Bürgerinitiative für ein Straßenbaumoratorium

  • Am 13. Oktober wurde von der in Leipzig ansässigen "Bürgerinitiative für ein Strassenbaumoratorium" die "Petition 20526" beim Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages eingereicht. Die BI wird von zahlreichen weiteren Initiativen und Verbänden aus vielen Regionen der Republik unterstützt. Sie lautet in der Kurzfassung:


    Deutscher Bundestag: Petitionen


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    Alle Straßenprojekte des Bundes sind kritisch und ergebnisoffen auf ihre Notwendigkeit zu überprüfen. Dazu ist zunächst ein sofortiges Ausbau-Moratorium erforderlich, soweit nicht im Einzelfall rechtliche Gründe entgegenstehen. Freiwerdende Mittel werden in den Straßenunterhalt umgeschichtet. Es sind konkrete Vorschläge zur Verlagerung des Güterverkehrs von der Straße zu erarbeiten und dazu, wie die Mittel für die Unterhaltung des Fernstraßennetzes zukünftig effizienter eingesetzt werden können.


    Die Begründung der Petition liegt ebenfalls in einer Kurzfassung vor:


    Quote


    Deutschland hat ein sehr dichtes Straßennetz, dessen Unterhaltung die öffentliche Hand erheblich überfordert. Straßen werden zunehmend nur noch gelegentlich geflickt, wo eine grundhafte Erneuerung notwendig wäre. Schwere Lkw sind Hauptverursacher des hohen Verschleißes. Ein 40-Tonner belastet die Straßendecke etwa 60.000 mal stärker als ein Pkw. Im wesentlich aus den 1960/80er Jahren stammenden westdeutschen Autobahnnetz besteht ein wachsender Bedarf. 2011 investiert der Bund 2 Mrd €. Notwendig wären jährlich 3 Mrd €. Ebensoviel müssten die Kommunen investieren, die nur die Hälfte aufbringen. Ein gewaltiger Sanierungsstau ist aufgelaufen, dessen Abarbeitung nicht absehbar ist. Ursache ist die öffentliche Überschuldung, die dieses Jahr 2 Billionen € erreicht hat. Ein Ende dieser finanziellen Notlage ist nicht absehbar. Zugleich schrumpft Deutschlands Bevölkerung bis 2030 um etwa 6 % (neue Bundesländer 30 %), bis 2060 um bis zu 17 Mio Einwohner (20 %). Selbst bei einem sofortigen Ausbaustopp würde die Netzdichte pro Kopf der Bevölkerung daher allein aufgrund des Bevölkerungsrückgangs bundesweit bis 2030 um 11 % steigen, in den neuen Bundesländern sogar um 20 %. Gleichzeitig sinkt der Anteil der im erwerbsfähigen Alter Stehenden allein bis 2030 um 15 % (7,5 Mio). Das bedeutet, dass die Unterhaltungslast pro Kopf Erwerbsfähiger steigt, bundesweit allein bis 2030 um 18 % (im Osten um 37 %, wo Ausbauzustand erheblich besser und Straßendichte pro Kopf um fast 60 % über dem Bundesdurchschnitt sind). Die Bedeutung des Autoverkehrs wird in Zukunft tendenziell abnehmen. Gründe sind neben der demografischen Entwicklung mit direkten Auswirkungen auf das Gesamtverkehrsaufkommen die Energiepreisentwicklung (der aktuelle Bundesverkehrswegeplan operiert mit einem extrem niedrigen Ölpreis von 60 Dollar je Barrel im Jahr 2025; aktuell bewegt er sich bei rund 100 Dollar). Dazu kommt ein wachsender Bedeutungsverlust des Pkw bei der jüngeren Generation, der sich eher verstärken wird. Dennoch weist der aktuelle Bundesverkehrswegeplan den Bau weiterer 1.900 km Autobahnen (Kosten: 15 Mrd. €), die Erweiterung von 2.200 km Autobahnen (13 Mrd. €) sowie den Aus- und Neubau von 5.500 km Bundesstraßen (19 Mrd. €) aus. Der Neubau von Bundesstraßen und Ortsumfahrungen geht dabei praktisch immer mit der Übertragung der alten Trassen aus der Trägerschaft des Bundes an die Landkreise und Kommunen einher, die künftig die Unterhaltungslast schultern müssen. Ebenfalls beginnen Landkreise weniger genutzte Landstraßen zu kommunalisieren. Doch schon heute reichen die zur Verfügung stehenden Gelder nicht mehr aus, alle eigentlich notwendigen öffentlichen Ausgaben zu tätigen (Straßenunterhalt, Sozialausgaben, Kindergärten, Schulen, Theater, Schwimmbäder etc.). In absehbarer Zeit werden neben den Pflichtaufgaben keine freiwilligen Aufgaben mehr finanzierbar sein und später auch die Pflichtaufgaben selbst nicht mehr. Die Unterhaltungslast der Straßen wird die öffentlichen Haushalte ersticken.


    In einem ergänzendem Teil des Petitionsverfahrens, der nicht Bestandteil der zur Mitzeichnung stehenden Online-Petition ist, erfolgt eine ausführliche Begründung. Auf der Website http://www.strassenbaumoratorium.de sind unter Downloads außerdem weitere Dokumente, Graphiken und externe Stellungsnahmen veröffentlicht.


    Nachdem bereits kurz nach dem Einreichen der Petition eine Reihe von regionalen oder parteigebundenen Zeitungen darüber berichtet hatten ( Neue Seite 1 ), erschien am Montag im SPIEGEL ein Beitrag von Guido Kleinhubbert unter dem Titel "Allein auf der Autobahn", in dem auch auf die Petition eingegangen wird: Verkehr: Allein auf der Autobahn - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Auto


    Dieser Veröffentlichung folgten eine Pressekonferenz am Mittwoch in Leipzig ( http://www.foto-music-film.com…ressekonferenz_301111.pdf ) sowie weitere Berichte in regionalen und überregionalen Zeitungen und Radios. Zu nennen sind etwa ein Bericht auf dem Leipziger Radio Mephisto am 30. November 2011:


    Straßenbaumoratorium
    Verschätzt, verrechnet, verschwendet?
    Verschätzt, verrechnet, verschwendet?


    Erwähnt wird die Petition auch in aktuellen Berichten über anstehende und geplante Straßenbauvorhaben, so etwa den den Bau der Nordverlängerung der A14 in Sachsen-Anhalt


    MDR, 30. November 2011
    Trasse von Magdeburg nach Schwerin
    Baustart für Nordverlängerung der A14
    Baustart für Nordverlängerung der A14 | MDR.DE


    , die B178 neu um Zittau ganz im Osten des Bundeslandes Sachsen:


    Sächsische Zeitung, 1. Dezember 2011
    "Sachsens teuerste Sackgasse"
    Schsische Zeitung [online] - Sachsen: Sachsens teuerste Sackgasse


    oder die B87 neu in der Rhön (Osthessen):


    Fulda-Info, 3. Dezember 2011
    B87n: BI bittet um Unterschrift für Petition an Bund
    fuldainfo - News / Hessen/ Osthessen/ Regionales / B87n: BI bittet um Unterschrift fr Petition an Bund


    Zeitgleich mit diesen Veröffentlichungen steigt die Zahl der Mitzeichner_innen rasch an. Derzeit beträgt sie bereits über 3502. Die Petition ist vom Bundestag noch bis zum 20. Dezember 2011 als öffentliche Online-Petition zur Mitunterzeichnung freigegeben. Sie muss in dieser Frist 50.000 Unterschriften erhalten, damit sich der Petitionsausschuss in einer öffentlichen Anhörung mit dem Anliegen beschäftigt.

  • Es gibt durchaus Autobahnen, die sehr sinnvoll sind z.B. die Entlastung der A1. Vor 20 Jahren waren die Strassen in Mitteldeutschland ein einziger Flickenteppich. Das Argument ist nicht stichhaltig.


    Der Glaube, dass öffentliche Finanzen so funktionieren, das da irgendwie Geld verteilt werde, dass nicht mehr für was anderes verfügbar ist, das ist grob naiv.

  • Es gibt durchaus Autobahnen, die sehr sinnvoll sind z.B. die Entlastung der A1. Vor 20 Jahren waren die Strassen in Mitteldeutschland ein einziger Flickenteppich. Das Argument ist nicht stichhaltig.


    Der Glaube, dass öffentliche Finanzen so funktionieren, das da irgendwie Geld verteilt werde, dass nicht mehr für was anderes verfügbar ist, das ist grob naiv.



    Man sollte unterscheiden zwischen Neu und Umbau. Ich sehe es kritisch wenn Straße quer über Felder geschlagen werden. Das passiert bei uns auch gerade und dort fließt sicherlich sehr viel Geld. Die Bauern sind nicht bekannt dafür sich freiwillig ihre Felder zerstückeln zu lassen.

  • @LE Mons.l hist.


    Ich halte die Zeit für noch nicht reif. Dh ich glaube eigentlich nicht, dass jemals die Zeit kommen wird, derartige Dinge basisdemokratisch in Ordnung bringen zu können - siehe die biosherigen Reaktionen hier im Forum. Der Pöbel wird sich sein Lieblingsspielzeug, über das er sich mittlerweile zu definieren gewöhnt hat, niemals freiwillig nehmen lassen und diesem alles andere unterordnen. Umwelt- und Landschaftsschutz, Ästhetik im weitesten Sinne - das ist ein absolutes Minderheitenprogramm, am wenigsten vielleicht noch in Stadtbildfragen, wo es nicht so viel kostet und immerhin für wirtschaftliche Zwecke einigermaßen verwertbar erscheint. Beim Straßenbau und Autofetischismus hört sich jedoch der Spaß auf, da reichen einander Industrie und Plebs die Hand.
    Nein, ein Volksbegehren kann da niemals ein tauglicher Weg sein. Das heißt indes nicht, dass die Lage völlig hoffnungslos ist - im Gegenteil. Kurzfristig wird die Finanzkrise Gutes bewirken - in gewissem Sinne ist es in der Tat besser, dass "unser" Geld nach Griechenland geht anstatt dass es für Wahnsinnsprojekte im eigenen Land verschwendet wird. Und mittelfristig wird die Ressourcenverknappung und demographische Entwicklung ihr Übriges tun. Langfristig bleibt auf die postkapitalistische Zeit zu hoffen - eine Gesellschaft und eine Wirtschaft, die nicht auf den Aberwitz der freizügigen Mobilität angewiesen sein und die im Transportwesen Kostenwahrheit einfordern werden. Und in einer immer komplexer werdenden Zeit werden wir uns die heutige Kaste "Politiker" einfach nicht mehr leisten können - nämlich dass die Dümmsten und charakterlich Minderwertigsten im Zuge eines negativen Ausleseprozesses mehr oder weniger automatisch an die Macht kommen.
    In diesem Sinne drücke ich uns die Daumen.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Es gibt durchaus Autobahnen, die sehr sinnvoll sind z.B. die Entlastung der A1. Vor 20 Jahren waren die Strassen in Mitteldeutschland ein einziger Flickenteppich. Das Argument ist nicht stichhaltig.


    Gestattest Du die Nachfrage, wieso Du anhand der beiden Beispiele zu dem Schluss kommst? Die Petition lautet ja nicht: "Baut künftig überhaupt keine Straßen mehr" oder "Baut die Straßen wieder zurück auf einen Zustand von vor 20 Jahren", sondern "Alle Straßenprojekte des Bundes sind kritisch und ergebnisoffen auf ihre Notwendigkeit zu überprüfen." Auch die Unterstützer_innen sind ja überwiegend der Ansicht, dass es auch sinnvolle Straßenbauprojekte gab und gibt. Nur ist eben nicht alles sinnvoll, was im Moment gebaut wird bzw. noch gebaut werden soll, zumal offenbar manche Planung auf falschen oder "hochgehofften" Zahlen beruht.


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    Der Glaube, dass öffentliche Finanzen so funktionieren, das da irgendwie Geld verteilt werde, dass nicht mehr für was anderes verfügbar ist, das ist grob naiv.


    Vielleicht bin ich ja grob naiv, aber ich dachte immer, dass (Steuer)-Geld, was an einer Stelle ausgegeben wird, an anderer nicht mehr da ist. Immerhin reden wir hier über fast 50 Milliarden Euro im aktuelle Bundesverkehrswegeplan.

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    Dazu ist zunächst ein sofortiges Ausbau-Moratorium erforderlich, soweit nicht im Einzelfall rechtliche Gründe entgegenstehen.

    Wie soll denn das gehen? So ein Projekt wie ein Autobahnausbau hat eine Vorlaufzeit von vielen Jahren, alle möglichen Leistungen werden vergeben und bezahlt, Verträge geschlossen - man sehe sich nur mal den (dringend notwendigen) Ausbau der Autobahn München - Karlsruhe an, den ich schon seit gut 20 Jahren verfolge, weil ich diese Autobahn regelmäßig befahre. Wenn Du hier auf die Bremse bei der Planungs- und Vergabephase trittst, dann kommt das ganze System vielleicht mal in 5 Jahren halbwegs zum Stehen (es sei denn, Du bezahlst alle Subunternehmer weiterhin für die Nichterbringung von Leistungen) - braucht dann aber auch genauso lange wieder, um auf Touren zu kommen.


    Kollegen aus Frankreich fassen sich eh schon an den Kopf, wenn sie von Richtung Süden kommend Autobahn fahren, die dann prompt an der deutschen Grenze aufhört, wo man dann "aus Umweltschutzgründen" mit Tempo 70 durch den Bienwald schleichen darf, um dann nach 15 km wieder die Autobahn auf deutscher Seite zu erreichen.


    Abgesehen davon wäre mir eine Initiative für ergebnisoffene Untersuchung der staatlichen Geldverschwendung wesentlich wichtiger, bei der auch mal der Kosten-/Nutzen-Faktor berücksichtigt wird, anstatt immer neues Geld in völlig sinnlose Projekte und "Visionen" zu pumpen.


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    Vielleicht bin ich ja grob naiv, aber ich dachte immer, dass (Steuer)-Geld, was an einer Stelle ausgegeben wird, an anderer nicht mehr da ist

    Wenn weniger Geld für neue Straßen ausgegeben wird, dann wird das eingesparte Geld garantiert nicht für den Erhalt der vorhandenen Straßen oder gar für die eigenen Bürger ausgegeben, sondern eher für Euro-Rettung, EU-Rettung, Klima-Rettung und Welt-Rettung. Siehe die Diskussionen um eine Mini-Erhöhung von Hartz IV oder die Steuersenkungsversuche (natürlich nicht "auf Pump" - so die SPD, die aber gegen eine Diätenerhöhung auf Pump natürlich nicht das mindeste einzuwenden hat).


    Letztens habe ich in Spiegel und/oder Frankfurter Allgemeine online gelesen, daß die "jungen Theo... äh... Demokratien" in Nordafrika mit 28 Mrd. Euro unterstützt werden sollen, die EZB hat für 200 Mrd. Euro dubiose Anleihen von hochgradig verschuldeten EU-Staaten gekauft, insgesamt hängt Deutschland allein in Sachen Euro mit gut 650 Mrd. Euro drin (Tendenz stark steigend).


    In der Süddeutschen stand, daß allein die HRE im ungünstigsten Fall einen Schaden zwischen 200 und 500 Mrd. Euro verursachen könnte, ach ja, unser staatlicher steuerfinanzierter Zuschuss an die staatliche Rentenkasse liegt bei rund 70 Mrd. Euro im Jahr, und die Beamtenpensionen dürften bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung unserer Staatsdiener allein Kosten in Höhe (ausgehend von der bereits gewährten Ansprüchen) rund 1,4 Billionen Euro verursachen. Und hier sollen jetzt ein paar Mrd. eingespart werden, die sonst pro Woche allein durch den Euro verbrannt werden?


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    Nein, ein Volksbegehren kann da niemals ein tauglicher Weg sein

    Doch, Demokratie, Dezentralisierung, Mitbestimmung, Transparenz und direkte Verantwortung sind immer der richtige Weg. Und hier soll das Subsidiaritätsprinzip greifen, das heißt, die Enscheidungen sollen möglichst nah an die Basis verlagert werden. Deshalb halte ich hier auch nichts von abstrakten Grundsatzentscheidungen, sondern für eine demokratische Befragung der Bürger vor Ort.


    Der betroffene Bürger, der ganz konkret auf dem Weg ins Industriegebiet Stuttgart-Vaihingen jahrelang in einem gigantischen und teilweise lebensgefährlichem Rückstau auf der Autobahn stand, soll doch bitte selbst entscheiden dürfen, ob nicht zur Entlastung eine weitere Spur speziell für die Zufahrt zum Industriegebiet eingerichtet werden soll (ist ja zum Glück inzwischen erfolgt). Und was soll die Alternative sein? Daß die Unternehmen sich in den kleinen Dörfern rund um Stuttgart ansiedeln oder daß wir künftig alle direkt neben unserem Arbeitgeber im Industriegebiet wohnen?

  • Ich untersrütze diese Initiative! So langsam ist es wirklich genug mit immer mehr Autos.
    Das Auto an und für sich will ich nicht abschaffen, es ist schon eine tolle Kulturleistung. Ich weiß die Vorzüge einer komfortablen Limousine oder eines eleganten Coupes bzw. Cabrios durchaus zu schätzen. Das Auto soll auch langfristig nicht abgeschafft werden!


    Aber dieser alltägliche Irrsinn auf den Straßen, im Berufsverkehr, bei der Parkplatzsuche - gibt es jemanden, dem das wirklich Spaß macht?
    Anstelle der Straßen sollte der ÖPNV und der Bahnfernverkehr noch viel besser ausgebaut werden, als sie es heute schon sind. Es sollte nirgendwo irgendjemand mehr zwingend auf ein Auto angewiesen sein zum Überleben.
    Das bedeutet bspw. auch, dass es in Zukunft keine Neubaugebiete gibt nach dem Schema:
    "Bauer Karl gibt zwei Rübenäcker im Nirgendwo frei, die Gemeinde macht einen Bebauungsplan und am Ende ist da irgendwo mitten in der Pampa so ein Konglomerat aus 30 bis 40 Baumarktismus-Schachteln auf 400qm-Grundstücken - eines gleicht dem anderen bis auf winzige Details- , die man nur und ausschließlich per Auto erreichen kann. Die Bewohner zahlen ein Leben lang an den Preisen für diese Häuser und an den erhöhten Kosten für die persönliche Mobilität"


    Gleichzeitig geht anderswo historische Bausubstanz verloren...

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    Es sollte nirgendwo irgendjemand mehr zwingend auf ein Auto angewiesen sein zum Überleben.

    Wie würdest Du das dann ganz konkret umsetzen, beispielsweise hier vor Ort im Donaumoos mit all seinen kleinen Dörfern? Fährt dann einmal am Tag ein Sammelbus herum und nimmt die Bürger in die nächste Stadt zur Arbeit oder zum Einkaufen?

  • @Webmaster:
    Vorhandene Siedlungen sollten Bestandsschutz haben. Ab einer Größe von z.B. 5000 Einwohnern sollten die dann auch einen Bahnanschluss in erreichbarer Nähe erhalten. (10 Km)?
    Unter 5000 Einwohnern hat ein Dorf halt Pech und da muss der Markt das regeln. Sprich: Das Dorf wird über kurz oder lang zum Geisterdorf.
    Aber neue Siedlungen, die ohne Auto nicht funktionieren, sollte es einfach nicht mehr geben dürfen.


    Wie hat es denn ganz früher oder sogar noch in den 1950er Jahren funktioniert, als längst nicht jeder ein Auto hatte?
    Da gab es ein gut ausgebautes Netz aus Bahnen und Kleinbahnen.


    Was mich am heutigen Autoverkehr hauptsächlich stört, ist die Rushour 2x täglich und das Phänomen der Schlafdörfer.

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    Gestattest Du die Nachfrage, wieso Du anhand der beiden Beispiele zu dem Schluss kommst? Die Petition lautet ja nicht: "Baut künftig überhaupt keine Straßen mehr" oder "Baut die Straßen wieder zurück auf einen Zustand von vor 20 Jahren", sondern "Alle Straßenprojekte des Bundes sind kritisch und ergebnisoffen auf ihre Notwendigkeit zu überprüfen."


    Sehr gerne,


    Autostrassen des Bundes werden professionell geplant. Solche Planungsverfahren dauern gewöhnlich Jahrzehnte und es wird sich föderal um knappe Haushaltsgelder gestritten. Gegen jeden Autobahnbau wird petitioniert und protestiert, jede Rohrdommel umgesiedelt, jeder Grundstücksbesitzer klagt gegen die Trassenführung, das sind wir schon gewohnt in unserem Lande, dafür gibt es ja die Dagegen-Partei, das beschäftigt die Gerichte, darum dauert alles Jahre.


    "Alle Straßenprojekte des Bundes sind kritisch und ergebnisoffen auf ihre Notwendigkeit zu überprüfen."
    - Das wird sowieso ständig getan. Hier wird aber mit dem Ziel der Obstruktion eine Debatte neu aufgemacht. Die Planungen laufen über Jahrzehnte, man hat viel in der Schublade. Kommt der Laie und macht Tabula Rasa.


    Es gibt viele Autobahnen wie die A31 z.B. wo (noch) sehr wenig los ist, weil der Lückenschluss fehlt. Es gibt Autobahnen wie die A1, die dringend entlastet werden müssen, siehe A22. Und es gibt Autobahnen, die in den letzten 20 Jahren Priorität hatten, nämlich die in den "Neuen Ländern".


    Dabei sei angemerkt, dass ich persönlich viele Autobahnen nicht sehr schön finde. Man denke z.B. an Porta Westfalica, das ist ja grausig. Aber wir sind ein Industrieland, das eine Verkehrsinfrastruktur braucht. Und diejenigen, die heute gegen Autobahnen protestieren, protestieren morgen gegen Windkraftanlagen, Strommasten, Biogasanlagen, oder Hochgeschwindigkeitszüge. Oder früher Startbahn West usw.


    Die Rekoszene hat immer gute Vorstellungen im Kopf davon wie es mal aussehen soll. Das ist oft "reaktionär" nämlich so gut wie in der vernichteten Vergangenheit, in der ein Ort ein Gesicht hatte. Das ist tendenziell aber immer konstruktiv. Den KIB-Bau am Neumarkt abzulehnen ergibt sich dann daraus. Auch Stadtautobahnen sind meistens Mist, weil sie das Stadtbild zerstören.


    Die Frage ist, welche Vorstellungen für unser Land hat jemand, der die BAB pauschal kritisiert. Die Gefahr bei bürgerschaftlichen Engagement ist, dass es immer gute Argumente gibt gegen ein Projekt zu sein, nicht zuletzt Schwierigkeiten der Planung und Finanzierung, und es einfach ist Bürger zur Verhinderung zu mobilisieren. Der verneinende Geist hat es immer leicht. Schwieriger ist es positive Visionen aufzustellen. Ich denke da z.B. an jemanden wie den verstorbenen SPD-Politiker Hermann Scheer mit seiner Idee der Energieautonomie. Das finde ich faszinierend und inspirierend.

  • Mir gefällt das Vauban-Viertel auch nicht sonderlich, wobei man anerkennen muss, dass es alles andere als ein 08/15-Neubaugebiet ist. Der Unterschied zu den paar umfunktionierten Altbaustraßen in Hamburg ist jedoch, dass Vauban ein völlig neuer Stadtteil für aktuell 5000 Menschen ist, der perfekt in den öffentlichen Nahverkehr eingebunden (und auf diesen zugeschnitten) ist. Du schriebst ja was von "nicht auf's Auto angewiesen sein" - um Architektur geht es in diesem Strang eigentlich weniger. Überdies wird mobilen Interessenten bewusst Druck gemacht:


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    In zwei Parkhäusern am Rande des Stadtteils müssen die Bewohner des Stadtteils, wenn sie Autohalter sind, einen Parkplatz (für rund 18.000 Euro) erwerben. Im Stadtteil, in den Wohnstraßen, die alle Spielstraßen sind, und vor dem Haus darf das genutzte Auto nur kurzfristig, z.B. für Be- und Entladen, abgestellt werden. Ansonsten ist es auf dem gekauften Stellplatz abzustellen.

    Vauban (Freiburg im Breisgau) – Wikipedia

    Ich entschuldige mich von Herzen für meine früheren arroganten, provokanten, aggressiven und unfreundlichen Beiträge!
    Jesus ist mein Herr und Retter!

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    Ab einer Größe von z.B. 5000 Einwohnern sollten die dann auch einen Bahnanschluss in erreichbarer Nähe erhalten. (10 Km)?

    Ja - wir überziehen ganz Deutschland mit einem kleinmaschigen Netz an umweltfreundlichen Eisenbahnen, deren Strom natürlich nicht aus französischen Kernkraftwerken stammt, und die fahren dann zehnmal am Tag diese Orte an und davon 8 Mal ohne jegliche Passagiere. So wie zu den Zeiten der guten alten Deutschen Behördenbahn der achtziger Jahre, als ich mehrfach im Zug von Regensburg nach Ingolstadt der absolut einzige Passagier war (man mußte nur gegen 15:00 fahren). Die Bahnen fahren dann aber nur, wenn die Windkraftanlage mal zufällig Strom produzieren und diesen sogar ausnahmsweise ins Netz einspeisen können.


    Oder wir ziehen alle nach Berlin, trinken dort Latte und jobben in der Medienagentur. Den Rest der Republik entvölkern wir einfach, dann müssen wir eigentlich überhaupt keine Straßen mehr bauen. Der Rest wird einfach ein Biotop :applaus:


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    dafür gibt es ja die Dagegen-Partei

    Ach, die sind auch so ganz allgemein für viele Dinge - zum Beispiel für mehr Verkehr auf der Schiene oder für die Binnenschifffahrt oder für mehr regenerative Energien. Wenn dann ganz konkret neue Trassen gebaut, Flüsse schiffbar gemacht, Kanäle oder gar Bahnhöfe gebaut werden sollen, ist man natürlich wieder dagegen. Wer war dagegen, als bei unserer Staustufe vor Ort das Stauziel erhöht werden sollte, um mehr Energie zu gewinnen? Ratet mal....

  • Das muss natürlich alles Hand und Fuß haben und ordentlich durchgeplant sein!


    Die Bahn als Verkehrsmittel hat sich ja auch weiterentwickelt seit den 1980ern. Heute gibt es eine moderne Variante der alten Schienenbusse. Die kann man sehr feinstrukturiert steuern, was die Passagierkapazität betrifft.


    Das bedeutet, dass um 15:00h eine 2-Wagen-Einheit quasi leer verkehrt und nichts transportiert außer dem guten Gefühl, dass es eine regelmäßige Bahnverbindung in das Dorf gibt. Und nicht nur morgens und abends.


    Zum Ausgleich ist der 7-Wagen-Zug abends um 18:00h und 19:00h dann auch tatsächlich voll belegt.

  • Mit ist auch nicht so ganz klar, wem denn die eingesparten Straßen zugute kommen sollen... den nicht mehr vorhandenen Bewohnern verfallender Dörfer? Oder darf man die ausnahmsweise noch mit einem Bündel CO2-Zertifikate in der Hand dann seinen eigenen Wohnort erreichen? Querfeldein mit dem Geländewagen?


    Wie wäre es denn damit:


    Wir fahren künftig alle mit vernünftigeren Autos, die idealerweise über einen Hybridantrieb verfügen, alle eine Nummer kleiner sind, und setzen noch dazu auf intelligente Verkehrsleitsysteme, die es ja schon gibt (beispielsweise Auswertung von Handy-Daten zur Gewinnung von Stauinformationen wie auf meinem Navi) - dann bekommen wir automatisch mehr Verkehr durch bessere Effizienz in das vorhandene Straßennetz und schützen noch dazu die Umwelt? Zu unspektakulär oder zu vernünftig?


    Daß man den Schienenverkehr fein steuern kann, wage ich zu bezweifeln. Ich wäre froh, wenn unsere Bahn schon mal einen pannenfreien Normalverkehr realisieren könnte... tatsächlich war die Bahn früher zuverlässiger, als noch nicht alles "outgesourct" wurde (da hat die Bahn noch selbst entwickelt!) und sogar noch eine vernünftige Ausbildung vorhanden war.

  • Ich kann die hier geführte Diskussion nicht nachvollziehen!
    Bei dem Moratorium geht es doch nicht darum, überhaupt keine Straßen mehr zu bauen. Davon hat keiner gesprochen! Vielmehr soll die Notwendigkeit aller Straßenausbauvorhaben überprüft werden. Das ist, auch meiner Meinung nach, nötig, da man trotz gründlichster Prüfungen von teilweise recht fragwürdigen Parametern ausgeht. Zum Besipiel rechnet man mit einer weiteren Zunahme des motorisierten Individual- und Schwerlastverkehrs, da man von einem sinkenden Ölpreis ausgeht. Außerdem laufen einige Planungen der jeweiligen Bevölkerungsentwicklung entgegen.
    So kommt es dann, dass viele Straßenbauvorhaben in Nord- und vor allem auch in Ostdeutschland, vollkommen überdimensioniert sind und auf Dauer nicht unterhalten werden können. Das hat nichts mit grünen Verhinderern (erinnert mich irgendwie an die Kontroverse um die WSB) oder einer vollkommenen Ablehnung des motorisierten Individualverkehrs zu tun.

    Wahre Baukunst ist immer objektiv und Ausdruck der inneren Struktur der Epoche, aus der sie wächst. Ludwig Mies van der Rohe


  • Du meinst also, dass die allermeisten Orte in Bayern verschwinden sollen. Nur die Riesendörfer ab 5000 Einwohnern dürfen überleben. Also die Auslöschung einer Kulturlandschaft, die alles in dieser Richtung bisher dagewesene in den Schatten stellt. Und sowas muss man in einem Forum lesen, wo es um Denkmalschutz geht...



    Ja, das wird in Zukunft ein wichtiges Thema werden! Als die Dörfer gebaut wurden, lebten sie aus sich heraus. Fast alle Einwohner waren in der Landwirtschaft beschäftigt, daneben gab es ein paar wenige Handwerker zur Versorgung der Bevölkerung und Pfarrer, Lehrer usw.
    Damit das Dorf überlebt, war nur sehr wenig Verkehr notwendig. In regelmäßigen Abständen die Überschüsse aus der Landwirtschaft auf den Markt in die nächste größere Stadt schicken.
    Der Lebensstandard auf dem Dorf war verglichen mit der Stadt unglaublich niedrig, aber die Leute kannten es nicht anders und waren zufrieden.


    Heute ist es so, dass kein Dorf mehr aus sich heraus lebt. In der Landwirtschaft arbeiten nur noch sehr wenige Menschen. Aber das Dorf ist überlebensfähig, weil die Menschen in der nächsten größeren Stadt arbeiten und sich so finanzieren können. Auch eine Reparatur an den Häusern kann leicht bezahlt werden. Das Dorf ist ein typisches Schlafdorf.
    Möglich ist das alles, weil es heute ein vergleichsweise billiges Transportmittel gibt: Das Auto...


    Was aber, wenn der Liter Benzin in Zukunft mal 10 Euro kostet?
    Wie soll das Dorf da überleben?
    Wovon sollen die Bewohner dann noch gelegentlich mal notwendige Reparaturen bezahlen?


    Wenn man die ganzen Dörfer in die Zukunft retten will, muss man unbedingt einen Weg finden, wie die Dörfer wieder aus sich selbst heraus überlebensfähig sind. Sonst gehen die ganzen Schlafdörfer eines Tages in Zeiten teuren Benzins den Bach runter... Weil keiner der Bewohner mehr die Erhaltung bezahlen kann.