Neue "Gründerzeitarchitektur" in Osteuropa

  • Doch! Ornamentik schon, aber in zielführender Form und nicht um des Ornaments willen. Es wäre eine Aufgabe für heutige Architekten eine zeitgenössische Ornamentik zu erschaffen, die nicht dagewesenes kopiert, sondern interpretiert, ist sicherlich nicht leicht. Die letzten, die es in Deutschland vermochten waren die norddeutschen Expressionisten in Worpswede, Bremen und Hamburg, wie der von mir hoch geschätzte Fritz Höger.

    Der deutsche Pfad der Tugend ist immer noch der Dienstweg.

  • Ich finde man kann durchaus bereits dagewesenes kopieren, wurde im Historismus ja auch so gemacht, mit wunderschönen Ergebnissen. Ich bin da nicht so dogmatisch, im Gegenteil würde ich es begrüßen wenn wieder Anleihen bei früheren Stilen genommen würden, z.B. ein bißchen Neobarock oder Neorenaissance. Aber das ist sowieso eine Wunschdiskussion, da Ornament ja heute gar nicht mehr vorkommt.

  • Ich glaube so pauschal kann man das nicht sagen. Mir fällt nur auf, dass sich heutige traditionelle Architekten mit Akzentsetzung schwertun. entweder sie überladen, trauen sich nicht wirklich oder Verzichten zugunsten einer neo-neo-klassischen Anmutung. allerdings stimme ich dir zu, dass figürliches heute tabu zu sein scheint.

    Der deutsche Pfad der Tugend ist immer noch der Dienstweg.

  • Skulpturaler Schmuck, Bauplastiken aller Art waren in allen Zeiten stets Bestandteile guter Architekturen, vermochten, diese zu betonen, ausdrucksstärker zu machen.
    Das gegenwärtig eine Ausblendung dieser Gestaltungselemente deutschlandweit erfolgt, ist sicher kein Zufall.
    Selbst bei der Nachgestaltung historischer Bauplastiken an noch vorhandenen Gebäuden des Historismus tut man sich unendlich schwer.
    Wenn ich u. a. an die entsetzlich klobigen, ausdruckslos - abscheulichen Bronzeklötze in der Dachzone des Bundesrates an der Leipziger Straße in Berlin denke, kann ich mich nur schaudernd abwenden.
    Solches führt von Kunst im herkömmlichen Sinne weg !
    Es ist dies m. E. ein weiterer Beweis für das Unvermögen deutscher Architekten,. das Erbe der Altvorderen schöpferisch interpretieren zu können.
    Es fehlt an Erfindungsgabe, es fehlt an Geld, es fehlt überhaupt am Willen, solch unverzichtbare Gestaltungselemente einzusetzen.
    Man will, darf und kann keine besonderen Akzente mehr setzen.
    Noch tiefer kann man nimmer fallen.
    Wieso auch, der obligate, nivellierende Würfelhusten wird doch ebenfalls vom Auftraggeber abgenommen, um bald darauf mit peinlichen, pseudowissenschaftlichen, obskuren Begründungen dito Worthülsen auftragsgemäß schön geredet zu werden.

    Leider gibt es dafür auch in unserem APH - Forum schon Beispiele.

  • Die Kirchen ähneln sich alle. Ganz hübsch, aber auch wieder etwas "Russenkitsch". In einem Land wie Deutschland ist das allein schon deswegen nicht möglich, weil die christliche Religion immer unwichtiger wird. Neue Kirchen werden nicht gebraucht. Und wenn mal eine gebaut wird, sieht sie aus wie ein Bürogebäude mit Schornstein. Wie dieses Beispiel aus Leipzig .

  • Grundsätzlich ja toll, dass man solche Kirchen baut, aber ist es nicht ironisch, dass die meisten historischen Sakralbauten in den stadtfernen Regionen Russlands etwa so aussehen?

  • Obwohl einige Beispiele tatsächlich hart an der Grenze zum Kitsch liegen, finde ich den Großteil der gezeigten Kirchen erstaunlich wohlproportioniert und handwerklich überzeugend umgesetzt. Trotzdem hat es etwas bedrückend potemkinsches, wenn sich hinter Zwiebelkuppeln, gestaffelten Bögen und Mosaikikonen der Sowjetfunktionalismus in all seiner erschlagenden Dominanz aufbäumt. Als wolle man ein Parkhaus mit einer Stuckdecke aufhübschen.

    Form is Function.


    "Fürchte nicht, unmodern gescholten zu werden. Veränderungen der alten Bauweise sind nur dann erlaubt, wenn sie eine Verbesserung bedeuten, sonst aber bleibe beim Alten. Denn die Wahrheit, und sei sie hunderte von Jahren alt, hat mit uns mehr Zusammenhang als die Lüge, die neben uns schreitet."

    Adolf Loos (Ja, genau der.)

  • Im Michigan Theater in Detroit kam zwar die Stuckdecke vor dem Parkhaus - obskur wirkt es trotzdem. Na ja zurück zum Thema ;)

    Form is Function.


    "Fürchte nicht, unmodern gescholten zu werden. Veränderungen der alten Bauweise sind nur dann erlaubt, wenn sie eine Verbesserung bedeuten, sonst aber bleibe beim Alten. Denn die Wahrheit, und sei sie hunderte von Jahren alt, hat mit uns mehr Zusammenhang als die Lüge, die neben uns schreitet."

    Adolf Loos (Ja, genau der.)

  • Von außen überzeugt mich diese neugebaute Belle-Epoque-Hochzeitstorte mehr als mit dem überladenen (und natürlich dennoch imposanten) Inneren:


    "Hotel Royal Hermitage Palace", Kiew, Ukraine - Fertigstellung 2019


    Das hier ist schon solide und könnte glatt von 1880 stammen: "Villa Palladio", Kiew, Ukraine



    Hier gibts noch deutlich mehr aus Kiew zu sehen, mit stark schwankender Qualität, manches sehr kitschig und postmodern überzogen, anderes solide und ansprechend:


    http://www.skyscrapercity.com/…p=146678245#post146678245

  • Ich habe etwas Probleme mit solchen Gebäuden, die eine Zeitgenossenschaft vorgaukeln die es nie gab. Entweder Rekonstruktion, dann ist die Wiederaufführung legitim weil die Architektur ihre historische Existenzberechtigung hat, oder aber traditionelle Neuschöpfung, die man aber dennoch im Detail als gegenwärtiges Produkt erkennt. Gebäude die einfach nur so tun, als seien sie vor über 100 Jahren entstanden obwohl sie reine Neuerfindungen des 21. Jhdts. sind, bereiten mir Unbehagen. Da gelangen wir architektonisch in den Bereich der Fiktion.

  • Das wundert mich etwas, denn Du bist doch, wenn ich mich erinnere, ein Freund des Historismus. So aber ist man letztlich im Historismus doch auch vorgegangen. Zugegebenermaßen kam dabei etwas sehr zeitgenössisches heraus. Aber der Geist war sehr ähnlich.


    Natürlich kann ich Dein Unbehagen insoweit verstehen, als "Authentizität" optisch verloren geht. Das ist ja aber auch das Argument von vielen Denkmalschützern oder Architekten, die sich gegen Rekonstruktionen oder traditionelle Neubauten wenden, die nicht den Bruch zur Moderne darstellen.


    Ich indes sehe dieses Problem als minderwichtig an. Die meisten der von "erbse" gezeigten Bilder sind ja ohnehin traditionell-moderne Hybride (die Hochhäuser in seinem letzten Link). Dieses Hotel "Royal Hermitage Palace" ist eine sehr opulente neobarocke Ausnahme. Die "Villa Palladio" ist auch meinem persönlichen Geschmack eher entsprechend, aber ich habe ja auch eine Neigung zum Klassizismus bzw. zur Neorenaissance.


    Letztlich aber sind die gezeigten Projekte gestalterisch um so viele Meilen besser als 99,99999 Prozent der hiesigen Neubauten mit ihren Glupschaugen, Raster-, Blech- und Schaumstofffassaden, Flachdächern, Betonstelzen, auskragenden "futuristischen Dächern, als dass ich es derzeit nicht einmal wagen kann, auch nur den Hauch der Kritik an diesem russisch-ukrainischen Neohistorismus zu üben.

  • Also ich seh da auch weniger das Problem bei der Architektur an sich (die abgesehen vom osteuropäischen Hang zu viel bunter Farbe und Bling-Bling durchaus einige Mängel aufweist), als viel mehr der Kontext.


    Lage - derartige Bauwerke, welche repräsentativ und prunkvoll sind, gehören nicht irgendwo in die Pampa auf die grüne Wiese.


    Zweck - für wen wird denn da gebaut? Ein Hotel soll es ja werden. Der Optik nach zu urteilen eher für Oligarchen, Herrscherhäuser und Milliardäre, quasi ein "Richland". Normale Touristen, geschweige die Ottonormal-Ukrainer, können sich das bestimmt nicht leisten und für die wird's wohl auch kaum sein.



    In Paris würde sich das prinzipiell gut einfügen, nicht aber im ukrainischen Irgendwo.

    Es gibt eine Architektur, die zur Landschaft gehört, sowie eine andere, die sie zerstört.

  • Aber dieses Argument kann ich auch nicht ganz nachvollziehen. Prunkvoll-repräsentative Bauwerke sind doch auch in der Geschichte häufig "in die Pampa" gesetzt worden. Davon zeugen doch die ganzen Schlösser, die in den seltensten Fällen in der Innenstadt unserer Orte stehen, z.B. Herrenchiemsee, Neuschwanstein, Rheinsberg usw.usf. Als Schloss Charlottenburg erbaut wurde, lag das auch noch "in der Pampa". Und auch damals waren Schlösser und Villen für die Reichen (Adeligen) errichtet worden. Das sind also keine Argumente gegen Paläste oder Villen, denn dem Normalbürger erwächst ja durch ein solches Gebäude im Grünen kein direkter Nachteil. Im Gegenteil, er hat eventuell ein Fotomotiv im Vorbeifahren.


    Aber, und das ist die direkte positive Bedeutung für den Normalbürger, solche Projekte färben ab. Es dauerte auch hierzulande ein Weilchen, bis die Fassaden von Schloss Versailles an Gründerzeit-Miethäusern für die breite Masse Einzug hielten. Der Lebensstil "oben" gibt nämlich häufig Vorbilder für die Wünsche der Menschen "unten" vor. D.h. mit zeitlicher Verzögerung sickert der (neue) Stil in das Leben der breiten Masse.


    Da bei uns Bauhaus als Stil der Oberschicht dargestellt wird, wünscht sich nun hierzulande jeder Kleinbürger, der für ein Reihenhaus spart, eine eigene Bauhaus-Kiste mit Sichtbeton-Küche oder fühlt sich in einer solchen bereits beheimatet, wenn er ein Apartment in einer der Hafen-Cities kauft.


    Im Osten hingegen könnten in 10, 20 Jahren auch Apartmenthäuser im Neobarock entstehen, einfach weil die Masse der Menschen auch gerne den Stil der Oberen kopiert. Es wird eine solche Entwicklung zumindest erleichtert.


    Und, dass es selbst auf den sozialen Wohnungsbau abfärben kann, zeigen die Beispiele der Stalinallee in Berlin, wo Schlösser für Arbeiter zu errichten versucht wurde. Bis dann das adelig-großbürgerliche Vorbild verblasste und der Stil ganz und gar "proletarisch" wurde bzw. im Plattenblock mündete.

  • Heimdall, es ist richtig, das im Historismus teilweise auch so vorgegangen wurde, anachronistisch zu bauen.
    Ich denke da z.B. an die zahlreichen Schlösser aus der Zeit. Ich glaube man hat damals noch die Kurve gekriegt, weil diese Zeit ja noch stark romantisierend geprägt war. Allerdings zeigte sich die Masse der gründerzeitlichen Bauten durchaus als zeitgenössisch erkennbar, sie stellte neue, zuvor nicht gekannte Größenordnungen auf, bediente sich im Äußeren jedoch älteren Formenvokabulars. Das typische Berliner Gründerzeithaus in seiner Mischung aus fortschrittlicher Bauweise und historisierendem Dekor gab es bis dahin nicht, es war sichtbar neuartig, genauso wie die monumentalen Kaufhäuser oder Verkehrsbauten.
    Man schöpfte die neuen technischen Möglichkeiten aus, in Verbindung mit einem letzten Aufbäumen der ganzen baukünstlerischen Vielfalt der Vergangenheit, obwohl sich die Industrialisierung schon bemerkbar machte. Das macht die Gebäude dieser Zeit authentisch, sie sind Ausdruck einer Zeit im Umbruch.
    Ich finde, wenn man heute traditionell baut sollte man zumindest bei genauem Hinsehen ablesen können, aus welcher Zeit die Architektur stammt, ein gutes Beispiel hierfür ist das neue Hotel Adlon. Ein Gebäude, das im 21. Jhd gänzlich ironiefrei den Eindruck erwecken will als stamme es aus der Kaiserzeit, mich gezielt über seine Entstehungszeit täuschen will, kann ich nicht wirklich respektieren. Das ist kein Historismus, sondern einfach nur fake. Dagegen wäre die Rekonstruktion historistischer Architektur unbedingt zu begrüßen, denn sie wurde wirklich zu jener Zeit erdacht, dabei ist das Alter der Bausubstanz mir zumindest gleichgültig.

  • Aber dieses Argument kann ich auch nicht ganz nachvollziehen. Prunkvoll-repräsentative Bauwerke sind doch auch in der Geschichte häufig "in die Pampa" gesetzt worden. Davon zeugen doch die ganzen Schlösser, die in den seltensten Fällen in der Innenstadt unserer Orte stehen, z.B. Herrenchiemsee, Neuschwanstein, Rheinsberg usw.usf. Als Schloss Charlottenburg erbaut wurde, lag das auch noch "in der Pampa". [...]

    Ich sehe auf den Bildern aber keine (Land)Schlösser mit Gartenanlage wie ein Charlottenburg oder Herrenchiemsee. Auch sehe ich keine Villen, dafür sind sie zu prunkvoll-repräsentativ (das meine ich an der Stelle nicht im Sinne von reich ausgestattet und großzügig, sondern residieren und/bzw regieren). Der Gebäude-Typ ist meiner Meinung nach eher für Verwaltung in zentraler Stadtlage gemacht, kein Hotel auf freier Fläche.


    Und bei der Thematik mit den Reichen geb ich dir recht, das war auch nicht contra Reiche allgemein gemeint.


    [...] Ich finde, wenn man heute traditionell baut sollte man zumindest bei genauem Hinsehen ablesen können, aus welcher Zeit die Architektur stammt. [...]

    In der Zukunft spielt die Zeit/Epoche für die Kunst (und damit auch die Baukunst) keine Rolle mehr. Der Kunsthistoriker wird dann nicht nur kurz oberflächig gucken müssen, um herauszufinden das diese Gebäude in Kiew, aber auch Rekos wie die des Frankfurter Dom-Römer-Projektes Werke des 21.Jahrhunderts sind. Da gibt es keine Fakes - die Zerstörung der Gebäude ist historischer Fakt, ihr Wiederaufbau ist Fakt und auch diese Neohistorismus-Gebäuden in Kiew sind Fakt.

    Es gibt eine Architektur, die zur Landschaft gehört, sowie eine andere, die sie zerstört.

  • Fusajiro, das "Hotel Royal Hermitage Palace" wirkt schon stark wie ein kleines neobarockes Herrenhaus. Ich finde nicht, dass es sich da auf freiem Feld so schlecht macht.


    Königsbau: Also ich kann ehrlich gesagt nicht erkennen, inwiefern das neue Adlon den Eindruck erwecken will, dass es aus der Kaiserzeit stammt. Dafür ist es ja viel zu reduziert und postmodern. Da gibts ganz andere Beispiele, die tatsächlich "fake" wirken.


    Und was "unehrliche" Neubauten angeht, man muss aufpassen, dass man hier nicht den Sprech der Modernisten übernimmt. Das baut Schranken im Kopf auf. In den USA ist es seit Jahrzehnten üblich, dass Architekturbüros in unterschiedlichsten Stilen bauen. Wenn ihr Kunde eine Villa in neoklassizistischen Formen will, bekommt er die, wenn einer eine Glasvilla will, bekommt er die auch. Dieser Dogmatismus muss weg. Gebaut wird ohnehin, was gefällt. Und wir können heute aus einem reicheren Formenkanon schöpfen als alle unsere Ahnen, das ist doch ein riesiger Schatz!


    Ich bin sogar sehr dafür, originale aber nie gebaute Entwürfe aus der Zeit von Historismus, Jugendstil, Expressionismus usw. heute zur Ausführung zu bringen. Da gibt es noch so viel Schönheit, die nicht auf Papier gebannt verrotten sollte! :)

  • Ein wichtiger Punkt dabei ist auch: Wie wird sich Architektur überhaupt weiterentwickeln? Die Zeit der vorherigen Jahrhunderte, wo immer mal wieder ein neuartiger Stil die Weltbühne betrat, ist doch vorbei. Mir fehlt jedenfalls die Fantasie, wie ein neuartiger Architekturstil der Zukunft aussehen könnte.
    Ich gehe eher von einer Entwicklung dahingehend aus, dass man sich bunt durchmischt allen Architekturstilen bedienen wird. So ist es in anderen Ländern bereits durchaus üblich (siehe Beispiel oben). In Deutschland stehen dem noch ideologische Vorbehalte und mit Sicherheit auch die vielfach modernistische Ausbildung der Architekten entgegen. Ich denke aber, dass sich das auch hier ändern wird.