Elbing (Elbląg) - Wiederaufbau der Altstadt

  • Also, ich finde ja das neue Gebäude schöner als das alte mit seinem unpassenden Ladeneinbau. Ein weiteres Beispiel, daß man das mit der Orientierung am historischen Vorbild nicht so eng sehen sollte.

  • Quote from "Der Herzog"

    ich habe schon Fotos aus Elbing gesehen, eine richtige Reko ist das nicht eher postmodernes Phantasiebauen !


    "Postmodernes Phantasiebauen" is better than empty field.

  • Postmoderne Phantasiebauten hin oder her, ich wünschte, die Postmoderne hätte in der BRD so ausgesehen - das ist Stadtreparatur, wie sie bis heute kaum eine deutsche Stadt erlebt hat. Da kann man die Polen nur beglückwünschen.

  • Das oben gezeigte Eckhaus ist eine gute und genaue Rekonstruktion eines niederdeutschen Buergerhauses, wie das Bild aus dem Bildindex schon zeigt. Es erinnert z. B. an das Schabbellhaus in Wismar. Viele der in den letzten etwa zwanzig Jahren auf dem Gelaende der ehemaligen Elbinger Altstadt errichteten Haeuser sind aber Neuschoepfungen in einer stilistisch unbestimmten Stil, die den ehemaligen niederdeutschen Charakter der Stadt verleugnen. Man koennte diesen Stil postmodern nennen, mit gewissen Anlehnungen an den Art Nouveau. Am meisten erinnern mich diese Haeuser noch an den Stil des Wiederaufbaus nach dem 1. Weltkrieg in Belgien und Nordfrankreich. Z. B. spaete Art Nouveau in Saint-Quentin, Bethune, Courtrai.

    VBI DOLOR IBI VIGILES

  • Danke für den Tip, Palantir. Das muss mal eine tolle Stadt gewesen sein. Ich war im Frühjahr 2005 (oder 2006?) in Pommern und Westpreußen und habe u.a. in Elbing Halt gemacht. Ich fand das total irre. Der Vorkiegs-Innenstadt-Bereich um die Nikolai-Kirche bis zum Elbing-Fluss muss bis vor ein paar Jahren völlig unbebaut gewesen sein. Was die Polen dort aktuell bauen, finde ich respektabel, auch wenn es sich vom Original entfernt, das ja nun einmal untergegangen ist. Allerdings kann ich mich nicht entsinnen, bei meinem Besuch Bautätigkeit gesehen zu haben. Hat jemand Kenntnis, was in Elbing in den vergangenen Jahren passiert ist?
    Absolut erstaunlich fand ich eben die Tatsache, dass die Innenstadt von Elbing seit dem Krieg nicht bebaut wurde, das ist extrem ungewöhnlich, als hätte man die ganze Zeit den Master-Plan gehabt, die alte Bebauung zumindest zum Teil wieder aufzustellen (was ich mir allerdings nicht vorstellen kann). In jedem Fall war das ein riesiges Glück für die Stadt, deren Außenbereiche übrigens sehr begrenzten Charme aufweisen.
    In anderen neu-polnischen Städten war man weniger sensibel. In Kolberg ist Schinkels Rathaus von riesigen Plattenbauten umgeben, die man seinerzeit direkt in die Innenstadt gesetzt hat, in Köslin war das gleiche Bild, vielleicht nicht ganz so schlimm wie in Kolberg, wenn ich mich recht entsinne.

  • Quote

    Was die Polen dort aktuell bauen, finde ich respektabel, auch wenn es sich vom Original entfernt, das ja nun einmal untergegangen ist.


    Aber das ist nun einmal nicht der Ansatz dieses Forums. "Untergegangen" ist hier übrigens schon ein Euphemismus.
    Ich glaube, daß viel Material der Altstadt von Elbing nach Danzig geschafft wurde, um dort beim Wiederaufbau zu dienen. Danzig war natürlich der Schwerpunkt beim Wiederaufbau in der Region und in der polnischen Geschichtsmythologieschreibung vielleicht auch "polnischer".
    Die Altstadt Elbings könnte auch dadurch unbebaut geblieben sein, weil es einfach keine Einwohner mehr gab, die mit ihr verbunden waren, und die wenigen neuen sich in besser erhaltenen Gründerzeitvierteln einrichteten.
    Natürlich ist der Wiederaufbau der Elbinger Altstadt erfreulich, und es gibt auch einige wirklich gut rekonstruierten Häuser. Aber die Polonisierung rekonstruierter und klassischer Neubauten ist es weniger, handelt es sich doch um eine subtile und bei vielen wirksame Geschichtsfälschung.

    VBI DOLOR IBI VIGILES

  • Was Du schreibst, kann alles richtig sein. Auch wenn Reste von Elbing nach Danzig geschafft wurden. In Bremen liegen die Reste des Lloyd-Gebäudes in einer Deponie. Aber ich dachte, der Ansatz dieses Forums wäre "architektur pro homine". Verglichen mit Elbing's Außenbezirken ist die Innenstadt absolut lebenswert. Was ich in Elbing gesehen habe (Gründerzeitlerviertel habe ich nicht gesehen, aber ich war nicht überall), war sicher angenehmer und in jedem Fall ambitionierter als in mancher anderen Stadt. "Polonisierung" finde ich übrigens sehr bedenklich. Die Leute, die in Elbing momentan bauen, haben mit dem 2. Weltkrieg nichts mehr zu tun. Deutsche Ordensritter haben die Gegend um Elbing irgendwann einmal gemanisiert. Spanische Heere haben Andalusien zu Columbus' Zeit christianisiert. Die Türken haben die Hagia Sophia umgebaut. Das alles ist Geschichte und für mich ist die Gegenwart aktuell Fakt.

  • Quote from "Erpel"

    "Polonisierung" finde ich übrigens sehr bedenklich. Die Leute, die in Elbing momentan bauen, haben mit dem 2. Weltkrieg nichts mehr zu tun. Deutsche Ordensritter haben die Gegend um Elbing irgendwann einmal gemanisiert. Spanische Heere haben Andalusien zu Columbus' Zeit christianisiert. Die Türken haben die Hagia Sophia umgebaut. Das alles ist Geschichte und für mich ist die Gegenwart aktuell Fakt.


    Das alles ist einigermaßen verworren.
    Historische Zustände sind ebensolch reale Fakten wie aktuelle. Auch der Hang zur architektonischen Polonisierung (was man auch immer darunter verstand) vormals dt Städte ist Faktum.
    Die Leute, die heute in Eblo,g wohnen, haben mit dem II. Weltkrieg natürlich insofern zu tun, als sie ohne diesen bzw dessen Auswirkungen nicht dort wohnen würden, dh reduziert auf ihr Dasein als Bürger der Stadt diesem ihre Existenz verdanken.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Wenn man bedenkt, was für ein Theater um ein paar zu rekonstruierende Barockhäuser in Potsdam oder um den kleinen DDer NM gemacht wird...
    Vielleicht sollte man den Polen ideologische Hilfestellung gewähren und sie aufklären, wie sorglos und fragwürdig ihr Umgang mit der verwerflichen deutschen Geschichte ist, deren Wiederauflebung sie hiemit betreiben, sowie deren gerechte Sanktionierung oder gar Bestrafung sie vereiteln.
    Ich glaub, sie würden es sicherlich danken...

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • ... alleine in Elbing sind in den letzten Jahren 200-300 "Altstadthäuser" wieder auferstanden. Dagegen wird in D jede einzelne Reko in unendlichen Diskussionen zerredet und immer wieder "eine Kostenfrage". Alleine was für ein Tam-Tam für die paar Altstadtrekos in Frankfurt/M. gemacht wird. Und wenn ich an meine Wohnstadt Darmstadt denke - grausam: Über fünfzig Jahre nach Kriegsende stehen immer noch hässliche Nachkriegsprovisorien in der der früheren Altstadt. Hier wurde nicht nur billig, sondern auch ohne jegliche gestalterische Hand ein trostloses Quartier geschaffen. Außer dem alten Pädagog und Rathaus wurde nicht ein einziges Altstadt-Haus nach dem Krieg wieder aufgebaut.

    MODERNExit

  • Also ich finde das was in Elbing entsteht sehr gut. Natürlich ist das keine originalgetreue Rekonstruktion, aber von einem WIederaufbau kann man doch sehr wohl sprechen.


    Immerhin entstehen die alten Stadtstrukturen wieder, und diese kleinteilige Bebauung ermöglicht schließlich auch noch spätere Nachbesserungen. Immerhin entstehen doch auch einige Häuser im alten Stil neu, und auch die "postmodernen" Gebäude finde ich gar nicht mal so übel, da sie zumindest einen gewissen Bezug auf die Ursprungsbebauung nehmen.

  • Immerhin wurde dieser Weg in keinem einigen Fall in D beschritten.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Ansätze davon findet man in abgeschwächter Form z.Bsp. in Frankfurt(Oder), Fürstenwalde, Jena oder Halberstadt.


    Aber manch westdeutschen Ansatz (Münster, Freiburg, Osnabrück) finde ich besser.

    Ich entschuldige mich von Herzen für meine früheren arroganten, provokanten, aggressiven und unfreundlichen Beiträge!
    Jesus ist mein Herr und Retter!

  • Jena ist ein ziemlich "westdeutscher" Wiederaufbau zuteil geworden. Bzw. scheint man dort ab den späten Fünfzigern westdeutsche Bürofassaden 1:1 kopiert zu haben, inklusive der "Punktwirkung" im städtischen Raum (charakteristisch für die DDR-Architektur waren eher die großen Gesten). Immerhin fehlt dort auch deswegen der ostzonige Charakter z.B. von Dessau oder Magdeburg.


    >>Aber manch westdeutschen Ansatz (Münster, Freiburg, Osnabrück) finde ich besser.<<


    Freiburg jetzt nicht unbedingt; dieser Wiederaufbau geriet dann doch zu kalt. Osnabrück u. Münster - kann man gelten lassen; leider erschöpfte er sich in Traditionsinseln.
    Immerhin, für deutsche Belange praktikabler als z.B. Elbing, was aus meiner Sicht mittlerweile ein Beispiel für einen ganz eigenen Stil darstellt. Er repräsentiert die polnische Phantasie und Unbekümmertheit (wohl auch Unwissenheit) und schafft mit seinen Mitteln lebenswerte Stadtstrukturen. Nur finde ich, daß er unserer Kultur bzw. unserem baulich-kulturellen Erbe wenig "angemessen" ist - erst recht im Raum Nordostdeutschlands (so richtig war das Ordensland u. spätere Preußen nie für Ausgelassenheit und Verspieltheit bekannt...aber ich kann mich auch täuschen).
    Komisch, daß auf diese Gestaltungsfreiheit nur in den "wiedergewonnenen" Gebieten oder baulichem Neuland zurückgegriffen wird, im richtigen Polen jedoch ein ziemlicher Akademismus herrscht, was kernstädtische Rekonstruktionen angeht.

    Nein, die werden gedünstet

  • Quote from "Wissmut"

    Jena ist ein ziemlich "westdeutscher" Wiederaufbau zuteil geworden.

    Das gilt nicht für die Nordwestecke des Marktplatzes. Ich schrieb ja von "Ansätzen". Dennoch war Jena wohl das schlechteste meiner Beispiele.


    Quote

    dieser Wiederaufbau geriet dann doch zu kalt

    Recht pauschal und subjektiv, die Aussage. Ich seh's genau gegenteilig.


    Quote

    leider erschöpfte er sich in Traditionsinseln.

    Siehe "Ansätze".

    Ich entschuldige mich von Herzen für meine früheren arroganten, provokanten, aggressiven und unfreundlichen Beiträge!
    Jesus ist mein Herr und Retter!

  • Der Fall Elbing, oder besser gesagt: Eblong, findet in D keinerlei Entsprechung. Am nächsten kommt Münster, dessen Wiederaufbau, soweit historisch wenigstens halbwegs orientiert, zu kleinflächig war. Dazu blieben in Münster doch einige einbezogene Mauern erhalten, während Eblong auf grüner Wiese entstand.
    Daher verbietet sich auch ein Vergleich mit Freiburg.
    Alle erwähnten dt. Städte können von der heutigen Eblonger Aufbauleistung nur träumen, für alle würde es die Rettung schlechthin darstellen, denn im Zusammenspiel mit dem erhaltenen Material würden sich herrliche und auch natürlich viel authentischere Stadtlandschaften ergeben.
    natürlich ist in Eblong das meiste Neuerrichtete keineswegs ideal - aber turmhoch den (west)-dt neuen oder alten Aufbauschrott überlegen.

    Quote

    (so richtig war das Ordensland u. spätere Preußen nie für Ausgelassenheit und Verspieltheit bekannt...aber ich kann mich auch täuschen).


    Also Danzig kommt mir sehr lebensfroh und verspielt vor - und Elbing war eine mittelstädtische Ausgabe davon, wie Marienburg eine kleinstädtische war. Feststeht, dass hier den Polen keine Polonisierung der Geschichte vorgeworfen werden kann, da der schmal-giebelständige Haustyp nicht nur dem historischen Erscheinungsbild entsprach sondern darüber hinaus eindeutig norddt. Ursprungs ist - in Kernpolen gibt es keine vergleichbare Stadt.

    Quote

    Komisch, daß auf diese Gestaltungsfreiheit nur in den "wiedergewonnenen" Gebieten oder baulichem Neuland zurückgegriffen wird, im richtigen Polen jedoch ein ziemlicher Akademismus herrscht, was kernstädtische Rekonstruktionen angeht.


    Im richtigen Polen konnte kein Postmodernismus auftreten, da der Wiederaufbau sehr schnell abgeschlossen worden war. Hier geht es um die Neukultivierung urbaner Wüsten, die entstanden waren, weil man den 'wiedergewonnenen' Städten keinerlei Bedeutung zumaß.
    1960 bis 1975 wurde dort wenig rekonstruiert, die wenigen Beispiele (etwa der verfallene Hirschberger Ring) orientierten sich denn doch am Warschauer Beispiel, konnten dieses jedoch mangels Liebe zum Detail nicht erreichen.
    Ab 1990 herrscht Postmodernismus vor, zumeist ohne irgendwelche Qualitäten (Glatz, vieles von Stettin, Glogau). Elbing scheint eines der besten und weitläufigsten Beispiele zu sein.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Quote from "ursus carpaticus"

    Der Fall Elbing, oder besser gesagt: Eblong, findet in D keinerlei Entsprechung.


    Rothenburg? Dort wurden etwa gleich viele Häuser neu gebaut, wobei das Ergebnis aber viel viel besser ist.
    Überhaupt, Bayern. Donauwörth ist wirklich gut, Aschaffenburg, Gemünden, Neumarkt sind überraschend nett wiederaufgebaut.