Mannheim - O 4 4, Bankpalais

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    Die Stimmung ist frostig, die Raumtemperatur liegt bei gefühlten zehn Grad. Man muss sich warm anziehen als Gast in der nahezu ungeheizten BW-Bank in O 4, 4. Doch das Reiz-Thema beschleunigt den Puls der Zuhörer und befeuert die Diskussion: Es geht um den Abriss des alten Bankpalais, um den Verlust der letzten barocken Reminiszenz an den Planken. Und es geht um den geplanten Neubau einer Handelsimmobilie, den die "LBBW Immobilien Development" trotz der massiven Proteste der Mannheimer im Herzstück der City hochziehen will.


    Mehr infos: http://www.morgenweb.de/region…208_mmm0000002842866.html


    Hier ein Bild des sehr schönen Gebäudes - eine Tragödie.


    http://www.morgenweb.de/meinun…/20120126_barockhaus.html

    Unsere große Aufmerksamkeit für die Belange des Denkmalschutzes ist bekannt, aber weder ökonomisch noch kulturhistorisch lässt es sich vertreten, aus jedem alten Gebäude ein Museum zu machen. E. Honecker

  • Willkommen in den 70ern!


    Wenigstens rühmt die Politik die angedachte Dreistigkeit nicht auch noch. Bin ja mal gespannt, ob die Bürger Stadtbild per Demo o.ä. unterstützen werden.

    Ich entschuldige mich von Herzen für meine früheren arroganten, provokanten, aggressiven und unfreundlichen Beiträge!
    Jesus ist mein Herr und Retter!

  • Schön, wie der LBBW-Mann versucht, den Gegnern Essig als Wein zu verkaufen.
    Ein 100%ig im öffentlichen Eigentum (der Bürger!) stehendes, herabgestuftes & mehrfach umbenanntes und fusionierendes Kreditistitut.


    O4/4, Mannheim - Entwicklung einer Handelsimmobilie in 1A-Citylage - LBBW Immobilien GmbH


    Ich denke, die sollten ihr Geschäft auf die Vermittlung rollierender Geldmarktdarlehen an zahlungskräftige Schuldner fokussieren...und bei Gelegenheit die Bausünden ihrer Niederlassungen im Südwesten beseitigen - bestimmt hat das fleißige Asset Management schon allerbeschte Retail-Konzepte für diese Grundstücke im Köcher. :lockerrot:

    Schön ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt.
    (Immanuel Kant)

  • Wie können sich die Protagonisten dieser Stadtzerstörung - die Projektentwickler der LBBW-Tochter, Frank Berlepp und Christian Sailer, sowie Architekt Dieter Blocher - abends noch in den Spiegel schauen? Die Entscheidung für den Abriss ist jetzt endgültig gefallen (aus Morgenweg Rhein-Neckar, 7.2.12 "Bank glasklar für Abriss"): Mannheim: Bank glasklar für Abriss

  • Das ist doch mal wieder Wahnsinn. Diese Stadt ist voll mit architektonischem Müll, der entsorgt werden kann, aber stattdessen werden die wenigen erhaltenswerten Gebäude vernichtet. Warum gerade dieses Haus? Warum nicht einer der hundert Betonklötze in der unmittelbaren Nachbarschaft?

    Die Welt muss romantisiert werden! - Novalis

    Edited once, last by Isidor ().

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    Der barocke Nachbau des alten Bankhauses aus dem Jahr 1973/74 habe keine Daseinsberechtigung, stehe nicht unter Denkmalschutz, da im Kern keine historische Substanz mehr vorhanden sei.


    Aaaabsolut xD
    Passanten interessiert es sicherlich brennend ob ein Holzbalken auf das Jahr 1770 oder 1970 datiert ist. Das sieht man dem Haus so dermaßen an, geht gar ni. :lachen:

  • "Barocker Nachbau aus dem Jahr 1973"? Das zeigt, dass in den 70er-Jahren auch manches Gute getan wurde. Heute dagegen macht man sich offenbar nicht mehr die Mühe, so einen barocken Nachbau zu errichten, sondern glaubt mit einer unglaublichen einfallslosen Fassade daherkommen zu müssen, die ich geradezu als primitiv und abstoßend empfinde (jedenfalls, wenn man die ersten beiden Bilder in Mannheim: Das Stadtpalais O4, 4 der Beurteilung zugrundelegt).

  • Würde der Neuentwurf den Schrott links und rechts des Bankpalais ersetzen, wäre es sogar eine Verbesserung der Lage. An dieser Stelle allerdings handelt es sich eindeutig um eine Verschlechterung der Situation. Da bleibt für die heimatverbundenen Mannheimer nur die Möglichkeit, Bürger direkt vor dem Gebäude mittels eines Infostandes und Transparenten aufzuklären und den Protest auch vor die LBBW-Zentrale Mannheim in der Augustaanlage 33 zu bringen. In der letzten Konsequenz kann sich auch jeder einzelne Bürger über bessere Konditionen bei anderen Banken informieren und dann einfach mit einem saftigen Schreiben seine Konten bei dieser Bank kündigen. Dann wäre die Aktion dieser Bank zumindest mit ein wenig finanziellem Schaden für sie verbunden, der dem möglichen Profit durch die Neuvermarktung etwas schmerzhaftes entgegensetzt.


    Eine andere Problematik wird dabei allerdings angesprochen, die mit dem alten Dehio-Lehrsatz der Denkmalpflege zu tun hat. Offenbar ist das Gebäude eine Rekonstruktion. Rekonstruktionen können allerdings, da nicht denkmalgeschützt, jederzeit wieder abgerissen werden, wenn dies einem Investor so in den Kram passt. Insofern kann man sich keinesfalls sicher sein, dass das Braunschweiger Schloss, der Zuckerhut in Hildesheim, manches Dresdner Neumarkt-Gebäude nicht in 30, 40 Jahren einfach wieder abgerissen werden. Dieser Kampf ist also ein viel weitergehender und man sollte auf der Hut bleiben und sich nicht auf irgendwelchen Lorbeeren ausruhen.

  • Hallo, ich bin neu hier, kenne das Forum allerdings schon länger.
    Wie ihr aus meinem Namen ersehen könnt, lebe ich in der schönen Pfalz, bin 41 und hoffe ich kann auch ab und an was aus "Deutsch-Südwest" beisteuern. Wir sind hier im Forum ja ziemlich unterrepräsentiert.


    Jetzt, ist hier mal ein Thema aus "meinem Revier" aufgetaucht, das hier die Gemüter ja ziemlich erhitzt.
    Ich habe fast 8 Jahre in Mannhein und Ludwigshafen gelebt und kenne besagtes Gebäude sehr gut.
    Aber leider muss ich diesmal zustimmen: Das Gebäude ist nicht erhaltenswert. Es handelt sich um eine sehr schlechte Reko. darüber hinaus sind die Fassadenteile bis auf das versteckt angebrachte Portal und die Fensterkörbe Gußimitate aus Kunstharz (!). Man kann also diesmal zu Recht von Disneyland sprechen.


    Da sieht man deutlich wie gefährlich Rekos á la Hotel de Saxe sind. In 30 Jahren könnte dieses das selbe Schicksal ereilen.


    Bleibt zu hoffen, dass die Mannheimer beim Neubau eine Fassadenreko durchsetzen können und zwar von besserer Qualität.
    Wer MA kennt, kann aber nur mit dem Schlimmsten rechnen, nach der Maxime: "Planken (so heißt die Fußgängerzone) endlich auf
    Weltstadtniveau – Schandfleck verschwindet"

    Der deutsche Pfad der Tugend ist immer noch der Dienstweg.

  • Der Mensch sieht, was vor Augen ist, der Denkmalpfleger sieht die Substanz !

    Ob die Fassade nun original oder rekonstruiert ist, für den Denkmalpfleger bleibt sie Fassade in des Wortes abschätziger Bedeutung und erhält ihren Wert nur als Verweis auf die dahinter bestehende "historische" Substanz. Nur wenn es hinter der Mannheimer Barockfassade ein paar Wände aus dem 18. Jahrhundert gäbe, dürfte sie stehen bleiben. In letzter Konsequenz heißt das natürlich, dass die Fassade als solche überhaupt keinen Schutz genießt; konsequenterweise müsste es dem denkmalpflegerischen Wertekanon genügen, nach Verzicht auf die Fassade die "authentischen" Mauern dahinter irgendwie zu konservieren oder in einem Neubau einzusargen.


    Damit nähern wir uns dem dogmatischen Kern der Denkmalpflege, die sich als Ersatzreligion des säkularen, materialistischen Zeitalters aufführt. Ihre Priester, die sich Denkmalpfleger nennen, verachten das tumbe Laienvolk, das an Bildern hängt, das sich heimelige, romantische Stadtbilder wünscht, da es keine Ahnung hat, worauf es ankommt. Die Bilder sind Trugbilder, heilig allein ist die historische Substanz, die steinernen Reliqien, die kostbaren authentischen Backsteine, Hausteine, Putz- und Farbreste.

  • Ich habe bis vor 15 Jahren ebenfalls in der Pfalz gewohnt und war auch des öfteren in Mannheim. An das Gebäude kann ich mich gut erinnern, wurde es nicht Mitte der 90er noch renoviert (?)


    Als historisches "Original" habe ich es nie empfunden, aber als sehr wohltuenden Kontrast zu all den trostlosen Nachkriegsbauten, mit denen Mannheim leider zu 90 % zugebaut ist. Daher würde ich mir schon sehr wünschen, daß es entweder erhalten bleibt oder ein Gebäude in sehr ähnlichem Stil entsteht, die Meinung unter Soll das Bankpalais an den Planken O 4, 4 abgerissen werden? ist ja auch eindeutig zu 94 % für den Erhalt (Stand 11:50, daran hat sich aber seit Beginn der Umfrage kaum etwas geändert).

  • Man kann also diesmal zu Recht von Disneyland sprechen.


    Nein, das kann man nicht. Der Bau orientiert sich am zerstörten Vorgänger, greift Identität und Genius Loci Mannheims auf, und befindet sich an dessen Originalstelle. Dass es nur hundertprozentig "authentische" Rekonstruktionen geben darf, ansonsten aber nur regionalfremden Modernismus, entspringt dem dogmatischen Schwarz-Weiß-Denken von Denkmalschutz und Modernistenschaft.

    Ich entschuldige mich von Herzen für meine früheren arroganten, provokanten, aggressiven und unfreundlichen Beiträge!
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  • also da bin ich anderer Meinung.


    Erstens hat für mich eine Reko zumindest teilweise Materialgenauigkeit aufzuweisen.
    Kunstharz anstatt Sandstein, wie beim Vorgängerbau geht gar nicht.


    Der Standort ist zwar original, nicht aber Kubatur und Ausmaße des Gebäudes.
    An der Straße nach O3 hat man sich mal locker 5 Fensterachsen gespart, das Gebäude ist also nur noch ein Torso.


    Also um gleich mal allen Mutmaßungen hier entgegenzuwirken: Ich bin KEIN Modernist der hier stänkern will :tongue: .
    Ich wollte bloß aufzeigen: wenn man nicht richtig rekonstruiert, muß man sich nicht wundern wenn irgendwann mal das ganze als Kulisse angesehen und wieder abgerissen wird. Vorsicht Dresden! Meines Erachtens macht man das in FFM besser: entweder Reko oder Neubau, dazwischen gibts nix.


    Hoffen wir dass das Palais schöner denn je wieder ersteht, denn gegen den Abriß, wird man nichts mehr machen können, schließlich steht eine Bank hinter dem Ganzen!

    Der deutsche Pfad der Tugend ist immer noch der Dienstweg.

  • Hoffen wir dass das Palais schöner denn je wieder ersteht, denn gegen den Abriß, wird man nichts mehr machen können, schließlich steht eine Bank hinter dem Ganzen!

    Habe ich irgendwas überlesen? Der letzte Stand war, dass das Bestandsgebäude abgerissen wird und durch eine 08/15 moderne Kiste ersetzt wird. D.h. ein Palais der "schöner denn je wieder entsteht" steht den Investorenaussagen nach, überhaupt nicht zur Diskussion. Im Gegenteil, die Investoren haben ja deutlich gemacht dass ein moderner Bau her muss. Zitat aus morgenweb "Angst vor Verlust des Bankpalais wächst" vom 8.2.12, zu den Projektentwicklern: "... Sie reden mit Engelszungen auf das Publikum ein, und malen den Teufel an die Wand, loben die wegweisenden Pläne eines Pyramiden-Neubaus, und warnen zugleich vor dem Versuch, die barocke "Lochfassade" zu erhalten oder nachzubauen."

  • @Pfälzer: Du sagst also, dass das Palais nicht ehrlich ist und deshalb abgerissen werden kann. Was ist mit der Ästhetik? Spielt die auch irgendeine Rolle?

  • Also vielleicht bin ich da blauäugig, aber ich hoffe, dass die Mannheimer sich hier mal für eine Reko oder Erhalt starkmachen!
    Hab da aber wenig Hoffnung.


    Nein ich finde nicht, dass man das Gebäude einfach abreißen sollte, aber ich wollte darauf hinweisen wie es kommt, wenn man anstelle einer echten Reko eine billige Beton/Plastikfassade errichtet.


    Hätte man in den 70ern mehr Authentizität gewagt, stünde das ganze wohl gar nicht zur Debatte :augenrollengruen:


    Ich bin natürlich auch der Meinung, dass es zum Palais in o4 keine alternative gibt.


    Ich kenne das Gebäude übrigens gut, sieht in echt auch recht unecht aus, leider! alles viel zu glatt und künstlich

    Der deutsche Pfad der Tugend ist immer noch der Dienstweg.

  • Wir sollten jedenfalls den Stadtmodernisierern nicht noch Wasser auf ihre Mühle leiten, indem wir an einer bestehenden Reko-Fassade herummäkeln. Natürlich wünschen wir uns hervorragende Rekonstruktionen, aber wenn an einer Straße wie den Planken der Trend ausbräche, historisierende und selbst Reko-Fassaden von mittelmäßiger Qualität zu errichten, wäre das für uns allemal ein Grund zum Jubeln. Die Entwicklung zum höherwertigen Bauen kann dann ja immer noch stattfinden (wie am Dresdner Neumarkt).


    Außerdem hat das Insistieren auf materialgerechtem Bauen etwas durchaus Gegenwartsbezogenes an sich. Dem Barockbaumeister war das Material ziemlich schnurz, es kam ihm auf den architektonischen Effekt an. Stein, Putz, Holz hat man in gleicher, egalisierender Manier bemalt, hätte man Kunstharz zur Verfügung gehabt, hätte man auch dieses eingesetzt. Funktionale Elemente wie Türen wurden vielfach als Tapetentüren unauffällig in die Wanddekoration eingeschnitten, Pilaster aus Sandstein wurden zuweilen in Blech fortgesetzt, damit sie als Fensterflügel aufgeklappt werden konnten. Wenn doch der Gegenwartsmensch, der deutsche zumal, manchmal von seinem Bierernst abrücken würde und - durchaus historisch korrekt - dem Barockmenschen ein wenig spielerische Leichtigkeit abgucken würde!

  • Philoikódomos: + 1


    Hinzuzufügen sei noch, dass LBBW Immobilien Development bei dieser Immobilie offensichtlich seine Hausaufgaben nicht gemacht hat. Seltene Barockbauten in Innenstadtlage - ob als Imitat oder im Original - bieten herausragende Vermarktungsmöglichkeiten. LBBW sollte sich mal in anderen Großstädten umschauen: Dort werden vergleichbare Immobilien mit Leichtigkeit zu Höchstpreisen z.B. an Anwaltskanzleien, Praxen oder als Repräsentanzbüro für Makler o.ä. vermietet.

  • Ich weiß nicht, ob das hier schon so rübergekommen ist.
    Habe mich heute nochmal in meiner vorhandenen MA-Lieratur informiert und festgestellt, dass der eigentliche Skandal ist, dass diese Billig-Reko ein barockes Palais ersetzt hat, welches den Krieg unversehrt überstanden hatte. Hätte man damals saniert anstatt bis auf die Grundmauern auszubaggern, gäbe es das Problem heute gar nicht. So heißt es dann wieder: nicht von historischem Wert weil nicht authentisch, bla, bla, bla....


    @Philoikódomos:
    Was Rekos in Mannheim betrifft muss ich dich enttäuschen. Es wird niemals welche geben, auch keine vereinfachten oder traditionelles Bauen.
    Den Mannheimern fehlt jedes Gespür für die Defizite ihrer Stadt in ästhetischer Hinsicht.
    In MA verschwindet historische Bausubstanz Jahr für Jahr, meist Gründerzeit und Verschlimmbessertes, was aber mit etwas Engagement wieder herzurichten wäre. Jede Glaskiste in der Innenstadt, für die nicht selten ein solches Gebäude weichen muß, wird aber von der lokalen Jubelpresse, allen voran der Mannheimer Morgen, zum Großereignis stilisiert. "Mannheim wird schöner"
    Ich persönlich habe mich lange sehr für die Stadt und ihre Geschichte interessiert, habe sie allerdings inzwischen abgehakt.
    Das alte Palais wird auch verschwinden, da bin ich mir sicher. Sorry für meinen Pessimismus, aber ich kenne die Stadt. :weinen:

    Der deutsche Pfad der Tugend ist immer noch der Dienstweg.