Neue "Gründerzeitarchitektur" in Osteuropa

  • Michael: Im Großen und Ganzen sind das tatsächlich Neubauten. Einzig die beiden Kirchen (Brentwood Cathedral und St. Helens/London) beziehen sich auf bestehende Strukturen. Brentwood Cathedral ist ein palladianischer Neubau neben einer neugotischen Kirche, die in diesen mit einbezogen wurde. Die neue Struktur ist jedoch ein gänzlich eigener Entwurf Terrys. St. Helens in London wurde in den frühen neunziger Jahren durch eine Bombe der IRA schwer beschädigt und durch Terry restauriert, allerdings unter Hinzufügung einiger neuer Bauteile. Den Umstand, daß er an einen gotischen Bau klassizistische Elemente angefügt hat, finde ich ein wenig befremdlich, aber es stört das Gesamtbild nicht wirklich.


    Der Rest - ist wirklich alles Neubau! Man mag es kaum glauben, aber die Inselgermanen können und dürfen sowas noch! Das macht wirklich neidisch!

  • Zu Sochi:
    Also jeder Kritik enthoben sei die Blondine im Vordergrund (http://img-fotki.yandex.ru/get….27/0_4c535_44528752_orig). Auch ansonsten habe ich zu dieser Planung wenig zu meckern. Sicherlich hat das wenig mit einer dezenten soliden klassischen Bautradition zu tun. Das ist ein recht wilder Eklektizismus.
    "Kaoru" hat es aber auf den Punkt gebracht:

    Quote

    ...sieht auf dem ersten Blick aus gestalterischer Sicht um einiges besser aus (wenn auch nicht perfekt), als das was hier zu 95% in Deutschland momentan hingemurkst wird, zumindest wirkt es wesentlich kreativer, gefälliger und vielseitiger und nicht so fürchterlich langweilig.


    Insofern durchaus gefällig, vor allem, wenn man das mit dem Londoner Olympiadorf vergleicht oder den Rasterkisten, die hierzulande nicht nur den Dresdner Postplatz bevölkern. Von den widerwärtig plumpen Planungen zum Berliner Schinkelplatz gar nicht zu sprechen. "youngwoerth" müsste eigentlich aufgrund des freien Spiels mit den Formen jubilieren. Mich wundert, dass er sich noch nicht dazu geäußert hat.


    Quinlan & Francis Terry sind natürlich weitaus nobler und ausgewogener. Allerdings scheint mir, dass sie eben auch keine Massenbauten entwerfen, sondern Villen und Landhäuser für eine mehr oder minder gehobene und kleine Schicht. Das macht schon einen gewissen Unterschied aus.


    Zu dem gezeigten Frankfurter Gebäude. Man findet es im Park Louisa an der Mörfelder Landstraße. (man kann es sich bei bing maps anschauen) Interessanterweise findet sich im Internet (zumindest nach meiner Recherche) rein gar nichts zu dem Gebäude, auch keine Fotos. In der Ecke wohnt auch die Bankiersfamilie Metzler in ihrer Villa, zu der ebenfalls kein Bildmaterial und keine weiterführende Information zu finden ist. Der Park Louisa hängt mit der Bankiersfamilie Bethmann geschichtlich zusammen. Könnten in dem gezeigten Gebäude heute die Bethmanns wohnen? Interessant ist das auf jeden Fall, denn immerhin handelt es sich um ein stattliches Anwesen, das aber nirgendwo auftaucht.

  • @ Heimdall: Meines Wissens gehört das Bauwerk Bernd Lunkewitz, dem ehemaligen Eigentümer des Aufbau-Verlages. Der hat meines Wissens auch in Berlin ein streng im Stile Schinkels errichtetes Haus zu verantworten. Im Bereich Architektur hat der Mann wirklich Geschmack.


    Was die Sache mit Sotchi angeht: Ich teile natürlich Deine Ansicht, daß nahezu jegliche klassische Gestaltung dem modernistischen Würfelhusten vorzuziehen sei, den man hier im "Westen" allenthalben antrifft. Aber ich will darauf hinaus, daß auch, oder eben gerade das klassische Bauen eine Herausforderung darstellt oder darstellen muß. Es ist eben gerade nicht damit getan, wild mit Zierelementen um sich zu werfen und den so entstehenden Haufen als Architektur zu bezeichnen. Vielmehr muß dieses mit Bedacht geschehen und vorgegebenen Regeln folgen - und sei dies nur der Goldene Schnitt. Ich rede da ja nicht einer kargen Architektur das Wort, wie sie beispielsweise das Frankfurter Haus Terrys darstellt - das ist zwar ein recht nettes Gebäude, aber ein doch etwas zu nüchternes für meinem Geschmack. Was ich meine, ist, daß auch üppig dekorierte, gründerzeitliche Häuser einem gewissen Formenkanon folgen müssen, wenn sie "gute Architektur" sein wollen. Für die Mehrheit jener Bauten, die unsere Städte bis heute schmücken, gilt das ja auch. Und diesem gilt es nachzueifern! Das Zeug, was da in Sotchi errichtet wird, ist zwar auf den ersten Blick eine gefällige Architektur, aber auf den zweiten wird man sich der völligen Wahllosigkeit des Einsatzes der gestalterischen Mittel gewahr. Und dann wirkt das Ganze nur noch tragisch bzw. amüsant.
    Das Einzige, was bei diesem Komplex ein gewisses Lob verdient, ist die Stadtplanung. Die ist sehr gefällig und scheint den Anforderungen gerecht zu werden. Sehr charmant finde ich dabei den ovalen Platz ganz links - der ist offensichtlich ein Zitat aus Lucca, wo sich ein ganz ähnlicher Platz auf den Grundmauern eines Amphitheaters befindet.

  • Was für ein Palast. Undenkbar sowas in Deutschland. Aber es muss noch Patina ansetzen damit es wirklich wertig aussieht.

    In dubio pro reko

  • Mir ist so ein "Kitsch" (begründe das Urteil doch mal) TAUSENDMAL lieber als ein deutscher Funktionkasten. Freilich, es gibt schönere Bauten, aber ich finde es bewegt sich noch im Rahmen des guten Geschmacks. Sieht halt alles noch so neu und daher irgendwie "plastikartig" aus, aber das dürfte sich mit der Zeit geben. Der Saal ist aber doch wirklich imponierend.

    In dubio pro reko

  • Vielleicht gibt es noch etwas anderes als Funktionskästen und diesem da. In Stuttgart gibt es hervorragend Beispiele des neuen Bauens und des Reformstils wie du ja weißt, die zeigen, dass modernes Bauen es vor Hitler schaffte schöne Gebäude ohne Schnickschnack zu errichten. Das da ist "Main Steet USA-Stil" oder besser "Bolschoij Uliza Rossija-Stil". Der Traum jedes neureichen Russen. Deren Geschmackssicherheit beschränkt sich doch meistens auf Pelze und goldene Wasserhähne in Schwanenform. Ich würde wetten, dass alles an dem Gebäude was wie Plastik aussieht auch Plastik ist. Ich bin froh, dass unsere Städte nicht durch solche Gebäude "bereichert" werden. Um schöne und repräsentative Gebäude zu errichten sollten heutige Architekten lieber an den 20ern anknüpfen, und damit meine ich jetzt sicher nicht Bauhaus, das tun sie eh.
    Die demokratische Reife einer Gesellschaft manifestiert sich auch in deren Architektur. In Diktaturen wird in der Regel "schöner" gebaut als in Demokratien. Ich kann mit diesem Nachteil gut leben

    Der deutsche Pfad der Tugend ist immer noch der Dienstweg.

  • Ich mag aber Gebäude mit Schnickschnack und dein geliebter Reformstil fällt bei mir durch. Siehste, so unterschiedlich sind Geschmäcker. :wink:

    In dubio pro reko

  • Ich mag Gebäude mit Schnickschnack übrigens auch :biggrin: Aber in der heutigen Zeit würde ich bei Neubauten etwas schlichteres bevorzugen.

    Der deutsche Pfad der Tugend ist immer noch der Dienstweg.

  • Meine Reihenfolge ist:


    - Vorkriegsarchitektur Deutschland und Österreich (aber auch in vielen Spanischen u.Französchischen Städten ): guten Beispielen Alt, Gründerzeit, "modern": Berlin, Magdeburg, Chemnitz, Frankfurt, Dresden, Kassel, Hamburg, Breslau, Stettin.
    Bin aber auch imponiert von San Sebastian, Santander, Bilbao, Vittoria, Tours, Angouleme, Limoges, Besancon, Nancy, Strassbourg, London, Verona, Genua, Torino, Lodz, Poznan, Budapest, Lwow, Riga, Stockholm und St. petersburg.


    - Historisierende Still: viele guten Vorbilder: Elbing, Danzig, London, Patschke Bauten in D. Stuhlemmers Entwurf für Friedrichswerder, Patsches Entwwurf für die Leipzigerplatz.


    - Moderne Wolkenkratzer (letzte 20 Jahr) wie in Sjanghai, London, Dubai, Riad, Chicago usw.


    - alle Bauten zwischen 1990-heute


    - Kitsch Still: Moskau, Sotchi und fast überall in Russland. Für die neuen Reichen!!!


    - alle Bauten zwischen 1950-1990.


    - Moderne "Bunker" und Kuben wie so viele in D. (eigentlich trist). :daumenunten:
    Das was am Friedrichswerder geplannt ist zum Beispiel.
    Aber auch "Las Vegas" kitsch.

  • Wenn hier einfach bestimmt wird was sachfremde Beiträge sind, ich finde, dass mein und Heimdalls Beutrag durchaus nich sachfremd sondern im Kausalzusammenhang sinndienlich waren um die rückwärtsgewandte russische neo-historistische Architektur zu verstehen., muss man sich überlegen, ob man sich hier gut aufgehoben fühlt. Zudem waren die Beiträge nicht verletzend, sondern durch die freie Meinungsäußerung gedeckt.

    Der deutsche Pfad der Tugend ist immer noch der Dienstweg.


  • Sehr schöne Reihenfolge. Würde vielleicht Lodz rauswerfen. Dafür z.B. noch Brünn mit aufnehmen.

    MODERNExit: Mehr Altstadt wagen!

  • In Astrachan gilt natürlich ebenfalls : Weniger ist mehr !
    Dennoch wurde hier versucht, wesentliche Elemente traditioneller, altrussischer Architektur zum Wirken zu bringen.
    Auf den mitteleuropäischen Betrachter mag die überaus malerische, historistische Fassade in einigen Bereichen etwas zu auftrumpfend oder gar vordergründig protzig wirken.
    Mich erschreckt etwas das hoch aufstrebende kitzegrüne Dach.
    Diese in der russischen Architektur öfter beobachteten Abfärbungen werte ich aber als Zugeständnis an den offenbar regionaltypischen Geschmack.
    Häufungen des üblich fassbaren Dekors zergliedern die Fassade weitgehend, machen sie m. E. zu unruhig.


    Wenn ich jedoch das Waschbeton - Platten - Gebäude der Deutschen Oper in Berlin zum ( sicher nicht unbedingt zulässigen ) Vergleich
    heran ziehen darf, neigt sich die Waage zu Gunsten des Astrachaner Hauses.
    Natürlich weiß ich auch, dass ein Bau im Stil des russischen Historismus hier nicht möglich und auch entbehrlich wäre.


    Bei einer ggf. vorzunehmenden Reduktion des überbordenden Ornamentwerkes könnte man das Gebäude in seinem Kulturkreis durchaus akzeptieren.

  • Quote

    um die rückwärtsgewandte russische neo-historistische Architektur zu verstehen

    Muß es denn immer für alles eine logische und typisch-deutsch tiefschürfende Erklärung geben? Als ich noch studiert habe, gab es auch viele Deutsch-Studenten aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion, und deren Architekturgeschmäcker waren genauso unterschiedlich wie die der Angehörigen anderer Nationen.

  • Muß es denn immer für alles eine logische und typisch-deutsch tiefschürfende Erklärung geben? Als ich noch studiert habe, gab es auch viele Deutsch-Studenten aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion, und deren Architekturgeschmäcker waren genauso unterschiedlich wie die der Angehörigen anderer Nationen.


    Eben. und darum steht es auch jedem frei derartige, für mich unreflektierte Architektur abzulehnen. Ich möchte halt sowas in Deutschland nicht haben und dabei bleibe ich.

    Der deutsche Pfad der Tugend ist immer noch der Dienstweg.

  • Mir gefällt das Gebäude eigentlich ausnehmend gut, es wäre mir auf jeden Fall wesentlich lieber als die heute in Deutschland übliche belanglose Nicht-Architektur, die konsequent auf jegliche Gestaltungsmerkmale außer Langeweile und Anpassung an die Norm verzichtet.


    Streng genommen sind ja auch die Basilika von Sacré-Coeur oder die Bauten von Gino Coppedè Kitsch, aber eben schöner Kitsch :smile:

  • Sacré-Coeur ist auch grenzwertig, genau wie Neuschwanstein, einige Rheinburgen und abertausende Villen in Deutschland und der Welt. Was diese dennoch von dem Bau in Russland abhebt ist das handwerkliche Können und die Stilsicherheit des Architekten und sicherlich auch die Materialauthentizität. Eine Ikone des Russischen Historismus, GUM am Roten Platz, oder das Historische Museum ebendort besitzen eine ganz andere Qualität obwohl sie auch stilistisch auf den altrussischen "Märchenstil" zurückgreifen. Sie wurden eben nur in einer Zeit erbaut in der Handwerk noch Handwerk war und die Ornamentik Ausdruck eines Nationalbewußtseins und nicht bloße Staffage eines High-Tech-Baus.

    Der deutsche Pfad der Tugend ist immer noch der Dienstweg.

  • Findest du Ornamentik heutzutage nicht mehr angebracht? Nationalbewußtsein ist ja kein Motiv mehr dafür.

    In dubio pro reko