Bremen - St. Ansgarii

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    • Lieber Orgelmacher,

      haben Sie herzlichen Dank für die erhebenden Klänge des Plenums von Neu-St. Ansgarii.

      Fast möchte man bei diesen Klängen an das unten folgende, schöne katholische Auferstehungslied aus dem Münsterland denken, daß auch einem 'bremisch-reformierten' Christen wie mir sehr gut gefällt ! In ökumenischer Verbundenheit wünsche Ich Ihnen noch einen angenehmen Ausklang des Osterfestes !
      1.
      Wahrer Gott, wir glauben dir,
      du bist mit Gottheit und Menschheit hier;
      du, der den Satan und Tod überwand,
      der im Triumph aus dem Grabe erstand.
      Preis dir, du Sieger auf Golgatha,
      Sieger, wie keiner, alleluja.
      2.
      Jesu, dir jauchzt alles zu:
      Herr über Leben und Tod bist du.
      In deinem Blute gereinigt von Schuld,
      freun wir uns wieder der göttlichen Huld.
      Gib, dass wir stets deine Wege geh'n,
      glorreich wie du aus dem Grabe ersteh'n!

      Möge auch Anschari zukünftig - wie vordem der Herr - (natürlich nur im übertragenen Sinne !) glorreich aus dem städtebaulichen Grabe ersteh'n !

      P.S.: Hier noch die zugehörige Melodie (mit einem etwas längeren improvisierten Vorspiel - in welchem auch das brillante anglikanische 'Christ the Lord is risen today' anklingt:
      youtube.com/watch?v=44oGp8S4Eck)
    • Lieber RaHaHe,

      Ihre Graphik illustriert sehr schön einen Teil eines alten plattdeutschen Volksreims aus Bremen:

      Dom - Dicktoorn,
      Schaars - Spitztoorn,
      Martini - Wo de Wind dörweiht,
      Leeben Frooen - de so scheebe steit,
      Un Steffens is de Ehrbarkeit

      Dieser aber paßt auch auf die Graphik:

      Leven Froen - de Raad,
      Sunt Scharjes - de Staat,
      Sunt Steffen - de Eerbarkeit,
      Sunt Marten - wo de Wind daer weiht
    • Die Posts hier enthalten naturgemäß viele Abbildungen, Zeichnungen oder Malereien von St. Ansgari oder beschäftigen sich mit der Konstruktion des Baus. Die Bedeutung der Kirche hat sich aber auch in der Literatur niedergeschlagen. Erst vor ein paar Jahren bin ich über das kleine Büchlein "Sommer in Lesmona" gestolpert. Ich habe mich nie besonders für das ganze Brimborium um die TV-Serie (Katja Riemann, fürchterlich) oder die Konzertreihe in Knoops Park interessiert und habe die Buchvorlage als eine langweilige Liebesschmonzette abgetan: wie falsch ich lag!

      Mir fiel dieses Buch in die Hand, als ich es - wie hier in der Östlichen Vorstadt nicht unüblich - in einem der vor die Haustür gestellten Kartons fand. Es passiert oft, dass man in solchen Boxen recht interessantes Material findet, da fällt einem auch mal eine nagelneue gebundene Version von Asimovs "Foundation Trilogy" oder eine erstklassige Kommentierung des Diamant-Sutras von Thich Nhat Hanh in die Hand. Solche Sachen halt; ich schweife ab. Wie es der Zufall wollte befand sich jedenfalls in einer dieser Kartons auch eben jenes "Sommer in Lesmona" in der 40. Auflage, dass ich dann irgendwann in einem vermeintlichen Anfall geistiger Umnachtung las; und las; und las. Bis ich es am gleichen Abend beendete. Bremen ist nun keine große Literaturstadt (ein bisschen was von Ringelnatz, ein bisschen Schröder und dann die üblichen beißenden Kommentare meines geliebten Heine), sie hat - wie der Literaturprof Seiler so treffend anmerkt - keinen Kempowski (Rostock) und keinen Mann (Lübeck), aber sie hat ein junges, 17-jähriges unglücklich verliebtes Mädel, das einen so lebendigen Bericht über seine Stadt und die damalige Gesellschaft ablieferte, dass man noch 100 Jahre später von der Geschichte gefesselt ist.

      Ich konnte jedenfalls nicht von dem Buch ablassen. Die Ausgabe enthält auch ein Nachwort von Biermann-Ratjen - seinerzeit Kultursenator Hamburgs -, das ich recht interessant fand (Auszug): "Unter allen Städten der Hanse hat Bremen sich die festeste und echteste Lebensform zu schaffen gewußt, die dort noch stärker in das gegenwärtige Leben hineinwirkt als im erstorbenen Lübeck Thomas Manns oder im großstädtisch überwucherten Hamburg." Ich will das nicht näher beurteilen, aber vielleicht liegt hier eine Erklärung, warum dieses Buch mir - und allen Freunden, denen ich es später auslieh - so ans Herz ging. Jeder, der sich für die bremische Stadtgeschichte interessiert, kennt die zentralen Orte des Briefromans. Ich bin selbst mehrere tausendmal (!) unwissend am Wohnhaus der Autorin vorbeigegangen, es lag auf meinem Schulweg. Leider ist dieses, wie einige der im Buch genannten Bauten, den Bomben zum Opfer gefallen (ein Altbremerhaus an der Contrescarpe, direkt neben dem iranischen Restaurant Tendüre). Mich durchweht immer ein Anflug von Melancholie, wenn ich das hier von Pagentorn oft genutzte Foto der Ansgarikirche aus schräger Vogelperspektive sehe; das ehemalige Wohnhaus am Wall ist dort sehr gut erkennbar. Heute befindet sich dort: nichts! Glücklicherweise steht die für den Roman so wichtige Villa noch, was wirklich Balsam für die Seele ist.

      In diesem kleinen Büchlein jedenfalls spielt die Ansgarikirche - und nach langem Palaver, sry, komme ich nun zum eigentlichen Punkt - eine nicht unbedeutende Rolle. Magdalena Melchers konnte aus ihrem Mezzanin-Fenster nicht nur die heute noch stehende Mühle sehen, sondern auch den Turm der Ansgarikirche. Oft bemerkt sie en passant das Läuten der Glocken oder spricht von "ihrer" Kirche. In der Tat hat mich einer ihrer Briefe an ihre beste Freundin, in dem die Kirche eine Rolle spielt, - sie erwähnt dies gegen Ende, ich will nicht zu viel spoilern, deswegen zitiere ich gekürzt - besonders getroffen: "Gräme Dich nicht um mich. Ich verspreche Dir jeden Tag wieder, daß ich nicht mehr weine! Und ich will alles tun, wie Du es willst. Ich saß mit Deinem Vater in Eurem Kirchenstuhl und nebenan saßen meine Eltern in unserem, in denen schon unsere Vorfahren gesessen haben. Wir alle beteten für Dich."

      Anscheinend hatte der Geldadel der Stadt damals eigene Kirchenstühle, wenn ich das richtig verstehe, also "feste Plätze". Ich meine, dies auch mal irgendwo gelesen zu haben, kann mich aber der Quelle gerade nicht entsinnen. Unerheblich davon, was man darüber denkt, zeigt dies mal wieder, wieviel Geschichte mit dem Abbruch des Baus verlorengegangen ist. Gibt es vielleicht noch gerettetes Gestühl in der neuen Ansgarikirche an der Hollerallee?

      Jedenfalls kann ich jedem an der Ansgarikirche oder der bremischen Geschichte allgemein Interessierten das kleine Büchlein ans Herz legen, Ihr werdet es nicht bereuen.

      Zum Abschluss dann aber doch noch ein kleines Bildchen von mir. Vielleicht kennt einer von Euch noch den Innenbereich des "Lloydhofs" vor seiner Überdachung? Von dort hatte man damals gute Sicht auf ein Wandbild im nördlichen Bereich, das man heute nur noch von ganz oben gegenüber gut erkennen kann. Es zeigt, wer hätte es gedacht, die Ansgarikirche aus Sicht der Obernstraße (?) mit einer archetypischen Zeichnung eines Altbremerhauses. Schade, dass es - ich entwende einmal die Worte Carsten Meyers aus einem anderen Kontext - diese "Idylle [zur Hälfte] nur noch als Wandbild gibt".

      The post was edited 1 time, last by MAK ().

    • Anschari und 'Sommer in Lesmona'

      Wenn Sie erlauben, sehr geehrter MAK, dann ergänze ich Ihren hervorragenden Beitrag, der uns einen Einblick in die Spuren von Anschari in der Belletristik gibt, um einige Abbildungen:

      Das angesprochene Luftbild von Anschari. An der oberen Bildkante ist die Contrescarpe mit dem Elternhaus von Magdalene Melchers (der 'Marga' aus dem Briefroman) zu sehen.



      Vergrößerter Ausschnitt aus dem Luftbild. In der Bildmitte: Das Elternhaus von Magdalene Melchers.



      Ansicht der Contrescarpe vom Stadtgraben aus. Das Elternhaus ist rechts angeschnitten.



      Frontalansicht des Hauses Melchers.



      Grundriß des Hauses Melchers.



      Magdalene Melchers schaute nicht nur von ihrem Mädchenzimmer aus auf den Turm von Anschari, sondern hat in dem Gotteshaus auch Ihren Ehemann, Gustav Pauli (den 'Dr. Rettberg' des Briefromans; Sohn von Bürgermeister Alfred Dominicus Pauli und späterer Direktor der Kunsthalle Bremen) geheiratet. Getraut wurden die beiden von Pastor Portig, der auch im Briefroman mit seinem tatsächlichen Namen auftaucht.
      In der Verfilmung mit Katja Riemann bildet die Hochzeit das Ende der Serie. Als 'Vertretung' für die abwesende Ansgari-Kirche wurde die Kirche in Berne im Land Stedingen verwendet.

      Hier noch ein 'Trailer' des Films ( der - m.M.n. - eine durchaus gelungene Arbeit von Radio Bremen aus den späten 1980ern darstellt ! Und - MAK wird mir dies sicher verzeihen - ich finde, daß die blutjunge Katja Riemann ganz zauberhaft spielt ;) )

    • Auch Anschari starb für 'Valentin'

      Nachdem am 21. August 1943 mit dem Tode des aus Starzeddel (Landkreis Guben) gebürtigen Robert Leonhardt, die Stimme des letzten hauptamtlichen Pastors an Alt-St.-Ansgarii für immer verstummt und am Sonntag, den 19. Dezember 1943 (dem 4. Advent), der allerletzte Gottesdienst in dem ehrwürdigen Sakralbau abgehalten worden war, sauste am darauffolgenden Montag die unheilvolle Sprengbombe in das Turmfundament, was zur umgehenden und dauerhaften Schließung der Kirche führte. Bis zum Turmsturz am 1. September 1944 folgte ein monatelanger Kampf des Direktors des stadtgeschichtlichen Focke Museums, Ernst Grohne - der gleichzeitig auch mit Aufgaben betraut war, die heute ein Landeskonservator bzw. Denkmalpfleger zu erfüllen hat -, um den Erhalt des Kirchturms. Frank Hethey hat auf seiner – momentan leider nicht im Netz aufrufbaren - Seite ‚Bremen History’ den titanenhaften und immer verzweifelter werdenden Kampf dieses Mannes wunderbar dokumentiert. Er drehte sich im wesentlichen um Beton, der zum Aussteifen der immer größeren Rißbildungen im Gemäuer hätte Verwendung finden sollen und möglicherweise Turm und Kirche hätte retten können. Zwar wären aller Wahrscheinlichikeit nach dennoch die späteren Brandbombenangriffe über das Gotteshaus hinweggefegt. Allein, Kirche und Turm wären mit Betonaussteifungen in ihrer Substanz ebenso erhalten geblieben wie die ebenfalls schwer getroffenen ULF und St. Martini, die heute beide wieder blenden hergerichtet sind. Ernst Grohnes Bitten um Beton wurden jedesmal abschlägig beschieden und zwar unter dem Hinweis, daß sämtlicher Beton in und um Bremen ausschließlich für den Bau der U-Boot-Bunkerwerft ‚Valentin’ in Bremen Rekum, dem nördlichsten, erst 1939 im Austausch für Bremerhaven von Preußen an Bremen abgetreten Bremer Stadtteil, gebraucht würde. Dieser Bunker wurde von 1943 bis März 1945 unter Einsatz von Zwangsarbeitern errichtet. Hinsichtlich der Grundfläche ist Valentin der größte freistehende Bunker Deutschlands und der zweitgrößte Europas. Bei einem gestrigen Besuch dieses Kolosses ging mir neben dem Schicksal der hier unter unmenschlichsten Bedingungen schuftenden Menschen, immer auch der Gedanke durch den Kopf, daß es nur eines Bruchteils der hier verbauten gigantischen Betonmengen bedurft hätte, um Anschari zu retten. Man kann somit durchaus sagen, daß die alte Bremer Ansgarii-Kirche für diesen Bunker geopfert wurde !

      Karte, die die Entfernung von Anschari zum Valentin zeigt.





      Luftbild des Valentins von Olliku. An der Bildunterkante ist die Unterweser zu sehen.





      Anbei einige von mir bei der gestrigen Exkursion (28.04.2019) aufgenommene Fotos:



      Nordwestseite.



      Nordostseite.


      Das Innenleben des von Fliegerbomben zerstörten Fluß-seitigen (westlichen) Teils.



      Der - noch lange von der Bundeswehr genutzte - Land-seitige (östliche) Teil.



      Eine der Betonmischanlagen der Bunkerbaustelle. Der hier enstehende Beton, stand für Anschari nicht zur Verfügung.



      Betonschütte.



      Der Bereich, in dem die U-Boote hätten zu Wasser gelassen werden sollen.



      Im Gedenken an die Toten der Baustelle, die überlebenden Zwangsarbeiter und Anschari.