Bremen - St. Ansgarii

  • Der Prozeß des schrittweisen Verschwindens von St. Ansgarii aus dem Bremer Stadtbild begann mit einem Paukenschlag: Mit dem - seit dem Bombentreffer vom 21. Dezember 1943 ja nicht mehr ganz unerwarteten - Einsturz des Turmes. Dieser erfolgte am 1. September 1944 zur mittäglichen Stunde. Nachdem er - ähnlich wie Jahrzehnte später das World Trade Center in New York - in sich zusammengesackt war und der aufgewirbelte Schutt-Staub sich etwas gelegt hatte, wurden schon - möglicherweise noch am selben Tage - die ersten dokumentarischen Fotos geschossen. Je nachdem welche Perspektive sie zeigen, rufen sie einen skurrilen oder einen erschütternden Eindruck beim Betrachter hervor. Von der Oberstraße oder vom Turm des Verwaltungsgebäudes des Norddeutschen Lloyd her gesehen, wirken die Bilder nämlich fast irreal: Das Kirchengebäude erscheint fast unbeschädigt, die Giebel und Dächer stehen - so scheint es - wie eh und je. Nur der Turm fehlt - als wäre er einfach wegretuschiert worden (hierzu Abbildungen 01 und 02). Wählt man jedoch die Perspektive aus Richtung der Hutfilterstraße in östliche Richtung blickend, so offenbart sich das ganze katastrophale Ausmaß der Zerstörung: Der zu grobem Bauschutt zermahlene Turm hat im Fall das Küsterhaus und das westlichste Joch des südlichen Seitenschiffes mit in den Untergang gezerrt und die Kirche nach Westen hin völlig aufgerissen. Die Verwüstung von Teilen des Mittelschiffs stammt - im Wesentlichen - von dem in dieses hineingestürzten Turmhelm, dessen lädierte Laterne zwischen den Schildbögen der Vierung und des südlichen Seitenschiffes lehnt (Abbildung 03 linke Hälfte).
    Nachdem man in der Folge mehrere Tage damit beschäftigt war, die Trümmermassen von den Straßen zu räumen, wobei besonders große Brocken sogar gesprengt werden mußten, dauerte es nur wenige Monate, bis im Januar 1945 die nächste Heimsuchung über die Kirche hinwegbrauste: Der Bombenangriff von Januar 1945. Diesem fielen sämtliche Dächer und die ganz überwiegende Zahl der Gewölbe zum Opfer (Abbildung 03 rechte Hälfte).
    Eine dritte Zerstörungswelle rollte in der Nachkriegszeit über die Ruine hinweg, durch die im Binnenbereich der Kirche sämtliche noch stehenden Pfeiler und Schildbögen, sowie im Außenbereich sämtliche Giebel beseitigt wurden. Die Chor-Ostwand wurde sogar noch wesentlich weiter erniedrigt, bis auf ein Niveau weit unterhalb der ehemaligen Dachtraufe. Diesen Zustand zeigt Abbildung 04, auf der die Ruine nur noch ein trauriger Torso ist, hinter dem der - selbst vom Krieg schwer gezeichnete - Verwaltungssitz von 'Gottes eigener Reederei' - dem Norddeutschen Lloyd - immer noch majestätisch aufragt (auf dessen Areal steht heute übrigens auch ein Kaufhaus...).


    Wie symbolisch für diesen Zerstörungsprozeß mag ein Bild stehen (Abbildung 05), welches 'Sicherungsarbeiten' an der Südwand des südlichen Seitenschiffs - bereits unterhalb der Ebene der ehemaligen Giebel zeigt. Auf dem Bild scheint das Mauerwerk immer noch fest gefügt zu sein und es ist deshalb regelrecht schmerzhaft, dieses Foto zu betrachten !


    Und deshalb -diesmal gleich in der lateinisch korrekten Version - :zwinkern: :


    Ceterum Censeo Ecclesiam Esse Reconstruendam !


    Bildquelle der Fotos 01 bis 03: Staatsarchiv Bremen

  • Wie bereits in einem früheren Beitrag ausgeführt, bestehen erstmals seit Jahrzehnten Bestrebungen, die Kirche wiederaufzubauen. Diese sind aber bisher auf einen kleinen Zirkel von Gleichgesinnten beschränkt. Darum möchte ich einmal die Frage stellen, wie hier darüber gedacht wird, ob und wenn ja in welcher Weise man sich die positiven Erfahrungen der Schlossfreunde um Wilhelm von Boddien, des Vereins 'Mitteschön' in Potsdam (mit dem 'Frontmann' Günther Jauch) oder der Bewegung für den Wiederaufbau der Frauenkirche mit Professor Güttler und Baudirektor Burger an der Spitze, für die Rekonstruktion der St. Ansgarii-Kirche zunutze machen könnte. Welche Mittel und Wege sollte man wählen, um eine beim Großteil der Bevölkerung in Vergessenheit geratenen stadtbildprägende Kirche in Erinnerung zu rufen und in den Herzen der Mehrheit der Bürger eine Sehnsucht nach ihrer Rückkehr zu generieren. Leider ist ja das hervorragende Forum 'Architectura Pro Homine' noch nicht bis in die 'letzte Wohnstube' vorgedrungen...
    Was kann man also jenseits von Beiträgen hier im Forum, jenseits von Leserbriefen in örtlichen Tageszeitung, jenseits von Vorträgen und Flugblattaktionen tun, um breitenwirksam etwas zu ändern und zwar in der Art, daß sich schließlich auch Prominente für das Projekt begeistern lassen (wie z.B. in Potsdam Günther Jauch für das Stadtschloss oder Richard von Weizsäcker für die Garnisonkirche) und es damit auf eine ganz andere Ebene heben, was natürlich die Erfolgsaussichten des jeweiligen Projekts stark erhöht.


    Also, ich würde mich über zahlreiche Anregungen, Ideen, aber auch Kritik sehr freuen ! Schon jetzt vielen Dank dafür !


    Ceterum Censeo Ecclesiam Esse Reconstruendam !

  • Also, ich wäre sehr für einen Wiederaufbau des Turmes, mindestens in einer angenäherten Version (historisierend, nicht so etwas wie diese Heilig-Geist-Glasmutation in Potsdam)...


    Mich interessiert nun erstmal die technische Seite: Wie ist die Dokumentationslage des untergegangenen Baus? Fotografien habe ich ja schon einige gesehen, bisher habe ich aber zu einer möglichen Erfassung der Dimensionen nicht einmal einen Grundriss gefunden. Gibt es Plansätze (Bauaufnahmen, Restaurierungsunterlagen, Planungen für Einbauten), aus denen sich die Grundmaße ermitteln lassen? Der Steinschnitt (das Fugenbild) könnte dann ja problemlos aus den Fotografien ermittelt werden, aber die genauen Grundmaße sind dafür Voraussetzung.


    Ich zeichne gerade einen Plansatz (Ansichten) einer 1972 - unter großen Protesten - abgerissenen großen Villa aus dem 19. Jahrhundert (für ein geplantes Erinnerungsmodell in 1 : 50, auf Wunsch eines Heimatvereins), da stand mir zunächst auch nur ein bemaßter Grundriss zur Verfügung. Glücklicherweise sind hier die Wände komplett steinsichtig aus Ziegeln im "Reichsformat" ausgeführt, und der Architekt hatte sich sklavisch an das entsprechende Maßraster gehalten, so dass ich aus ca. 250 Fotografien eine steingenaue, maßgetreue Rekonstruktion der Fassaden zeichnen kann. Bei den Dächern (insbesondere ein Turmhelm) ist das dabei schon etwas schwieriger...

    Wer zwischen Steinen baut, sollte nicht (mit) Glashäuser(n) (ent)werfen...

    Edited once, last by Ein_Hannoveraner ().

  • Ersteinmal danke ich für die engagierten Beiträge. Viele der Bilder waren mir nicht bekannt. Mit tut es auch immer wieder weh, im Hintergrund der Kirche den Lloyd-Turm zu sehen, der in den 60ern wie die Kirchruine abgerissen wurde. Abgesehen von der Veröffentlichung in einem Werbeblatt habe ich hier in Bremen von einer Kirchenrekonstruktion noch nichts gehört.


    Ich habe hier schon mal angezeigt, dass ich mir eine Rekonstruktion der Kirche nicht vorstellen kann. Vielleicht heißt das entstehende Gebäude einmal „Ansgarii-Center“ oder es gibt eine Andeutung des Turmes an historischer Stelle, aber ich denke nicht, dass sich auch nur Teile der Kirche in das Konzept eines Einkaufscenters integrieren lassen.


    In jedem Fall gibt es am 28.10.2014 18:00 im Festsaal der Bremer Bürgerschaft ein „Forum Innenstadt“, das sich unter „Ansgariiquartier: Entwicklungsstrategie und Wettbewerb“ u.a. mit dem hier diskutierten Thema befasst. Referenten sind ein Bremer Senator sowie der Vorsitzende der Auswahljury. Ich werde vor Ort sein und hier berichten.

  • Sehr geehrter 'Hannoveraner'


    aufgrund Ihrer Nachfrage bezüglich Planmaterial zur Kirche füge ich hier einen - dem vom Bremer Architekten- und Ingenieur Verein im Jahre 1900 herausgegebenen Werk 'Bremen und seine Bauten 1900' entnommenen - Artikel über das Gotteshaus bei. In demselben sind - u.a. - ein Grundriß und zwei Schnitte enthalten. Es gibt noch anderes Plan- und Kartenmaterial. Aber dessen 'Gemeinfreiheit' wäre vor einer Veröffentlichung hier im Forum noch zu klären. Letzteres Material wäre auf jedenfall wesentlich aussagekräftiger, als die hier nun folgenden groben Karten.


    Ceterum Censeo Ecclesiam Esse Reconstruendam !





    Edited 5 times, last by Pagentorn ().

  • Hier Grundriß und Schnitte in etwas höherer Auflösung


    Ceterum Censeo Ecclesiam Esse Reconstruendam !




    Edited 4 times, last by Pagentorn ().

  • Vielen Dank, das sieht in der Tat vielversprechend aus!
    Das Werk kannte ich noch nicht, ich war bisher nur auf das Denkmalinventar von 1879 gestossen, in welchem die bildliche/zeichnerische Darstellung sehr dürftig ist.
    Was mir im Grundriss sofort auffält, ist die in Relation zu seiner Höhe sehr geringe Wandstärke des Turmes schon an seiner Basis. Ich vermute, dass der Turm zunächst niedriger gebaut bzw. "geplant" war und es dann bei einem "Wettstreit" zwischen den Sakralbauten zu einem höheren Ausbau kam (wie er im Mittelalter in vielen Städrten ausgetragen wurde). Jedenfalls kenne ich zahlreiche Grundrisse, in denen wesentlich niedrigere Türme eine wesentlich höhere Wandstärke aufweisen, oder aber mindestens zwei Verstrebungen/ Wandanschlüsse an jeder der vier Seiten zur Aussteifung. Die Dimensionierung des unteren Turmschaftes ist hier noch "romanisch", und es gleicht m. E. einem Wunder, dass der Turm, auch hinsichtlich seiner geringen Gründungstiefe und des unsicheren Baugrundes (Aufschüttung) so lange "durchgehalten" hat.
    Gut zu erkennen ist auch die Schwächung der Südwestseite durch die eingebaute Wendeltreppe, genau die Richtung, in die der Turm dann gefallen ist.

    Wer zwischen Steinen baut, sollte nicht (mit) Glashäuser(n) (ent)werfen...

  • Sehr geehrter Hannoveraner,


    vielen Dank für Ihren wertvollen und sachkundigen Beitrag. Fachleute - wie Sie - können eben doch immer deutlich mehr Informationen - selbst aus so holzschnittartigen Plänen - gewinnen, als es der interessierteste Laie jemals könnte.
    Bei einem Wiederaufbau müßten Ihre Erkenntnisse selbstverständlich in die konkrete Planung mit einfließen - allein schon aus baupolizeilichen Erwägungen !
    Die Turmbasis und die Gründung müßten - bei natürlich gleichem äußeren Erscheinungsbild des Erdgeschosses - in ihrer Struktur den heute geltenden Sicherheitsvorschriften angepaßt werden. Ein Turmsturz an dieser Stelle sollte reichen. Ich denke, da sind wir uns alle einig !


    Grüße von der Weser an die Leine !


    Ceterum Censeo Ecclesiam Esse Reconstruendam !

  • Die Schnitte und der Grundriss erlauben übrigens auch sehr schön eine Rekonstruktion der einzelnen Bauabschnitte der Kirche (wenn man den Turm mal außen vor lässt).




    Die Erkennung des Kernbaus wird vor allem durch die markanten Gewölbeformen extrem vereinfacht, sodass als Ursprungsbau eine kurze Basilika mit Querhaus und Westturm herauskommt (die 1900 noch vorhandenen Teile blau, die rekonstruierten Teile rot), die für ihre Entstehungszeit, das 13. Jahrhundert, durchaus üblich, wenn nicht sogar der Standard für größere Stadtkirchen war. Ein vergleichbares Bauwerk stellte übrigens die Kirche in Marienhafe in Friesland dar, die im 19. Jahrhundert stark zurückgebaut wurde, von der es aber noch einige Abbildungen gibt, etwa diese.
    Die Domikalgewölbe des Querhauses dürften einen Import aus Westfalen darstellen. Die sechsteiligen Gewölbe im Mittelschiff des Langhauses sprechen zudem dafür, dass die Arkaden ursprünglich noch einmal unterteilt waren, und im 14. Jahrhundert zusammen mit den neuen Seitenschiffen auch die Mittelschiffarkaden erweitert wurden.


    Im 14. Jahrhundert riss man dann die alten Seitenschiffe ab und errichtete sie in breiterer und höherer Form neu, sodass eine Hallenkirche entstand; das alte Querhaus wurde dabei in die Seitenschiffe integriert. Der gewölbte Teil der Sakristei dürfte ebenfalls noch aus dem 14. Jahrhundert stammen.


    Das 15. und 16. Jahrhundert brachten dann noch eine Kapelle an der Südseite des Chores und eine Erweiterung der Sakristei mit sich.


    Der Turm dürfte gemeinsam mit der Basilika im 13. Jahrhundert errichtet worden sein, und die Oberen 2-3 Geschosse entstammen wohl dem 14. und 15. Jahrhundert.

  • Quote

    (...) ...in welcher Weise man sich die positiven Erfahrungen der Schlossfreunde
    um Wilhelm von Boddien, des Vereins 'Mitteschön' in Potsdam (mit dem
    'Frontmann' Günther Jauch) oder der Bewegung für den Wiederaufbau der
    Frauenkirche mit Professor Güttler und Baudirektor Burger an der Spitze,
    für die Rekonstruktion der St. Ansgarii-Kirche zunutze machen könnte. (...)

    Wenn es darum geht, zu einem der bestehenden Vereine Kontakt aufzunehmen, würde ich das "Kuratorium Ulrichskirche e.V. " in Magdeburg empfehlen. Zwar ist der Verein, tragischerweise, zunächst von dem bekannten Bürgerentscheid ausgebremst worden. Die Arbeit & Ideen der Leute finde ich jedoch bemerkenswert. Das Kuratorium hat in kurzer Zeit sehr viel geschafft. Beispielsweise wurde ein Modell der Kirche in der Stadt installiert. Verschiedene Visualisierungen mit und ohne Kirche wurden veröffentlicht. Informationsflyer wurden gedruckt,... Nur leider hat Magdeburg für dieses Vorhaben die falsche Bevölkerung. :cool:



    Quote

    (...) ...es gleicht m. E. einem Wunder, dass der Turm, auch hinsichtlich seiner
    geringen Gründungstiefe und des unsicheren Baugrundes (Aufschüttung) so
    lange "durchgehalten" hat. (...)

    Möglicherweise ist der Turm genau deshalb vollständig zusammengebrochen.

  • Sehr geehrter Mündener,


    vielen Dank für die farbigen Hervorhebungen im Grundriß, die die Entwicklungsstufen des Bauwerks sehr anschaulich machen. Damit erheben Sie mich der Pflicht, meine gleichartigen Zeichnungen hier einszustellen....
    Vor dem Hintergrund Ihres Hinweises auf Marienhafe erlauben Sie mir bitte die Frage, ob sie die kleine Monographie von Gerd Dettmann über die Kirche kennen, welche in den 30er Jahren erschienen ist. Dettmann ist - meines Erachtens - der erste, der den Vergleich mit Marienhafe bringt. Demgegenüber betonen Fliedner und Stein eher den westfälsich-rheinischen Einfluß (hinsichtlich der spezifischen Querhausgestaltung insbesondere Maria im Kapitol und St. Gereon in Köln).


    Sehr geehrter Neußer,


    ihnen möchte ich für den Hinweis auf das 'Kuratorium Ulrichskirche e.V. danken. In nicht all zu ferner Zukunft sollte man sich mit diesem in der Tat in Verbindung setzen.

  • Quote

    Vor dem Hintergrund Ihres Hinweises auf Marienhafe erlauben Sie mir bitte die Frage, ob sie die kleine Monographie von Gerd Dettmann über die Kirche kennen, welche in den 30er Jahren erschienen ist.

    Negativ.


    Der Vergleich mit Marienhafe meinerseits kam auch eher intuitiv und ohne genauere vorherige Prüfung.



    Quote


    Demgegenüber betonen Fliedner und Stein eher den westfälsich-rheinischen Einfluß (hinsichtlich der spezifischen Querhausgestaltung insbesondere Maria im Kapitol und St. Gereon in Köln).


    Soweit hatte ich da noch gar nicht gedacht ;-). Aber andererseits ist der rheinische Einfluss in der Bremer Spätromanik bzw. Frühgotik auch nicht zu übersehen; man vergleiche exemplarisch die Bremer Domtürme und das Overstolzenhaus. Interessant ist sicherlich auch der Vergleich mit Münster, für den unteren Teil des Ansgariikirchturms die dortigen Domtürme sicher ein Vorbild gewesen.

  • Die im Anhang beigefügte Oktober-Ausgabe des 'Hanse-Schnack' entwickelt die im Heft des Vormonats umrissenen Überlegungen zum Wiederaufbau der St. Ansgarii Kirche weiter.


    Auch wenn viele Puristen der dort beschriebenen, moderner gehaltenen Interpretation des Gebäudes sicherlich skeptisch gegenüberstehen werden, sollten sie sich dennoch den im Text erscheinenden Begriff vom 'Generationenprojekt' auf der Zunge zergehen lassen. Die Initiatoren scheinen sich bei ihren Planungen nämlich von dem Gedanken leiten zu lassen, daß sich der relativ zügig zu errichtende und in freierer Interpretation des historischen Vorbildes gestaltete Neubau, im Rahmen eines - möglicherweise - Jahrzehnte andauernden Prozesses sukzessive immer mehr dem Originalzustand wird annähern lassen, bis am Ende die Kirche in größtmöglicher Authentizität wiedererstanden sein wird. Die sich zum jetzigen Zeitpunkt bietende Chance besteht somit in der Möglichkeit, am historisch exakten Standort ein Gebäude in der Kubatur der Kirche zu errichten, welches in der äußeren Anmutung schon starke Anklänge an das alte Gotteshaus hätte. Ergreifen wir daher diese Chance und stellen die Weichen für eine Zukunft, in der vielleicht schon unsere Kinder oder Enkel, ganz gewiß aber unsere Urenkel wieder Gottesdienste in der neuen/alten 'Anscharii-Kirche' werden feiern können. Beharren wir hingegen auf Maximalforderungen, wollen wir jetzt sofort Alles, ist die Gefahr sehr groß, daß wir Nichts bekommen werden und der 'städtebauliche Zug' in eine gänzlich andere Richtung fahren wird, eine Richtung die Puristen und Pragmatikern gemeinsam nicht gefallen kann.


    Und daher - in unverminderter Zuversicht:


    Ceterum Censeo Ecclesiam Esse Reconstruendam !





  • Die Stadtsilhouette von der Weserseite.



    Rudolf Alexander Schröder - der große Bremer Dichter - hätte gesagt:


    "Uralte Stadt am grauen Strom...."

  • Die Visualisierung vermittelt einen unmittelbaren und direkten Eindruck davon, welch ein enorm bedeutender Gewinn das Projekt für Bremen bedeuten könnte. Nur mit der Bildunterschrift mit der Aussage "Vor 70 Jahren stürzte die Ansgarii-Kirche ein..." kann man nicht wirklich glücklich sein. Das gehört zum journalistischen Fastfood, den Leuten irgend etwas vorzusetzen, bei dem die Hintergründe überhaupt nicht belegt werden. Im Grund genommen sind das nur journalistische Kohlenhydrate. Leute, die es nicht besser wissen, zucken mit den Schultern und sagen "eingestürzt... das wars..." und gehen direkt zur Tagesordnung über. Angemessener wäre es, zu fragen, ob man nach 1945 alles richtig gemacht hat. Diese Frage muß man in diesem Fall auch der Gemeinde selbst stellen.
    Auch mit der neuen Nutzung würde das Quartier etwas sehr wertvolles für Bremen bedeuten können. Markthalle - find ich gut.

  • Die moderne Interpretation des Turmes ist gelungen, dennoch sollte er unbedingt historisch getreu rekonstruiert werden. Die Kirche selbst braucht es m. E. nicht, da sie vom historischen Wert abgesehen nicht gerade ein bauliches Juwel war. Den Turm aber erachte ich in seiner historisch überliefertem Form für eminent wichtig.

    Der deutsche Pfad der Tugend ist immer noch der Dienstweg.

  • Nein bitte vollumfänglich authentisch rekonstruieren !!! Man denke nur an die Heiliggeistkirche in Potsdam

    Edited once, last by Der Herzog ().

  • Ist das denn schon eine echte Visualisierung oder nur ein Symbolbild? Ist ja noch eine sehr frühe Phase. Wenn die Kirche wirklich so interpretiert wird wie auf dem Bild dargestellt wäre ich wirklich begeistert von diesem Projekt.

    98% of everything that is built and designed today is pure shit. There's no sense of design, no respect for humanity or for anything else. Frank Gehry

  • Die dem obigen Artikel aus der Oktober-Ausgabe des 'Hanse-Schnack' beigegebene Ansicht der altstädtischen Weserfront nach einem erfolgten Wiederaufbau der Kirche, welche also einen zukünftigen Zustand zeigt, möchte ich die älteste erhaltene Darstellung dieser Perspektive gegenüberstellen. Sie stammt von Hans Weigel d.Ä. und wurde im Jahre 1564 als Holzschnitt angefertigt. 26 Jahre vor Erbauung der frühbarocken ''Welschen Haube' (1590) ist hier noch die ursprünglich gotische Helmpyramide der Kirche (letztere auf dem Bild mit 'S.Scharis' betitelt) zu erkennen, die allerdings ebenso wie ihre Nachfolgerin schon eine spitze Laterne als krönenden Abschluß trug. Auch in diesem Bauzustand belebten Turm und Helm die Silhouette, welche ohne dieses Element der Abwechslung eine ebenso monotone Ansammlung von hohen Zelthelmen gewesen wäre, wie es leider heute der Fall ist.



    Manchmal muß man - wie Gott Janus - den Blick in die Vergangenheit und in die Zukunft richten, um den ungenügenden Zustand der Gegenwart deutlich zu erkennen...


    Ceterum Censeo Ecclesiam Esse Reconstruendam !


    Edited 3 times, last by Pagentorn ().

  • Hallo,


    als gebürtiger Bremer habe ich mich immer über das ziemlich hässliche Ansgari-Quartier geärgert, in dem einzig die mehr oder weniger authentisch rekonstruierte Handwerkskammer ein Bild des "alten" Bremen vermittelt. Ein Wiederaufbau der Ansgari-Kirche, von deren Existenz die meisten Bremer nicht einmal etwas wissen, ist daher absolut wünschenswert.


    Dennoch - und da kommt bei mir die Skepsis des Journalisten zum Zuge - finde ich den eigentlichen Anlass der Hoffnung, die beiden Artikel im Hanse-Schnack, etwas merkwürdig.


    Um ganz deutlich zu werden: Aus journalistischer Sicht reiht sich in den beiden Artikeln ein Glaubwürdigkeitsalarmzeichen an das nächste.


    Bis auf den Historiker Nils Huschke, der zumindest im Internet bislang so gut wie keine Spuren hinterlassen hat, ist nur von geheimen Quellen die Rede, "deren Name nicht genannt werden darf" oder die "Ihren Job los sind" wenn die Bombe zu früh platzt. Alle Quellen werden aber als "einflussreiche Kaufleute" etc. bezeichnet. Sowas geht gar nicht und ist absolut unglaubwürdig. Besonders stutzig macht mich der Satz "Noch ist der Wiederaufbau des Ansgari-Quartier nur hinter verschlossenen Türen beschlossene Sache." Als gäbe es in Bremen eine mächtige Illuminati-hafte Geheimgesellschaft aus Historikern, einflussreichen Kaufleuten und Kirchenvertretern, die "längst entschieden" haben und jetzt nur noch die Bevölkerung überzeugen müssen. Wer aus Bremen kommt, weiß genau, wie schwer es ist, die eher links orientierte Bevölkerung von so einem Vorhaben zu überzeugen, ohne sofort als rückwärtsgewandt und ewig gestrig gebrandmarkt zu werden.


    Kurzum: So sehr ich mir einen Wiederaufbau dieser für die Stadtstruktur so wichtigen Landmarke wünsche, halte ich das ganze für eine Luftnummer einiger Weniger, die via Hanse-Schnack (und komischerweise nicht über Weser-Kurier, etc.) versuchen, ihre Sache größer zu machen, als sie ist.


    Sollte dies aber zumindest die Diskussion um einen Wiederaufbau anstoßen, bin ich aber auch über eine Luftnummer ganz froh :wink: