegen meiner Vermutung vom letzten Mal. Das ist erfreulich, da so der Höhenversprung zum historischen Nachbarhaus minimiert wird, auch wenn es aufgrund des kleinen Grundrisses inwzischen etwas turmartig wirkt.



    Abb.2: Alfstraße 21 und 23, Rückseiten. Auch hier sind die Arbeiten z.T. im 2. OG angekommen.



    Abb.3: Der Blick etwas nach links geschwenkt: Fischstraße 24, eines der größten Häuser des Viertels, ist mittlerweile im EG rohbaufertig. Es handelt sich hier ja um einen Erinnerungsbau, der dem historischen Haus - mit einigen Veränderungen - nachempfunden ist. Man darf sehr gespannt sein, wie es wirken wird. Dahinter die Rückseite des fast fertigen Hauses Gerade Querstraße 3.



    Abb.4: Wieder etwas nach links geschwenkt: Der untere Teil der Fischstraße, ab den Querstraßen als Baustraße gesperrt.



    Abb.5: Und der Blick nochmals etwas weiter nach links (aus zwei Fotos zusammengesetzt): Die Baugrube des Investorengrundstücks an der Einhäuschen Querstraße zwischen Braun- und Fischstraße. Das ganze geht da momentan elendig langsam voran. Man hebt das zweite Untergeschoss offenbar mit einem Minibagger aus, da ein großer zwischen bzw. unter den Hydraulikzylindern nicht arbeiten kann. Für nicht einmal die Hälfte hat man jetzt ca. 3 Monate gebraucht - das kann also noch dauern, bevor überhaupt mit dem Bau begonnen werden kann... :kopfschuetteln:

    Unten rechts sieht man die Kellerwände des Hauses Fischstraße 21, dessen Bau inzwischen begonnen hat. Auch die Sohlplatte von Nr. 19 wurde freigelegt, aber soweit ich weiß, ist dort leider noch keine Bautätigkeit zu beobachten.


    So, das war´s erstmal. Bleibt alle gesund!

    Lûbeke, aller Stêden schône, van rîken Êren dragestu de Krône. (Johann Broling, Lübecker Kaufmann und Ratsherr, um 1450)

  • Schade, sieht nicht nach einer monolithischen Fassade aus sondern nach Beton oder KS mit mineralischer Dämmung. Brrrr....

    „Kreativität entsteht nicht durch Überfluß sondern durch Mangel.“
    Richard David Precht

  • Wo Konstantindegeer mineralische Dämmung sieht, ist mir schleierhaft. Auf der Decke stehen Ytongsteine und Kalksandsteine. Das spricht für eine gemischte Konstruktion. Keiner kann vom Luftbild auf die Steindicken sehen, aber wenn ich schon gemischt baue, dass würde ich die hochdämmenden Steine in der Fassade nehmen (die dann monolithisch wird) und die statisch höher belastbaren innen. Aber das ist natürlich Ansichtssache...


    An den Straßenfassaden ist laut Bebauungsplan ein WDVS nicht zulässig, die Seiten sind geschlossen angebaut (=ohne Dämmung). Die einzige Wand, die man als Bauherr mit einem Wärmedämmverbundsystem versehen darf ist die Rückwand.


    Und hier kann ich als Investor sagen, dass man da leider kaum drumrumkommt, wenn man einen vernünftigen Wärmeschutz (KFW-Haus) haben will. Der vom örtlichen Blockheizkraftwerk angelieferte FP-Wert (also der Primärenergiefaktor) ist leider so schlecht (und nicht veränderbar), dass man an anderen Stellen Kopfstände machen muss, um die Energiewerte wieder einzufangen. Ich hätte viel lieber eine monolitische Wand gehabt, aber es geht nicht, da ich mich ans Blockheizkraftwerk anschließen muss.


    Auch noch angemerkt sei, dass alle monolitischen Wandkonstruktionen größere Probleme beim inneren Schallschutz mit sich bringen, wenn Wohnungstrennwände eingebunden werden müssen.


    Tobias_HH

  • Das wäre ja schön, wenn es eine monolithische Fassade gibt und auf eine Polysterol- oder Mineralischer Dämmung verzichtet wird. Wenn das im B-Plan steht - umso besser.


    Daß die EnEv eingehalten werden muß ist klar (über deren Sinnhaftigkeit in allen Teilen kann man lange diskutieren, ist aber die Rechtslage), aber das ist monolithisch auch möglich. Ich wette einen Besen, daß die KS/Ytongsteine 36,5 am sind. Da muß dann entweder ein Wärmedämmputz drauf oder eine Innendämmung, um die EnEv einzuhalten.


    Sich auf der Rückseite ein WDVS zuzulegen ist wirtschaftlicher und ökologischer Unsinn. Ggf. hätte man die Wand stärker wählen müssen - dann geht das auch monolithisch.


    Der Anschlußzwang an das BHKW ergibt sich durch den Verkäufer, die Stadt?


    Der innere Schallschutz ist doch bei EFH überbewertet und auch sonst halte ich die Zielwerte für völlig überzogen. Aber das kommt ja auf die Decken und die Fußböden an und an die Präzision der Verarbeitung.


    Auf dem ersten Bild aber sieht die Konstruktion so aus als wäre sie komplett aus Beton. Wie will man denn auf dem Beton den Wärmeschutz darstellen?

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    Richard David Precht

  • Fotos vom 5.5.2020 - Teil 1


    Heute kommen nach längerer Zeit mal wieder ein paar eigene Bilder von mir. Bin dann gestern doch mal wieder durchgegangen.

    Los geht´s mit Braun- und Alfstraße:



    Abb.1: Braunstraße 14, ist jetzt bis auf das Dach im Rohbau fertig. Macht - insbesondere in Verbindung mit der historischen Nachbarbebauung - einen gut passenden Eindruck. Das sollte ein harmonischer Übergang zu den Neubauten werden.



    Abb.2: Nochmal Braunstraße 14 in die anderen Richtung gesehen.



    Abb.3: Alfstraße 21 und 23. Beim sehr großen Haus Nr. 21 ist inzwischen das 1. OG fertig, bei Nr. 23 sogar schon das 2. OG und damit dort die Traufhöhe erreicht. Während Nr. 21 erfreulicherweise einen Treppengiebel bekommen soll, wird es bei Nr. 23 leider wieder nur das in dieser Straße fast obligatorische und langweilige Dreieck geben.



    Abb.4: Alfstraße 23 im Detail



    Abb.5: Alfstraße 21 im Detail



    Abb.6: Südseite der Alfstraße mit den beiden "neuen" Häusern Nr. 21 und 23.


    Alle Fotos von mir

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  • Fotos vom 5.5.2020 - Teil 2


    Hier der zweite Teil mit Gerader Querstraße und Fischstraße:


    Abb.1: Gerade Questraße 3. Das Haus zeigt sich seit ein paar Tagen ohne Gerüst. Wie ich finde, ganz gut geworden. Fast genause sehen die historischen Kleinhäuser in den Querstraßen auch aus. Natürlich nicht ganz so neu. An der Brandmauer hat man schon die Kontur des Hinterhauses von Alfstraße 31 ausgespart. Bin gespannt, ob es genau passt, wenn es denn irgendwann mal kommt.



    Abb.2: Gerade Querstraße 3 etwas näher



    Abb.3: Gerade Querstraße 3, oberer Teil im Detail. Die Einkerbungen der Fassade als moderne Zutat stören mich nicht wie ich erst befürchtet hatte. Allerdings hätte der Zwerchgiebel einen kräftigeren oberen Abschluss vertragen können. Er sieht so abgeschnitten aus und läuft ins Leere.



    Abb.4: Gerade Querstraße 3, unterer Teil im Detail. Das große Fenster hätte gerne auch im rechten Bereich geteilt sein dürfen.



    Abb. 5: Durchblick durch die Gerade Querstraße. Hier wird die zukünftige Breite deutlich und auch deren Unterschied vom neuen Teil im Vordergrund zum alten hinten zwischen den historischen Häusern.



    Abb.6: Fischstraße 16. Der Hintergiebel ist fertig. Ich hoffe, dass in Kürze auch an der Straße endlich das Gerüst fällt. Wohltuend ist hier, dass der rückseitige Giebel ganz ohne modernen Schnickschnack wie Loggien, wilde Fensterversprünge/-formate und Eintiefungen in der Fassade auskommt und so in der Tradition der historischen Rückseitengiebel steht! :thumbup:



    Abb.7: Fischstraße 24. Bei diesem großen Haus ist das 1. OG inzwischen fast fertig.



    Abb.8: Zum Abschluss noch ein Gesamtblick auf die Fischtraße



    Weitere Infos zum Baustand:

    In der Fischstraße tut sich inzwischen eine ganze Menge. Zusätzlich zu den auf den Fotos zu sehenden oberirdischen Fortschritten sind jetzt bei folgenden Häusern Bautätigkeiten zu beobachten:

    Fischstraße 18: Nach wohl einem Jahr Pause wurde jetzt der Keller fertiggestellt

    Fischstraße 19: Heute wurden die Kellerwände gestellt.

    Fischstraße 20: Ganz aktuell wird die Bodenplatte freigelegt, sollte dort also auch losgehen

    Fischstraße 21: Der Keller ist fast fertig.

    Fischstraße 28: Es wird am Keller gearbeitet



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    Lûbeke, aller Stêden schône, van rîken Êren dragestu de Krône. (Johann Broling, Lübecker Kaufmann und Ratsherr, um 1450)

  • Nach über einem Jahr Pause möchte ich die tollen Beiträge von Frank zum Anlass nehmen, mich zumindest mal kurz zurück zu melden. Gerade dieser Strang hat mir immer besondere Freude bereitet, besonders wegen der tollen Zusammenstellung der Straßenabwicklung, die von Frank regelmäßig aktualisiert wurde und sich wie ein Puzzle langsam zusammengefügt hat.


    Leider muss ich sagen, dass die Visus mehr versprochen haben, als das, was man dort jetzt real zu Gesicht bekommt. Ich muss sagen, dass man vielleicht eine zu große Erwartungshaltung hatte und vielleicht zu sehr mit den Bildern der Wiederaufbauprojekte von Dresden, Potsdam oder Frankfurt und den damit verbundenen Erwartungen an dieses Quartier herangegangen ist.


    Lübeck steht hier in einem besonderen Spannungsverhältnis. Es ist weder ein schnödes Neubauquartier wie beispielsweise der völlig verkorkste Postplatz in Dresden, es ist aber auch keine Frankfurter Altstadt. Irgendwie hängt das Projekt so dazwischen, was meiner Meinung nach dazu führen könnte, dass weder Modernisten noch Traditionalisten damit zufrieden sein werden.


    Wenn ich die fertiggestellten Neubauten so sehe, so ist es eine Ansammlung von dem, was man in Dresden Füllbauten nennt. Zugegeben, mit deutlich höhere Qualität als in Dresden, aber nicht wirklich besser als jene in Frankfurt. Das Problem ist aber jetzt, dass in Lübeck die Highlights fehlen, jene Diamanten, denen die Füllbauten in den anderen Beispielen ihre Rahmung geben. Auf mich wirkt das alles reichlich steril und irgendwie leblos. Dies mag aktuell daran liegen, dass im Moment eher die Bauten fertiggestellt wurde, die aus der frühen Planungsphase stammen, wo man mit der Variationsbreite noch deutlich enger war, aber mich überzeugt bislang die Qualität der Einzelbauten leider nicht.


    Die große Stärke des Lübecker Beispiels wird später hoffentlich in der Ensemblewirkung liegen, in der Stadtreparatur als Ganzes. Es zeigt sich aus meiner Sicht aber auch, dass es ein Fehler war, nicht eine gewisse Anzahl an Rekos festzulegen. Dies war mir schon damals unverständich, weil sich viele Häuser für eine Fassadenreko angeboten hätten, weil anders als z.B. bei Fachwerkbauten die Struktur der Fassade auch heutigen Wohnanforderungen gut entsprochen hätte. Zudem hätte es jene geschichtliche und architektonische Qualiät ins Quartier gebracht, die meiner Meinung nach aktuell leider fehlt.


    Am Ende hoffe ich, dass mit dem Bau der deutlich stärkeren, späteren Entwürfe sich auch die individuelle Gestaltungsqualität noch anheben lässt. Ansonsten bleibt ein gemischtes Stimmungsbild!

    APH - am Puls der Zeit

  • Apollo: Rekos oder quasi Reko Bauten besitzen mehr Austrahlung und Anziehungskraft. Schau mal nach Frankfurt und Dresden: ohne (ein bisschen zu schöne) Rekos wäre es kein Erfolg gewesen. Warum wurde in der Fall von Lübeck nicht eine gewisse Anzahl an Rekos festgelegt?

  • Als die Planungen vor über 10 Jahren begannen, durfte man an das böse "R-Wort" in Lübeck noch nicht einmal denken.

    Es wurde seinerzeit ein sogenanntes "Expertengremium" einberufen, das über das Aussehen des neuen Viertels beraten und Leitlinien festlegen sollte, die dann in den Bebauungsplan mündeten. Dieses Gremium bestand neben Vertreten der Stadt vorwiegend aus Architekten und Stadtplanern, was einerseits logisch ist, aber womit man andererseits auch den Bock zum Gärtner machte. Es war dann zwar relativ schnell klar, dass man auf den historischen Parzellen und in historischer Kubatur bauen wollte, aber eben in modernem Aussehen. Immerhin hat der Vertreter der Bürgerinitiative Rettet Lübeck (BIRL) gegen Ende dem Gremium dann doch noch das Zugeständnis abringen können, dass Rekonstruktionen grundsätzlich erlaubt seien, ohne sich aber auf bestimmte Fassaden festzulegen. Im besten Fall hätte also das ganze Viertel rekonstruiert werden können.


    Als das Konzept dann stand, war ich bei einigen bzw. fast allen Info-Veranstaltungen der Stadt. Ich erinnere mich, dass in den Vorträgen des damaligen Bausenators Boden das Thema "Rekos" immer auffällig unter den Tisch gekehrt bzw. kaum bis nicht erwähnt wurde. Auch in schriftlichen Informationen musste man irgendwo unter ferner liefen danach suchen - wenn es überhaupt drinstand. Ich vermute daher, dass viele der potentiellen Bauherren das gar nicht wussten und gar nicht erst in Richtung Reko dachten. Zudem wollten viele das wohl auch gar nicht. Ich erinnere mich, dass auf öffentlichen Bürgerveranstaltungen von potentiellen Bau-Interessenten eher in eine ganz andere Richtung gehende Fragen gestellt wurden wie: "Warum sind keine Balkone erlaubt?". Ich glaube, einer wollte sogar eine Garage im Haus haben. Viele wollten hier einfach "Grüne-Wiese-Neubauten" in zentraler Lage. Die Geschichte des Ortes spielte kaum eine Rolle. Unglaublich! :kopfschuetteln:


    Ja, man hätte von vornherein ein Leitfassadenkonzept mit ein paar wichtigen Rekos wie in Dresden, Frankfurt und Potsdam beschließen sollen. Aber immerhin haben wir ja wenigstens eine und bekommen eine weitere, wenn alles klappt. Auch wenn das leider nicht die Fassaden sind, die oberste Priorität - wie Fischstraße 19 und 22 - hätten haben müssen. Dazu kommen noch zwei den Originalen nachempfundene Fassaden, jeweils eine und eine nebeneinander (Fischstraße 17/19 und 24/26).


    Mehr war nicht möglich - Lübeck hat leider keine GHND.

    Lûbeke, aller Stêden schône, van rîken Êren dragestu de Krône. (Johann Broling, Lübecker Kaufmann und Ratsherr, um 1450)

  • Die Zusammenfassung von Frank ist wohl eine realistische Darstellung. Ich persönlich bin auh gar nicht dagegen bei solchen Revitalisierngen auch mal etwas Neues auf historscher Parzelle zu bauen. Es muß dann aber an die Qualitäten der historischen Fassaden anschliessen.


    Mit fehlt zuvördert die Plastizität der Fassaden - da ist mir alles zu platt und die wenig reliefiert. Eigentlichen sehen gebaute Häuser immer besser aus als Renderings aber diese sind so gut geworden, das sie schon in vielem realitische Abbldungen erzeugen.

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    Richard David Precht

  • in eine ganz andere Richtung gehende Fragen gestellt wurden wie: "Warum sind keine Balkone erlaubt?". Ich glaube, einer wollte sogar eine Garage im Haus haben. Viele wollten hier einfach "Grüne-Wiese-Neubauten" in zentraler Lage. Die Geschichte des Ortes spielte kaum eine Rolle. Unglaublich! :kopfschuetteln:


    Ja, man hätte von vornherein ein Leitfassadenkonzept mit ein paar wichtigen Rekos wie in Dresden, Frankfurt und Potsdam beschließen sollen. Aber immerhin haben wir ja wenigstens eine und bekommen eine weitere, wenn alles klappt. Auch wenn das leider nicht die Fassaden sind, die oberste Priorität - wie Fischstraße 19 und 22 - hätten haben müssen. Dazu kommen noch zwei den Originalen nachempfundene Fassaden, jeweils eine und eine nebeneinander (Fischstraße 17/19 und 24/26).


    Mehr war nicht möglich - Lübeck hat leider keine GHND.

    Lieber frank1204, ich glaube Du sprichst hier sogar den eigentlichen Grund an, weshalb in HL das Thema Reko kaum hochkam! Da ich ja lange Zeit die Chance hatte in beiden Teilen Deutschlands wohnen zu dürfen, habe ich in meiner Zeit im Osten - und hier vor allem in Sachsen - ein viel ausgeprägteres Gespür für einen demokratischen Zugang als auch bürgerschaftliches Engagement generell wahrnehmen können. Es wird sicherlich einen Grund geben, weshalb die sogenannte "Rekonstruktionswelle" gerade von Dresden aus ihren Ursprung nahm (gefolgt von Potsdam...)! Die Ostdeutschen haben sich einen gesunden, kritischen Hausverstand erhalten können - immerhin haben die sich über eine fast 70 Jahre durchgehend andauernde Diktatur ihre wichtigsten Sinne nicht narkotisieren lassen und - bitte nicht persönlich nehmen - sind in genau solchen Angelegenheiten nicht etwas naiv und leichtgläubig wie die meisten Westdeutschen. Würde die Entscheidungsfindung über die Bebauung heute stattfinden, dann kämen die Lübecker an die "Erfolgsstories" aus Dresden, Potsdam und nun auch Frankfurt nicht umhin! Das Ergebnis ist aber trotzdem wunderschön geworden und ich verfolge diesen Strang sehr aufmerksam und gerne! Es hätte wirklich auch ganz anders werden können - so oder so!

    „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“ (Sir William Scott)

  • In Summe bin ich dennoch ganz zufrieden. Die schönsten Fassaden kommen erst, und das Ganze hat einen gewissen kühl-eleganten Stil. In Ab 5 sieht man deutlich die enorme Qualitätssteigerung gegenüber der armseligen Wiederaufbauzeit.

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