Architektur und Neue Musik

  • Aber was bringt das alles schon?
    Ein moderner Musiker ist Wynton Marsalis, den man sofort, wie Jeff Beck auf der Gitarre, beim ersten Ton erkennt; er hat dem Jazz frische Kraft eingeflößt, ist in der Barockmusik daheim und trägt immer schöne Anzüge.
    Ein weiteres Innovationswunder ist die Pianistin Chihiro Yamanaka aus Japan/NYC und einer der umwerfendsten Musiker war Randy California, der zusammen mit seinem Schwiegervater am Schlagzeug als `Spirit ` wundervolle Musik irgendwo zwischen Psychedelic, Rock, Blues und Jazz gemacht hat (R.I.P.).
    Von Danny Gatton wollen wir gar nicht erst reden, der größte Gitarrist aller Zeiten, aber zum Glück lebt noch David Paul (bei YouTube gibts umwerfende Musikfilmchen), der spielt sogar Chet Atkins locker an die Wand.
    So geht das bunte Leben der kulturellen Tradition weiter wie beim Staffellauf und Skurrilitäten wie John Cage erinnern eher an die bellenden Hunde neben der Karawane; wer wird in 100 Jahren noch von den sogenannten Stararchitekten unserer Tage sprechen, sie sind doch nur aufgeblasene Reklamegags in eigener Sache; die Baumeister von St. Michael in Hildesheim oder des Freiburger Münsters sind zwar nicht namentlich auf uns gekommen, aber wir werden Ihrer noch lange im Stillen gedenken.

  • Gegenüber diesen Erscheinungen lege ich wohl das an den Tag, das manche 'abendländische Überheblichkeit' nennen. Der Jazz ist bestenfalls ein nettes Phänomen der Folklore, eine Fußnote der Musikgeschichte - eine überholte anachronistische Nische.


    Quote

    Was bringt das

    -
    was brachte Haydns Erfindung der thematischen Arbeit oder Wagners schweifende Harmonik?

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Quote from "ursus carpaticus"


    a) Gegenüber diesen Erscheinungen lege ich wohl das an den Tag, das manche 'abendländische Überheblichkeit' nennen. Der Jazz ist bestenfalls ein nettes Phänomen der Folklore, eine Fußnote der Musikgeschichte - eine überholte anachronistische Nische.


    -
    b) was brachte Haydns Erfindung der thematischen Arbeit oder Wagners schweifende Harmonik?


    a) Soso


    b) Daß Menschen wie wir heute noch unsere Freude daran haben, während in den Karpaten...


    Ach lassen wir das, wir haben ihn falsch eingeschätzt, was nach einem geistreichen Gesprächspartner aussah, war nur aufgesetzt.

  • Quote

    geistreichen Gesprächspartner


    Naja


    Ceterum kommt mir dieser Chuzpe-Stil irgendwie bekannt vor.
    Hmm.
    :idee:
    Ich wähne zu wissen, wer sich hinter diesem allzu frechen Novizen listig verbirgt.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Quote


    kv2D
    Zum einen kann man sich als Passant schlecht dem Gebäude entziehen, zum anderen steht ein Haus zumeist in einem städtebaulichen Kontext, dem man gerecht werden sollte.


    Das ist natürlllllich (hehe, geht schon wieder, war nur kneine ninguistische, tepnitzbedingte Störung :zwinkern: ) der Hauptunterschied, nämlich dass es in der Musik kaum so etwas wie Zwangsbeglückung gibt.
    Was den von dir angesprochenen Kontext betrifft, so gibt es eine interessante Konkordanz, die mE in der Architektur viel zu wenig ausgeschöpft wurde, nämlich jene des collageartigen Zitats. Gerade in zerstörten Städten wäre dies eine große Chance gewesen, gleichzeitig auf das Gewesene, auf die historischen Wurzeln anzuspielen und dies noch dazu als höchst zeitgenössisches Stilmittel zu verwenden. Aber ich glaube, die modernen Architekten waren dafür viel zu humorlos und indoktriniert, sie konnten nicht ein kleinwenig vom dogmatisch vorgegebenen Weg nach rechts oder links schauen.
    Nicht so die Musiker, wie zB jenes geniale Stück aus Zimmermanns König Ubu zeigt.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Oh ich muss zugeben, letzteres kenne ich gar nicht. Aber ich weiß was Du meinst. Ein typisches Beispiel dieser Art ware "Hymnen" von K.H.Stockhausen, ein Werk, welchem eine gewisse Humoristik nicht abzusprechen ist. (wie viele andere Werke Dieses Komponisten) Was mir in diesem Zusammenhang eher noch einfällt ist ein Komponist, den man eigentlich als Begründer des spielerischen Umgangs mit Zitaten sehen kann: Igor Stravinsky der alte Neoklassizist. Zugegebenermaßen liegt dieser eigentlich außerhalb des Dunstkreises der Epoche, welche Du zu Anfang angesprochen hattest. Dieses Factum gab es jedoch in mehreren jüngeren Epochen der Architektur (Stichwort "kritische Rekonstruktion), welche m.E. den Höhepunkt in den 80ern, der Postmoderne, erlebte.

  • Quote from "ursus carpaticus"


    vorsicht mit solchen verallgemeinerungen: es gab etliche moderne architekten (rudolf schwarz, emil steffann, hans döllgast, otto bartning, um nur mal vier zu nennen, die mir auf anhieb einfallen), die genau dafür plädiert haben und vor einem zu raschen, allein ökonomischem druck gehorchenden wiederaufbau gewarnt haben, doch daran hatten die meisten bauherren wenig interesse. immerhin ist einiges gelungen, gerade im kirchenbau (wo eben kein ökonomischer druck existierte). das darmstädter gespräch 1951 kreiste genau um solche fragen, s. dazu auch den band aus der reihe bauwelt fundamente von ulrich conrads und peter neitzke.

  • Plädiert hat man sicher viel, auch für den originalgetreuen Wiederaufbau von ganzen Altsätdten, aber umgesetzt wenig bis nichts, zumindest in der ersten Wiederaufbauzeit. Und auch dann, wie erwähnt, eher 'rekonstruktiv', mw jedoch kaum spielerisch-surrealistisch.
    @kv2d
    Den Gehirnquetschmarsch aus 'roi ubu' kann ich nur empfehlen: eine scharfe Akkordrepetition aus einem Stockhausenklavierstück, Walkürenritt und so n Triumphmarsch aus der symphonie fantastique
    Und: frühes Entstehungsdatum hin oder her - unübertroffene Spitze an Collagetechnik ist das symphonische Werk Ives' - für mich überhaupt einer der bedeutendsten Komponisten überhaupt (an dieser Einschätzung kann nicht mal mein chronischer Antiamerikanismus rütteln 8))

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Ich habe lange hin- und herüberlegt ob ich hierzu etwas schreiben soll oder nicht. Eines vorweg: ich bin eher ein Freund neuerer Musik als jener Musikrichtungen, die landläufig meist als „klassische Musik“ bezeichnet werden.


    Ich denke einfach bei der Musik ist es wie in so vielen anderen Bereichen: gutes hält sich über einen langen Zeitraum, schlechtes gerät hingegen wieder in Vergessenheit. So hat Beethovens Musik die Zeiten überdauert, weil Beethoven ein überaus fähiger Künstler war, einer der besten Musiker seiner Epoche. Aber auch zu seiner Zeit dürfte es genug schlechte Musiker gegeben haben, über deren Werke heute niemand mehr spricht. Und so werden auch bei der neuzeitlichen Musik die Stücke talentierter Musiker wie der Beatles noch lange bleiben, während der Deutsche Schlager mit seinen „germanischen Schwachsinnigen“ (Zitat eines früheren ORF-Intendanten) langsam in Vergessenheit geraten wird – und dies völlig zu Recht!


    Wenn es da eine Parallele in der Architektur gibt, dann zwischen architektonisch anspruchsvollen Bauten, die entweder besonders gut gelungen sind oder für die Bautechnologie als solche Maßstäbe gesetzt haben, und billiger Investorenarchitektur andererseits, wo es vor allem auf den Profit ankommt – das Gebäude muß möglichst schnell bezugsfertig sein, damit der Rubel rollt.


    Bei den erstgenannten sieht es so aus, daß sie – wie im Falle der Dresdner Frauenkirche – selbst Jahrzehnte nach einer Zerstörung wieder neu errichtet werden, während Investorenbauten oft schon nach zwanzig Jahren ein Fall für den Bulldozer sind.


    Und es gibt durchaus Musik, die man als „Investorenmusik“ bezeichnen könnte: die sog. „Boygroups“ der 90er Jahre waren ein typischer Fall dafür. Es handelt sich nicht um talentierter Nachwuchsmusiker, die selbst entschieden haben miteinander Musik zu machen und aufgrund ihres Talents Erfolg haben, sondern um von Produzenten nach einem festen „Drehbuch“ ins Leben gerufene Bands. Die Musiker werden oft über Annoncen angeworben, der Erfolg stellt sich dann aufgrund des Marketings ein… Die Gruppen bestehen, so lange sie Profit abwerfen, danach läßt man sie in der Versenkung verschwinden, indem man eine Trennung der Mitglieder inszeniert. Ein Beispiel hierfür war /ist die britische Gruppe "Takte That".


    Ebenso reine Kommerzmusik ist die Pseudo-Volksmusik von Gruppen wie den Kastelruther Spatzen. In diesem Fall sind Menschen mit der Sehnsucht nach einer heilen Welt die Zielgruppe – offensichtlich gibt es genug davon, wie der Erfolg der Gruppe beweist. Dieser Musikrichtung könnte man in der Architektur gut den Landhausstil aus dem Baumarkt gegenüberstellen. Ebenso wenig wie der Landhausstil etwas mit traditioneller Architektur zu tun hat, hat diese "volkstümliche Schlagermusik" etwas mit echter Volksmusik zu tun.


    Der gesamten neuzeitlichen Musik aber rein kommerziellen Charakter und geringen künstlerischen Wert zu unterstellen, wäre fatal. Schon zu Zeiten Mozarts haben Musiker nicht nur der Kunst wegen Musik gemacht, sondern mußten auch von etwas leben.


    Eines noch – da im Anfangsbeitrag der Name Le Corbusiers fiel, dem Großmeister der Gewaltarchitektur: da wurde vor nicht allzu langer Zeit ein Lied (im Radio nur noch „Song“) der US-amerikanischen Sängerin Pink mit einem gewalttätigen Musikvideo beworben, das in einem Gebäude gedreht wurde, das aus der Feder Corbusiers hätte stammen können. In dem Film zieht die Sängerin (oder sollte ich aufgrund der „Piercings“ eher sagen: die wandelnde Blechdose?) wirklich alle Register der Gewalt, um ihren Freund davon abzuhalten, sie zu verlassen….


    Dazu fällt mir eigentlich nur ein „Pfui“ ein, aber nicht wegen der Architektur des Gebäudes, sondern wegen dem Inhalt des Videos…