Stilgerechter Fassadenanstrich für Gründerzeitgebäude

  • Aktuell wird in Wien bei einem Gründerzeithaus das Dachgeschoß ausgebaut. Im Zuge dessen wird auch die Fassade einen neuen Anstrich bekommen und das Treppenhaus stilgerecht saniert.


    Der Eigentümer, den ich gut kenne, möchte sehr gerne die Fassade stilgerecht anstreichen und hat mich quasi um Rat gefragt...mmmh. Die Fenster sind derzeit kein Thema, auch wenn der Eigentümer weiß, dass diese später einmal stilistisch eher braun werden sollten.


    Kann mir jemand von Euch bitte einen Rat geben bzw. Vorschlag diesbezüglich machen? Der beste Vorschlag könnte womöglich auch so anschließend umgesetzt werden. Ich persönlich würde die Fassade in einem warmen beige anstreichen, aber vielleicht sieht eine zweifärbige Fassade (zB hellbeige und die Nullung dunkelbeige) ja auch gut aus?


    Was meinen die Fachleute unter Euch?


    Ansicht der aktuellen Fassade:




    Ansicht Planfassade:


    „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“ (Sir William Scott)

  • Wieso macht er denn nicht eine Farbschichtanalyse? Eine solche müsste ja nicht ein Restaurator vornehmen, sondern auch der beauftragte Maler könnte sich daran versuchen...
    Man müsste vorher natürlich bestimmen, was alles untersucht werden soll.

  • Ich finde die Vorgangsweise mit Farbabstufung - heller - dunkler sehr harmonisch!


    Persönlich bevorzuge ich wie du den dünkleren Farbanstrich für die Nullflächen und die Architekturteile heller! Das unterstreicht erst die Architekturteile und erhöht ungemein die Wirkung!


    Wichtig finde ich aber, dass du den Bauherrn berätst, was Nullfläche bedeutet!
    Bei vielen Neuanstrichen in Wien habe ich gesehen, dass das Erdgeschoss, Gesimmsbänder oder Teile der Fensterarchitekur fälschlicher Weise zur Nullfläche dazugefärbelt werden:


    vorbildlich:


    unvorteilhaft:

    das rechte meine ich, welches ziegelrot/cremfarbig ist --> z. B. Erdgeschossbänder unterschiedlich gefärbt!


    Quelle: © wien.at: Magistrat der Stadt Wien, Rathaus, A-1082 Wien

    Es darf nie vergessen werden, dass die Kunst eines Landes der Wertmesser nicht allein seines Wohlstandes, sondern vor allem auch seiner Intelligenz ist

  • Riegel


    Danke, ich habe einmal einenZuständigen vom Bundesdenkmalamt gefragt, der mir einen Kontakt zur Farbanalysenahme gab. Allerdings meinte der Denkmalpfleger auch, dass man dabei sehr aufpassen muss, weil man oft nicht den ursprüngliche Farbton dabei findet und das Ergebnis dann nicht optimal ausfällt. Besser ist es seiner Meinung nach, nachfolgende Kriterien zu beachten:


    - Das Haus muss sich nach der Sanierung in das Ensemble einfügen
    - Die Farbgebung muss der architektonischen Gliederung der Fassade entsprechen
    - Die Färbelung muss Stein oder Naturstein imitieren
    - keine Chemiefarben


    Ok, das wird man schon irgendwie hinbekommen...hoffentlich. Über weiter Tipps bin ich sehr sehr dankbar! Danke Riegel!


    @Schlosshof


    Finde ich auch! Ich denke, die tektonischen Teile sollen einen hellen Sandstein imitieren und die Nullfläche wird in einem dünkleren Beigeton oder Braunton gehalten werden. Der Denkmalpfleger meinte, dass man auf kalkhaltige Farben zurückgreifen sollte, damit die Fassade in Würde altern kann. Er verwendete den Ausdruck "changiert" - wie schön. Das erklärt wahrscheinlich auch, weshalb moderne Gebäude die mit chemischen Farben behandelt wurden vergammeln.

    „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“ (Sir William Scott)

  • Farbfotos von genau diesem Haus gibt es aus der Erbauungszeit wahrscheinlich keine. Damals war Farbfotografie ja noch nicht so verbreitet und eher im Experimentierstadium.
    Ich würde nach Ölgemälden aus der Bauzeit und aus Wien Ausschau halten und mich von denen inspirieren lassen.

  • Stadtmensch


    Die Straße, in welcher sich das Gebäude befindet, ist jetzt nicht so eine bekannte Straße, dass es hiervon viele alte Ansichten oder gar Farbfotos davon gäbe - leider, aber ich könnte mir vorstellen, dass die Farbe auch vor dem Krieg nicht viel anders ausgesehen hat.


    @alle


    Ich würde Euch bitten, mir Bescheid zu geben, ob ich in meiner Bleistiftzeichnung einen stilistischen Fehler bei dem Anstrich gemacht habe? Ich wäre Euch sehr dankbar dafür, wenn Ihr mich darauf aufmerksam machen könntet! (Die Farben habe ich hier nur gewählt, damit die Tektonik besser wirkt und man Fehler aufzeigen kann).


    Dankeschön.


    „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“ (Sir William Scott)

  • Die farbliche Trennung von Architekturteilen und Hintergrundflächen ist richtig dargestellt.


    Lasse dir vom Architekten die verschiedene Varianten anlegen (in CAD geht das schnell, wenn die Zeichnung richtig aufgebaut wurde)
    - eine Variante monochrom beige (immer warm)
    - eine Variante zwei nah an einander liegende Beige-Tönen, ähnlich dem rechten Nachbarhaus, aber insgesamt entweder heller oder dunkler
    - eine Variante mit stärkerem Kontrast und z.B. wein-roten Hintergrundflächen.
    etc.
    Bei uns müssen meist auch die Nachbarhäuser mit dargestellt werden.
    Nie reines Weiß verwenden, selbst Altweis wirkt i.d.R. zu "weiß".


    Suche mit dem Bauherrn und dem Denkmalschutz eine Variante aus und lasse vom Maler eine Musterfläche anlegen. Mache diese groß genug. Kleine Farbflächen wirken ganz anders. Die Farben dürfen nicht zu kräftig sein (sonst wirken die zu aufdringlich!), dies sieht man nur an der Musterfläche.


    Die Farben dürfen nicht kunstoffhaltig sein, sie müssen diffusionsoffen sein, damit der Wasserdampf im Winter von ihnnen hindurch kann.
    (Stark kunststoffhaltige Farben blättern irgendwann flächig ab.)
    Handelsübliche Dispersionsfarben aus dem Baumarkt sind i.d.R. kunststoffhaltig.
    Es dürfen insbesondere an Metallteilen (alte Beschlägen etc.) nur matte Farben verwendet werden.


    Wichtig ist auch, dass die Fenster nicht weiss werden. Weiße Fenster wurden erst im größerem Umfang kurz vor dem ersten Weltkrieg ab 1910 verwendet. In der Folgezeit sind die braunen, grünen.... Fensteranstriche der "Gründerzeit" vielerorts völlig verschwunden.
    Wähle also z.B. ein braun, gerne auch ein hellbraun-beige, bei uns gibt es auch häufig ein dunkel-grün. Letzteres bei der Haustür bitte nicht, die ist dann trotzdem braun. Einfach mal in der Zeichnung anlegen. Lasse den Maler auch ein Fenster (nur Außenansicht bei Kastenfenstern) anlegen. Der Kasten und die Innenansicht bleibt mit Rücksicht auf die Mieter natürlich weiß.


    Bei dem Traufgesims, das ja offenbar neu gemacht wird, musst du drauf achten, dass das groß genug wird und weit genug auskragt.
    Viele Planer und altbausanierende Architekten unterschätzen an die Tiefe von auskragenden Bauteilen.
    Die Dachrinne muss bei diesem Gebäude aufgesetzt sein, nicht vorgehängt. Dazu muss der Holzkasten mit Blech (Zinkblech) gedeckt werden. Bei den Nachbarhäusern ist das Detail richtig gelöst.


    Um den Anstrich lange ohne Rotznasen zu erhalten, müssen alle Gesimse mit Zinkblech abgedeckt werden. Dies muss vorne am Rand möglichst schmal und zwingend schmal+rund gebördelt und hinten in den Putz geschoben werden.


    Ich hoffe, das ist jetzt nicht zu viel Info.

  • Müsste man die Ädikula/Fensterrahmen nicht noch etwas feingliedriger einfärben oder war das so uni original? Heute sehe ich öfter alte Fassaden, an denen die kleinen Details noch farblich betont werden.

  • @Appolon


    Vielen Dank für die umfassende Hilfe!!!!!!!!!


    Leider können nicht mehr alle Deine Einwände und Tipps behoben werden (Traufgesims, Fenster), weil die Arbeiten schon zu weit fortgeschritten sind..., aber der Eigentümer hat noch mehr Häuser, die er sukzessive ausbauen und revitalisieren wird und "lernt" quasi von Sanierung zu Sanierung mehr dazu. Und einige Deiner Erläuerungen sind zum Glück noch unterzubringen wie zB der Farbanstrich.


    Wenn Du schreibst, dass man keine kunststoffhaltigen Farben nehmen darf, meinst Du damit dann kalkhaltige Farben, die dort zur Anwandung kommen sollen?


    Stadtmensch


    Bei den jetzige Fensterrahmen ist leider momentan nichts zu machen, da diese vor einiger Zeit (leider) schon alle erneuert wurden. Das Thema Fenster wird erst ein paar Jahre nach der Fassadensanierung wieder aufgegriffen werden, aber dann dafür richtig.


    Wenn wir schon bei richtiger Farbwahl sind: Dieses Gebäude wird gerade saniert und ich weiß, dass der Eigentümer auch hier die Faassade neu anstreien will. Welche Farbe müsste er hier eigentlich bei einem deutschen Neorenaissance Haus wählen? Vielleicht ist noch etwas zu machen!


    „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“ (Sir William Scott)

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  • So ich wollte Euch nur einmal kurz berichten.


    Das deutsche Neorenaissancehaus in der Schönbrunnerstraße hat nun einen neuen Anstrich erhalten. Im Inneren werden im Foyer reproduzierte historische Fliesen verlegt und auch historische Laternen aufgehängt.




    Und nun zum ursprünglichen Projekt in der Ramperstorfferstraße. Auch hier ist nun die Fassade fast fertig. die Tektonik der Fassade wurde in einem helleren beige gehalten als die etwas dünklere Nullfläche. Ich finde das Ergebnis nun passabel: DIe weißen Fenster werden nun nicht mehr als Bruch wahrgenommen, weil die einzelnen Farben harmonisch ineinander übergehen. Aber seht selbst und ich bitte um KRITIK - noch kann man etwas ändern!




    Wie gesagt, bitte um Eure ehrliche Meinung! Vielleicht sollte man die Nullfläche noch etwas dünkler machen?

    „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“ (Sir William Scott)