Berlin - Reichstagsgebäude und Spreebogen

  • Man merkt sofort, dass der Plenarsaal viel nobler gewesen sein muss, als es auf gewöhnlichen Schwarz-Weiß-Photos den Anschein hat.

    Nimm das Recht weg, was ist der Staat dann noch anderes als eine große Räuberbande? (Augustinus von Hippo)

  • Auf jeden Fall deutlich weniger korrupt. Man stelle sich vor von einem Abgeordneten des Reichstages wäre zur Kaiserzeit publik geworden er hätte Gelder veruntreut oder einen höheren Geldbetrag angenommen (oder auch bei seiner Doktorarbeit geschummelt). Dieser Abgeordnete wäre politisch und gesellschaftlich erledigt gewesen.

    "Wenn wir die ehemalige Schönheit der Stadt mit der heutigen Gemeinheit verrechnen, kommen wir, so die Bilanz, aufs direkteste in den Schwachsinn." (E.H.)

  • Ich weiß nicht, Valjean. Ich denke, die Situation ist eher andersrum. Heute wird den Herr- und Frauschaften von so vielen Seiten auf die Finger geguckt, dass da jeder Misstritt sofort auffällt. Im Kaiserreich gab’s noch kein „Vroniplag“, kein „Lobby Control“, kein „Transparency international" usw. … Insofern denke ich eher, dass wir heute das am wenigsten korrupte deutsche Parlament der Geschichte haben. Lobbyismus ist sicher ein Problem – aber nun mal per se nicht verboten … Und meinst du tatsächlich, die Herren, die da in der Weimarer Republik oder im Kaiserreich in diesen schönen Hallen unser Volk vertraten, waren alles ausnahmslos selbstlose Engel mit weißer Weste, die niemals Vorteile aus ihrer Position gezogen haben? Mangels historischer Belege dafür, würde ich eher nicht davon ausgehen …

  • Und meinst du tatsächlich, die Herren, die da in der Weimarer Republik oder im Kaiserreich in diesen schönen Hallen unser Volk vertraten, waren alles ausnahmslos selbstlose Engel mit weißer Weste, die niemals Vorteile aus ihrer Position gezogen haben?

    Nein, das meine ich bestimmt nicht. Das ist aber auch gar nicht relevant


    Der Ehrbegriff war ein gänzlich anderer zur damaligen Zeit. Von jemanden in exponierter Position, von dem ruchbar geworden wäre, dass er sich bereicherte oder die Unwahrheit sagte, in entscheidenden Dingen schwindelte, wäre erledigt und der Freitod eine Option gewesen die Ehre wieder herzustellen.


    Gewiss, aus heutiger Sicht, ist dergleichen kaum mehr nachvollziehbar. Man führe sich nur das Beispiel und die Chuzpe Franziska Giffeys vor Augen...

    "Wenn wir die ehemalige Schönheit der Stadt mit der heutigen Gemeinheit verrechnen, kommen wir, so die Bilanz, aufs direkteste in den Schwachsinn." (E.H.)

  • In der Beziehung geb ich dir Recht … Der Begriff der Ehre – und die Folgen bei Verlust derselben – spielte in früheren Jahrzehnten und v.a. Jahrhunderten ein viel größere Rolle … Menschen, die damals in Amt und Würden waren und diese Würden aufgrund von persönlichen Verfehlungen einbüßten, waren zweifellos eher bereit, die damals üblichen Konsequenzen zu tragen – die mitunter zum äußersten führten … Heute gehen sie in die freie Wirtschaft und „starten“ eine neue Karriere als wäre nix gewesen - oder sie machen einfach weiter und setzen darauf, dass die Öffentlichkeit an der "Bagatelle" recht schnell das Interesse verliert ...

  • im Reichstag wäre noch nach 1945 vieles zu retten gewesen !




    Eingang zur Südhalle vor 1945



    1945 Eingang zur Südhalle



    vor 1945



    1945



    1945





    Und auch im Dachbereich gab es noch viel unzerstörtes

  • Der Plenarsaal wurde, soweit mir bekannt, nach dem Brand von 1933 nicht mehr wiederhergestellt. Als "Parlament" diente seit 1933 ja dann die Krolloper. Nach dem Krieg wurde der Reichstag wiederaufgebaut und bereits da wurde er später von Paul Baumgarten baulich im Stile der Nachkriegszeit verändert. Von der ursprünglichen Innenarchitektur blieb meines Wissens da schon nicht mehr viel übrig. So sah er dann aus, bis zum Totalumbau durch Forster in den 90er Jahren. Wenn man sich die Bilder von den Bauarbeiten ansieht, erkennt man, dass das Gebäude bis auf die Außenmauern nahezu völlig entkernt wurde.

    Eine sehr ausführliche und auch bebilderte Darstellung findet man auf der Seite des Bundestages unter "Parlament, Geschichte".

  • Ich hab nun auch einige Bilder der Innenräume koloriert. Danke an Sir Moc für das Bildmaterial in guter Auflösung!


    Treppenaufgang


    Schmalwand im Vorsaal des Bundesrates


    Kaminzimmer



    Südvorhalle mit dem Eingang zum Vorsaal des Bundesrats


    Hier bin ich mir unsicher, wo genau das ist, aber sieht aus wie eine Vorhalle


    Zwar nicht Teil des Interieurs, aber dennoch ein schönes Detail: Die nach dem Krieg entfernte Germania


    Dazu noch zwei Bilder des Gebäudes:



    Blick von der Siegessäule auf das Reichstagsgebäude, vor 1938 (Fotograf: Johannes Mühler)


    Der Hauptunterschied, der das Gebäude heute äußerlich meines Erachtens zu einem gänzlich anderen macht, ist, dass es früher einerseits durch die Kuppel andererseits durch die Schmuckelemente in die Höhe strebte und die Breite des Baus harmonisch ausglich, während es heute wurstig eine reine Horizontale bildet. Das stört den Eindruck leider empfindlich, es hat keinerlei Dynamik mehr und wirkt unproportional.

  • Wie sah eigentlich der Plenarsaal in der Zeit nach dem Brand bis zur Entkernung durch Foster aus? Gibts dazu Bilder? Der Saal war ja nach dem Brand bis auf die Grundmauern zerstört.



    https://www.bundestag.de/parla…nQtNzkzOTAw&mod=mod650612


    Der Plenarsaal sah allerdings in Natura bedeutend besser aus - das Bild ist grottenschlecht.


    Hier tagte der Bundestag während der Mauerzeit nur ab und zu aus symbolischen Gründen. Wie auch kurz nach der Wiedervereinigung.


    Dann kam Christo und verhüllte ihn - um das Gebäude anschließend völlig zu entweihen. Ich meide das Gebäude heute so sehr es nur geht. Denn jeder mit Foster noch zusätzlich abgeschlagene Stein hat mir den Rest gegeben.

  • Danke für den Link Stauffer!

    Der Plenarsaal war ja durch den Brand vollkommen zerstört. Nicht jedoch die Vorräume, Treppenhäuser, Wandelhalle und div. andere Räume. Das ist ja durch die Bilder mit dem Sowjetschmiererein belegt. Diese waren ja nach 1945 nur leicht beschädigt.


    Die große Frage ist nun, wurden diese durch die BRD „Sanierung“ in der Zeit 1945-90 zerstört oder nach 1990 durch Foster?


    Die Außenfassade wurde ja bis auf die Kuppel durch die „Sanierung“ in der Zeit bis 1990 in den heutigen Zustand gebracht.


    Eventuell hätte Foster dann „nur“ den BRD Umbau entkernt und dann seine Kuppel draufgesetzt, oder?


    Zusatzfrage: Gibt es Grundrisse vom Zustand vor 45? bzw. 33?

  • Es gibt auch heute noch mindestens einen Plenarsaal in Deutschland, der der ursprünglichen Ausstattung des Reichstages sehr nahe kommt - die Hamburger Bürgerschaft.


    Nicht ganz überraschend, immerhin ist die Entstehungszeit identisch. Man beachte insbesondere die Holzvertäfelungen auf der Saalebene.


    1024px-Plenarsaal_Hamburgische_Bürgerschaft_IMG_6403_6404_6405_edit.jpg

    Quelle: Christoph Braun, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15741077

  • Snork

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  • Ist auch der Figurenschmuck im Inneren komplett verloren? Liegt da vielleicht noch einiges in Spandau oder einem anderen Depot?

    Hat die Schönheit eine Chance-Dieter Wieland

  • Sehr gute Frage! Ich glaube zwar eher nicht, dass da noch was vorhanden ist, aber es wäre gut, wenn es Listen gäbe, was vorhanden ist. Habe mich das schon oft gefragt . . .

    "Mens agitat molem!" "Der Geist bewegt die Materie!"

  • Blättert hier einfach mal im Strang zurück! Da findet ihr bestimmt die Antwort. Wir haben die Innenräume des Reichstags und deren Verlust ja schon mehrfach durchgekaut.

  • Ja, da habe ich mich missverständlich ausgedrückt: ich würde gerne wissen, welche Berliner Denkmale überhaupt und unabhängig vom Reichstag, noch in irgendwelchen Depots vor sich hin verstauben.

    "Mens agitat molem!" "Der Geist bewegt die Materie!"