Bremen - Ostertor (Galerie)

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Bremen - Ostertor (Galerie)

      Hier kommt nun die versprochene Fortsetzung meines Rundgangs durch das Viertel. Diesmal liegt der Schwerpunkt auf dem nördlichen Teil des Ostertors, also v.a. auf den Gebieten zwischen Contrescarpe und der Haupteisenbahnlinie, die den Stadtteil von Schwachhausen trennt.

      Dieser Bereich ist weit weniger idyllisch als der Rest des Ostertors, da er von Verkehrsachsen durchschnitten ist. Ein besonderes Licht soll auf die unrühmliche Abrisspolitik der späten 60er / frühen 70er Jahre mit der weitgehenden Zerstörung des Rembertiviertels mitsamt „Dobbendurchbruch“ geworfen werden, da die Narben dieser Abrisspolitik (und die gottseidank durch beherzte Bewohner verhinderte Fortsetzung derselben durch den Rest des Ostertors in Form der sogenannten Mozarttrasse) prägend für diesen Bereich sind.

      Los geht es zunächst am Dobben, dem Endpunkt meines letzten Fotobeitrags. Diese Straße trennt das (aus rein politischen, keinesfalls stadtgeografischen Gründen) zum Bezirk Mitte gehörende Ostertor von der eigentlichen östlichen Vorstadt. Sie wurde in den 1860er und 1870er Jahren mit sehr großen repräsentativen Häusern, die die klassischen Dimensionen des Bremer Hauses eigentlich sprengen, bebaut. Von der Kreuzung Humboldtstraße/Am Dobben (Endpunkt der letzten Fotostrecke) gehe ich letzteren zunächst Richtung Hbf mit einigen Impressionen.











      Vom Dobben gehen beiderseits sehr ansehnliche Straßen ab, hier die Kreftingstraße:



      hier die Bohnenstraße:



      hier die Reste der Sonnenstraße:



      Am Ende des Dobbens ergibt zeigt sich dieses „Entree“ in selbigen rechterhand. Links sieht man den Straßenzug „Außer der Schleifmühle“ und im Hintergrund auch schon



      dieses für Bremen einmalige in reinem Jugendstil gebaute große Mietshaus. Sonst wird der Jugendstil hier meist lediglich zitiert, d.h. es wurden auch zu den eigentlichen Hochzeiten dieses Baustils um die Jahrhundertwende meist nur einzelne Elemente des Jugendstils -wie z.B. florale Muster- tatsächlich verwendet, während die zugrundeliegende Architektur letztlich als spät- oder nachhistoristisch (?) bezeichnet werden müsste.



      Ich verlasse nun für wenige Fotos das Ostertor und gehe Richtung Innenstadt in die Untiefen der Bahnhofsvorstadt, größtenteils Nachkriegswüste:



      Aber auch hier findet man fast surreale Reste der Altbebauung:



      Ein Blick in den Fedelhören mit diesem typischen Bremer Jugendstilgeschäftshaus aus der Zeit um die Jahrhundertwende:



      Direkt an den Wallanlagen liegt nun dieses bereits mal erwähnte Haus des Reichs, zur Geschichte habe ich einfach mal die Infotafel fotografiert. Wie gesagt auch von innen (Paternosteraufzüge etc.) ein Erlebnis.



      Etwas weiter an der Contrescarpe hier ein weiteres schlechtes Foto eines der wenigen einigermaßen gelungenen Beispiele neuer klassischer Architektur in Bremen, gebaut ca. 2007. Etwas blutet mir das Herz bei seiner Ansicht, da hierfür ein Haus aus der unmittelbaren Nachkriegszeit von 1947 weichen musste...



      Wieder zurück im Ostertor folgt nun ein Blick auf die ehemalige amerikanische Botschaft aus den Fünfzigern - mittlerweile unter Denkmalschutz stehend. Im hier üblichen Reflex könnte man diese Tatsache natürlich ins Lächerliche ziehen oder beweinen, ich finde durchaus, dass solche Gebäude eine Bereicherung für die Stadt darstellen können. Das wirkliche Grauen lauert (nur andeutungsweise links im Hintergrund zu erkennen) im geschätzt vor 10-12 Jahren erstellten Erweiterungsbau nach Umzug der Bremer Lagerhausgesellschaft (Hafenbetreiber) in diesen Komplex. Einfallslose, schon jetzt dramatisch ergraute und/oder von Algenbefall verdunkelte Schrottfassade.




      Die Teile Rembertiviertel und den Bereich um die Kohlhökerstraße werde ich in einem neuen Beitrag demnächst verbessert aufarbeiten.

      Dieser Beitrag wurde bereits 4 mal editiert, zuletzt von Heinzer ()

    • Es folgt der 2. Teil der Fotostrecke durchs Ostertor. Diesmal liegt der Schwerpunkt im Bereich zwischen dem Ostertorsteinweg als Hauptachse des Quartiers und der Bohnenstraße. Dieser ganze Bereich ist von einer für Bremen seltenen Geschlossenheit, da zur schlimmsten Zeit der Fehlmodernisierungen 1960 – 1975 (bereits reichlich in den anderen Threads dargestellt) große Teile dieses Quartiers quasi mit einem Investitionsstopp belegt waren, da sie für den Bau der hochgeständerten sogenannten „Mozarttrasse“ sowieso abgerissen werden sollten (s. a. vorangegangene Fotostrecke). Deshalb haben die noch nicht abgerissenen Häuser eigentlich alle im Vorkriegszustand überlebt und wurden nicht –wie anderwo häufig – kaputtsaniert.

      Als klar wurde, dass die Mozarttrasse niemals Realität werden würde, hatte sich der Wind auch bereits deutlich gedreht und die alte Bausubstanz wurde behutsam saniert. Auch die Abrisslücken füllende Neubebauung ist einigermaßen erträglich im Stil der Postmoderne, also durchaus kleinteilig und teilweise sogar als pfiffig zu bezeichnen. Hierfür fehlen mir allerdings noch Fotobeispiele, die ich beizeiten dem Beitrag hinzufügen werde.

      Was für ein Wahnsinn die geplante Hochstraße durch dieses einmalig-gemütliche, fast dörfliche Quartier gewesen wäre, hoffe ich mit ein paar –wie gewohnt qualitativ eher dürftigen - Fotos zu belegen.

      Zur Orientierung möge dieser Link zu Google genügen, ich kriege es leider weiterhin nicht hin, die Karte direkt einzubinden (übrigens ist der im vorherigen Beitrag beschriebene Rembertikreisel hier gut in seiner vollen Pracht und Sinnlosigkeit zu sehen):

      Google-Karte Ostertor

      Fehlen täte dann nur noch der Teil zwischen Osterdeich und Ostertorsteinweg, für den sich schon ein weiterer Forumaner freiwillig gemeldet hat :wink: .

      Wir fangen an in der Bohnenstraße, die in den späten 60er Jahren einer der Brennpunkte der Hausbesetzerszene war und diesen Geist – trotz deutlicher Verbürgerlichung der damaligen Protagonisten – noch heute atmet.



      Nicht fehlen darf hier noch mal diese Grausamkeit (wie immer mit dem Hinweis, dass das rechte Haus keineswegs ein Neubau, sondern eine Altbausanierung ist):




      Das Zentrum dieses kleinen Viertels bildet die Kreuzung Wulwesstraße/Kohlhökerstraße mit folgendem Eckbau:



      In der Wulwesstraße wieder ein Beispiel für ein wiederhergestelltes Bremer Haus, wie hier (leider) üblich mit reduziertem Stuck und Wärmedämmverbundsystem. Vorher sah es etwa so aus wie das Haus im 2. Fotos dieses Beitrags. Da diese Sanierung bereits 2005 gelaufen war, gibts auch kein GoogleEarth-Bild vom Vorzustand:



      Nun biege ich rechts in die Charlottenstraße (die Frauennamen in Straßennamen sind übrigens häufig die Vornamen der Ehefrauen des Unternehmers, der die Straßen bebaut hat - ob das in diesem konkreten Beispiel auch stimmt, weiß ich allerdings nicht. Stimmen tut es sicher bei der Mathildenstraße - s. entsprechenden Beitrag). Dieser Bereich ist nur extrem knapp dem Abrissbagger entkommen im Rahmen der Nachkriegsverkehrsplanung - dazu gibt es demnächst mal einen ausführlichen Beitrag.



      Kleiner Schnappschuss in den Landweg mit seinen wesentlich kleineren Bremer Häusern (wie gesagt gibt es sie in allen Größen - nur der Grundriss ist eigentlich immer gleich):



      Nun sind wir wieder an der Contrescarpe angelangt, die in ihrem östlichen Teil zwischen ehemaliger amerikanischer Botschaft (ebenfalls gezeigt) und Ostertorsteinweg von herrlich großen Stadthäusern gesäumt wird. Hier nur mal ein besonders prachtvolles Exemplar:



      Die Villa Ichon von 1843, ein dreiachsiges, spätklassizistisches Wohnhaus. Heute Kulturzentrum und Restaurant direkt an der Contrescarpe:



      Blick auf das ehemalige Ostertor mit großem historistischem Polizeihaus rechts und Neubau (2008) links:

      Dieser Beitrag wurde bereits 5 mal editiert, zuletzt von Heinzer ()

    • Sehr schöne Eindrücke. Ich war leider noch nie in Bremen und kenne die Stadt kaum, aber deine Bilder zeigen ja daß die Stadt eine ganze Menge beeindruckender und charmanter Architektur zu bieten hat (z.B. Kreftingstraße, sehr attraktiv). Den Anbau der Kunsthalle finde ich jedoch auch mißlungen, hier musste es mal wieder der berüchtigte Kontrast sein, der das alte Gebäude jetzt entstellt.
      In dubio pro reko
    • Danke für die Rückmeldungen! Ich empfehle besonders im Hinblick auf das großenteils abgerissene Rembertiviertel mit seiner Kirche auch nochmal dringend Erpels guten Beitrag in "Bremen - Das Viertel" hierzu. Vielleicht kann man die ganzen Viertel/Ostertor/Steintorthreads auch unter "Bremen - die östlichen Stadtteile" oder so zusammenführen, da das ganze etwas unübersichtlich wird mit "außerhalb der Innenstadt", "Das Viertel" und dem von mir gestarteten "Ostertor".

      Ich muss sagen, dass das Ostertor für mich zu den schönsten städtischen Wohngebieten gehört, die mir bekannt sind, und ich kenne zwar längst nicht alle größeren deutschen Städte, aber doch einige. Man muss natürlich dieses Kleinteilige mögen, die Dresdner Neustadt, große Teile Leipzigs oder auch die Hamburger Gründerzeitviertel sind wahrscheinlich sogar prachtvoller, aber nirgendwo sonst in D kann man den bürgerlichen Traum eines Eigenheims mit kleinem Garten und städtischem Wohnen so gut kombinieren wie in Bremen.

      Ich habe hier auch keine selektive oder beschönigende Fotoauswahl getroffen, im Gegenteil, beim Zusammenstellen fielen mir ständig ganze Straßenzüge und/oder Ecken ein, die ich ausgelassen hatte. Und der vielleicht schönste Teil ist noch gar nicht dabei gewesen, nämlich der zwischen Osterdeich und Ostertorsteinweg. Ich zitiere hier gerne einen anonym gebliebenen Nutzer, der im Bremen - Innenstadt-Thread folgendes sagte:

      ....von dort aus streifst Du weiter bis zur Kunsthalle (Franz Marc, immerhin), am Theater vorbei und dann in den Ostertorsteinweg. Mehr Urbanität gibts nirgendwo und wenn Du anfängst rechts und links in den Seitenstraßen herumzustreifen, möchtest Du nie wieder aufhören.

      Dem ist nichts hinzuzufügen, und das sage ich als jemand, der durchaus einen gewissen Hang zum Zynismus oder gar Negativismus hat.
    • An diesen Strang wollte ich noch einige Bilder vom „Haus des Reiches“ einstellen, auch wenn das nur am äußersten Rand der Region Ostertor zuzuordnen ist. Das Gebäude wurde 1928-1931 für die Nordwolle gebaut, die ihren Firmensitz von Delmenhorst nach Bremen verlegt hatte. Unmittelbar nach der Bauabnahme und noch vor der Einweihung im Juli 1931 ging die Nordwolle allerdings in Insolvenz, später saß der Gauleiter Bremen drin (Quelle Wikipedia). Das Gebäude überstand den zweiten Weltkrieg unbeschädigt, heute wird es durch die Finanzbehörden genutzt.

      Das Haus des Reiches ist für mich ein relativ unbekanntes Juwel in einem allerdings ruinierten städtischen Umfeld und für mich neben dem neuen Rathaus und der Böttchergasse der bedeutendste Bau aus dem 20. Jahrhundert in Bremen. „Die Details des Bauwerks und der Ausstattung sind überaus reichhaltig, auf der Makroebene hingegen ist das Gebäude streng funktional. Einflüsse des Neuen Bauens, des Expressionismus und des Art Déco sind zu erkennen.“ (Wikipedia)

      1 Wir beginnen mit einem Blick zum Eingang.



      2



      3 Irgendwie muss ich bei dieser Lampe an Albert Speer denken.



      4



      5 Im Eingangsbereich kommt mir dann die Gestaltung des Innenbereichs des Empire State Building in den Sinn, das ja auch aus exakt derselben Epoche stammt.



      6



      7 Jetzt sind wir im ersten Stock.



      8 Jetzt sind wir im sehenswerten Innenhof des Gebäudes. Die große Uhr sollte (Wikipedia) die Beschäftigten daran erinnern, dass sie bei jedem Blick aus dem Fenster kostbare Arbeitszeit verschwenden.



      9



      10



      11



      12 Das ist eines der Treppenhäuser.



      13 Abschließend sehen wir an der rückwärtigen Seite noch eine Reminiszenz an die Nordwolle. Das war’s.



      14

    • Ein wirklich eindrucksvolles Gebäude, so eine Art dekorative Moderne gefällt mir ausgesprochen gut. So könnte man auch heute noch bauen, wenn man denn wollte. Besonders schön finde ich den Eingangsbereich, alles sehr hochwertig und edel ausgestattet. Und auch das verglaste Treppenhaus gefällt mir sehr gut. Dankeschön für diesen bebilderten Rundgang durch das Haus.
      In dubio pro reko
    • Von mir auch vielen Dank für diese qualitativ um Längen besseren Fotos des Haus des Reichs als die paar Schnappschüsse in meiner Fotostrecke, v.a. die Ansichten des Innenhofs waren mir unbekannt.

      Das Gebäude steht ja mittlerweile komplett inkl. gesamter Inneneinrichtung und einer -für Technikinteressierte- wohl sehr interessanten zentralen Schaltwarte im Keller (Strom- und Haustechnik aus der Erbauungszeit) und natürlich den einwandfrei funktionierenden und von mir selbst schon benutzten Paternosteraufzügen unter Denkmalschutz und dürfte tatsächlich vom Denkmalwert ungefähr auf dem Niveau des Chilehauses mitspielen, wenn es auch nicht ganz so groß ist.

      Die Bremer Denkmalschutzbehörde war bei diesem Gebäude wirklich sehr engagiert, zumal es den Krieg keineswegs unbeschadet überstanden hatte. Große Teile der Fassade mussten in mühevoller Kleinarbeit rekonstruiert werden. Ich werde mal nach Literatur diesbzgl. suchen, um hier keinen Mist zu posten, aber fast alle Fassadendetails zumindest der "Prachtfassade" nach Westen sind meines Wissens rekonstruiert. Der Denkmalwert des Gebäudes muss also sehr früh nach dem Kriege klar gewesen sein.

      Danke nochmal

      Heinzer
    • Nochmal etwas Beifang von heute, leider war es wieder mal trüb. Das Herz des Ostertors schlägt in den kleinen Gassen zwischen Osterdeich und Ostertorsteinweg. Der Erhaltungsgrad der meisten Häuser ist gut, sie werden liebevoll gepflegt, insgesamt herrscht hier eine fast dörfliche Atmosphäre:

      Hier mal eine zum Osterdeich ansteigende Straße mit einer für Bremer Verhältnisse völlig untypischen, ansteigenden Häuserzeile:



      In den verwinkelten Straßen finden sich immer wieder überraschende Dinge, wie hier z.B. eine ziemlich original imponierende Garage aus den Zwanziger Jahren (hoffentlich unter Denkmalschutz):

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Heinzer () aus folgendem Grund: Fotolinks wiederhergestellt

    • So, nach dem kleinen Gruß aus der Küche neulich wie angedroht noch ne richtige Dosis Ostertor heute Abend.

      Das Ostertorviertel hat einen vorgründerzeitlichen, fast dörflichen Kern, in dessen Zentrum ein Kloster stand, das Paulskloster oder St. Pauli-Kloster. Dieses hat baulich nicht überlebt (wurde aber schon lange vor dem 2. Weltkrieg abgerissen) und zeigt sich nur noch in Straßennamen (und einer US-amerikanischen Craft Beer-Marke, die -wie der jeder Ostertorsche Ureinwohner zu berichten weiß- eben nicht nach dem Hamburger Stadtteil St. Pauli benannt ist).

      Große Teile des Ostertorviertels im engeren Sinne (der ganze Stadtteil hat weit größere Ausmaße und wurde von mir weiter oben umfänglich gezeigt), welches sich zwischen Mozartstraße und Sielwall sowie Ostertorsteinweg und Osterdeich entspannt, standen zur Flächensanierung an. Zudem sollte im Zuge der Vollendung des Tangentenvierecks eine Hochstraße durch das Viertel geschlagen werden. Die Stadt hatte bereits wo sie konnte Häuser und Grundstücke aufgekauft und bei einigen auch schon mit dem Abriss begonnen, als der Plan 1974 in mehreren dramatischen Beirats- und Bürgerschaftssitzungen gekippt wurde.

      Heute bildet dieses Viertel ein wildes Gewirr aus Gassen und Straßen, die Altbausubstanz ist vergleichsweise liebevoll gepflegt, auch wenn einzelne Neubauten das Bild manchmal stören, werden sie doch nie zu einem richtigen Problem. Allerdings bemerkt man doch, dass nun auch die gut gemachten Sanierungen der 80er Jahre wiederum in die Jahre kommen. Hinzu kommen leider auch immer einzelne Fassadensanierungen zum Nachteil des Hauses, wobei die ganz harten Varianten inkl. Verklinkerung hier kaum anzutreffen sind. Insgesamt hat das Viertel eine etwas in die Jahre gekommene linksalternative Atmosphäre, wobei die wilden Zeiten schon wegen der Preise vorbei sind.

      Als Einstieg ein ehemals bedeutender neoklassizistischer Platz, der leider durch zwei, drei unangepasste 60er Jahre-Bauten verhunzt wurde, ist der sogenannte Körnerwall:



      Das zentrale Haus hinten neben dem Baum ist übrigens ein Neubau aus den 80er Jahren, der fast Rekonstruktionscharakter hat.

      Ein wie ich finde kürzlich recht gelungen renovierter Bau aus den 50er Jahren, allein schon der Erhalt der Haustüren und die Gliederung der Fenster haben den Gesamteindruck deutlich verbessert:



      Vom Sielwall ab stürzen wir uns nun in das Gewirr aus tlw. nur als Gassen zu bezeichnenden Wege:







      Ganz selten findet sich auch noch ein solches Haus, wobei mir der Sinn des aufwändigen Dachaufbaus verborgen bleibt:



      Und weiter:





      An einem ziemlich zentralen Punkt im Viertel befindet sich dieses Haus. Auf der kleinen Steinplatte neben der Tür steht ein plattdeutscher Spruch und der Hinweis auf eine Renovierung 1805 (!), so dass es entweder deutlich älter als es scheint ist, oder die Platte nur transponiert wurde von einem Vorgängerbau:



      Noch eine typische Straßenszene im Ostertor:



      Dit sollet erstmal jewesen sein. Wie bei der Neustadt war das aber noch nicht alles. Ich hoffe -wie immer-, dass es gefallen hat.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Heinzer ()

    • Heinzer schrieb:

      Auf der kleinen Steinplatte neben der Tür steht ein plattdeutscher Spruch und der Hinweis auf eine Renovierung 1805 (!), so dass es entweder deutlich älter als es scheint ist, oder die Platte nur transponiert wurde von einem Vorgängerbau
      1837 oder 1838 wurde aus Mitteln der Stiftung an Stelle der drei Buden ein Gebäude in der Köpkenstraße 5 östlich der Altstadt errichtet. ... Die Inschrift der vorherigen Buden, die „H HINRICH KOEPKEN VND SINER ERVEN DISSE DREI GADES BOEDEN, Renovatum 1804“ lautete, wurde an der neuen Unterkunft angebracht.
      (de.wikipedia.org/wiki/Stiftung_Gottesbuden)

      1804 ist richtig, wie die Abbildung zeigt.
    • Vielen Dank für die Ergänzungen! War schon spät gestern, wie man auch an der falschen Jahreszahl merkt.

      Dafür habe ich nochmal etwas zum Thema "St. Pauli-Brauerei" recherchiert. Diese wurde in der Tat nach dem im Ostertor vorhandenen Paulskloster benannt und von Lüder Rutenberg, einem in den 50er und 60er Jahren des 19. Jhdts. sehr einflussreichen Bremer Architekten gegründet. Dieser hat ganze Straßen in der Östlichen Vorstadt errichtet und kann mit Fug und Recht als einer der Väter der Bremer Reihenhausbauweise bezeichnet werden.

      Von der Brauerei sind auch noch Gebäude erhalten, die ich noch zeigen werde. Als letztes Bier der alten Marke wird heute noch in den USA und Kanada ein Bier namens "St. Pauli Girl" verkauft, gebraut wird dieses allerdings mittlerweile von Beck´s. Auch die gut gebaute Dame auf dem Etikett zeigt, dass die intendierte Assoziation -wenn der Name St. Pauli überhaupt irgendwelche Assoziationen bei Amerikanern weckt- wohl eher in Hamburgs Stadtteil St. Pauli zu suchen ist.

      Trotzdem ist das Bier anscheinend weiterhin sehr erfolgreich in den USA:

      Link zu Wikipedia
    • Und weiter geht es im Ostertor.

      Das nächste Bild zeigt den Wienerhof in der Weberstraße, eine aus 10 Mehrfamilienhäusern bestehende Wohnanlage aus den Jahren 1905-1907. Natürlich war auch diese für Bremen untypische Wohnanlage in den späten 60er Jahren vom Abriss bedroht:



      Wienerhof-Artikel auf Wikipedia

      Auch die Umgebung in der Weberstraße ist gewohnt reizvoll:



      Theodor-Körner-Straße:



      Blick zurück Richtung Weberstraße:



      Ein Beispiel von vielen für einen wie ich finde recht gut gelungenen Neubau, optisch wohl aus den frühen 80er Jahren:



      Ein Blick um die Ecke in die St. Pauli-Straße:



      Blick in die Poststraße, am Ende wieder die Köpkenstiftung:



      Ecke Mittelstraße/Beim Paulskloster:



      Vom Ostertorsteinweg in die Theodor-Körner-Straße geht es so:



      Richtung Altstadt und Weser werden die Häuser wieder größer und schicker:



      Der Osterdeich wird von tlw. prächtigen Villen gesäumt, allerdings haben längst nicht alle diese Villen auch bis heute überlebt:



      Aber auch normale Bremer Häuser in der großen Variante gibt es hier zu sehen. Ärgerlich sind die Neubauten dazwischen, nach meinen Informationen gab es in diesem Bereich praktisch keine Kriegszerstörungen:



      Am Ende dieser Reihe an der Ecke Mozartstraße steht nun dieser -wie ich finde ebenfalls- recht gelungene Neubau (optisch frühe Neunziger). Ich weiß allerdings nicht, ob er auf einem der Abrissgrundstücke für den Bau der Mozarttrasse, die ohnehin seit den frühen 70ern abgeräumt waren, gebaut wurde - oder ob für ihn zwei Altbauten abgerissen wurden:



      Ein Blick in die Bleicherstraße, hier das von Lüder Rutenberg entworfene Brauereigebäude mit klaren Anleihen an die Weserrenaissance-Speicherarchitektur der Altstadt im Stile eines Lüder von Bentheim:



      Daneben dann diese schönen Stadthäuser:



      Gegenüber - Richtung Osterdeich steht ein sehr großer postmoderner Komplex aus den Achtziger Jahren. Auch er weist trotz seiner Dimensionen und der Tatsache, dass er auf einer Brache, die im Zuge von Abrissen für die Mozarttrasse entstanden ist, gebaut wurde, durchaus eine eigene Qualität auf:



      Bei allen Unzulänglichkeiten und Schludrigkeiten, wie sie typisch für den westdeutschen Umgang mit überkommener Bausubstanz sind, trotz der manchmal etwas schmuddeligen Erscheinung ist das Ostertor ein richtig nettes, funktionierendes Viertel, für meine Begriffe sogar deutschlandweit ziemlich einmalig für eine Stadt dieser Größe. Mir gefällt die Kleinteiligkeit und der gewachsene Charakter, der den Bremer Gründerzeitquartieren mit ihrer rechtwinkligen Straßenanlage und häufig zeitgleichen Bebauung manchmal etwas abgeht.

      Ich hoffe wie immer, es hat gefallen.

      Kleiner Edit: Es sieht doch so aus, als seien für den Neubau auf dem letzten Bild (nur ein Teilgebäude ist abgebildet) tatsächlich drei intakte Villen abgerissen worden, u.a. die Villa Wätjen noch im Jahr 1983 (!). Das hätte ich nun nicht gedacht, unfassbar eigentlich. Einen Eindruck von zweien der drei Villen vermittelt diese Lithografie (links die Villa Plump/Tolken, rechts die Villa Wätjen) (Quelle wikimedia commons, freigemeine Nutzung):



      Mehr Infos auch in einem sehr guten Wikipedia-Artikel über den Osterdeich.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Heinzer () aus folgendem Grund: Fotolinks wiederhergestellt

    • Ich habe noch etwas Ostertor dabei, diesmal soll es um die Contrescarpe gehen, eine vor dem Krieg wohl ziemlich einmalige Promenade, die sich an den Wallanlagen entlangschlängelt, einmal um die ganze Altstadt. In ihrem westlichen Teil ist ihre Bebauung nahezu komplett zerstört worden, etwa ab dem Herdentor ostwärts bis zur Weser stellt sie aber einen beeindruckenden Stadtraum dar. Hier eine Luftbilddarstellung (GoogleEarth) des Bereichs:



      Ich gehe diesen im Folgenden grob vom Herdentor ostwärts ab, die ersten Fotos sind strenggenommen nicht aus dem Ostertor, sondern gehören zur Bahnhofsvorstadt. Beginnen wir mit einem Blick vom Wall durch die noch winterkahlen Wallanlagen Richtung Contrescarpe, zunächst am Herdentor Richtung Contrescarpe-Center und Haus des Reichs:



      Etwas weiter östlich dann die die Contrescarpe kennzeichnende Wohnbebauung:



      Hier am Herdentor zeigt sich dieser Blick in Richtung Bahnhof, das Eckgebäude im Hintergrund ist einer der Dudlerbauten, die in Bremen in den letzten Jahren emporgewachsen sind. Rechts vor dem angeschnittenen Contrescarpe-Center zweigt nun die Contrescarpe ab:



      An der Contrescarpe nun einmal das bereits von Erpel gezeigte Haus des Reichs, heute Sitz des Finanzsenators:



      An der ersten "Nase" der Contrescarpe hier ein Beispiel für neuklassische Architektur in Bremen:



      Ab hier mischen sich dann auch erste Altbauten unter die Bebauung, bzw. angepasste frühe Nachkriegsbauten:





      Aber auch ziemlich viel Nachkriegszeug, trotzdem befinden wir uns eindeutig im "weißen Bremen", wo weiß die dominierende Fassadenfarbe ist, im Gegensatz zum "roten Bremen" der Altstadt oder der 20er-Jahre-Stadterweiterungen.



      Mal ein Blick Richtung Altstadt, die merklich höher liegt auf der "Bremer Düne":



      An der nächsten Ausbuchtung des Wallgrabens befindet sich das Bischofstor mit diesem erhaltenen Kopfbau:



      Nach Passieren der bereits gezeigten ehemaligen amerikanischen Botschaft beginnt im nächsten Teil nun der schönste Teil der Contrescarpe.
    • Weiter geht es südostwärts längs der Contrescarpe gen Weser... an der Ecke Kohlhökerstraße ergibt sich dieser Anblick:





      Kleine, etwas aus dem Rahme fallende Villa:



      Blick zurück Richtung Bischofstor:



      Und ein weiterer Blick gen Wall/Altstadt über den Wallgraben hinweg:



      Weiter nach Osten folgen zwei sehr schöne Villen:







      Nach der Einmündung der Meinkenstraße kommt das Institut Français in diesem schönen Haus:







      Nach der nächsten Biegung dieses wie ich finde sehr gelungene frühe Nachkriegshaus:



      Und noch zwei nette Stadtvillen:



      bevor wir wieder dieses schon einmal gezeigte sehr ordentliche Stadthaus erreichen:





      Ansicht von Osten:



      Das war der mittlere Teil, es folgt demnächst noch das letzte Stück bis zur Weser.
    • Platz vor dem Bischofstor (heute Präsident-Kennedy-Platz)

      Zu der sehr schönen, von Heinzer eingestellten Dokumentation über die östliche Contrescarpe, möchte ich den folgenden Vergleich des jetzigen Ist-Zustandes mit der Vorkriegssituation am Bischofstor ergänzend beisteuern.
      Der Kopfbau zwischen Fedelhören und Rembertistraße ist dabei nicht der allerletzte 'Mohikaner' vor Ort. Auch das Gebäude am linken Bildrand scheint im Kern noch aus der Zeit zwischen 1900 und 1914 zu stammen. Es ist allerdings durch Umbauten weitestgehend entstellt.



    • Vielen Dank für die Informationen, Pagentorn! Das Haus beherbergte bis vor ein paar Jahren das lokale ZDF-Studio. Ich hatte es immer für einen dieser typischen frühen Nachkriegsbauten gehalten, die keine Angst vor klassischen Proportionen hatten, allerdings spricht aufgrund Ihres Fotos doch einiges dafür, dass das Gebäude (zumindest seine Außenmauern) im Kern wohl ein Vorkriegshaus ist:



      Bevor ich mit dem Rest der Contrescarpe, bzw. dem Teil der Wallanlagen zwischen Kunsthalle und Weser weitermache, noch ein kleiner Exkurs in das sehr feine Quartier um die Kohlhökerstraße und ein paar Nebenstraßen. An ihrem westlichen Ende Richtung Bischofstor müssen Bomben größere Zerstörungen angerichtet haben, hier jedenfalls dominiert Nachkriegsarchitektur. Außer der ihrerseits bereits unter Denkmalschutz stehenden amerikanischen Botschaft ist diese allerdings eher unerfreulicheren Charakters. Zum einen gibt es hier den Hauptsitz der Bremer Lagerhausgesellschaft (BLG, die in einem früh ergrauten Bau geschätzt aus den frühen Nullerjahren hausen), dahinter noch die ehemalige Bundesbankzentrale, die seit einiger Zeit leersteht und demnächst abgerissen werden soll. Auch hierüber wird wohl niemand eine Träne weinen, es sollen -was sonst?- Wohnungen entstehen.

      Die Kohlhökerstraße ist wie das gesamte stadtnahe Ostertor nur extrem knapp einer brutalen Flächensanierung entkommen, sollte doch mitten durchs Viertel die sogenannte "Osttangente" oder landläufig nach einer Straße, deren Verlauf sie gefolgt wäre, "Mozarttrasse" geführt werden, vierspurig und aufgeständert. Auch die Umgebung sollte großzügig abgerissen und im Stile der 70er neubebaut werden. Der Trassenverlauf ist auf der folgenden OpenStreetMap-Karte eingezeichnet. Er hätte -neben vielen weiteren Straßen im Ostertor- die Kohlhöker- und die weiter unten gezeigte Rutenstraße im Prinzip komplett zerstört:



      Leider hatten die Abrisse für die Trasse bereits begonnen, der gesamte, sehr großzügig bemessene Trassenbereich war bereits bald nach dem Krieg mit einer Sanierungssperre belegt, was das Viertel zusätzlich unattraktiver machen sollte. Man hatte dadurch auf so wenig Widerstand wie beim "Dobbendurchbruch" Mitte/Ende der 60er Jahre gehofft, but the times, they had a'changed, gottseidank, muss man sagen. Und so konnte dieses einmalig schöne Viertel in buchstäblich letzter Sekunde (die ausführliche Geschichte hierüber liest sich fast wie ein Krimi; ich werde hierzu noch einen ausführlichen Beitrag machen) gerettet werden. Die meisten Häuser wurden dann saniert und die entstandenen Abrisslücken durchaus geschmackvoll im Stil der Zeit (postmodern) bebaut.

      Nun aber los in der Kohlhökerstraße: Auch die Südseite ist am westlichen Ende sehr heterogen bebaut, wiewohl die Altbauten bereits Hinweise auf die ehemalige Grandezza dieser Straße liefern:



      Dieser Eindruck verstetigt sich auf dem Weg nach Osten:









      Auch die Nebenstraßen wie hier die Rutenstraße sind von edler Schönheit. Diese Straße wäre fast komplett der Mozarttrasse zum Opfer gefallen:



      Selbst die Neubauten sind als recht gelungen zu bezeichnen:



      Auch das beige Haus ist ein Neubau, hier war bis in die 00er Jahre eine Bebauungslücke:







      Ein Blick in den Landweg:



      Und die "Schattenseite" der Rutenstraße nach Norden Richtung Kohlhökerstraße fotografiert, auch das alles wäre Trassenbereich geworden:



      Eine etwas weniger opulente, typische Wohnstraße im Viertel, die Charlottenstraße (ebenfalls fast Komplettverlust für die Osttangente, rechts angeschnitten Abrisslücke):



      Zurück in der Kohlhökerstraße nochmal ein Blick zurück gen Westen, ungefähr im mittleren Hintergrund hätte die aufgeständerte Osttangente die Straße zerschnitten:



      Das östliche Ende der Kohlhökerstraße mit dem Vasmerhaus:



      Und hier ist Schluss für heute, ich hoffe wie immer, es hat gefallen und habe noch einiges in der Pipeline!
    • Und ein weiterer Schwung Fotos aus dem Ostertor. Wo der gestrige Beitrag endete, beginnt dieser, am Vasmer-Haus:



      Von hier geht der Blick nach Süden Richtung Ostertorsteinweg durch die Wulwesstraße:



      In die andere Richtung nach Norden sieht diese so aus:



      und so:



      Hier mit einem recht gut eingepassten, zeittypisch postmodernen Neubau im Vordergrund, hinter dem sich etwas zurückgesetzt noch diese beiden Häuser verstecken:



      Am Südende der Wulwestraße, schon fast am Ulrichsplatz noch dieses kleine, jugendstilige Eckhaus:



      Und nochmal nach Süden der Blick auf den Ulrichsplatz und Ostertorsteinweg:



      Zurück am Vasmer-Haus hier ein Blick auf die Sonnenseite der Straße "Am Steinernen Kreuz":



      Und ihre Schattenseite:



      Blick zurück Richtung Kohlhökerstraße:



      Ein Blick in die Kreftingstraße:



      Und die Bauernstraße:



      Kreftingstraße Nordseite:



      Kurz vor der Ecke Am Robben/Kreftingstraße, im Hintergrund tagt der Stadtteilbeirat in dem roten Haus:



      Und ein Blick zurück:



      Ist einfach ein deutschlandweit ziemlich einmaliges Stück Stadt, das Ostertor. Das Prinzip des Bremer Hauses wurde in diesem Bereich erstmals in der Breite eingesetzt und sorgt nicht nur hier für eine unheimlich lebenswerte Atmosphäre. Jetzt im Winter sind natürlich nicht so viele Leute draußen und die vielen schönen Vorgärten noch kahl (was in Bezug auf Fotos aber auch Vorteile hat), im Frühling und Sommer lebt man hier zur Straße, sitzt auf den Treppen unter einer blühenden Glyzinie oder Klematis, hält ein Pläuschchen mit Passanten und Nachbarn und lässt die Kinder auf der Straße spielen, während man ein Käffchen in der Sonne trinkt.

      Nun gut, das ist immer noch nicht alles. Es folgen noch ein Abschnitt zur Hauptachse Ostertorsteinweg inkl. Ostertor/Theater/Kunsthalle mit dem Rest Contrescarpe/Wallanlagen sowie ein Teil für den am härtesten von den Hochstraßenplanungen betroffenen Bereich um Meinken-/Heinrichstraße und Auf den Häfen.