Berlin - Reichstagsgebäude und Spreebogen

  • Dennoch gefällt mir weder der alte noch der neue RT. Architektonisches Mittelmaß bleibt Mittelmaß. Wallot war eben nicht Semper, er hat die Neorenaisance eher paraphrasiert als verstanden.


    Sicher die Qualität Wallots bleibt weit hinter Sempers zurück, dennoch, der Reichstag in seiner alten Form war ein ausgewogenes, prächtiges Gebäude, das mit seinem architektonischem Pathos voll dem neuen Reich genügte. Das jetzige Gebäude wirkt vor allem im innern kalt, steril, ungemütlich und einfach unrepräsentativ. Ich schäme mich immer für unseren Plenarsaal, wenn man ihn im Fernsehen sieht und schaue immer neidisch nach Italien, England, und viele weitere Staaten wo die prächtigen Plenarsääle selbst dem gebeuteltsten Staat noch Würde verleihen, die selbst ein Berlusconi-Clown nicht zerstören kann. Sicher war der alte Plenarsaal im Reichstag auch nicht gerade eine architektonische Koryphäe, aber dennoch brauchbar und hübsch anzuschauen. Wallots Versuch, Italienische Renaissance a lá Palladio mit Zitaten deutscher Renaissance zu verbinden, wirkt manchmal unbeholfen und nicht ganz rund, da stimme ich dir zu, aber nichtsdestotrotz, der alte Bau war prächtig, ein würdiges Parlamentsgebäude und trotz einiger Mängel schön anzuschauen und hatte damals schon durch seine markante Form Wahrzeichenqualitäten. Der neue Reichstag hingegen sieht so wie er jetzt steht einfach...hässlich aus, mir gefällt es überhaupt nicht, garnicht unbedingt wegen der Kuppel, sie ist noch erträglich, aber das Gesamtpaket ist einfach mehr als mäßig.


    Mal zu was anderem, war der Sandstein des Reichstages jemals so hell wie auf dieser colorierten Photographie oder hat man einfach bloß den Reichstag bei der Colorierung grau-weiß gelassen? http://upload.wikimedia.org/wi…s/3/3d/Reichstag-1870.jpg

  • Mal zu was anderem, war der Sandstein des Reichstages jemals so hell wie auf dieser colorierten Photographie oder hat man einfach bloß den Reichstag bei der colorierung grau-weiß gelassen? http://upload.wikimedia.org/wi…s/3/3d/Reichstag-1870.jpg


    Ich habe bisher noch nicht das Alter erreicht wo ich den Reichstag noch im Original kennen würde, jedoch mutmaße ich mal, er wird eher in einem gelblichen Sandsteinton gewesen sein - hier hat der Colorist meines Erachtens nach etwas die Farben geschönt :smile:


    Viele Grüße


    Asgard

  • Mal zu was anderem, war der Sandstein des Reichstages jemals so hell wie auf dieser colorierten Photographie oder hat man einfach bloß den Reichstag bei der colorierung grau-weiß gelassen? http://upload.wikimedia.org/wikipedia/co…chstag-1870.jpg


    Exakt die selbe Frage wollte ich auch bereits stellen, denn das beschäftigt mich auch schon länger und bislang konnte ich darauf keine Antwort finden. Ich finde dieser weiß Ton hätte etwas sehr nobles.

  • Das Bild ist nicht sehr aussagekräftig - es existiert sogar auf Wikipedia in zwei unterschiedlich bearbeiteten Versionen.




    Dennoch ist auch anhand von Schwarzweiß-Bildern zu sehen, dass der Stein zur Zeit der Verbauung recht hell war. Er ist es ja sogar heute - je nach Lichteinfall - immer noch.

    Schön ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt.
    (Immanuel Kant)

  • Mir fällt bei solchen alten Aufnahmen immer die Platzgestaltung auf. Was waren das früher für wohlgeordnete und schöne Plätze und Platzgestaltungen, die auch mit ihren umgebenen Gebäuden korrespondierten. Und heute? Ein ausgetretener und ungepflegt wirkender leerer Raum mit einer langen Schlange von Kuppelbegeisterten die sich im vorgelagerten Billigcontainer ihre Tickets gekauft haben. Die miese Platzgestaltung und diese Kuppel lassen den Reichstag doch erst so plump und klotzig erscheinen, früher war das nicht so!
    Mittlerweile meide ich diesen Ort wenn ich mich in Berlin aufhalte, da fahr ich lieber mit der Linie 100 schnell dran vorbei!

    Labor omnia vincit
    (Vergil)


  • Dennoch ist auch anhand von Schwarzweiß-Bildern zu sehen, dass der Stein zur Zeit der Verbauung recht hell war. Er ist es ja sogar heute - je nach Lichteinfall - immer noch.[/color]


    Ja, wesentlich heller war er schon, nur mit Sicherheit ned weiß. Das der verschandelte Kasten heutzutage hell erscheint, muß mir mir irgendwie entgangen sein.


    Viele Grüße


    Asgard

  • Aedificium, du hast völlig recht, die Kunst der Platzgestaltung ist leider auch verloren gegangen. Den Platz vor dem Reichstag hätte man ohne Probleme historisch getreu wieder herstellen können, aber das wurde leider nicht gemacht. Stattdessen jetzt eine belanglose grüne Wiese.

    In dubio pro reko

  • Genau so gut könnt man den Platz auch betonieren und ihn als Parkplatz nutzen, dann würde er wenigstens einen nützlichen Zweck erfüllen. disgust:)


    Die Vernachlässigung der Platzgestaltung ist mir allerdings auch schon bei vielen anderen (wenn auch lobenswerten) Rekonstruktionen aufgefallen, man ist dann doch immer etwas verwundert daß entsprechende Gebäude gar ned so recht zu wirken scheinen wie man es aus alten Photos kennt.


    Ich denke auch hier hätte eine wohldurchdachte Platzgestaltung das verschandelte Reichstagsgebäude aufgewertet und die architektonischen Scheußlichkeiten ein wenig relativiert.



    Viele Grüße


    Asgard

  • Aedificium, du hast völlig recht, die Kunst der Platzgestaltung ist leider auch verloren gegangen.


    Das trifft leider weitgehend auf Deutschland zu. In anderen Ländern ist es besser. Vorallem Spanien hat sich da immer sehr positiv hervorgetan. Selbst in Deutschland schnöde gestaltete Riesenkreisel wie der Ernst-Reuter-Platz sind dort kunstvoll gestaltete Parkanlagen.


    Beispiele:
    Barcelona:
    http://cdn-locations-images.tr…mg-poi1289-LlFJ18-i4s.jpg
    http://imagenesdebarcelona.fil…aza-francesc-macic3a1.jpg
    http://mytravelphotos.net/wp-c…-Espanya-Pictures-1-2.jpg


    Valencia:
    http://upload.wikimedia.org/wi…ntamiento_de_Valencia.JPG


    Bilbao:
    http://2.bp.blogspot.com/-DXNO…U8/s1600/bilbao+plaza.jpg


    Madrid:
    https://upload.wikimedia.org/w…3%B3n_%28Madrid%29_01.jpg


    Hier ein moderner Platz in Tarragona:
    http://farm3.staticflickr.com/…49143176_22648d9826_o.jpg
    Wäre bei uns bestimmt nur von Asssis belagert. Ist übrigens ein tosender Kreisel, vergleichbar mit dem Ernst-Reuter-Platz, münden 10 Straßen oder so ein.

    Der deutsche Pfad der Tugend ist immer noch der Dienstweg.

    Edited once, last by Pfälzer Bub ().

  • Phantastische Beispiele. Sie zeigen freilich, dass die romanischen Völker eben ein ganz anderes Verhältnis zur Urbanität haben, was sich nicht nur in den mit üppig sprudelnden Fontänen und Blumenschmuck ausstaffierten Plätzen zeigt, sondern in einer Lust an imposanter Dichte und Höhe der Bebauung, die bei uns nicht einmal vor dem 1. Weltkrieg denkbar war.

  • Hinzu kommt aber eben auch der simple Fakt, dass etwa Spanien bereits Äonen vor Deutschland ein vereinigtes Königreich war (wie auch Frankreich oder UK) und man sich kleine Weltimperien aufgebaut hatte. Allein die Devisen/Portokassen ermöglichten prächtigste Gründerzeitbauten.


    Da haben deutsche Land einfach schon im 15. und in folgenden Jahrhunderten die globalisierte Entwicklung verpennt... Dafür gibt's aber auch mehr regional-kleinteilige architektonische und kulturelle Vielfalt. Hat alles so seine Vor- und Nachteile.



    Um aber mal auf die Platzgestaltung zurück zu kommen: Ich erwähnte ja bereits, dass ich mir eine Umgestaltung des Reichstagsvorplatzes wünsche. Am sinnvollsten und schönsten wäre sicher eine Vereinigung des Vorkriegsplatzes mit einer Auskragung dahinter für ein möglichst symmetrisches und zeitloses Einheitsdenkmal, das sich nicht in den Vordergrund drängt und Bezug zum Bundestag/zur Institution der Demokratie und Staatseinheit nimmt.


    Die Schlossfreiheit sollte wie gesagt davon verschont bleiben, da im historischen und städtebaulichen Kontext ein unpassender Standort.

  • Ich habe Vorwende Bilder vom Platz der Republik gesehen, da wird dieser von schönen Blumenbeeten gesäumt, zwar nicht so prächtig wie in Vorkriegszeiten, aber immer noch sehr Schmuck. Warum hat man diese Beete denn entfernt?

  • ...weil man zwischenzeitlich den gesamten Platz entfernt und 25 Meter tief ausgeschachtet hatte...


    Der Platz wird jetzt auch häufig als Veranstaltungsfläche genutzt, so z. B. 2006 für die WM-Fanarena.

    Wer zwischen Steinen baut, sollte nicht (mit) Glashäuser(n) (ent)werfen...

  • Hinzu kommt aber eben auch der simple Fakt, dass etwa Spanien bereits Äonen vor Deutschland ein vereinigtes Königreich war (wie auch Frankreich oder UK) und man sich kleine Weltimperien aufgebaut hatte. Allein die Devisen/Portokassen ermöglichten prächtigste Gründerzeitbauten.
    Da haben deutsche Land einfach schon im 15. und in folgenden Jahrhunderten die globalisierte Entwicklung verpennt... Dafür gibt's aber auch mehr regional-kleinteilige architektonische und kulturelle Vielfalt. Hat alles so seine Vor- und Nachteile.
    ...


    Ist zwar total am Thema vorbei, aber ich MUSS einfach was dazu sagen, das kann ich so nicht stehen lassen!
    Hier werden total verschiedene Dinge in einen Topf geworfen,
    Die deutsche Wirtschaft brummte mehr als alle anderen Wirtschaften während der Gründerzeit und das ohne nennenswerten Ausbeutungs oder Kolonialbesitz. Was die vermeindlichen Weltreiche nur mit Hilfe ihrer Kolonien schafften (wenn überhaupt!) hat Deutschland alleine gestemmt (und das bei minimalster Steuerlast des Bürges!).Was genau ist die globalisierte Entwickung des 15. Jhrdt und folgender Zeiten, die man verpennt haben sollte? Na klar, die Brutalokolonialisierung, Unterwerfung und Versklavung von anderen Völkern, die Installierung von seltsam anmutenden Staatsfirmen wie EIC oder VOC hat "Deutschland" nicht mitgemacht! Aber wenn ich mir anschaue was die anderen daraus gemacht haben, kann ich nur sagen Gott sei Dank und es ging auch ohne! Hätten wir den WK II mit seinen Zerstörungen im Stadbild als auch in der Gesellschaft nicht, dann hätten wir prächtigere Plätze und Ensembles als die oben gezeigten!
    Wieder zurück zumThema...

    Labor omnia vincit
    (Vergil)

  • Der Platz wird jetzt auch häufig als Veranstaltungsfläche genutzt, so z. B. 2006 für die WM-Fanarena.




    Häufig definiere ich dann aber doch etwas anders.

    Schön ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt.
    (Immanuel Kant)

  • Die Nutzung des Platzes als "Event", "Public viewing" (oder vielleicht demnächst ein Zirkus?) zeigt doch die Wertig- und Wichtigkeit dieses Ortes. Weil dieser Ort für die meisten eben keine Bedeutung hat, die meisten die Bedeutug nicht kennen und nur das eigene Vergnügen zählt, sieht der Platz und der Reichstag eben so aus!

    Labor omnia vincit
    (Vergil)

  • Naja, man muss eben auch mal bedenken und akzeptieren, dass andere Leute andere Prioritäten haben. Für manche ist eben der Wert für diese Art von Nutzung größer, als der eines Schmuckplatzes. Und dass dieser Platz nun heute so aussieht, kann ja nicht den Public Viewern vorwerfen. Hat allerdings was von Palast der Republik, oder? Parlamentsgebäude mit Vergnügungsangebot, um die Bevölkerung bei Laune zu halten - wenn auch draußen und nur temporär. :wink:

  • Naja, man muss eben auch mal bedenken und akzeptieren, dass andere Leute andere Prioritäten haben. Für manche ist eben der Wert für diese Art von Nutzung größer, als der eines Schmuckplatzes.


    Dann muss ich aber auch akzeptieren dass die meisten Menschen ein verstümmeltes Ästhetikempfinden haben und es ihnen total egal ist oder es befürworten dass unsere Städte und Dörfer mit Müll zugepflastert werden. Dann muss ich auch den Modernisten akzeptieren der eben auch eine andere Priorität hat.
    Nein, dass die Menschen so empfinden hat doch einen Grund und der liegt in der ästhetischen Umerziehung durch die Moderne und die Gewöhnung an solche leeren und toten Stadtbilder.

    Labor omnia vincit
    (Vergil)