Lutherstadt Wittenberg

  • Düllmann gibt zwar dem Stadtkirchenpfarrer die Hand, hat aber mit ihm "nichts, aber auch gar nichts gemeinsam". Die Revision zum Bundesgerichtshof wird wahrscheinlich zugelassen. Düllmann will den Fall ggf. bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg tragen. (MZ)

  • Die Klage wurde nun schon in zweiter Instanz abgewiesen. Infos des MDR


    Juristisch ist der Fall eindeutig. Deshalb verstehe ich nicht, warum der Gang in die nächste Instanz zugelassen wurde. Ich bin sicher, dass der Bundesgerichtshof die Klage ebenfalls abweisen wird. Das Problem ist das fehlende Rückgrat von Teilen der evangelischen Kirche. Die Süddeutsche Zeitung hat mit dem Stadtkirchenpfarrer Johannes Block gesprochen. Der will das Mahnmal weiterentwickeln. Das verheißt nichts Gutes.


    Ich möchte die einzelnen Elemente noch besser miteinander verknüpfen. Meine Idee wäre ein Lichtband, das Mahnplatte, Zeder und Schmähplastik verbindet. Außerdem schwebt mir eine Art Prisma vor, durch das die Besucher das Relief in einer gebrochenen Perspektive wahrnehmen können, so dass dessen Bildprogramm als überwunden vor Augen steht. Wir haben noch kein finales Konzept - aber ich bin deswegen auch im Gespräch mit dem Zentralrat der Juden.

    Das Problem der evangelischen Kirche bestand im Dritten Reich nicht in mittelalterlichen Reliefs und auch nicht in irgendwas, das Luther im 16. Jahrhundert geschrieben hatte, sondern darin, dass Teile der Kirche dazu neigen, sich dem Zeitgeist anzubiedern und den Mächtigen "in den Arsch zu kriechen". Ich verwende jetzt mal diese drastische Formulierung, die ja heute noch im Sprachgebrauch ist und zu der bildlichen Darstellung der Judensau passt. In früheren Jahrhunderten hat man ähnliche Spottdarstellungen gegen alle möglichen Feinde zum Beispiel in Form von Flugblättern verbreitet. Das Relief zeugt davon, dass im Mittelalter Juden in Wittenberg lebten. Sie wurden 1304 aus der Stadt gejagt. Das Relief sollte wohl einer Rückkehr der Juden entgegenwirken, als eine Art magischer Zauber. Es gibt so wenige Selbstzeugnisse der mittelalterlichen Juden in Deutschland, dass wir auf Spuren, die ihre Feinde damals hinterlassen haben, nicht verzichten können. Gegen den Antisemitismus immunisiert nicht das Beseitigen bildlicher Darstellungen aus dem Mittelalter, die kaum noch verständlich sind, sondern die Ausbildung eines klaren ethischen Fundamentes. Das hatten auch in der Nazizeit Teile der evangelischen Kirche. Sie bewahrten sich die notwendige innere Distanz zum Regime und seiner Ideologie.


    Die Nazis in der Kirche gaben damals Zusammenstellungen judenfeindlicher Zitate aus Luthers Schriften heraus, um sich ein Alibi zu verschaffen. Dieses Alibi dürfen wir ihnen aber nicht durchgehen lassen! Was würde Luther wohl dazu sagen? Martin Luther war ein Mann des Widerstandes gegen die zu seiner Zeit herrschende Ideologie. Er war einer, der für eine erkannte Wahrheit sein Leben riskierte. Denken wir an die Ermordung von Jan Hus 1415! Luther stellte sich gegen Kaiser und Papst und folgte seinem Gewissen.


    Ich finde die Lösung mit der Gedenkplatte im Boden (vgl. dazu meinen Beitrag vom 1. Juli 2019) angemessen. Sie regt zum Nachdenken an, erlaubt aber weiterhin den unverstellten Blick auf die alte Stadtkirche.


    Die Gedenkplatte von 1988 im Boden unterhalb des Judensau-Reliefs an der Stadtkirche (Foto: James Steakley, August 1998, CC-BY-SA-3.0)


    Hier noch zwei Aufnahmen des israelischen Arztes Dr. Avishai Teicher:


    Die Stadtkirche von Süden mit der Zeder als Baum des Friedens davor (Foto: Avi1111, Juni 2016, CC-BY-SA-4.0)


    Stadtkirche, innen nach Osten (Foto: Avi1111, Juni 2016, CC-BY-SA-4.0)

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    Das Problem der evangelischen Kirche bestand im Dritten Reich nicht in mittelalterlichen Reliefs und auch nicht in irgendwas, das Luther im 16. Jahrhundert geschrieben hatte, sondern darin, dass Teile der Kirche dazu neigen, sich dem Zeitgeist anzubiedern und den Mächtigen "in den Arsch zu kriechen". Ich verwende jetzt mal diese drastische Formulierung, die ja heute noch im Sprachgebrauch ist ...

    Nicht nur im Sprachgebrauch, sondern in der praktischen Umsetzung! Und nicht nur in der evangelischen Kirche.

  • Die Idee des Pfarrers Block kann ich gut nachvollziehen, und sie geht in meinen Augen in die richtige Richtung. Die Verknüpfung der historischen Schmähplastik mit einer aktuellen Stellungnahme und -bewertung sollte augenfällig und unübersehbar sein. Das Lichtband ist eine gute Idee, an soetwas habe ich auch schon gedacht. Man muss aber gut aufpassen, dass es die Plastik nicht überhöht oder missverständlich würdigt. Dass es vielen Menschen so, wie es aktuell ist, nicht ausreicht, kann ich nachvollziehen. Und wenn man sich die Stadtkirche von Wittenberg auf Fotos ansieht, und von der Schmähplastik weiß, aber nicht um die abmildernden Maßnahmen, sieht es so aus als hätte sich dort gar nichts getan. Soweit es einen Wertewandel in der Kirchengemeinde gibt, sollte der auch sichtbar sein. Deswegen muss man die Plastik nicht abnehmen, aber man sollte sie deutlich in einen Kontext setzen.


    Wir erwarten schließlich dasselbe von anderen Glaubensrichtungen, wenn es dort in alten Schriften heisst Anders- oder Ungläubige sollten getötet werden.


    Früher dachte ich, dass solche "Judensauen" an nahezu jeder mittelalterlichen Kirche zu finden seien, aber anscheinend sind sie doch viel seltener als ich dachte (vgl. ZDF "heute-journal" vom 04.02.2020). Das wiederum macht die einzelnen Stücke historisch noch viel bedeutender, weil sie wohl Rückschlüsse auf den religiösen Eifer in der jeweiligen Kirchengemeinde in früheren Zeiten erlauben. Demzufolge sollte wohl auch jede Gemeinde ihren individuellen Weg damit finden. Sie einfach abzubauen und irgendwo in eine Vitrine zu stellen... naja, das Verbot des Hakenkreuzes in Deutschland hat ja offensichtlich auch zu nicht mehr geholfen als einer öffentlichen Anscheinwahrung.

  • Demzufolge sollte wohl auch jede Gemeinde ihren individuellen Weg damit finden. Sie einfach abzubauen und irgendwo in eine Vitrine zu stellen...

    Zumal dies in den meisten Fällen gar nicht möglich ist. Da müsste dann der Meißel ran. https://de.wikipedia.org/wiki/Judensau


    Und sollte doch ein Gericht mal gegen das Relief entscheiden, dann könnte das einen Bildersturm zur Folge haben. Man denke nur an die vielen diskriminierenden Darstellungen von Schwarzen und Moslems in der Kunst.

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  • @"nothor". Wenn ich den Hinweis auf das Hakenkreuz nicht als eine unpassende tagespolitische Äußerung interpretieren soll, sei einzumerken, dass das Verbot schon insofern "geholfen" hat, als dass dieses Symbol heute nirgendwo mehr ohne harte Strafe öffentlich gezeigt werden darf (historische Dokumentation mal abgesehen). Das heißt, ein Jahrtausende altes spirituelles Symbol, das sich schon im historischen Babylon oder bis heute massenhaft in der indischen Kultur finden lässt, wurde nicht nur inhaltlich auf die NS-Herrschaft verengt. Es wurde ihm zudem eine derart schwarzmagische Bedeutung zugeschrieben, dass es gar nicht mehr gezeigt werden darf, weil womöglich ein Dämon von der Seele desjenigen, der es anblickt, Besitz ergreift. Etwa so, als würde ich beim Anblick von Hammer und Sichel umgehend zum Kommunisten mutieren und Kirchen abreißen wollen. Sicher hast Du Recht, dass es da viel um äußeren Schein und Staatsräson geht. Aber ein solch verkrampfter Umgang mit Symbolik führt letztlich nicht zur Lösung eines Problems, sondern nur, dass da unverarbeitete Konflikte im Untergrund weiterschwelen.


    @"tegula". Ich vermute, dass wir solche Bildersturm-Bestrebungen noch erleben werden. Es gibt ja heute bereits Forderungen nach Namensumbenennungen (z.B. von "Mohren-Apotheken"). Ähnliches beim Streit um "Blackfacing" bei Faschingsumzügen (z.B. hier) Wobei ungeklärt ist, ob auch "Whitefacing" unzulässig ist, wenn sich z.B. ein Schwarzer weiße Schminke auf die Wangen aufträgt. Liberal oder tolerant, wonach jeder anziehen oder sich schminken solle, wie es ihm gefällt, ist das schon lange nicht mehr.

    Insofern würde es mich nicht wundern, wenn in wenigen Jahren gefordert wird, "Mohren-Figuren" aus dem öffentlichen Raum zu entfernen.


    Aber mit dem Bildersturm erwarte ich eigentlich noch eine viel weitergehende Entwicklung. Mit der Zunahme bestimmter religiöser Gruppen in unserer Bevölkerung (ich drücke es bewusst so schwammig aus, um keinen Streit zu provozieren), könnten auch bestimmte Ansprüche auf "Sittlichkeit" im öffentlichen Raum zunehmen. In unserem öffentlichen Raum aber wimmelt es seit der Renaissance von Nacktheit. Wie aber ist es Kindern eigentlich zumutbar, ihren Schulweg entlang von barbusigen Plastiken oder solchen, in denen Frauen ihre Geschlechtsteile präsentieren, zu absolvieren? Oder wo am Ende gar nackte Minderjährige gezeigt werden, an denen Pädophile ihre düsteren Gelüste entwickeln könnten? Oder ist es Frauen zuzumuten, Skulpturen mit männlichen Geschlechtsteilen angucken zu müssen?...


    Da ist ganz viel Raum für Bilderstürmerei gegeben... :wink:

  • @"Heimdall": Was ich zumindest feststelle ist, dass das Verbot des Hakenkreuzsymbols auch nur das Symbol aus dem Alltagsleben verbannt hat, aber keineswegs das, wofür es steht. Es ist eben in meinen Augen ein einfacher, viel zu kurz gedachter Reflex, einfach ein Symbol zu verbieten, wenn man eigentlich eine Ideologie bekämpfen will. Zumal dieses Hakenkreuzverbot ja auch eher ein Papiertiger ist, wer regelmäßig auf Flohmärkte und Auktionen geht weiß was ich meine. Bei den Schmähplastiken an mittelalterlichen Kirchengebäuden würde ich sogar sagen, dass die Klage in Wittenberg kontraproduktiv ist, denn sie rückt etwas in den Fokus was vielen Menschen so gar nicht aufgefallen wäre. Ich jedenfalls kann die altgotische Inschrift nicht entziffern, und ich kann in den Menschenfiguren auch keine Juden erkennen, ich höre aber mittlerweile ständig entsprechende Erklärungen. Das hat tatsächlich Bildersturm-Charakter.

  • ..Es wurde ihm zudem eine derart schwarzmagische Bedeutung zugeschrieben, dass es gar nicht mehr gezeigt werden darf, weil womöglich ein Dämon von der Seele desjenigen, der es anblickt, Besitz ergreift. Etwa so, als würde ich beim Anblick von Hammer und Sichel umgehend zum Kommunisten mutieren und Kirchen abreißen wollen. ...

    Es gab mal eine Zeit, wo heidnische Symbole in Massen zerstört wurden und sich die Kirche damit brüstete, wie machtlos die alten Götter gegen diese Zerstörungen waren. Aber dem modernen Menschen so etwas "anzumuten", ist doch wohl nicht mehr zeitgemäß. Es dürfte wohl in Europa nur eine klitzekleine Gruppe von verbohrten Menschen sein, die sich dadurch hypnotisieren lassen. Ein Problem sehe ich vielmehr darin, dass Wittenberg allein auf den Antisemiten und Abergläubischen, Martin Luther (Hexen müssen brennen) baut

  • Bei den Schmähplastiken an mittelalterlichen Kirchengebäuden würde ich sogar sagen, dass die Klage in Wittenberg kontraproduktiv ist, denn sie rückt etwas in den Fokus was vielen Menschen so gar nicht aufgefallen wäre. Ich jedenfalls kann die altgotische Inschrift nicht entziffern, und ich kann in den Menschenfiguren auch keine Juden erkennen, ich höre aber mittlerweile ständig entsprechende Erklärungen. Das hat tatsächlich Bildersturm-Charakter.

    Ganz genau. Das Relief war einfach noch da, übriggeblieben aus einer Zeit, die uns heute fremd erscheint. Aus diesem Grund ist auch die Mahnmalsidee des Stadtkirchenpfarrers falsch. Sie lenkt ja die Aufmerksamkeit bewusst auf das Relief und verleiht ihm dadurch eine Aktualität und Relevanz, die nicht mehr vorhanden war.


    Geschichtliche Zeugnisse werden normalerweise nicht moralisch bewertet. Sie sind als Quelle der Erkenntnis über die Vergangenheit für uns interessant. Ein 700 Jahre altes Relief ist im juristischen Sinne längst verjährt.


    Übelste Schmähungen gibt es heute noch. Wenn sie zeitgeistkonform sind, werden sie vom Mainstream beklatscht, nicht anders als vor 700 Jahren. Nur ein Beispiel: Die Aktion der russischen Punkband Pussy Riot in einer Moskauer Kathedrale (2012)! Diese Schmähung einer friedlichen Religionsgemeinschaft, die unter den Kommunisten unter grausamster Verfolgung gelitten hat, wurde im Westen als tolle Kunstaktion beklatscht.


    Das Oberlandesgericht in Naumburg ließ aber eine Revision zu, da es von grundsätzlicher Bedeutung sei, wie mit der Herabwürdigung von Personengruppen in solchen zivilrechtlichen Fragen zu verfahren sei.

    Ich erinnere daran, wie man seinerzeit mit der Klage des türkischen Präsidenten gegen Jan Böhmermanns "Schmähkritik" umgegangen ist. Das war im Grunde eine Herabwürdigung aller Türken, wurde aber von Deutschen mehrheitlich verteidigt. Auch unter dem Aspekt "Freiheit der Kunst" und "Meinungsfreiheit". Für mich sind das ebenfalls hohe Güter. Diese liberale Haltung sollte erst recht in Bezug auf Zeugnisse längst vergangener Zeiten gelten.