Christchurch - Abrisse nach dem Erdbeben

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    10 000 Gebäude in Christchurch müssen abgerissen werden
    Nach dem Beben wüten die Bagger
    08. März 2011 09.40 Uhr, BZ


    Was die Natur in Sekunden zerstörte, müssen die Menschen in vielen Jahren wieder aufbauen. Zwei Wochen nach dem verheerenden Erdbeben in Christchurch (Neuseeland) zog die Regierung eine erste Bilanz der Schäden.
    Ministerpräsident John Key kündigte an, dass rund 10 000 Gebäude in der 370 000-Einwohner-Stadt abgerissen werden müssen. Von den weiteren 100 000 beschädigten Gebäuden könnte ebenfalls noch einigen der Abriss drohen. Das Beben der Stärke 6,3 auf der Richterskala hat die Erde in Christchurch so stark zerrissen, dass ganze Bezirke zu Geisterstädten werden. "Wir werden sie aufgeben müssen", sagte Key.


    [...]


    Quelle: http://www.bz-berlin.de/archiv…agger-article1135007.html


    Sollten sich die Abrisse nennenswert im "historischen" Zentrum konzentrieren - immherhin wurde die Kathedrale der Stadt durch das Erdbeben schwerstens beschädigt - dürfte bei 10.000+ Abrissen wenig vom gewohnten Stadtbild übrig bleiben.


    Ich möchte gar nicht daran denken, dass ein ähnliches Schicksal (Vulkanasche, Steinschlag + Erdbeben) eines Tages Neapel drohen könnte. Allzu unrealistisch ist das leider nicht.

    "Meistens belehrt uns der Verlust über den Wert der Dinge."
    Arthur Schopenhauer

  • Hiobsbotschaft aus Christchurch: Die neogotische Kathedrale, seit über 100 Jahren ein Wahrzeichen der Stadt wird abgerissen!


    Lest mal diese lachhaften Aussagen der Bischöfin:



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    «Die Kathedrale wird mit der höchsten Vorsicht und dem grössten Respekt abgebaut, während zugleich die Schätze im Inneren der Mauern gerettet werden», sagte Matthews: «Es wird keine Bulldozer und keine Abrissbirnen geben.» Zudem solle eine «schöne, anregende und sichere neue Kathedrale» gebaut werden. Genaue Pläne gebe es aber noch nicht.


    Respekt wäre für mich gewesen, die Kirche wiederaufzubauen. Aber Respekt vor Geschichte und Architektur scheinen nicht mehr wichtig zu sein in dieser globalisierten Welt, siehe auch immer wieder Deutschland.


    Kathedrale in Christchurch wird abgerissen (Panorama, NZZ Online)

    In der Altstadt die Macht, im Kneiphof die Pracht, im Löbenicht der Acker, auf dem Sackheim der Racker.


    Hätt' ich Venedigs Macht und Augsburgs Pracht, Nürnberger Witz und Straßburger G'schütz und Ulmer Geld, so wär ich der Reichste in der Welt.

  • In CHristchurch gibt es genaugenommen zwei Kathedralen: Die zentrale, neogotische Cathedral Church, deren Turm eingestürzt ist, und die ca. 1 km südöstliche, neobarocke/ -klassizistische Cathedral of the Blessed Sacrament, welche an Portikus und Flankentürmen Schäden erlitt. Dem Bericht der NZZ zufolge wird letztere abgerissen. Deren geringerer Bekanntheitgrad ändert für mich jedoch nichts an der Tatsache, dass sich Chistchurch mit einem Abriss selbst kastriert. Beide prägen das Stadtbild und sind einer Rekonstruktion oder zumindest eines Erhalts wüdig.

    Form is Function.


    "Fürchte nicht, unmodern gescholten zu werden. Veränderungen der alten Bauweise sind nur dann erlaubt, wenn sie eine Verbesserung bedeuten, sonst aber bleibe beim Alten. Denn die Wahrheit, und sei sie hunderte von Jahren alt, hat mit uns mehr Zusammenhang als die Lüge, die neben uns schreitet."

    Adolf Loos (Ja, genau der.)

  • Also wenn man irgendwo mit dem Wiederaufbau anfängt dann ja wohl dort. Ich kann nicht nachvollziehen warum man nun genau dort spart.

  • Notizen:
    Der Abriß der anglikanischen Kathedrale auf dem Zentralplatz hat vor einigen Tagen begonnen, obwohl das Kirchenschiff noch hinreichend stabil für eine Sanierung sein soll.
    Insgesamt werden im Stadtgebiet voraussichtlich 50 Kirchen sowie die Majorität der als historisch bedeutsame Orte eingetragenen Baudenkmäler abgerissen.
    Seitdem bei einem Nachbeben drei Arbeiter bei dem Ausbau einer Orgel aus einer bereits ramponierten, einstürzenden Kirche ums Leben gekommen sind, scheint Sicherheit das entscheidende Argument zu sein, auch wenn die Statiker etwas anderes sagen.


    Abrißliste: Demolitions | Canterbury Earthquake Recovery Authority
    Abrißkarte: Demolition Map / Rebuild Christchurch
    Abgerissene "historic places": Lost heritage 2010-11: New Zealand Historic Places Trust Pouhere Taonga


    Fährt man per Google Streetview durch Christchurch, fällt auf, daß es vornehmlich Historismus, Art Nouveau und Art Deco getroffen hat, während die Nachkriegsmoderne noch wie eine Eins steht. Da es nur fünf Städte in NZ mit Stadtrecht vor 1924 gibt (Wellington und Auckland auf der Nord-, Dunedin, Christchurch und Nelson auf der Südinsel), die übrigens an amerikanische Städte ähnlicher Größe und Alters erinnern, stellt die Erdbebenserie einen Schlag ins Kontor für das kleine Land dar. Umso unverständlicher ist, daß man fast überall auf Rückbau und moderne Neubebauung setzt, obwohl die Versicherungssumme vielerorts eine annähernde Wiederherstellung erlauben würde.

  • Da sich der Art Déco nach dem 1. Weltkrieg, eigentlich erst nach der großen Phase der Stadterneuerungen entwickelte, ist dieser einer der international weniger verbreiteten Stile. Bei heute noch erhaltenen Art Déco-Bauten handelt es sich weitestgehend um Hochhäuser, wodurch die - letzten Endes ja doch auf städteplanerische Ignoranz zurückzuführende - Entledigung kleinerer Bauten dieses Stils in Christchurch besonders schmerzt. Es ist der Traum eines jeden Modernistenschwachkopfs: Die Möglichkeit der Zerstörung zweier vom Denkmalschutz weitestgehend ignorierter Epochen zugunsten einer gigantomanischen Selbstinszenierung. Was jene, die diese Betonklötze jeden Tag vor der Nase haben, wollen, ist schließlich egal, man selbst hat ja ein Penthouse in einer Pariser Altstadtwohnung. Zu so einer historischen wie gesellschaftlichen Arroganz und Ignoranz fällt mir nur eines ein:
    :kotz:

    Form is Function.


    "Fürchte nicht, unmodern gescholten zu werden. Veränderungen der alten Bauweise sind nur dann erlaubt, wenn sie eine Verbesserung bedeuten, sonst aber bleibe beim Alten. Denn die Wahrheit, und sei sie hunderte von Jahren alt, hat mit uns mehr Zusammenhang als die Lüge, die neben uns schreitet."

    Adolf Loos (Ja, genau der.)

  • Tja, vielleicht sollte ich die $100 zurueck verlangen, die ich fuer den Wiederaufbau der Kathedrale gespendet habe... Sehr ernuechternd, das alles. Auch koennen die Christchurcher nicht darauf wetten, dass die Gegend ruhig bleiben wird...

  • Sehr schade für Neuseeland. Abriss von 50 Kirchen, das erscheint mir unfassbar viel? Solche Dimensionen hatte man doch nicht mal hier durch den Bombenkrieg in einer einzigen Stadt.

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    Tja, vielleicht sollte ich die $100 zurueck verlangen, die ich fuer den Wiederaufbau der Kathedrale gespendet habe...


    Trostpflaster: Stattdessen soll jetzt ein Provisorium aus Pappe errichtet werden. :blink:
    Christchurch's cardboard cathedral - National - NZ Herald Pictures


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    Abriss von 50 Kirchen, das erscheint mir unfassbar viel?


    Diese Zahl kursiert in der Presse, z. B. hier: Cathedrals Are Just Stones | True Religion Is Its... | Stuff.co.nz
    Ich schätze mal, daß ca. 15 davon architektonisch interessant sind, wobei Early English-Neogotik in dunklem Basaltstein mit cremefarbenem Kalkstein als dekorativer Randverblendung ortstypisch zu sein scheint.


    Anbei bemerkt, soll es beim Erdbeben mehrere Tote durch herabfallende Dekorelemente gegeben haben, was natürlich Wasser auf die Mühlen der Modernisten ist.

  • So hört sich die lokale Politikerschaft an: :kopfwand:


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    Local Christchurch boy come Minister for Earthquake Recovery Gerry Brownlee has described heritage buildings as "old dungers" and "old stuff [that] needs to be got down and got out, because it's dangerous and we don't need it".


    He has also been quoted as saying most of Christchurch's 1000 heritage buildings were a danger to lives and should be demolished.


    A broken heart is better than none at all | Otago Daily Times Online News : Otago, South Island, New Zealand & International News

  • Sagen Sie bitte, Herr Experte, haben Sie den Artikel ueberhaupt bis zum Ende gelesen? Es ist schon wahr, sowohl der Anfang des Artikels als auch die meisten Leserkommentare sind nicht gerade rekonstruktionsfreundlich. Aber so schlimm ist der Artikel aber nun auch wieder nicht. Der Wiederaufbau von durch das Erdbeben verlorenen historischen Gebaeuden wird durchaus favorisiert.


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    In my opinion it is Mr Brownlee that should be demolished for his ignorance of heritage value and for his parochial failure to consider the long-term needs of Christchurch people and the whole South Island.
    * Aus dem vom Ohrensesselexperten zitierten Artikel


    What is his master plan for a city without the soul of heritage buildings? Does he not know that most earthquake deaths occurred in relatively modern buildings?


    * Aus dem von Ohrensesselexperte zitierten Artikel


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    From Coventry to Dresden to Santiago, Mr Entwisle shows how heritage value has been recognised, restored, and is rejoiced all over the world.


    *, s.o. Einige Teile von mir in Fettschrift hervorgehoben.


    Du vergissst auch (bzw. kannst es vielleicht ohne ein direktes persoenlices Erlebnis einer grossen Naturkatastrophe nicht ahnen), dass die Bewohner von Christchurch auch Monate nach dem Erdbeben immer noch voellig traumatisiert sind. Leider werden unter solchen Umstaenden von den Verantwortlichen oft Entscheidungen getroffen die sich erst viel spaeter als falsch und misslungen entpuppen.

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    Sagen Sie bitte, Herr Experte, haben Sie den Artikel ueberhaupt bis zum Ende gelesen?


    Klaro, es ging mir auch nicht um die Meinung des Artikelschreibers (der i.ü. selbige mit dem Titel schon preisgibt), sondern des vermutlich etwas einflußreicheren "earthquake recovery ministers" Brownlee, der anscheinend tabula rasa machen will.


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    Du vergissst auch (bzw. kannst es vielleicht ohne ein direktes persoenlices Erlebnis einer grossen Naturkatastrophe nicht ahnen), dass die Bewohner von Christchurch auch Monate nach dem Erdbeben immer noch voellig traumatisiert sind.


    Wo vergesse ich was? Behaupte ich irgendwo, daß Sicherheit nicht Priorität haben sollte? Die Entscheidungen werden nunmal jetzt getroffen, und unsensibel erscheint vor allem die Wiederaufbaubehörde CERA, die keinerlei Zugang zur Red Zone (CBD von Christchurch) für die Anwohner ermöglicht (nur 15 min, um Sachen zu packen), ohne Konsultation der Eigentümer Gebäude abbricht, mit Enteignung droht und generell alles par ordre du mufti entscheiden will.
    Daß ein traumatisches Erdbeben und ansehnlicher Wiederaufbau einander nicht ausschließen, zeigt das Beispiel Napier im NO von NZ, welches 1931 durch ein Erdbeben komplett zerstört und danach Im Art Deco-Stil wiederaufgebaut wurde. Aktuell bemüht sich die neuseeländische Regierung, die Kernstadt als ersten Eintrag in der Kategorie kulturelles Denkmal auf die Welterbeliste zu setzen.