Hannover - Ihme-Zentrum

  • Am letzten Wochenende bin ich auch mal am Ihme-Zentrum vorbeigefahren, nachdem ich darüber im vergangenen Jahr im Dritten eine Doku gesehen hatte. Ich habe lange im Norden von Hannover gewohnt, ich entsinne mich noch, wie unsere Nachbarin in den 80ern sagte, sie fahre zum Einkaufen immer ins Ihme-Zentrum, dort gäbe es ja alles. Ich selbst war um 1990 öfter da, weil es dort einen relevanten Plattenladen gab, gefallen hat es mir dort schon damals nicht, dieser steingewordene Traum einer „Stadt-in-der-Stadt“ aus den 70ern. Das Ihme-Zentrum liegt etwas von der Innenstadt entfernt, wenn man gut zu Fuß ist, geht man zur Marktkirche von hier aus ca. 40 Minuten.


    Ihme-Zentrum – Wikipedia


    Der TV-Bericht klang alles andere als euphorisch, weite Teile der Anlage stünden leer, Besucher der verbliebenen Bewohner würden sich kaum noch in das Objekt trauen und Wohnungseigentümer, die sich vor einiger Zeit eine Wohnung gekauft hatten, stünden jetzt vor einem gewaltigen Wertverlust.



    6 Von der Fluss-Seite sieht das ganze zwar riesig aus, aber halbwegs in Form.




    7 Von Westen aus ist nicht zu übersehen, dass der Lack ab ist.




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    9 Die ehemals großen Ladeneinheiten stehen bis auf ein einziges Briefmarkengeschäft komplett leer. Im Teil des Erdgeschosses, das ich gesehen hatte, steht nur das Betongerippe offenbar von der Größe eines U-Boot-Bunkers. Ich bin durch den im Bild markierten Zugang in die Anlage gelaufen, der Weg zum Aufzug ist zu beiden Seiten durch Holzverkleidungen abgedeckt. Drinnen ist es absolut spooky und verdient das Prädikat „Detroit“. Im Dunkeln wäre ich nicht hineingegangen. Allerdings konnte drinnen nicht viel passieren, weil ich in ca. 10 Minuten genau drei Menschen gesehen habe, eine Anwohnerin und zwei Interessierte, die wie ich mit offenem Mund herumliefen.




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    12 Der Innenbereich ist besonders deprimierend.




    13 Der Ihme-Platz ist dann der negative Höhepunkt, so etwas habe ich in Deutschland noch nie gesehen. In Wikipedia stand ja etwas von teilweisen Abrissen, die nun ein surreales Umfeld hinterlassen haben.




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    Wie sich die Perspektive aus Bild 15 seit 2003 verändert hat, ist nicht zu glauben.


    Datei:2003-06-07.Ihmeplatz.jpg – Wikipedia

  • Als ich vor zehn Jahren dort war, hat's zwar noch Geschäfte gegeben, aber irgendwie hat man dem ganzen angesehen, dass das nicht mehr lange gutgeht. Selten habe ich so ein völlig denaturiertes Bauwerk gesehen und erfahren, wie es ist, in so einer Kunstwelt einzukaufen. Nein danke. Ich habe es schließlich auf dem schnellsten Weg wieder verlassen. Dieses Monstrum hat mich angeödet und angewidert, wie ich es in meinem Leben selten erlebt habe.

  • Vielleicht kann man noch des Architekten habhaft werden und ihn dazu zwingen, den widerwärtigen Betonklotz eigenhändig wegzuhämmern und die Reste aufzufressen. :aufdenkopf:

  • Vielen Dank, Erpel, für die Fotodokumentation! Der Höhepunkt der Brutalomoderne Anfang der Siebziger ist sicher das unmenschlichste dessen, was nach dem Kriege so alles Stein geworden ist. Nicht zuletzt wegen genau solcher Gebäudekomplexe setzte dann ja ab Mitte desselben Jahrzehnts recht rasch ein grundlegendes Umdenken weg von Flächen- hin zu Objektsanierungen und letztlich die ( natürlich ebenfalls nicht fehlerfreie) Postmoderne ein.


    Es fällt einem beim Anblick solcher Bilder schwer zu glauben, dass irgendjemand glauben konnte, dass ein solches Gebäude städtebaulich wie menschlich "funktionieren" kann, und in vielen unserer Städte gibt es solche zunehmend verwahrlosenden, komischerweise fast immer "XY-Zentrum" genannten Klötze, aber das Ihmezentrum ist bundesweit schon ganz weit oben. Dagegen erscheint einem v.a. die unmittelbare Nachkriegsarchitektur -wie ich finde- häufig wie ein Segen mit ihrer relativen Kleinteiligkeit.


    Der Fairness halber muss man aber auch sagen, dass die überlebenden Solitäre aus den Fünfzigern (nicht die Bombenlücken auffüllende Blockrandbebauung) so langsam in das Denkmalschutz-Alter kommt, während die Siebzigerjahre-Architektur (z.B. auch ganz viel universitäre Bebauung und Großklinika) nach nun 40 Jahren Nutzung erst gerade so richtig auf dem Boden der Verhunzung und Abnutzung ankommt. Es gibt durchaus qualitätsvolle 70er-Jahre-Architektur (auch wenn ich hierfür vielleicht einen auf den Deckel kriege ;), gerade Schul- und Unigebäude mit ihrem Sichtbeton, den fast kathedralenartigen Aufweitungen zu Hallen mit von den Decken hängenden großen uringrünen oder orangenen Lampen etc. sind meiner Meinung durchaus erhaltenswert, nur eben häufig durch Übertünchen des Sichtbetons, Wechsel der Lampen, nachträgliches Einziehen von Geschossen in die typischen "Lichthöfe" oder Verlegen von Gammelteppichböden a la späte 80er verhunzt.


    PS: Nicht, dass mich jemand missversteht! Das Ihmezentrum und seine Verwandten sind auch aus meiner Sicht nur durch Abriss zu "sanieren", also quasi mit ihrer eigenen Waffe, der Flächensanierung, zu schlagen. Wollte nur nochmal deutlich machen, dass aus meiner Sicht jede Architekturepoche erhaltenswerte Architektur zu bieten hatte, und dass deren Wert eben auch erst nach Ablauf einiger Zeit erkannt wird (genauso wie in den 50/60er Jahren niemand die ziselierte Gründerzeitarchitektur ertragen konnte und man sie gerne abriss). Man kann diesen Prozess -wie ich finde- schön an der Wahrnehmung der 50er-Jahre Architektur sehen. Noch in meiner Jugend stand sie sinnbildlich für das Hässliche unserer Städte, jetzt sehen wir schon eher die 70er-Jahre als "hauptschuldige" für die vielzitierte "Unwirtlichkeit unserer Städte", der Trend (bei mir zumindest) geht sogar zunehmend zu den 80er Jahren als wirklichen Garanten für belanglose und hässliche Flächenarchitektur (Solitäre immer ausgenommen!). Wie seht Ihr das?

    Edited 2 times, last by Heinzer ().

  • Das Ihme-Zentrum liegt etwas von der Innenstadt entfernt


    Aber dennoch sehr zentral, direkt zwischen Innentstadt und dem beliebten Mulitikulti-Gründerzeitviertel Linden gelegen. Es handelt sich also nicht etwa um eine der typischen Stadtrandwucherungen, von denen gerade Hannover diverse Widerlichkeiten zu bieten hat. Von Garbsen bis Laatzen sind hier ja ganze Städte im Brutalostil gewuchert. Das Ihmezentrum passt wunderbar zum Geist, der in den 70ern Hannover regiert hat. Die kleine Schwester Kröpcke-Center hatte man gar direkt am zentralsten Innenstadtplatz der Stadt errichtet - als selbstbewusstes Pendant zur gegenüberliegenden Oper. Glücklicherweise ist dies zwischenzeitlich Vergangenheit - das Ihmezentrum wird eines Tages folgen.



    Wie seht Ihr das?


    Ganz anders. Ich kann mit dieser isolierten Architekturbetrachtung nichts anfangen, da ich in einem weitgehend kriegszerstörten und idenitätsgeschädigten Land lebe. M.E. darf man in einer solchen Situation Architektur nicht losgelöst von ihrer Umgebung beurteilen - was hilft es mir, wenn ein Bauwerk für sich etwas besonderes ist, im städtischen Raum aber destruktiv agiert? Die Nachkriegsideologien haben Ort und Geschichte bewusst negiert, darum kann ich diese nur ablehnen. Zumindest für kriegszerstörte Städte in Deutschland. In einem geschichtlich weitehend konstanten Gefüge wie z.Bsp. Paris finden sich wieder andere Zusammenhänge und gegen La Defense habe ich nichts einzuwenden. Da funktioniert dann auch der von Modernistenseite oft bemühte Vergleich mit Vorkriegssolitären wie dem Zwinger in Dresden, der damals ebenfalls umstritten war und sich nur bedingt am bürgerlichen Umfeld orientiert hat. In einer flächenhaft kriegszerstörten Stadt aber sollte m.E. in erster Linie regionaltypische Architektur als sensibler Diener der Stadt diskutiert werden. Aber von solchen Gedanken sind Modernisten weit entfernt.

    Ich entschuldige mich von Herzen für meine früheren arroganten, provokanten, aggressiven und unfreundlichen Beiträge!
    Jesus ist mein Herr und Retter!

    Edited 2 times, last by youngwoerth ().

  • Quote

    Ganz anders


    Klare Aussage :wink:


    Stimme Dir im großen und ganzen auch zu, sehe das nur (notgedrungen?, als Bewohner einer nachkriegszerstörten Stadt) nicht ganz so absolut. Ich will mich hier wahrlich nicht zum Apologeten der rücksichtslosen Moderne aufschwingen, deren völlige Negierung der Geschichte für die (west)deutschen Städte aus meiner Sicht sogar verheerender als der zweite Weltkrieg selbst war. Dieser hatte den Modernisten, die sich nach einigen Scharmützeln mit sog. Traditionalisten in den Fünfzigern spätestens seit den frühen Sechziger Jahren als "Sieger" fühlen durften, ja lediglich die Handgabe für die aus ihrer Sicht längst überfällige, durchgreifende Neuordnung/Neuaufbau der Städte ohne Rücksicht auf ihre alte Struktur gegeben, wenn's gut lief, vielleicht noch garniert mit den "Traditionsinseln". Endlich waren sie am Ruder und konnten -massiv erleichtert, aber nicht ausgelöst durch die Fragmentierung der ehedem geschlossenen Vorkriegsbebauung- so richtig loslegen. Viele dieser Pläne v.a. für den "autogerechten" Stadtumbau und die verheerende Strategie der strikten Funktionstrennung zwischen Wohnen und Arbeiten lagen ja schon seit den Zwanziger Jahren in den Schubladen und konnten -endlich, möchte man aus Modernistensicht sagen- rigoros durchgesetzt werden.


    Ich finde, die Fairness gebietet es uns, die Nachkriegsmoderne differenziert zu betrachten und nicht als "alles Schrott" über einen Kamm zu scheren. Ich wie gesagt finde mittlerweile auch das meiste nach 1975, also dem großen Abschied von der Moderne, gebaute, bestenfalls mäßig. Mit fällt aber dabei auf, wie sozusagen die zeitliche Grenze dessen, was als misslungen angesehen wird, mit der Zeitläufte mit nach vorne gezogen wird. Wie gesagt, noch vor 15, 20 Jahren hätte ich mir nie denken können, irgendwelche "Qualität" in jedweder Nachkriegsarchitektur zu sehen, mittlerweile muss ich die 50er Jahre fast als gelungenstes Jahrzehnt der Architekturgeschichte der Bundesrepublik sehen. Wisst Ihr, was ich sagen möchte? Auch wir sind nicht frei vom Zeitgeist und von einem wechselnden Geschmack und möglicherweise wird sich vieles mit mehr zeitlicher Distanz als durchaus erhaltenswert zeigen.


    Nichtsdestotrotz ist auch mir klar, dass die meisten der städtebaulichen Nachkriegswunden letztlich nur durch Abriss und geschichtstreuem Wiederaufbau zu begegnen wäre, was in der Fläche aber wohl kaum zu bewerkstelligen ist.

    Edited 2 times, last by Heinzer ().