Heiden (Stadt Lage) (Galerie)

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  • Heute möchte ich einmal ein sicherlich eher unbekanntes Dorf vorstellen, das auf den ersten Blick wirkt wie viele andere westfälische Dörfer. Es besitzt einen kleinen Dorfkern mit etwa einem Dutzend erhaltenen Fachwerkhäusern, die sich um eine Kirche gruppieren, ist aber ansonsten eher zu einem typischen Wohndorf mit ebenso typischen Einfamilienhäusern der 50er bis 2000er Jahre angewachsen. Die Kirche und die sie umgebenden Bauten des Kirchhofs sind allerdings etwas besonderes und meiner Meinung nach durchaus wert, genauer betrachtet zu werden.


    Die erste St. Peter und Paul geweihte Kirche wurde um das Jahr 1000 herum als vorromanischer Saalbau errichtet, wie Grabungen ergaben. Dieser erhielt um 1100 einen Kirchturm, der bis heute größtenteils erhalten und damit eines der ältesten Bauwerke im gesamten Kreis Lippe ist. Das Kirchenschiff selbst enthält keine vorromanische Bausubstanz mehr. Es wurde in mehreren Bauphasen von einer einschiffigen Halle zur dreischiffigen Saalkirche ausgebaut.


    Im Luftbild fällt neben der Größe der Kirche, die manch einer Stadtpfarrkirche Konkurrenz machen kann (hab leider keine genauen Maße, aber ich schätze die Gesamtlänge des Baus auf etwa 50 m) und für die es keine Erklärung gibt (Heiden war im Mittelalter nicht größer als andere lippische Dörfer und hatte auch kein größeres Einzugdgebiet der Pfarrgemeinde), auch die ringförmige Umbauung des Pfarrhofs auf, die anstelle der ehemaligen Befestigung (die Kirche war ursprünglich eine Wehrkirche) ab dem 16. Jahrhundert entstand:

    (Quelle: Google Earth)


    Zu den einzelnen Bauten im Umkreis der Kirche komme ich später. Zuerst folgen einige Bilder der Kirche selbst. Es handelt sich um eine dreischiffige und dreijochige Hallenkirche (von außen sofort durch die für Westfalen typischen Quergiebel erkennbar) mit kleinem spätgotischen Chor mit 5/8-Schluss.
    Leider war es mir nicht möglich, die Kirche komplett auf ein Bild zu bekommen, da der Kirchhof wie gesagt eng umbaut ist:




    Der gedrehte Turmhelm ist ein weithin sichtbares Wahrzeichen des Ortes und entgegen anderslautender Gerüchte natürlich weder ein Konstruktionsfehler noch durch eine spätere Verziehung des Dachwerks bedingt, sondern war bei Erbauung im 16. Jahrhundert beabsichtigt. Er beherbergt eines der ältesten vollständig erhaltenen Kirchengeläute (drei Glocken aus der Zeit von 1250 bis 1466) in der Region.


    In ganz Deutschland gibt es übrigens nur 19 gedrehte Turmhelme, davon drei in Lippe (Heiden, Alverdissen, Lemgo).


    Das Innere der Kirche wirkt (ebenfalls typisch für westfälische Kirchen der Gotik) sehr gedrungen, da die Gewölbehöhe für die Breite der Kirche extrem niedrig wirkt. Blick zum Chor ...


    ... und in die Gegenrichtung:


    Blick vom linken in das rechte Seitenschiff:


    Die Ausstattung ist leider größtenteils erneuert. Erhalten sind jedoch der romanische Taufstein (der allerdings aus der Kirche im ebenfalls lippischen Elbrinxen stammt), die barocke Kanzel (mit 1970 erneuertem Schalldeckel, weil der alte damals verloren ging - wie auch immer das geschah) und ein steinerner Kopf, der vermutlich vom Vorgängerbau und möglicherweise Bischof Meinwerk von Paderborn darstellt, sind erhalten. Der Kopf (auf dem Foto leider arg unscharf) datiert ins 12. Jahrhundert:



    Zuletzt wäre noch die zu Beginn des 15. Jahrhunderts entstandene Ausmalung der Kirche zu erwähnen, die bei späteren Restaurierungen wieder freigelegt wurde. Im Chor zeigt sie die 12 Apostel ...



    ... und an einem Wandpfeiler den "Gnadenstuhl", auf dem Gott sitzt (sehr ungewöhnlich, da Gott ja üblicherweise nicht bildlich dargestellt wird) und den gekreuzigten Christus hält:


    Nun kommen wir zur Kirchhofumbauung.
    Das älteste Gebäude ist das alte Pfarrhaus, dessen steinerner Saalbau im 16. Jahrhundert entstand. Ländliche Steinbauten sind abgesehen von Kirchen und Schlössern eine extreme Seltenheit. Der Fachwerkbauteil wurde um 1750 an und auf den Steinbauteil angebaut und 1813 durch einen Wirtschaftstrakt ergänzt:



    Dahinter steht die "1000-jährige Linde", die jedoch in Wirklichkeit "nur" etwa 600 Jahre alt und ist aus 13 Einzelbäumen zusammengewachsen


    Die übrigen Bauten des Kirchhofs umfassen die ehemalige "Kinderbewahranstalt" (Vorläufer des Kindergartens) aus dem 19. Jahrhundert (arg renovierungsbedürftig, vor allem der hässliche Putz und die nicht minder hässlichen Fenster müssten dringend erneuert werden) ...


    ... ein bis auf die Knaggen unter der Dachtraufe eher schlichtes Fachwerkhaus der Zeit um 1600 ...


    ... die alte Schule aus dem 18. Jahrhundert sowie das Küsterhaus (leider ohne Foto):


    Zuletzt möchte ich noch zwei Bilder des Vogteigebäudes zeigen. Dieses eher schlichte, 1683 erbaute Fachwerkhaus wurde nämlich 1937 stark erneuert. Dabei hat man nicht nur das Untergeschoss in Stein erneuert, sondern auch die Zierschnitzereien am Giebel angebracht, die stilistisch viel besser in die 1580er statt in die 1680er passen würden. Ein sehr aufwändiges Beispiel von Heimatschutzstil, das allerdings viel besser in den Historismus passen würde:


    Mein Fazit: Die Pfarrkirche in Heiden muss man vielleicht nicht unbedingt gesehen haben, wenn man aber ohnehin schon in der Ecke ist, kann man sie sich ruhig einmal anschauen, da sie zusammen mit den Fachwerkhäusern um den Kirchhofs ein durchaus ansehnliches Ensemble bietet und für eine Dorfkirche außergewöhnlich groß ist.

  • Danke Maxileen für die Darstellung des kleinen Nestes. Sehr schön, dass hier auch Orte vorgestellt werden, von denen wohl die wenigsten (zumindest ich) jemals gehört haben, geschweige denn diese jemals leibhaftig sehen werden (voraussichtlich auch ich :zwinkern: ).


    Du bist wohl mehr im Lippischen als in Bamberg unterwegs oder zuhaus?

    Schön ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt.
    (Immanuel Kant)

  • Ja, Lippe ist halt meine Heimat, zumal ich dort wegen meiner Magisterarbeit in Archäologie das letzte halbe Jahr (genauer gesagt von Februar bis August) verbracht habe. Ich hatte mein Fahrrad im Zug aus Bamberg mitgenommen und zum Ausgleich für das ganze Scherben sortieren viele Radtouren unternommen. Unter anderem habe ich sämtliche lippischen Städte sowie die angrenzenden Städte Rinteln, Höxter, Steinheim und Nieheim abgeradelt. Leider wurde mein Fahrrad drei Tage vor meiner Rückkehr nach Bamberg geklaut, sodass sich das mit den Radtouren erstmal erledigt hat, zumal die Städtedichte in Oberfranken auch nicht so groß ist wie in Ostwestfalen, sodass die Städte mit dem Rad schlechter zu erreichen sind.

  • Vielen Dank für die Bilder dieses kleinen Nestes. Die Kirchenbilder haben mich wie immer besonders interessiert. Ich kenne mich mit den Westfälischen Kirchen nicht sonderlich aus, aber die Quergiebel haben mich direkt an den Paderborner Dom erinnert. Dass ist also typisch für eure Gegend, interessant. Ebenso wie der gedrehte Turm. Da habe ich doch gleich mal gegoogelt und folgende Seite zum Thema gefunden:


    http://www.partnerschaft-niederroden-puiseaux.de/texte/kirchturm.htm\r
    www.partnerschaft-niederroden-pu ... chturm.htm


    Wie vermutet sind diese Türme in Deutschland wohl eher eine norddeutsche Besonderheit. Spontan war mir auch kein Exemplar aus Süddeutschland eingefallen.

  • Von genau dieser Seite hatte ich auch die Informationen, dass es nur 19 solcher gedrehten Turmhelme in Deutschland gibt, wobei das Exemplar in Heiden schon eines der auffälligeren ist. Bei der Lemgoer Nicolaikirche beispielsweise fällt das erst auf den zweiten Blick auf, da der Helm des Südturms sehr schlank ist.


    Die Quersatteldächer sind bei vielen gotischen Kirchenbauten in Westfalen anzutreffen, darunter den Domen in Paderborn und Minden, dem Münster und den drei Stadtpfarrkirchen in Herford, der Nicolaikirche und ehemals auch der Marienkirche in Lemgo, der Kirche in Heiden, der Kirche in Lage, der Stadtpfarrkirche in Wiedenbrück, den lippischen Stadtpfarrkirchen in Horn und Blomberg (dort in Fachwerk erneuert) etc.


    Das Phänomen scheint sich also vor allem auf Ostwestfalen zu beschränken, in Münster, Hamm, Dortmund und Soest sowie in Südwestfalen (Siegen, Warburg) konnte ich keine Beispiele finden. Es gibt aber sicherlich Untersuchungen darüber, in welchen Regionen solche Quersatteldächer gehäuft auftauchen.

  • Quote from "Maxileen"

    Das lippische Kirchdorf Heiden (Stadt Lage)


    Warum ist Lage selbst eigentlich so unscheinbar? Gelegen im Städtedreieck Detmold-Lage-Lemgo kann es überhaupt nicht mit den anderen beiden mithalten. Im Gegenteil.


    St. Peter und Paul ist übrigens mit Ausnahme des gedrehten Sonderhelms ein gänzlich verwechselbarer Zwilling der Lager Marktirche.

    Ich entschuldige mich von Herzen für meine früheren arroganten, provokanten, aggressiven und unfreundlichen Beiträge!
    Jesus ist mein Herr und Retter!

  • Stimmt, die Marktkirche in Lage sieht der Pfarrkirche in Heiden recht ähnlich, hat jedoch einen geraden Chorschluss und einen deutlich kleineren Turmunterbau. Im Stadtbild fällt die Kirche darum auch überhaupt nicht auf.


    Dass Lage so unscheinbar ist (böse Zungen bzw. alle Lipper, die nicht in Lage wohnen, würden sogar das Adjektiv hässlich verwenden), liegt wohl an seiner Geschichte: Der Ort entstand zwar wie Heiden um das Jahr 1000, war jedoch das gesamte Mittelalter über nie mehr als ein Marktflecken, der weder einen planmäßig angelegten Grundriss besaß noch eine Umgrenzung durch eine Stadtmauer oder einen Graben. Erst im 19. Jahrhundert wuchs Lage dann an und wurde zumindest innerhalb des Fürstentums Lippe um führenden Industriestandort (Ziegelei und später Zuckerfabrik). Dadurch bedingt (und durch kurzsichtige Stadtplanungen seit den 50ern bis heute, so wurde zum Beispiel 2004 das als "Alte Burg" bezeichnete älteste Fachwerkhaus der Stadt von 1618 abgerissen, das in den 1980ern von der Stadt aufgekauft, jedoch nie saniert wurde, bis es schließlich nicht mehr zu retten war) verschwand ein Großteil der historischen Bausubstanz, der aber wohl auch immer nur aus eher unbedeutenden Ackerbürgerhäusern bestand. Heute sind in der Kernstadt ohne die eingemeindeten Orte nur noch 23 Baudenkmale (Gesamtstadt 74) erhalten.


    Hab leider keine Fotos der Lagenser Innenstadt, weil ich dort bislang noch nie war und es abgesehen von der Marktkirche auch nichts gibt, was eine Fahrt dorthin lohnen würde.

  • Danke für die fundierte Erklärung!

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