Lübeck

  • Stand Buddenbrookhaus


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    • Das Gerüst deutet nicht etwa auf den Baubeginn hin, sondern es laufen "restauratorische Voruntersuchungen" durch Archäologen an den unter Denkmalschutz stehenden Fassaden (vielleicht ist ja "unser" Maxileen beteiligt?)

    Nein, bei der Grabung bin ich nicht mit dabei. Um genau zu sein, bin ich inzwischen gar nicht mehr auf Grabungen tätig, weil ich mittlerweile eine feste Stelle bei der Archäologie habe und mich mit Funden beschäftige. Zwar vermisse ich die Grabungen ein wenig, aber eine feste Stelle ist mir dann doch lieber.


    Die Kollegen im Buddenbrookhaus sind soweit ich weiß überwiegend in den Kellern der beiden Häuser tätig. Um die Fassaden und die erhaltenen Brandwände kümmern sich die Bauforscher. Vielleicht hat die LN sich da vertan, weil Bauforscher ja auch gerne mal als "Bauarchäologen" bezeichnet werden. Oder die Archäologen unterstützen die Bauforscher bei den Vermessungsarbeiten, das kann auch sein.


    Das ist übrigens ein guter Anlass, um mal ein wenig Schleichwerbung für die Lübecker Archäologie zu machen. Seit Jahrzehnten erscheinen die Jahresberichte der Archäologie in der "Zeitschrift des Vereins für Lübeckische Geschichte", deren ältere Ausgaben man hier findet: https://vlga.de/de/zeitschrift


    Seit 2019 gibt es allerdings auch einen ausführlicheren Jahresbericht als eigenständige Zeitschrift unter dem Titel "Archäologie in Lübeck" - und die Bände für 2019 und 2020 gibt es seit kurzem ganz offiziell als kostenloses PDF zum Download: https://www.luebeck.de/de/stad…/archaeologie/archiv.html


    Da steht auch einiges über die Grabungen in der Fischergrube Ecke Ellerbrook und die Grabung in der Parade 2 drin, an denen ich beteiligt war.

  • Maxileen Duuu hast mir mit deinen Links wieder eine lange Nacht beschert!!


    Sehr toll diese Jahresberichte, und zudem schön aufgemacht. In Lübeck (und wohl wie an den meisten Orten oder Bundesländern) wird zwischen Bodenarchäologie und Bauforschung unterschieden. Das ist bei uns in St. Gallen auch so, aber dort werden jeweils dem Jahresbericht der kantonalen Denkmalpflege auch die Berichte der Kantonsarchäologie beigesellt, und so hat man manchmal zum gleichen Objekt zwei Berichte, die sich ergänzen.


    Gibt es in Lübeck auch eine Bauforschung, oder werden solche Aufträge von der Denkmalpflege an private Bauforscher vergeben? Und gibt es hierzu auch öffentlich einsehbare Zusammenfassungen? Frank1204 hat mir bereits einige Literaturempfehlungen allgemein zu den Lübecker Altstadtbauten zukommen lassen.


    In den Jahresberichten der Archäologie fand ich viele Angaben zu den historischen Ziegelformaten, und auch spezielle Fachbegriffe werden dort verwendet. Mir kommt jetzt beispielsweise der Begriff 'Viertelstab-Backstein' in den Sinn. So sprechen die Fachleute alle dieselbe Sprache. Ich habe ja kürzlich im BKF begonnen, mich mit den Fassaden in der Lübecker Altstadt zu beschäftigen, und dann ist es nur von Vorteil, wenn man dieselbe Sprache spricht.


    Beispiele, wie ich mich an das Thema herantaste:

    - Bei den gotischen und Renaissance-Backsteinfassaden sind mir diese viertelsrunden Profilierungen an den Hochblenden (z. B. Hundestr. 68), an den Fensterleibungen (z. B. Hundestr. 76) oder auch an beiden Architekturteilen (Mengstr. 25, Grosse Burgstr. 24) aufgefallen. Hierzu wurden eben die erwähnten 'Viertelstab-Backsteine' verwendet. Normalerweise sind diese nicht rund, sondern mit einer 45°-Abschrägung versehen.

    - Backsteinstrukturen, die ältere Bauzustände (veränderte einstige Treppengiebel, andere Geschosshöhen) zeigen.


    Hierzu muss ich erwähnen, dass in der Denkmalliste bei Wikipedia hervorragende, hochaufgelöste Fotos vorhanden sind, die eine Beschäftigung mit den Fassaden aus der Ferne ermöglichen. Ich war 1973 als Kind einmal in Lübeck. In Erinnerung geblieben sind mir nur noch das Holstentor, die Salzspeicher und die Stützbalken zwischen den Domtürmen. :wink:


    Zur Grabung an der Fischergrube / Ellerbrook: Gerade vor einer Woche hatte ich mit Schmunzeln den Blog einer Nachbarin angeschaut, die Euch bei der Arbeit zugeschaut hatte. Dort sind auch Bilder dabei, welche zeigen, wie eure Arbeit und die baulichen Befunde mit Flies und Kies wieder zugeschüttet wurde und somit der Nachwelt erhalten bleibt. Der Neubau (so ein dummer Schmarren) wurde ja ohne Untergeschoss daraufgesetzt. Einzig tat mir die Vorstellung weh, wie dieser wunderbare Backsteinboden im ehemaligen Braulokal von Fischergrube 63 von Bohrpfählen durchbohrt wurde (Jahresbericht 2019, S. 23). Die Nachbarin hat in ihrem Blog just diesen Moment am 10./11. November 2019 festgehalten.

  • Freut mich, dass die Jahresberichte dir gefallen. Eigentlich müssten die noch viel mehr beworben werden, denn die gedruckten Ausgaben lassen sich zwar über den Buchhandel bestellen, unter der Lübeckliteratur in den hiesigen Buchläden habe ich sie aber bislang noch nicht gesehen.


    Die Denkmalpflege veröffentlicht ihre Jahresberichte ebenfalls in der "Zeitschrift des Vereins für Lübecker Geschichte", aufgrund der geringen Personaldecke in den vergangenen Jahren allerdings nur unregelmäßig. Es gibt auch relativ wenige Projekte, bei denen sowohl die Bauforschung als auch Archäologie eingebunden sind. Das liegt meines Wissens vor allem daran, dass im Denkmalschutzgesetz zwar inzwischen das Verursacherprinzip für Ausgrabungen verankert ist - und dass die gesamte Lübecker Altstadt Grabungsschutzgebiet ist, weshalb jeglicher Bodeneingriff archäologisch begleitet wird und vom Bauherrn bezahlt werden muss. Umbauten und Sanierungen in denkmalgeschützten Bauten sind natürlich ebenfalls genehmigungspflichtig, aber es findet nicht bei jeder Sanierung eine umfangreiche bauforscherische Tätigkeit statt, weil das eben nicht im Denkmalschutz festgelegt ist. So sind es denn meist die städtischen oder kirchlichen Bauten, bei deren Sanierung die Bauforscher in größerem Umfang involviert sind, beispielsweise bei der Sanierung der Kirche und der Halle des Heiligen-Geist-Hospitals vor einigen Jahren und eben aktuell beim Buddenbrookhaus.


    Das Blog der Nachbarin an der Fischergrube ist uns damals auch aufgefallen und ich fand es stets interessant und amüsant, wie die Dame unsere Grabung kommentiert und sich ihre Gedanken zu den Befunden gemacht hat. Und ja, natürlich ist es nicht optimal, dass die ergrabenen Backsteinfußböden von der Pfahlgründung des Neubaus durchbohrt wurden, allerdings wären mit der ursprünglichen Planung, die Tiefgarage unter dem ersten Bauabschnitt der "Altstadthöfe" zu erweitern, alle Befunde abgeräumt worden. Und die Bohrpfahlgründung wurde immerhin soweit angepasst, dass bis auf die Fußböden keine relevanten Befunde (die Brandmauern, die Warmluftheizung in Fischergrube 61, der Mühlstein in der Diele von Fischergrube 63) beschädigt wurden. Das meiste ist also tatsächlich unter dem Neubau erhalten geblieben.