• Verantwortlich für die Beseitigung des Bauwerks war der Architekt Roland Ostertag, der sich dann in hohem Alter besonders in Stuttgart als Bewahrer historischer Stadträume hervortat. Ein seltsamer Widerspruch, vielleicht ein Zeichen von später Reue.

    In dubio pro reko

  • Wenn man zum alten Kaufhaus in Wiki dann das liest: "Das teilweise wiederaufgebaute Bauwerk wurde daher im Jahre 1965 gänzlich abgebrochen" wird es einem fast schlecht . . .

    "Mens agitat molem!" "Der Geist bewegt die Materie!"

  • War ein Verbrechen, wie Abbruch sehr bedeutende und imponierende Gebäuden wie der Norddeutscher Lloyd in Bremen, Haupttrakt des Verkehrsministeriums in München, Haupteingangsgebäude/Nordseite Landgericht Littenstrasse Berlin, ganz intakten Wohnquartiere rund der Vineta Platz in Berlin, Resten Anhalter Bahnhof, Kaufhaus Hertie am Dönhoff Platz, Teilen der intakten Bahnhof Strasse in Bonn und noch so hunderte von wertvollen Opfer der Abbruchswut der 60-er Jahren...in Ost und West in fast alle Städten Deutschlands und auch bei uns in Vaals in Limburg!!!


    Der Abbruchswut war fast überall und zusammen mit massiven Abstückung und Vereinfachung der Dächerlandschaften hat es bewirkt das heute, abgesehen van Schlösser und Kirchen, wenig von der Nachkriegszeit Bauten und alle Wiederaufbauleistungen von damals übrig geblieben ist.
    Heute sind die meisten Grosstädten von historische Fassaden (Stuck, Ornamenten) und Dächer "befreit".


    Alles augt glatt, funktionel, sauber und sächlich!

  • In Mannheim wird gerade das Polizeipräsidium saniert.


    Leider hat man das Architekturbüro Trapez aus Hamburg mit der Neugestaltung beauftragt, das offenbar ein Händchen für kastige Anbauten an historische Gebäude hat (Siehe z.B. hier und hier). Es verfügte über Giebel und Türme. Natürlich wurde darauf verzichtet, das Stadtbild durch eine Rekonstruktion dieses Zustandes aufzuwerten. Im Gegenteil, wenn man genau hinsieht, bemerkt man, dass noch historische Substanz zerstört wurde. Der Unterbau der Türme wird nun auch noch weggebrochen, um die 50er-Jahre-Notbedachung der Türme noch etwas mehr in die Höhe zu ziehen.


    Das Architekturbüro schreibt dazu:


    Quote

    Der Neubau für das FLZ auf dem Gebäude des Polizeipräsidiums Mannheim nimmt den Platz des in den 50er Jahren aufgestockten Geschosses ein. In seiner Typologie als „Dach“ des historischen Gebäudes setzt sich das neue vierte Geschoss als eigenständiges Element von der Ornamentik der historischen Fassade ab.


    Die ursprünglich als markante Eckpunkte mit Zwiebelkuppel ausgebildeten Ecktürme wurden nach dem zweiten Weltkrieg in sehr schlichter Bauweise ohne Bezug zum Bestand wieder aufgebaut. Der historische Dreiecksgiebel des Mittelrisalits entfiel ganz. Der Entwurf erhält die Türme in ihrer Schlichtheit der 50er Jahre und erhöht diese leicht. Neue geschossübergreifende hochformatige Fenster fassen den Turm wieder zu einer Einheit zusammen und betonen die Vertikalität der Türme. Der neue Sandstein nimmt Bezug auf die historische Fassade des Bestands, zeigt sich jedoch durch Maßstäblichkeit und Oberflächenbeschaffenheit moderner.


    Eine vertane Chance.


    Ein Bild des historischen Polizeipräsidiums seht man hier.


    Zustand vor der Sanierung hier.


    Zustand nach der Sanierung hier.


    Ursprünglich war wohl mal ein etwas gefälligerer Entwurf geplant, aus diesem wurde aber nichts. (hier)

  • Die Visualisierung ist auf der Seite des Ministeriums für Finanzen etwas abgehackt. Den oberen Abschluss muss man sich da selber denken.


    Wenn man an den Entwürfen heutiger Architektur etwas verändert, gibt es direkt einen hysterischen Anfall des Urhebers. Bei historischer Bausubstanz werden aber ohne Skrupel die krassesten Veränderungen durchgezogen. Ganz egal, was die ursprüngliche Idee des Architekten war.


    Eine Rekonstruktion hätte das Bauwerk richtig aufgewertet. Sehr schade.

  • Der Bau ist mir neulich auch aufgefallen, als ich kurz in Mannheim war. Sehr schade! Hatte zunächst die Hoffnung, dass hier eine bessere Lösung kommt . . .

    "Mens agitat molem!" "Der Geist bewegt die Materie!"

  • Schönes Sache! Im nicht weit entfernten Karlsruhe gab es auch schon Überlegungen, die Kuppel des historischen Naturkundemuseums als Planetarium zu rekonstruieren. Das wäre eine fantastsische neue Attraktion! Es wurde allerdings aus Kostengründen bis auf Weiteres ausgesetzt. Mannheim ist da nun einen Schritt weiter, allerdings wäre der Rekonstruktionsumfang in Karlsruhe um ein Vielfaches höher.

    „Sollt ich einmal fallen nieder, so erbauet mich doch wieder!“ (Inschrift am Schwarzhäupterhaus in Riga)


    Nach Baden-Baden habe ich ohnedies immer eine Art Sehnsucht.
    Johannes Brahms (1833-1897)

  • Problem Altes Relaishaus. Der Eigentümerer hat das Barockgebäude aufgrund des Versuchs eines Versicherungsbetrugs angezündet. Er sitzt im Knast und tut nichts zur Wiederherstellung des Gebäudes. Verkaufen will er auch nicht. Nun wird die Stadt zunehmend ungeduldig.


    Mannheim

    Stadt will Relaishaus-Besitzer zum Bauen zwingen

    Das Gebäude in der Rheinau verfällt immer mehr. Die Verwaltung will den Besitzer nun zur Bebauung verpflichten.

    https://www.rnz.de/nachrichten…zwingen-_arid,471151.html


    Grundstück völlig verfallen

    Altes Relaishaus in Mannheim: 4 Jahre nach Feuer – Was passiert mit der Brand-Ruine?

    https://www.mannheim24.de/mann…-brand-ruine-9963689.html


    Denkmalschutz Verwaltung bringt an diesem Donnerstag im Technischen Ausschuss Änderung des Bebauungsplans auf den Weg

    Stadt will Altes Relaishaus retten

    https://www.morgenweb.de/mannh…retten-_arid,1665258.html


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    Dagegen etwas Positives. Die Projekte von Stadtbild in Mannheim. Zwar nur kleine Projekte, aber immerhin...


    https://stadtbild-mannheim.de/erfolgreiche-projekte.html


    Unter anderem wurde ein Figurenpaar der Mozartschule rekonstruiert.


    https://mozartschule-mannheim.de/?page_id=22

  • Dieser Verein Stadtbild Mannheim e.V., erinnert schon etwas an unseren Verein. Hat aber mit Stadtbild Deutschland nichts zu tun.


    Jedenfalls verleiht dieser Verein ebenfalls Preise und Messingplaketten für gelungene Bauprojekte. Ganz aktuell, für das Haus Schanzenstraße 11. Es wurde saniert und teilweise rekonstruiert.


    https://www.morgenweb.de/mannh…chnung-_arid,1707621.html


    Auch zum Relaishaus gibt es Neuigkeiten.

    (...) Das Urteil der Verwaltungsrichter hat erstmals festgestellt, dass der Denkmalschutzcharakter des Relaishauses ungeachtet der Schäden fortbesteht. Dies ermöglicht der Stadt nun ganz neue rechtliche Schritte. Und der auf den Weg gebrachte Bebauungsplan blockiert die lukrative Verwertung des Grundstücks. (...)

    Die Stadt möchte das Haus + Grundstück wohl kaufen und das Alte Relaishaus wieder aufbauen. Doch der Eigentümer hat eine übertriebene Preisvorstellung. Daher ist noch kein Verkauf zu Stande gekommen. - Hoffentlich bleibt die Stadt am Ball und rettet das Haus.

  • Wäre eine Chance für eine Rekonstruktion des alten Kaufhauses. Wobei ich da in Mannheim geringe Erfolgsaussichten erwarte. Generell wird in Nordbaden wenig rekonstruiert, nur freudig weiter abgerissen.

    Einige wenige Beispiele bestätigen die Regel: Hochaltar Jesuitenkirche, Sternwarte Mannheim, Schlossdach und einige wenige Innenräume. Joa, mehr fällt mir nicht ein in den letzten 30 Jahren.

  • (...) Beim Thema Stadthaus regt Cademartori im RNZ-Gespräch eine breite gesellschaftliche Debatte an, da die Immobilie allen Mannheimern "gehöre". Über die künftige Nutzung dürfe nicht in "kleiner Rund" entscheiden werden. Gegebenenfalls müsse das Stadthaus wieder komplett in öffentliches Eigentum überführt werden. (...)

    Da sollte auf jeden Fall eine Rekonstruktion des Alten Kaufhauses ins Spiel gebracht werden. Wenn es so war, wie der Denkmaldoktor sagt, daß sich die Mehrheit der Bevölkerung eine Reko gewünscht hat, besteht vielleicht auch heute noch der Wunsch und die Chance dazu.

    (...) Unüberhörbarer Protest seitens der Mannheimer Bürger führte im November 1986 zu einem Bürgerentscheid, der mit 83 Prozent eindeutig zugunsten eines Wiederaufbaus nach historischen Plänen und damit gegen Mutschlers Entwurf ausging. Da das erforderliche 30-Prozent-Quorum jedoch um 3,8 Prozentpunkte verpasst wurde, setzte sich Oberbürgermeister Widder über das Meinungsbild hinweg und gab der Realisierung des postmodernen Mutschlerbaus die Freigabe. (...)

    Vielen Dank auch, Herr Widder! Da wurde der Bürgerwille mal wieder richtig ernst genommen. - Diese Entscheidung sollte jetzt korrigiert werden.

  • Ganz ehrlich, das einzige, was da wirklich überragend funktioniert hat, ist der Rewe. Der war immer voll, zu jeder Tag- und Nachtzeit. Warum also nicht das alte Kaufhaus als das rekonstruieren, was es einmal war? Als wirkliches großes Kaufhaus mit großem Supermarktangebot und kulturellen Flächen. Besser geht's nicht. Der Paradeplatz liegt mitten in den Quadraten und ist für alle absolut perfekt erreichbar.

  • Das Mannheimer Stadthauses / Kaufhauses.


    Der Artikel der Zeitung kann natürlich die Nachkriegsgeschichte des Mannheimer Stadthauses / Kaufhauses nur bedingt aufzeigen.
    Im Jahr 1997 wurde aber in der Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Band 57 "Rekonstruktion in der Denkmalpflege. Überlegungen – Definitionen – Erfahrungsberichte auf Seite 122 – 134 die Chronologie des Gebäudes, insb. seine Nachkriegsentwicklung - für die Öffentlichkeit genau dokumentiert.


    Frau Kathrin Ungerer-Heuck, seinerzeit Konservatorin und Gebietsreverentin beim Landesdenkmalamt in Karlsruhe beschrieb in Ihrem Beitrag:

    Mannheim: Stadthaus N 1. Moderner Neubau oder historisierender Nachbau. Eine Chronologie genauestens Ursache, Wirkung und Folgewirkung ff. Es ist beeindruckend, dass auch und gerade

    - durch den Rückzug der Denkmalpflege auf "akademische Standards", die Charta von Venedig

    - und die Verweigerung von Rekonstruktion

    - mit späterer Unterstützung der Denkmalpflege für den Neubau in seiner modernen Form

    letztlich das Stadthaus in seiner heutigen Form entstand.


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    1998 galt das neue Stadthaus in Denkmalpflege-Fachkreisen als ein gelungenes Beispiel für den "richtigen" Umgang mit verlorener, ehedem hochbedeutender Bausubstanz.

    Auch im Mai 2014 war die Autorin - nach Ihrer Pensionierung - noch der Ansicht, dass das Stadthaus doch ein recht gutes Ergebnis ist...

    Seite 130 - 133 des nachfolgenden Buch-Ausschnitts:

    13831-Artikeltext-27992-1-10-20140505.pdf

    Auch wenn schon damals deutlich zu erkennen war, dass das Ding nicht funktioniert.


    Heute sehen wir wieder einmal, was auch in den 80-ern schon viele wussten: Reko wäre besser.

    Für Mannheim stellt sich die bange Frage, was nach der "gelungenen Adaption" der Mannheimer Mittelturmfassade aus den 80-ern jetzt folgt.

    Der private Eigentümer, der Baukonzern Diringer&Scheidel lässt eigentlich nichts gutes hoffen, denn mit Reko lässt sich vermutlich keine ordentliche Rendite erzielen.

    Und wenn die SPD-Stadträtin Cademartori auch meint, die Immobilie "gehöre" allen Mannheimern. Dafür hätte man im Stadtrat die Weichen

    vor ein paar Jahren anders stellen müssen.


    Die Nachkriegs-Geschichte des Mannheimer Stadthauses / Kaufhauses ist wirklich beispielgebend für: "wie man es nicht machen sollte".
    Dieses Projekt ist eine mustergültige Argumentationshilfe FÜR jedes zukünftige Rekonstruktions-Projekt in Deutschland.

    Ich hoffe man lernt anderenorts daraus.

  • Ich hoffe, man lernt in Mannheim daraus. Das ist eine riesige Chance für Mannheim. Es wäre fatal, wenn die das nicht erkennen. Notfalls kann eine braunschweiger Lösung anvisiert werden, mit der Rekonstruktion der Schaufassade, hinter der sich ein modernes Zentrum verbirgt.


    Auf jeden Fall sollte sich Stadtbild Mannheim der Sache annehmen.

  • Ich stimme den Ausführungen von Eryngium voll und ganz zu! Das Mannheimer Beispiel ist ein ganz starkes Argument für die Rekonstruktion von wichtigen zentralen Stadtbild prägenden Gebäuden auch im Sinne einer nachhaltigen Stadtentwicklung. In Mannheim wollte man ganz ursprünglich in den 1950er Jahren das alte Kaufhaus teilweise (Turm) bzw. Ganz rekonstruieren bis sich in dem 1960er Jahren der Zeitgeist wandelte und dann 1965 sogar die erhaltene und gesicherte Ruine des Kaufhausturmes abgerissen wurde(!). Spolien des alten Kaufhauses müssten allerdings noch erhalten sein.

    Das Problem ist die rekonstruktionsfeindliche Ideologie der Denkmalbehörden, der Stadtplanung, der Architekten- und Baulobby!

  • Die Mannheimer müssen Dietmar Hopp von der Notwendigkeit der Rekonstruktion des alten Kaufhauses überzeugen: Er kauft das gesamte Areal und setzt sich damit mitten in der Stadt ein Denkmal...🙂