Lutherstadt Wittenberg

  • Der Text ist vielleicht nicht ganz glücklich gewählt, das sage ich als bundesdeutscher atheistischer Politkorrektling. Könnt ihr die Diskussion trotzdem im Privaten fortführen? Ich bin für eine strikte Säkularisierung dieses Forums, religiöse Befindlichkeiten nerven hier echt nur.

    Im Übrigen ist es schön, dass der Wendelstein saniert wird. Ich finde die Verbindung zwischen Renaissance und Neogotik durchaus interessant, ein stilistischer Bruch, der zumindest annehmbar gut funktioniert.

  • ...

    So, und jetzt fallt über mich her, zerfetzt mich. .

    Würde ich nie machen, ich bin ja Christ - und in keiner Kirche.


    Ich wunder mich aber auch, was die Inschrift in einer Gedenkplatte mit einem Architekturforum zu tun hat.

  • No, frag den Rastrelli, der hat sie eingestellt und umfassend kommentiert.


    Abgesehen davon: SOO ist das wieder auch nicht. Es betrifft eine Tafel vor einem zentralen Baudenkmal, die ein spezielles Kunstobjekt dieses Baudenkmals kommentiert und dabei an etlichen forumsrelevanten Problemstellungen rüttelt. Es ist schon weit offensichtlicheres OT breit diskutiert worden. Ich versteh aber schon, dass dieses Thema manchem BRDler unangenehm ist.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Die Kirchgemeinde bestellte schon zu DDR-Zeiten eine Bronzeplatte bei dem Bildhauer Wieland Schmiedel (Jg. 1942). Die Platte wurde 1988 in den Boden unterhalb der "Judensau" eingelassen. Die Platte befindet sich außerhalb eines kirchlichen Gebäudes, zwar auf dem Kirchhof, aber doch im öffentlich zugänglichen Stadtraum. Sie ist ein wichtiges Zeugnis für die Auseinandersetzung von Christen in der DDR mit dem Holocaust.



    Wittenberg, Gedenkplatte im Kirchhof von Wieland Schmiedel (1988) (Foto: Torsten Schleese, 2005, gemeinfrei)


    Die Umschrift: "Gottes eigentlicher Name / der Geschmähte Schem-Ha-Mphoras / den die Juden vor den Christen fast unsagbar heilig hielten / starb in sechs Millionen Juden / unter einem Kreuzeszeichen".

    Ist euch denn gar nicht aufgefallen, dass es sich bei der Inschrift der Gedenkplatte um einen künstlerischen Text handelt, um einen lyrischen Text? Solche lyrischen Texte sind offen, mehrdeutig. Sie wollen verstören, zum Nachdenken anregen. Ich habe nun den Autor der Inschrift ermittelt. Es ist der bekannte Lyriker und Oppositionelle Jürgen Rennert (Eintrag in Wikipedia und in "Wer war wer in der DDR?"). Außen noch die hebräische Umschrift des 130. Psalms: "Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir."


    Im Lexikon steht beschönigend: "Wehrersatzdienst als Bausoldat". Dazu muss man wissen: Das war im Kalten Krieg. In der DDR gab es eine Wehrpflicht und Punkt. Wer verweigerte, ging ein hohes Risiko ein, insbesondere in den frühen Jahren. Manche landeten im Gefängnis. Meist war der Kompromiss der, dass sie als Soldaten eingezogen wurden, aber nicht an der Waffe dienten, sondern als Bausoldaten. Das war kein lustiges Leben. An eine Karriere war nicht mehr zu denken. Dafür hatte man eine Stasiakte. Rennert begründete die Tage der jiddischen Kultur - 1987 und in Ostberlin. Das war alles andere als Mainstream oder politisch korrekt. Rennert hatte auch oft Schwierigkeiten zu publizieren.


    Ich bin evangelisch und ich habe in der DDR gelebt. Manche haben wohl keine Vorstellung davon, was das bedeutete. Die Kirche hat den Allmachtsanspruch der kommunistischen Ideologie zurückgewiesen. Die Bibel half, eine innere und geistige Unabhängigkeit vom allmächtigen und omnipräsenten Marxismus-Leninismus zu bewahren. Ich habe großen Respekt vor dem, was die Christen in Wittenberg gemacht haben. Die Stadtkirchengemeinde hat mehrere Originaldokumente von 1988 ins Netz gestellt:


    Mahnmal an der Stadtkirche in Wittenberg - Text von Albrecht Steinwachs (Pfarrer der Stadtkirchengemeinde 1976-1997)


    Wort zum 9. November 1988 - vom BEK und der EKD


    Ansprache von Gunther Helbig, Jüdische Synagogengemeinde zu Magdeburg


    Ein bemerkenswertes Zeugnis für das Festhalten an der deutschen Einheit ist die gemeinsame Erklärung des Bundes der evangelischen Kirchen in der DDR (BEK) und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Politisch waren beide deutsche Staaten Todfeinde. Die auf dem Territorium der DDR gelegenen Landeskirchen bildeten einen eigenen Bund. Beide Zusammenschlüsse traten aber immer wieder gemeinsam auf, z.B. bei der Meißner Erklärung, ebenfalls 1988, über die Abendmahlsgemeinschaft mit der Church of England. Hier bei der Berliner Erklärung ist bemerkenswert, dass als Ort nur "Berlin" genannt wird. Wer die damaligen Verhältnisse kennt, dem ist klar, dass das Treffen in der Hauptstadt der DDR stattgefunden haben muss. Westberlin wäre für die DDR-Behörden nicht akzeptabel gewesen. Als Entgegenkommen an die westdeutsche Seite wurde aber der sonst in solchen Dokumenten übliche Zusatz "Hauptstadt der DDR" oder "(DDR)" weggelassen.


    Hier übrigens noch ein sehr guter Text von Friedrich Schorlemmer: Die Judenverspottung - ein Skandal an der Fassade der Stadtkirche Wittenberg

    Auch hier wird die Kraft der Lyrik eingesetzt mit einem Gedicht von Nelly Sachs.


    Weitere Infos der Stadtkirchengemeinde


    Der Wittenberger Stadtrat hat sich im Sommer 2017 zu dem Mahnmal an der Stadtkirche in der bestehenden Form bekannt: Pressemitteilung.


    Ich bin auch der Meinung, dass man die Gestaltung von 1988 beibehalten sollte.


    Abschließend noch ein paar Worte zu Heimdalls pauschaler Kirchenkritik: An der konkreten Kirchenpraxis kann man oft Kritik üben, aber was Heimdall da präsentiert, halte ich für verfehlt. Ich habe für solche abfälligen Äußerungen kein Verständnis. Jeder private Hausbesitzer, der sich für den Erhalt eines alten Wohnhauses engagiert, findet hier im Forum Anerkennung. Für die Erhaltung der meisten Kirchenbauten sind die Kirchengemeinden zuständig. Die Wittenberger Stadtkirchengemeinde verdient schon deshalb unseren Respekt, weil sie sich um die herrliche Stadtkirche kümmert. Die Öffnung evangelischer Kirchen für Besucher wird überwiegend im Rahmen des Programms "Offene Kirche" organisiert, also mit ehrenamtlichen Kräften aus der Gemeinde. Das verdient Wertschätzung und Anerkennung. Zu DDR-Zeiten waren die meisten Kirchen außerhalb der Gottesdienstzeiten geschlossen. Wenn ich heute eine Kirche besuche und mit den Leuten ins Gespräch komme, stelle ich oft fest, dass sie sehr stolz sind auf "ihre Kirche". Die Kirche bedeutet Heimat. Und es sind nette Leute.

  • Dieser Text wird auch durch diese gedanklichen Verrenkungen oder Verkrampfungen um nichts weniger infam, blasphemisch, ungeheuerlich. Zu Heimdalls Schelte der heutigen protestantischen Kirche mag ich als Katholik nichts sagen, denn da wären wir sofort wieder in einer Konfessionsdiskussion. Der letzte Absatz von Rastrelli ist darüber hinaus insofern verfehlt, weil er sozusagen die institutionellen Ebenen oder gar Begriffe verwechselt oder implizit gleichsetzt. Es ist so, wie wenn man eine deutsche/polnische/französische etc Politik dadurch verteidigen möchte, dass man sagt, die einzelnen Deutschen/Polen etc seien doch irrsinnig liebe Leute.

    Aber das hier hat gar keine konfessionelle Frage zum Hintergrund. Hier wird einfach vor lauter Drang zur Selbsterniedrigung, ja. -aufgabe wirklich alles in den Staub geworfen, die eigene menschliche Würde sowieso, aber das ist noch das Geringste, der eigene Glaube durch die Verunglimpfung des heiligen Kreuzeszeichen, das hier ganz schamlos und impliziert mit dem Hakenkreuz gleichgesetzt wird, als ob es damit auch nur irgendwas zu tun hätte, die eigene Gottheit.

    Ich glaube mittlerweile ernsthaft, dass diese Ungeheuerlichkeit so manchem BRD-Korrektling gar nicht mehr auffallen kann. Offenbar hat man derlei mit der Muttermilch aufgesogen. Schorlemmers Erguss ruft allenfalls Kopfschütteln hervor, man fragt sich, wie so eine Figur, die von der christlichen Lehre insb in so zentralen Themen wie Sünde, Erlösung offenbar nicht die blasseste Ahnung hat, innerhalb einer christlichen Kirche so etwas wie eine höher Stellung einnehmen kann. Auch das hat wohlgemerkt mit der Frage Katholizismus/Protestantismus grundsätzlich nichts zu tun. Angesichts solcher Verwerfungen unterscheiden sich beide Konfessionen voneinander nämlich nur in Nuancen. Das darf ich beurteilen, weil ich sehr auch protestantische theologische Schriften gelesen habe.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Niemand setzt das christliche Kreuz mit dem Hakenkreuz gleich. Für wie bescheuert hältst du uns eigentlich, ursus?


    Und was soll der Quatsch mit "BRD-Korrektling"? Die Gedenkplatte wurde in der DDR gefertigt. Ich habe zu diesem Kunstwerk im öffentlichen Raum Hintergrundmaterial zugänglich gemacht. Das sind Quellen, die von den beteiligten Akteuren stammen, keine Verrenkungen oder Verkrampfungen.


    Es gibt selbständig denkende Menschen, die zu anderen Ergebnissen kommen als du. So einfach ist das.

  • Niemand setzt das christliche Kreuz mit dem Hakenkreuz gleich.

    Doch, genau das tut der "Künstler":

    "Gottes eigentlicher Name ..../ starb in sechs Millionen Juden / unter einem Kreuzeszeichen".

    Jeder unvoreingenommene Betrachter denkt dabei sofort an das Hakenkreuz, Und dabei räumt der Text das christliche Kreuz ein.

    Für dich mag der "lyrische Text" "offen und mehrdeutig" sein und will "verstören".

    Ich denke für die meisten ist die Aussage sehr eindeutig.

    Viele Gläubige werden sich dadurch verletzt fühlen (was wohl billigend in Kauf genommen oder gar gewollt wurde).

    Allein eine krasse Provokation oder ein Unsinn über einen historischen Sachverhalt machen i.Ü. aus einem Text noch keine Kunst.

  • Vielleicht sollte man diese infantile Platte auch einfach im Kontext ihrer Zeit betrachten. Für den Unrechtsstaat DDR waren Kirche und Faschisten nunmal gleichermaßen Feinde, die es zu bekämpfen galt. Da ist es nur schlüssig, beide gleichzusetzen.

  • Und was läuft baulich so in Wittenberg?


    Collegienstraße N°67 - vielleicht wird ja ein kleiner Teich mit Grünanlage angelegt?


    Collegienstraße N°87 - dieses Haus wurde Ende 2013 leider abgerissen, also eine weitere Brache erzeugt.

    Ich hoffe, dass nicht dieser unsympathische Entwurf realisiert wird.

    Schön ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt.
    (Immanuel Kant)

  • Mitten in einer Denkmalstadt? Das geht so ohne weiters, so ein Abriss?

    Generell scheint von Wittenberg verglichen mit meinem letzten Besuch vor 15 Jahren nicht sehr viel übrig geblieben zu sein.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Was tun eigentlich die örtlichen Protagonisten, um in Wittenberg die zunehmende Anzahl von Brachen zu schließen und den Stadtgrundriss zu rekonstruieren?



    WB-nach-1760

    M. C. G. Gilling, Public domain, via Wikimedia Commons



    Wenn es noch keine BI gibt, sollte schnellstens eine ins Leben gerufen werden.

  • Ich finde es auch immer total doof, daß Häuser abgerissen werden, obwohl gar keine Folgebebauung geplant ist.


    Ein sanierungsbedürftiges Haus macht doch noch immer einen besseren Eindruck, als eine Baulücke, die den Blick auf zwei Brandwände freigibt.


    Außerdem kann sich die Interessenlage im Laufe der Jahre ändern. Vielleicht findet sich noch ein Investor, der historische Häuser restaurieren möchte. Wenn man sie sofort beseitigt, ist diese Option natürlich nicht mehr gegeben.

  • Was tun eigentlich die örtlichen Protagonisten, um in Wittenberg die zunehmende Anzahl von Brachen zu schließen und den Stadtgrundriss zu rekonstruieren?

    Was sollte es da zu tun geben?Wittenberg ist ein hübsches kleines Städtchen, das gut saniert ist. Keine besonderen Kriegsverluste. Und Schrumpfungsprozesse macht jede Stadt mal durch.

  • Was sollte es da zu tun geben?

    Da würde mir doch einiges einfallen:

    Jetzt, ohne Touristen fällt der Leerstand und fallen die Brachen bzw. modernistischen Bauten noch mehr auf. Die Brachen bieten doch DIE Gelegenheit, die historische Stadt wieder herzustellen. Die Universität gehört schon längst wieder zurückgeholt.