Schömberg (Zollernalbkreis)

  • Etwas ist völlig in Schieflage geraten in Deutschland. Während im Osten jedes noch so heruntergekommene Gebäude liebevoll saniert wird, findet im Westen - leider muss ich es sagen, besonders im Südwesten - ein regelrechter Raubbau an den historischen Stadt- und Ortskernen statt. Hat jemand eine Erklärung für diese auffällige Diskrepanz? Ich glaube ja nicht, dass die Sachsen heimatverbundener sind als die Schwaben, daran kann es also nicht liegen.

    Ich glaube schon. Ich habe 4 Jahre durchgehend in Sachsen (Oberlausitz) gelebt und bin oft zwischen Osten und Westen gependelt. Der Osten (Berlin ausgenommen) und vor allem der Sachse hat - meiner Meinung nach - noch so etwas wie einen gesunden Bezug zu seiner Herkunft und Identität, die man dem Westdeutschen - warum auch immer - über mehrere Jahrzehnte abgewöhnt hat. Auch im benachbarten Polen (Schlesien) war ich ständig. Ich könnte jetzt vermutlich noch mehr zu diesem Thema schreiben, aber das lasse ich wohl, da sonst wieder der verlängerte maas´sche Arm meine schriftlich dargebrachten Gedanken zensurieren wird.


    Die Sachsen sind zurecht stolz auf ihre wunderbar sanierten Städte und Dörfer. So eine positive Liebe zum eigenen Land und seiner Kultur kenne ich im westlichen bundesdeutschen Raum ansonsten nur aus Bayern - leider.

    „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“ (Sir William Scott)

  • Ich kann Stuegert nur zustimmen. Bis auf ein paar Ausnahmen wird in meiner Gegend alles abgerissen, was anderswo als erhaltenswert eingestuft würde.
    Denkmalschutz scheint ein wachsweicher Begriff zu sein.
    Ist zwar ein anderes Thema, aber besonders „erregend“ müssen für die Land(Eier)politiker neue Industriegebiete sein, die pressewirksam mit obligatorischen Spatenstich und dem örtlichen Bürgermeister in Szene gesetzt werden.


    Neben der aktuellen für mich als Laie fürchterlichen Architektur, den Abriss vieler erhaltenswerter Gebäude, finde ich den Landfrass als sehr traurig und bedenklich.

  • Die "schwäbisch-württembergischen Geschichten" schlagen ein weiteres trauriges Kapitel auf:


    Gaberstallgasse 1 und 3 fallen dem Abrisswahn endgültig zum Opfer.
    Der geplante unmögliche Neubau anstelle wurde bereits in vorausgegangenen Beiträgen gezeigt.
    Beim verheißungsvollen Werbeplakat "Wohnen in der Altstadt" fragt man sich in Schömberg inzwischen unweigerlich: Welche Altstadt?


    Quelle: https://www.schwarzwaelder-bot…ff-9fc8-ece7f724145e.html

  • Es grenzt wohl nicht an Übertreibung, wenn man im Falle Schömbergs nach den Zerstörungen des großen Stadtbrandes von 1750 erneut von einem Inferno spricht, das den verbliebenen Altstadtkern in rasendem Tempo durch Hausabbrüche zerstört. Was hier geschieht, dürfte seinesgleichen suchen. Nun soll auch noch geprüft werden, ob das rechte Nachbargebäude des Stauss-Hauses an der Alten Hauptstraße gleich mit abgerissen werden kann, sofern dessen Besitzer/in die Zustimmung erteilt. Die Galgenfrist für das Stauss-Haus beabsichtigt in diesem Fall also einen weiteren Abbruch! Würde man das Rathaus gleich mit abreißen, wäre in einem Zeitraum von nur wenigen Jahren fast die komplette historische Bausubstanz auf der nördlichen Seite der Alten Hauptstraße Opfer einer desaströsen Abrissmentalität in der kleinen Stadt am Rande der Schwäbischen Alb - Chapeau!


    Quelle: https://www.schwarzwaelder-bot…8c-adbd-b5a0baeaba90.html

  • Den Schömberger Bürgern scheint es ja wohl gleichgültig zu sein, sonst würde man ja von irgendeinem nennenswerten Widerstand hören. Auch in der örtlichen Presse kein kritisches Wort. Eines Tages wird man sich fragen wieso man all das zugelassen hat.

  • Für mich auch unerklärlich: kein öffentlich kritisches Wort aus der Einwohnerschaft, ganz zu schweigen von nennenswertem Widerstand. Ob im Nachhinein bei dieser Haltung irgendwann Bedauern und Reue entsteht?

  • Es ist wirklich so, dass es in Württemberg so eine Mentalität gibt, die wenig Verständnis für das zu bewahrende kulturelle Erbe aufbringt. Hauptsache, es wird geschafft und gebaut, neu muss es sein, weg mit dem alten Glump, mit dem Fortschritt muss man gehen, Zeichen von Wirtschaftskraft und Wohlstand. Das ist hier so seit ich denken kann. Ich persönlich finde diese Mentalität ziemlich ätzend und werde sie mir - obwohl geborener Schwabe - nie zu eigen machen.

  • Wohin fahren Schwaben eigentlich in Urlaub? Wofür geben sie ihr Reisegeld aus? Doch vermutlich nicht zur Besichtigung von "altem Gelump". Das wollen sie ja nicht mal bei sich zu hause sehen. Also warum dann dafür teure Euro ausgeben? Ich vermute, dass Schwaben immer nur in irgendwelche Neubau-Club-Resorts fahren oder nach Dubai oder in irgendwelche modernen suburbs in den USA oder Kanada. "Stuegert" kann ja mal seine Nachbarn fragen.

  • Nun, man kann natürlich auch die Schwaben nicht über einen Kamm scheren. Auch im Ländle gibt es viele Menschen mit Sinn für unser bauliches Kulturgut. Ich erlebe das täglich auf der von mir geleiteten Facebook-Seite (oder anderer Seiten wie „Rettet das alte Balingen“, „Alt-Zuffenhausen“ u.a.). Das ändert nichts daran, dass es eine verbreitete fortschrittsgläubige Mentalität gibt der wenig Einhalt geboten wird, und durch die sich die zahlreichen Meldungen zu Abrissen in BW erklären lassen.

  • Quote

    Mit dem Leerstand begann auch der Zerfall - Stück für Stück verlor das einst herrschaftliche und stadtbildprägende Gebäude, das unter Denkmalschutz stand, seinen einstigen Glanz.


    Es gab viele Ideen, wie die Stadt mit dem Familienvermächtnis umgehen wollte. Ein großes Thema war dabei eine mögliche Sanierung. Am Ende entschied sich die Stadt aus wirtschaftlichen Gründen für einen Abriss, nachdem die Denkmalschützer zugestimmt hatten...


    ...An der Adresse wird nun das neue Rathaus erstellt.

    Quelle: https://www.zak.de/Nachrichten…-hat-begonnen-128329.html


    Reiht sich folgenlos ein in das Dilemma württembergischer Kurzsichtigkeit: Hier Schömberg, da Weissach.


    Der Brand von Notre Dame wird zurecht als ein trauriger Tag für die Baugeschichte beklagt. Aber dieser Verlust sollte die Menschen auch hierzulande ermahnen nicht weiter so nachlässig mit unserem Bauerbe umzugehen. Solange Zeugen der Baukultur der Vormoderne, Sakralgebäude sowohl in Frankreich wie in Deutschland abgerissen und ganze Ortskerne für fragwürdige Sanierungsprojekte als Ausdruck des Zeitgeistes plattgemacht werden, müssen sich alle Verantwortlichen an die eigene Nase fassen. Was weg ist, kommt in den seltensten Fällen wieder. Das ist im Großen wie im Kleinen festzustellen. Wenn dies die Erkenntnis aus dem Unglück in Paris ist, hätte es zumindest ein Umdenken in den Köpfen eingeleitet, so traurig das alles ist.

  • Ein Bild sagt mehr als tausend Worte - Stadtbild- und Denkmalpflege à la Schömberg:
    https://www.zak.de/Bilder/Eini…inzige-was-vom-101376.jpg


    Die Geschichte des denkmalgeschützten Stauss-Haus an der Alten Hauptstraße, 2008 von der Stadt Schömberg erworben, endet im Mai als Schuttberg und eine weitere Brache in der kleinen "Altstadt". Das Grundstück soll in unbestimmter Zeit nach Durchführung eines Architekturwettbewerbs mit einer Rathauserweiterung (das Rathaus hier im Bild ganz links) bebaut werden. Dass die schmale Gasse zwischen Rathaus und ehemaligem Stauss-Haus im Zuge dieser Maßnahme aus Kapazitätsgründen und in Geschichtsvergessenheit gleich mit überbaut wird, dürfte im Falle niemanden verwundern.
    Im Hintergrund der Baulücke ein Neubau mit modischer horizontaler Holzverkleidung, der vor Jahren bereits Sorge und einen Vorgeschmack über die schleichende Überformung der Altstadt gab. Des weiteren hier im Bild sichtbar die laufenden Abbrucharbeiten der Gebäude an der Gaberstallgasse, deren äußere Bebauung bereits die Peripherie der kleinen Altstadt bildet.


    Dass es der Stadt Schömberg aus finanziellen Gründen nicht gelungen sein soll, das Stauss-Haus zu sichern und mit Mitteln der Landesdenkmalpflege zu restaurieren, mag bei den vehementen Abbruchabsichten des Bürgermeisters sowie deren Unterstützung mittels eines Abbrüche fördernden Landessanierungsprogramms in der zurückliegenden Zeit wenig glaubhaft erscheinen. Unter diesen Vorzeichen dürfte ebenso das Engagement und die Motivation für die Bewahrung des historischen Baubestandes bei den Bewohnern noch weiter sinken. Auf absehbare Zeit ist die kleine Altstadt verloren.


    Immerhin zeugt eine detailgetreue Dokumentation des Stauss-Hauses für die Nachwelt von der Ignoranz und Gleichgültigkeit der Entscheidungsträger/innen im Umgang mit dem baulichen Erbe. Eine Rekonstruktion dürfte auf dieser Grundlage theoretisch möglich sein. Vermutlich wird sie keiner von den hier Mitlesenden aber jemals erleben.


    Dass ich diesem Gebäude thematisch solch einen Raum einräume, hat vor allem folgenden Grund:
    Es steht exemplarisch für diese öffentliche wie private Nachlässigkeit, mangelnde Wertschätzung und Gleichgültigkeit gegenüber der baulichen Identität, welche sich in dieser württembergische Kommune etabliert hat.


    Vielleicht besteht im Rahmen der zweitägigen Jahreshauptversammlung des Vereins Stadtbild Deutschland in Balingen Anfang kommenden Monats die Möglichkeit auch die Problematik der Nachbarstadt Schömberg aufzugreifen, um über die Medien eine größere Öffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen.


    Bildquelle: https://www.zak.de/Nachrichten…berstallgasse-135760.html

  • Schömberger Altstadt verändert ihr Gesicht

    Quote

    ...eine innerörtliche Nachverdichtung, für die sich Stadtverwaltung und Gemeinderat stark machen.

    Quelle: https://www.schwarzwaelder-bot…38-a0d7-3d92362cd0a5.html


    Anmerkungen:

    Gegen eine innerörtliche Belebung in Form von Wohnen, Gewerbe und Dienstleistungen wäre so wenig einzuwenden wie eine Nachverdichtung bestehender Brachen mit einer traditionellen oder rekonstruktiven Baugestaltung, so sie nicht weiter dermaßen radikal auf Kosten des historischen Stadtbildes geht.
    Angesichts der starken Überformung und Veränderungen ist es, sieht man von der reinen Lage einmal ab, geradezu absurd hier noch von einer Altstadt zu sprechen. Diese wurde ohne Not und Krieg dem Zeitgeist geopfert.

  • Mit Stolz werden hier die Zerstörung der Altstadt und das Implantat eines Fremdkörpers von der ausführenden Baufirma in peinlich provinzieller Dramatik zelebriert - und das alles unweit des Orts, in dem die vergangene Jahreshauptversammlung von Stadtbild Deutschland e.V. tagte.
    Symptomatisch für die Gegend - darüber vermag auch die Burg Hohenzollern nicht hinweg täuschen.


  • Das nächste Gebäude an der Alten Hauptstraße wird abgerissen: Die Nr. 11 fällt, ohne dass ein konkreter Bauplan vorliegt. Brache oder Parkplätze sind ja auch was für's Auge.


    Quelle: https://www.schwarzwaelder-bot…ab-9f5d-5441e11a3a65.html


    Es handelt sich um das rosa Gebäude mit Giebel zur Straße:
    https://www.stadtbild-deutschl…/18678-7741217a-large.jpg
    https://www.stadtbild-deutschl…/18677-40eb9d05-large.jpg



    In einer alten Aufnahme ist das vermutlich nach dem Stadtbrand 1750 entstandene Gebäude hier rechts im Bild zu sehen. Von den auf der Fotografie zu sehenden Gebäuden werden nach dem erfolgten Abriss ohne Kriegseinwirkungen nur das Rathaus und das links angrenzende Gebäude in unsere Gegenwart überdauert haben. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob das Rathaus auf Grund der Kosten für eine energetische Ertüchtigung für die aktuellen Akteure in Verwaltung und im Schömberger Stadtrat nicht auch noch obsolet und entbehrlich ist. Bei diesem gleichgültigen Kahlschlag, der seinesgleichen sucht, ist mit allem zu rechnen!
    https://www.stadtbild-deutschl…/18662-786e2fc5-large.jpg

  • Wieder sowohl traurige als auch erschreckende Nachrichten aus Schömberg... :augenrollen:


    Das nächste Gebäude an der Alten Hauptstraße wird abgebrochen.


    Bei diesem Kleingeist, den die Verantwortlichen in sich zu tragen scheinen und somit über das Schicksal einer vom Krieg unversehrten Kleinstadt entscheiden, mag man sich gar nicht vorstellen, was anstelle der Brache über kurz oder lang anstelle errichtet wird. Das was im Hintergrund steht mag als Vorbild von seiner Belanglosigkeit so unpassend wie ein grotesker Klotz sein.


    Das kleine Städtchen scheint tatsächlich seinem städtebaulich-modernistischen Untergang geweiht zu sein. Es bleibt wohl wenn, einer fernen Zukunft überlassen, dass dieser Ort noch einmal (s)ein angemessenes Stadtbild (zurück) erhält.