Fassadendämmung versus Stadtbildpflege

  • Bei der tödlichen Brandkatastrophe von London wirkte die Fassadendämmung wie ein Brandbeschleuniger. Kanzlerin Merkel und Bauministerin Hendricks sind davon offenbar völlig unbeeindruckt. Sie versprechen neue Subventionen, damit noch mehr solche Systeme angebracht werden. Die Schaumstoff-Hersteller sind am Ziel, denn gedämmte Fassaden sollen jetzt nicht nur gesetzlich vorgeschrieben sein, sondern dürfen auch noch von der Steuer abgesetzt werden.


    Fassadenbrände: Dämmokratie leben!

    In dubio pro reko

  • Interessanter Artikel. Immerhin lässt sich im Netz für den Neugierigen einiges an Erfahrungsberichten und Studien finden die nicht mit dem Vermerk "Anzeige", also Werbung gekennzeichnet sind. So kann man sich schnell selbst ein Meinungsbild machen, und die aggressive Werbung für das zeug muss ja misstrauisch machen. In meiner Jugend hieß es immer, wenn für etwas Werbung gemacht werden muss, dann kann es nicht gut sein. Die Fassadendämmung bei Altbauten liegt im Sterben. Und diesen Todesstoß erhalten sie sogar von denjenigen, die damit Geld verdienen. Viele schlecht gemachte Modernisierungen, bei denen z.B. Fassadenteile ausgespart wurden und Wärmebrücken bilden, oder bei denen gedämmt wurde aber die Fenster die alten bleiben, oder bei denen gedämmt und Fenster getauscht wurden, aber keine Entlüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung installiert wurde, bewirken neben erhöhten Unterhaltskosten nämlich nichts.
    Die Brandereignisse nehmen ja zwangsweise ebenfalls statistisch zu, je mehr Gebäude diese Dämmungen aufweisen. Das treibt die Versicherungskosten in die Höhe und erhöht das Unsicherheitsgefühl bei den Nutzern. In meinen Augen sind das die Schrottimmobilien von Morgen. So wie man heute immer behauptet, die Nachkriegsbauten wären schnell hochgezogen mit unzureichenden Materialien und viel zu schwachen Strukturen, wird es morgen heißen ein Haus mit Polystyroldämmung muss saniert werden, dass brennbare zeug muss runter. Und das dürfe nur von einer Fachfirma gemacht werden, teuer wie eine Asbestsanierung usw. usf.


    Besonders schlimm ist nur dass diese Maßnahmen die Glaubwürdigkeit deutscher Umweltpolitik deutlich untergraben. Den Niedergang der Grünen sehe ich mittelbar damit verknüpft: Wir meinen unsere Umwelt am besten dadurch zu schützen, in dem immer mehr Gift verwendet wird. Polystyrolplatten mit ihrem toxischen Brandhemmern, Stein- und Glaswolle sind ja auch nicht ohne, das weiß, wer mal damit gearbeitet hat. Soll ja krebserregend sein, wenn man ohne Atemschutz und Handschuhen damit hantiert.

    Edited once, last by nothor ().

  • Leider finde ich den Artikel nicht mehr, aber vor einigen Wochen/Monaten gab es mal einen Zeitungsartikel, in dem es hieß, eine Berliner Wohnbaugesellschaft habe mehrere Häuser mit viel aufwendigen Sensoren versehen und mit unterschiedlichen Energiesparmaßnahmen. Nach 1, 2 Jahren werteten sie die Daten aus. Es stellte sich heraus, das einzige, was wirklich Heizkosten senkte, war: wenn die Heizung abgestellt wird, während die Fenster geöffnet werden.
    Der ganze Dämmkram, selbst neue Fenster, nützte hingegen kaum was.
    Das Ganze ist eine gigantische Fehlallokation, denn die Entsorgung des Dämm-Mistes in 30 Jahren wird nochmal recht teuer, und die ganzen Neubauten mit ihren dünnen Betonwändchen und dicken Dämmschichten werden dann wahrscheinlich allesamt Problemfälle sein.
    Das ist alles ein grausiger massenhafter Pfusch, der da erzwungen wird.

  • Hut ab. Ich hatte ja mit vielem gerechnet, aber dass in völliger Ignoranz der tödlichen Gefahren von Styropordämmungen nun sogar neuerliche Förderungen winken, hätte ich nicht gedacht. Zumindest nicht so kurz nach London. Das zeigt a) wie unglaublich gut vernetzt die Dämmlobby ist, vielleicht am besten nach Auto-, und Wind-Lobby und b) was für völlig unfähige, faktenblinde Nulpen an den politischen Schalthebeln sitzen.

  • Man kann nur hoffen, dass die Katastrophe in London zu einem grundsätzlichen Umdenken führt.


    Wärmedämmung kann sinnvoll sein, wenn man sie planmäßig und gezielt einsetzt, um z.B. mit vergleichsweise geringen Dämmstärken geometrische und andere Wärmebrücken abzumildern. Damit läßt sich Schimmelbildung in den Gebäudeecken reduzieren. Mitunter lassen sich auch bauartbedingte Mängel reduzieren. Ich kenne einen Fall, in dem in einem 50er-Jahre-Gebäude (kleines Wohnhaus) die Innenseite der Nordfassade, die nur eine Wandstärke von 18 cm, teils 12 cm, hatte, gedämmt wurde, mit 4 oder 6 cm Kalziumsilikat. Der extreme Wärmeabfluss durch die Nordfassade konnte so abgemildert werden. Aber das ging nur mit einer genauen Ist-Analyse und einer passgenauen Maßnahme.


    Die aktuelle Handhabung in Deutschland - "Viel hilft viel" - ist allerdings grober Unfug.


    Das typische Material - Styropor - ist zunächst ein Erdölprodukt. Es muss nicht immer die "Amoco Cadiz" sein, um zu merken, dass Erdöl auch schon in der Gewinnung, Transport und Weiterverarbeitung nur mäßig umweltschonend ist. Dann noch mit potentiell giftigen Brandhemmern versehen. Bei der Entsorgung wirds dann auch noch mal lustig, das Zeug ist Sondermüll oder wird "thermisch verwertet". (Von den Herbiziden, die sich aus der Fassadenfarbe auswaschen, damit diese nicht veralgt, will ich gar nicht anfangen...)


    Dann wird das Zeug von Malermeister Klecksel an die Fassade geklebt, der mal einen Wochenendlehrgang zum "Energieberater", vulgo Verkaufsberater, gemacht hat. Gesamtanalyse des Gebäudes? Umfassendes Konzept? Meist Fehlanzeige. Ergebnis: Das Haus wird eingepackt, und nach dem nächsten Winter schimmelt die Bude wie verrückt. Dann ist natürlich der Mieter schuld, der nicht genug lüftet...


    Die vermeintliche Einsparung wird in der Höhe nicht erzielt, weil das Nutzerverhalten nun mal nicht so idealtypisch ist, wie die Rechenmodelle es voraussetzen. Das ganze System ist nicht fehlertolerant. Es ist zudem ähnlich wie beim KAT beim Auto - ohne Kat ist der Schadstoffausstoß viel höcher als selbst mit einem "alten" Euro1-Kat. Die besseren Kats und die höhere Dämmstärke bringen (in der Theorie) nur noch was im Nachkommastellenbereich. Dämmstärken über 8 oder 10 cm bringen nur noch rechnerische Ersparnisse, in der Praxis sind sie relativ irrelevant. Außerdem haben selbst gute Fenster oft noch vergleichsweise schlechte Wärmedurchgangskoeffizienten, so dass diese den eigentlichen Schwachpunkt bilden. Das ganze Wärmedämmsystem ist nicht zu Ende gedacht, es generiert nur Umsätze für die Hersteller und Verarbeiter.

  • Verständnisfrage: 4 oder 6 cm Kalziumsilikat - was ist da gemeint? Kalksandsteine? Putz? Steinwollplatten?

  • Soweit ich weiß ist das ein grobporiger Putz, ähnlich wie eine Sinteroberfläche. Der grobporige Putz mit geringer Dichte und viel Lufteinschlüssen puffert Wärme mehr ab als hochverdichteter Putz und hat damit dämmende Wirkung. Aber so genau weiß ich das nicht, v.a. wie verhindert wird dass er Eigenschaften eines Schwamms (aufsaugen von Wasser) ausbildet, weiß ich nicht. Vielleicht kann hier Hildesheimer genaueres sagen?

  • Ja, wie Vulgow schon schrieb, meinte ich Kalziumsilikat_platten_, da war ich ungenau. Diese werden in der Tat regulär als Innendämmmaterial angeboten und funktionieren (bei sachgerechter Konzeption und fachgerechtem Einbau) wohl auch ganz gut. Allerdings muss man darauf achten, dass die Wände dann diffusionsoffen bleiben müssen (= Anstrich), man keine Möbel davorstellen und auch keine Bilder dranhängen sollte.

  • Hmm, was da bei Baunetz gezeigt wird, sieht ähnlich wie etwas dickere Rigipsplatten aus (4-6 cm wären dann wohl mehrere Platten übereinander, nehme ich an?), aber das Erfordernis diffusionsoffener Anstrich und "keine Möbel davorstellen" finde ich, wie soll ich sagen, "nicht unproblematisch", speziell für Innenwände.
    Ich hatte gedacht, da wäre so eine Dämmschicht außen an die Fassade gekommen, und dann evt. normaler Putz drüber zum Angleichen. Aber Innenwand ist nochmal was ganz anderes...

  • Wikos: gute Sache, daß da allmählich etwas Vernunft einzieht. Denn von der ist man mit dem Pseudo-"Klimaschutz"-Firlefanz völlig abgekommen.

  • Und wieder ein fieses Beispiel aus dem Berliner Alltag.
    Oderberger Straße N°38, zuvor ein entstucktes Haus mit Potential zur Vervollkommnung der Straße, welche (glaube ich) in ihrem westlichen Abschnitt nur einen einzigen Nachkriegsbau hat.


    Grau und Erdölschaum tragend ist es seit Beginn des Jahres.


    Darüber hinaus ist das Haus entwohnt worden und dient jetzt vielen Touristen als Wohnstatt auf Zeit. Gut, dass der Steuerzahler hier auch mit im Boot war, damit es mit globalen Klimarettung durch die dt. Kartellparteien auch klappt - die Mietpreisbremse sorgt ja dann für einen Ausgleich. disgust:)

    Schön ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt.
    (Immanuel Kant)

  • Das ist ja wirklich grau-enhaft. Vermutlich war dieses Grau die billigste Farbe und noch dazu sieht man in Jahrzehnten keinen Dreck, weil es ohnehin schon dreckig ausschaut. Wie überaus praktisch und den Gewinn erhöhend. Dass man aus Geldgier die früheren Bewohner vertrieben hat, um noch mehr Geld aus dem Haus durch kurzfristige Vermietung an Touristen rauszuholen, das passt dazu, alles abscheulich.

  • Gerade in einer Straße wie der Oderberger eine Schande. Ich hatte immer gehofft, dass diese graue entstuckte Maus vielleicht eine Rekonstruktion von Fassade erhält, aber nein, es wurde ein Dämmmonster. <X

  • Und die nächste sozial- und umweltpolitische Schweinerei in Prenzlauer Berg mit hilfloser Hin- und Anteilnahme durch die grün-sozialistische Stadtregierung und den Bezirk Pankow - kein Geld für Gutachten! Das volle Programm: Entmietung/Verdrängung durch fette Mietererhöhungen u. a. ermöglicht durch die Dämmkrankheits-Privilegierung. Komplettes Einpacken eines massiven Hauses - alle (erst ca. 10 Jahre alten) Fenster werden erneuert.


    Das große Eckhaus Stargarder Straße N°28/Dunckerstraße N°23.


    Ausführlicher Hintergrund:
    Verschwindet hier! Oder: Wie eine Entmietung vorbereitet wird - Prenzlberger Stimme


    Die Mieter von Prenzlauer Berg – Teil 2 - Prenzlauer Berg Nachrichten


    Sodann in voller Wucht, der ganze Wahnsinn.




    Deutschland ist einmalig irre, während die Ölschaumplatten in Polen produziert wurden.


    Hier wird bereits die Vermarktung vorbereitet


    M. W. n. gibt es nur eine Partei, die sich klar gegen die schädliche und vernunftwidrige EnEV in heutiger Form positioniert.

    Schön ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt.
    (Immanuel Kant)

  • Mag man kaum glauben, dass Leute dann wahrscheinlich auch noch viel Geld bezahlen, um in einem derart eingemüllten Gebäude wohnen zu dürfen. Weil ja Prenzlauer Berg und so. Absurd.