Stuttgart

  • Komisch, ich erkenne bei dem Nachkriegsbau irgendwie keinen "ästhetischen Anspruch". Ist eine Kiste mit Flachdach im typisch bieder-asketischen Look des Wiederaufbaus. Vergleichbares gibt es en masse in Deutschland. Wo schimmert hier auch nur der geringste baukünstlerische Wert durch? War ein solcher bei derartiger Behelfsarchitektur nach '45 überhaupt je beabsichtigt? Kann mir das jemand verraten?

    In dubio pro reko

    Edited once, last by Königsbau ().

  • Richtig. Gerade derartige Bauten sind es, die einem das wiederaufgebaute D so sehr verdrießen. mann kann gar nicht genug davon abreißen. Dass der neue Entwurf eine absolute Verbesserung darstellt, steht völlig außer Zweifel. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob der so überdimensionierte Bogen originell oder unproportioniert wirkt. Aber das ändert nichts, dass diesem Entwurf unbedingt und konkurrenzlos gegenüber dem Jetzt der Vorzug zu geben ist.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Dem schließe ich mich an. Dass der jetzige Bau belanglos-fad statt superhässlich daherkommt, macht ihn noch lang nicht besonders erhaltenswert, wenn ein viel besserer Nachfolger in Aussicht steht. Da reißen auch die Fensterprofile nicht viel raus. Stuttgart mausert sich, es gibt immer mehr Projekte in prä-modernistischer Architektursprache, was dieser architektonisch gebeutelten Stadt unheimlich gut tut.


    Bernd Albers wird immer besser (klassischer), gefällt mir sehr gut! Er versucht sich auch an expressionistischeren Ausdrucksformen und Neuinterpretationen, ohne dabei in postmoderne Kitschabgründe zu rutschen. Da steckt noch richtig Potenzial drin, der sollte mit Hans Kollhoff noch was machen. :)

  • Ja, dieser Neubau wäre sehr schön und auch ein wichtiges Zeichen über die Bedeutung eines einzelnen Gebäudes hinaus.


    erbse: "belanglos-fad" gehört in der Stuttgarter "Innen""stadt" schon zur gehobenen Bauklasse, da das meiste eben "superhässlich" ist. Konnte mich vor Weihnachten wieder davon überzeugen...

  • Hunderte Likes für den Entwurf auf facebook. Einzelne Stimmen die dagegen ätzen, etwa "fehlt nur noch Gehrock und Kutsche" oder "an die Fassade gehören noch Lebkuchen". Naja, kommt wieder aus der üblichen Ecke der "Progressiven" und Corbusier-Fans.

    In dubio pro reko

  • Hast Du einen Link dazu bitte? Finde die FB Seite nicht?

    „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“ (Sir William Scott)

  • Das muss einfach umgesetzt werden.

    In jedem Fall! ... Und zwar als Beispiel für weite Teile der Innenstadt von Stuttgart => Die Abrissbirne darf bei den Nachkriegsbausünden gar nicht mehr aufhören zu schlagen wenn solch ansehnliche Gebäude (natürlich geht es immer besser aber das ist vollkommen ok so!) dafür als Ersatz kommen!

  • Ehrlich gesagt kann ich den Hype um den geplanten Nachfolger hier nicht ganz verstehen. Sind wir schon mit so wenig zufrieden? Natürlich, besser als eine der üblichen Kisten aber mal ehrlich, die komischen Parabelbögen passen überhaupt nicht zum Rest, das "Dach" ist völlig misslungen, alles mal wieder schön grau... Ist das alles, was wir uns wünschen, so wenig?

    Der deutsche Pfad der Tugend ist immer noch der Dienstweg.

  • Pfälzer Bub, alleine dass sich ein Architekt wieder an Rundbögen traut kann man nicht hoch genug bewerten. Außerdem passt die Fassadengestaltung sehr gut zu Stuttgart, Bahnhof oder Hindenburgbau weisen einen ganz ähnlichen, "grauen" Stil auf.

    In dubio pro reko

  • Herausragender Artikel zum Abrisswahn in Stuttgart: stuttgarter-zeitung.de/inhalt.…b8-874e-695cf42f8c8e.html

    Durch den Artikel von Herrn Roland Ostertag war ich neulich auf das Haus, Hölderlinstraße 3A aufmerksam geworden. Es ist einfach nicht zu begreifen, wie man beschließen kann, so ein schönes, architektonisch stilvolles Haus abreißen zu wollen...???


    Das Haus strahlt so eine ganz besondere Eleganz aus, die für die Straße und das Stadtviertel unwiederbringlich verloren gehen würde, wenn es nicht mehr da wäre und durch einen nichtssagenden Neubau ersetzt werden würde. Ich hoffe, dass es durch die Bürgerinitiative erhalten bleiben kann und die Verantwortlichen, die für den Abriss sind, den Wert dieses Hauses erkennen - auch wenn es nicht auf der Denkmalliste steht.

  • Die beiden Häuser von Le Corbusier in der Weißenhofsiedlung wurden zusammen mit weiteren Gebäuden Le Corbusiers in sieben Ländern zum Unesco-Weltkulturerbe ernannt. In Stuttgart sind es das Doppelhaus, Rathenaustraße 1–3, in dem heute das Weissenhofmuseum untergebracht ist...



    Weissenhof Corbusier 03 [CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)], by Photo: Andreas Praefcke (Own work (own photograph)), from Wikimedia Commons



    ...und das Haus Citrohan, Bruckmannweg 2:



    Weissenhof photo house citrohan east façade Le Corbusier & Pierre Jeanneret Stuttgart Germany 2005-10-08 [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) or CC BY-SA 2.5-2.0-1.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5-2.0-1.0)], by Shaqspeare, from Wikimedia Commons

  • Ich verstehe dieses Gegeifere um Corbusier nicht. Die Weißenhofsiedlung, klar, die war revolutionär, aber nur den Architekten zu würdigen, der eher durch infantiles Protzgehabe, Inkonsequenz, Bauschäden und Selbstherrlichkeit auffiel denn durch die standesgemäße Architektenrolle?

    Form is Function.


    "Fürchte nicht, unmodern gescholten zu werden. Veränderungen der alten Bauweise sind nur dann erlaubt, wenn sie eine Verbesserung bedeuten, sonst aber bleibe beim Alten. Denn die Wahrheit, und sei sie hunderte von Jahren alt, hat mit uns mehr Zusammenhang als die Lüge, die neben uns schreitet."

    Adolf Loos (Ja, genau der.)

  • Im Weissenhofmuseum war ich schon zweimal, eine Hälfte des Gebäudes ist als Museum ausgestaltet und die andere wurde mehr oder weniger in den Originalzustand des damaligen Wohnhauses zurückversetzt.


    Hier einige Fotos der Innenräume, die ich vor über 3 Jahren aufgenommen habe: Galerie zum Weissenhofmuseum


    Die Möblierung ist teilweise aus Beton gegossen (Schränke), die Raumaufteilung ist sehr seltsam:


    Extrem schmale Gänge, eine winzige Toilette, ein zugiges und sehr kleines Wohnzimmer (vermutlich unbeheizbar), dafür überraschend großzügige Treppenaufgänge und jede Menge Platzverschwendung:


    stadtbild-deutschland.org/foru…ry/index.php?image/17302/


    Insgesamt fühlt man sich irgendwie wie in einem Bunker... positiv ist die Dachterrasse mit Blick auf den Stuttgarter Talkessel. Die Stelzen, auf denen viele Gebäude von Corbusier stehen, sollten es angeblich ermöglichen, unter dem Haus Landwirtschaft zu betreiben, das stand zumindest auf einer Informationstafel (OK, mangels Sonne vermutlich nicht wirklich umsetzbar...).

  • Ich war am Wochenende in der Architekturgalerie am Weißenhof, um die kleine Ausstellung "Stuttgart reißt sich ab" zu besichtigen. Die Ausstellung läuft noch bis zum 25.September 2016.


    Der baden-württembergische Denkmalschutz wurde hier im Forum immer mal wieder diskutiert und dieser scheint nicht nur gefühlt, sondern tatsächlich eine bundesweit einmalig negative Stellung einzunehmen:



    Zusatzinformation auf dem Einband der Liste der Kulturdenkmale


    Jeder, der sich die Fähigkeit erhält Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.
    www.archicultura.ch

    Edited once, last by zeitlos ().

  • Diese Geheimhaltung und Geheimnistuerei verletzt in hohem Maße das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger. Ich finde, jede(r) hat ein Recht auf Information über die Baudenkmale. :kopfschuetteln:

  • Ich habe vor sechs Jahren die Weißenhofsiedlung besucht und das einzig Lebenswerte dort waren die Dachterrassen, die im Sommer wirklich einen Gewinn darstellen. Das übrige Innere schien mir durch die sehr eigenwillige Raumaufteilung unbewohnbar.
    Revolutionär ja, aber ohne praktische Relevanz. Vom Äußeren müssen wir ja nicht reden...

  • Für mich wäre das auch absolut nix zum Wohnen... In so ein "Haus" würde ich nicht wirklich einziehen wollen. Würde es vielleicht nur mal kurz besichtigen - aber das war's dann auch schon.