Dresden - Ferdinandplatz

  • Na also diese Schichttorte ist in ihren Dimensionen doch wirklich unpassend.
    Dat Ding hat durchgängig 8 Etagen.
    Und wenn man sich die schiere Länge dieser ungegliederten Fassade Richtung Rathaus vorstellt...

  • Na dann, Herzlichen Glückwunsch an das Einkaufszentrum á la Fürst-Pückler-Eis. :applaus:


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    Es gibt eine Architektur, die zur Landschaft gehört, sowie eine andere, die sie zerstört.

  • Na ja, ich weiss nicht. Die ganze Gegend ist sowieso total kaputt. Ich habe eine gewisse Faible für 70er und 80er Jahre Architektur in der UdSSR. Irgendwie scheint mir der Bau eine Ähnlichkeit mit diesem Bau in Moskau zu haben: Russische Akademie der Wissenschaften


    Ob das ein Zufall ist :S ?

    Unsere große Aufmerksamkeit für die Belange des Denkmalschutzes ist bekannt, aber weder ökonomisch noch kulturhistorisch lässt es sich vertreten, aus jedem alten Gebäude ein Museum zu machen. E. Honecker

  • In der Pressemitteilung der Stadt zur Juryentscheidung wird auch ein Modell des Gebäudes im Stadtmodell gezeigt:


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    Bildnachweis: Landeshauptstadt Dresden


    Architekten sind übrigens Barcode Architects aus Rotterdam und wenn man genau hinschaut, entspricht der Entwurf auch in vielerlei Hinsicht der ersten Studie aus dem Jahr 2017:


    Barcode-Architects_Ferdinandplatz-2048x1497.jpg
    Bildnachweis: Barcode Architects


    Schade, dass der ganze Findungs- und Beteiligungsprozess so wenig Variation hervorgebracht hat. Überall wird Bedauern darüber geäußert, ganz so, als wäre das Erscheinungsbild der Stadt einzig und allein davon abhängig, was andere damit vor haben. Das ganze Projekt erscheint mir im Rückblick als großes Theater, in dem sich alle selbst darstellen wollen: die Stadt als innovativ, die Architekten als avantgardistisch; Schlussendlich entsteht aber doch nur wieder ein weiteres monumentales Bürogebäude ohne visuellen oder historischen Bezug zur Stadt, geschweige denn etwas wirklich "Modernes", das besondere Erwähnung wert wäre. Die Bürgerbefragung bei zwei stilistisch so ähnlichen Entwürfen kann meiner Meinung nach nicht als Legitimierung oder übermäßige Zustimmung interpretiert werden.


    Früher wurden Kommunalbauten auf Ansichtskarten als Aushängeschild einer Stadt dargestellt; wurden sie als künstlerischer Selbstausdruck der Stadtgesellschaft verstanden. Mein Fazit: Chance vertan.

  • Die obersten zwei Stockwerke erinnern mich an riesige verrostete Heizkörper. Aber auch die Etagen darunter empfinde ich als ein einziges, unruhiges Durcheinander. Das Gebäude wirkt deshalb leider gar nicht harmonisch. Armes Dresden kann man da leider nur sagen.

  • Ich habe eine gewisse Faible für 70er und 80er Jahre Architektur in der UdSSR. Irgendwie scheint mir der Bau eine Ähnlichkeit mit diesem Bau in Moskau zu haben: Russische Akademie der Wissenschaften

    Ich sehe auch eine gewisse Ähnlichkeit zum sowjetischen Konstruktivismus. Wobei dieser immerhin mit künstlerischen Details glänzte.

    Weder noch. Ihr sprecht nämlich von zwei verschiedenen Stilen. Konstruktivismus ist der moderne sowjetische Baustil zwischen 1920 und 1937. Zu dem geplanten Neubau am Ferdinandplatz besteht nicht die geringste Ähnlichkeit. Dass der Konstruktivismus "mit künstlerischen Details glänzte", würde man so auch nicht sagen. Das Akademiegebäude in Moskau, errichtet etwa zwischen 1970 und 1990, gehört zur Stilrichtung Sowjetmoderne, die man zwischen 1960 und 1990 ansiedeln kann. Ich stimme Däne zu: Der Bau hat was - nur keine Ähnlichkeit mit dem Projekt am Ferdinandplatz.


    Moskau, Leninski Prospekt 32a, Gebäude des Präsidiums der Russischen Akademie der Wissenschaften

    (Foto: Михаил Иванович Лукин, пресс-служба РАН, 2. Juni 2008, CC-BY-4.0)


    Tja, liebe Dresdner, moderne Architektur könnte durchaus mehr leisten.


    Das hier hingegen.. ein weiteres Fanal des scheinbaren Unwillens der Stadt Dresden, wirklich urban zu werden und zu heilen.

    Sehe ich genauso. Für den Standort und die Bauaufgabe ist der Entwurf ungenügend. Am interessantesten ist da noch die braune "Gebäudekrone". Sie war wohl auch Anlass für Dänes Assoziation zu Moskau. Aber da wurde schon angekündigt, die Farbe noch einmal zu überprüfen, und ich vermute, dass die beiden oberen Geschosse in der Ausführung dann auch eine helle Fassade bekommen.


    Und wenn man sich die schiere Länge dieser ungegliederten Fassade Richtung Rathaus vorstellt...

    Ja. Aber die andere Seite mit dem großen Loch finde ich noch schlimmer.

  • Aus Sicht des Vereinsvorstands kann ich versichern, dass wir alle Optionen, die unserem Verein gegeben sind, rechtzeitig versucht haben, um eine kleinteilige, traditionellere Gestaltung der künftigen Bebauung anzuregen. Seit Anfang 2017 haben wir mehrfach die verantwortlichen Stadträte kontaktiert, Alternativvisualisierungen angeregt und Eingaben für den künftigen Bebauungsplan gemacht. Dennoch ist die Modernisten-Lobby und das Unverständnis einiger Politiker in Dresden so groß, dass diese Vorstöße nichts gebracht haben. Dass das Problem struktureller Natur ist, kann man auch daran erkennen, dass die Bürger eben keine echte Wahl bekommen haben, sondern nur die Wahl zwischen (ich zitiere einen Bürger, der in einer Zeitung interviewt wurde) "Pest und Cholera."

    Solange die Dresdner Politik die Notwendigkeit von mehr Baukultur und mehr altstadtgerechter, menschenfreundlicher Kleinteiligkeit nicht erkennt, solang wird Dresdens Zentrum abseits von Neumarkt und Barockviertel niemals wieder etwas Besonderes werden.

    Besonderen Dank hierbei auch für das Engagement der unabhängigen Bürgerinitiative "Stadtbild Dresden", die sich ebenfalls sehr bemüht haben.

  • Hier sind mutmaßlich vor allem zwei Sachen schief gelaufen:


    1. Das Ganze wurde in einem Vergabeverfahren aus Auftrag für Baufirmen ausgeschrieben, die dann jeweils selbst einen Planer suchen mussten, der einen zum ökonomischen Zahlengerüst passenden Entwurf erstellen sollte.

    Besser wäre hier ein offener Architektenwettbewerb gewesen! Im Rahmen dieses Wettbewerbes hätte man zunächst entscheiden können, welche Architektur hier überhaupt von Baufirmen angeboten werden soll.

    Das gewählte Verfahren bringt der Stadt als Auftraggeber zwar vermeintlich mehr Kostensicherheit (das ist sicher im Interesse des Steuerzahlers), aber die Auswahl wird -was die Architektur angeht- eben sehr stark eingeengt und den wirtschaftlichen Parametern unterworfen. Das merkt man den Ergebnissen nun leider stark an.


    2. Das Landesamt für Denkmalpflege hat wohl mit dafür gesorgt, dass der Neubaukomplex keinen Hochpunkt haben darf. Da der Flächenbedarf allerdings bereits feststand (war ja immerhin Anlass der ganzen Planung), führte das wohl dazu, dass der ganze Komplex insgesamt ein Geschoss höher werden musste (weil die im Hochpunkt geplante Fläche woanders verteilt werden musste). Deshalb sehen die Beiträge nun eher wuchtig und unproportioniert aus.

    Schade, offenbar denken Denkmalpfleger nicht städtebaulich!?

  • Schade, offenbar denken Denkmalpfleger nicht städtebaulich!?

    Nun, offenbar ja schon, denn sie wollten vermutlich dem Hochpunkt des Rathausturms kein störendes Pendant gegenüber stellen.

    schief gelaufen

    Schief gelaufen ist es ja nur aus der Sicht der Anhänger einer Stadtreparatur im traditionellen Sinn. Die städtische Verwaltung und die beteiligten Architekten werden das vermutlich anders sehen.

    Das Problem ist natürlich schon, dass ein solches Gebäude scheinbar primär unter dem Gesichtspunkt des ökonomischen Maximalprofits betrachtet wird, hinter dem alle anderen Kriterien zurückzustehen haben. Aber selbst unter einem solchen Gesichtspunkt könnte man eine Fassadengestaltung entwickeln, die halbwegs akzeptabel oder interessant erscheint. Im Stalinismus hat man es ja auch hinbekommen. Stattdessen reicht es heute gerade noch zu einer überdimensionierten Fürst-Pückler-Torte (danke "Fusajiro" für den Vergleich"), und sie fühlen sich offenbar noch gut dabei.

  • Ich finde den Entwurf nicht sooo schlecht, passt doch gut rein in das Loch.


    Habt ihr wirklich einen historisierenden Entwurf erwartet?


    Ich weiß gar nicht was heute mir los ist, regt mich gerade Null auf...

  • Das Ganze wurde in einem Vergabeverfahren aus Auftrag für Baufirmen ausgeschrieben, die dann jeweils selbst einen Planer suchen mussten, der einen zum ökonomischen Zahlengerüst passenden Entwurf erstellen sollte.

    Deswegen gab es wohl auch nur zwei Bewerber, weil nur große Bauunternehmen sich so ein Projekt leisten können. Gewinner war Züblin, zweiter Hochtief. Andere Bieter gab es ja nicht. So hat es auch Stadtrat Tilo Wirtz (Die Linke) beschrieben:

    "Nur Großkonzerne wie die genannten können einen Wettbewerblichen Dialog bestreiten. Das grenzt die Entwürfe und damit die Auswahl stark ein. Am Ende ging es nicht um den gelungensten Entwurf, sondern um das geringere Übel.“

    Hier wurde, wie erwähnt, seitens der Stadtverwaltung zu sehr auf die modernen neuen Bürowelten im Inneren geachtet, um sich bürgernah und modern zu geben. Das Stadtbild hat wohl überhaupt keine Rolle gespielt. Ich bezweifle auch, dass diese Konzepte so überzeugend durchführbar sind, aber das ist ein anderes Thema.


    Ich stimme zu, es hätte einen separaten Architekturwettbewerb geben müssen, an dem sich auch kleinere Büros hätten beteiligen können.


    Es muss weiter Druck gemacht werden, dass Kleinteiligkeit gefördert wird: Parzellierung solcher großen Baufelder (zumindest bei Fassaden/-abschnitten), Architekturwettbewerbe und erst dann Ausführungsplanungen. Dieses Denken von innen nach außen bringt dem Stadtbild nachweislich nur grobe Klötze.

  • Das Problem ist erst entstanden, weil die öffentliche Hand sich hier als Bauherr mehr oder weniger zurückgezogen hat und diese Aufgabe in die Hände der Bewerber legen wollte.

    Die Alternative dazu wäre ein Vergabeprozedere gewesen, das ganz klassisch durch die städtische Bauverwaltung betrieben wird. Idealerweise hätte es eine qualifizierte Aufgabenstellung an Architekten gegeben, dann einen Wettbewerb, der voraussichtlich eine große Anzahl an interessanten alternativen Vorschlägen gebracht hätte (und nicht nur zwei, die dann hauptsächlich unter Kostenaspekten beurteilt werden).

    Mit dem Ergebnis hätte man weiterplanen können und im Zuge der Bauausschreibungen voraussichtlich eine größere Anzahl an (auch kleineren) Bietern erhalten.

    Das alles ist natürlich mit großem Aufwand verbunden (der in der Verwaltung momentan vielleicht nicht zu leisten ist?), es hätte (noch) länger gedauert und man hat ein größeres Kostenrisiko durch die vielen offenen Enden in so einem Prozess.


    Um "ökonomischen Maximalprofit" geht es also hier gar nicht, eher um Kapazitäten und Risikoabwägung.


    Trotzdem ist das Ergebnis wirklich bedauerlich. Ich bin kein besonderer Fan von Historismus und und auch mit vielen Meinungen in diesem Forum nicht einverstanden. Aber mit diesem Ergebnis wird für zeitgenössische Architektur leider nicht geworben.

  • Um es mal kurz zu sagen, wer von der total unfähigen Dresdner Stadtverwaltung etwas anderes erwartet hatte, ist eben ein Utopist.

  • Auch Uwe Steimle hat sich mittlerweile des Falls angenommen oder ihn zumindest sehr passend in die gesamtpolitische Dresdner Situation eingerahmt:

    AB Minute 2.40.

  • Die DNN und die SZ berichten, dass der Projektvertrag zwischen KID und Baufirmen heute unterschrieben wurde. Weitere Schritte sind demnach:

    • bis Ende Juni 2021 Entwurfsplanung
    • 1. November 2021 Einreichen der Bauantragsunterlagen
    • ab Mitte Februar 2022 Betonieren der Fundamente
    • bis 2025 schlüsselfertige Übergabe