Stuttgart 21

  • Ich denke nicht, daß es den verantwortlichen Politikern um ein "Traumprojekt", wie "AntinomyX" schreibt, geht. Denn für Traumprojekte bräuchte man zuerst auch eigene Träume. Da liegt "Leine1977" mit seiner Einschätzung der Gier nach Medienpräsenz schon näher an der Sache. In Stuttgart spielen eben viele Faktoren ineinander: Eine verunsicherte allemannische Kultur (weit entfernt offenbar etwa vom Stammesbewußtsein der Bayern), eine umtriebige Architektenschaft (die das Geld wittert), ausreichende Finanzmittel, um solche Projekte auch umzusetzen, die beschriebene Mediengier und zudem ein gehöriger Minderwertigkeitskomplex, der der angeblich negativen schwäbischen Behäbigkeit durch umso stärker demonstrierte "Weltoffenheit" und "Modernität" zu entfliehen versucht. Bekannte von mir, die in Stuttgart lebten, preisten einerseits die Lage umgeben von Weinbergen und Wäldern, und kritisierten zum anderen die Spießigkeit der Stadt. Diese Spießigkeit offenbart sich eben auch in Projekten einer überholten Moderne.
    Bleibt zu hoffen, daß man auf die Realisierung des Projekts Stuttgart 21 noch Einfluß nehmen kann, im Sinne einer grünen und doch urbanen sowie der Tradition verpflichteten Stadtviertelgestaltung.

  • Interessante Einblicke erhält man auf der Seite http://www.leben-in-stuttgart.de/:


    "Immer noch gibt es Menschen, die meinen, die Befürworter und Betreiber von Stuttgart 21 haben halt einfach eine falsche Meinung oder wissen es nicht besser, und man müsse ihnen nur mit den richtigen Argumenten kommen. Dabei wird völlig übersehen, dass sich die Herren vielleicht auch anderen Interessen verpflichtet fühlen.
    Wer ein bisschen im Internet stöbert, stellt schnell fest, dass sich die Herren nicht nur kennen, sondern auch einander verbunden sind...":


    Das Stuttgart 21-Kartell
    http://www.leben-in-stuttgart.…s/Stuttgart21-Kartell.doc

  • Ich war bei der Demo, es waren zwischen 6000 und 7000 Bürger anwesend. Auch in Stuttgart gibt es breiten Widerstand gegen Stadtzerstörung, dieses gute Gefühl nahm ich gestern mit nach Hause. :)
    Besonders beeindruckend war die Rede des Architekten Roland Ostertag, der sich seit Jahrzehnten für Denkmäler in Stuttgart einsetzt.

  • wie hast du denn davon erfahren?


    sowas sind doch tolle Möglichkeiten, neue Kontakte mit Interessierten zu bekommen...

  • Ich wage zu bezweifeln dass die Gegner von Stuttgart 21 dies aus städtebaulichen Erwägungen tun. Denen gehts doch einzig um die Verhinderung des Verkehrsprojektes

  • Das wage ich wiederum zu bezweifeln, sowohl die Beiträge von Herrn Ostertag als auch von Dr. Roser von der Arbeitsgemeinschaft Hauptbahnhof Stuttgart legten den Schwerpunkt auf den Erhalt des Denkmals Bonatzbau sowie dessen unmittelbares Umfeld mit Reichsbahndirektion und Schlossgarten, die ebenfalls unter S21 in Mitleidenschaft gezogen würden. Diese Beiträge und der Appell, der Stadt nicht noch weitere Narben zuzufügen, erhielten viel Zustimmung und Beifall unter den Zuhörern. Den Stuttgartern ist eben sehr wohl bewußt, daß die Stadt seit der Ära Klett schon sehr viel bauliche Substanz ohne Not preisgegeben hat, und diesen Kurs nicht weiter verfolgen darf.

  • Quote from "Dirk"

    Ich war bei der Demo, es waren zwischen 6000 und 7000 Bürger anwesend. Auch in Stuttgart gibt es breiten Widerstand gegen Stadtzerstörung, dieses gute Gefühl nahm ich gestern mit nach Hause. :)
    Besonders beeindruckend war die Rede des Architekten Roland Ostertag, der sich seit Jahrzehnten für Denkmäler in Stuttgart einsetzt.


    Im DAF macht man sich über diese Demo lustig, besonders ein bestimmter User (Wagahai) spottet besonders krass rum, als wenn es sich um sein persönliches Bauprojekt handeln würde.
    Er meint die Zahlen seien nur geschönt und es wären höchsten 2000, 3000 Leute gewesen.
    Anscheinend würde er das Projekt auf Gedeih und Verderb durchsetzen, selbst wenn die ganze Stadt dagegen wäre.
    So eine undemokratische Haltung habe ich bisher kaum erlebt.

  • Stuttgart hatte und hat leider seit Kriegsende immer wieder das Pech, von zwar wirtschaftlich erfolgreichen, aber was die "städtebaulichen Qualitäten" betrifft total unfähigen, banalen, nicht weitsichtigen und selbstgefälligen Bürgermeistern regiert zu werden. Während man bei Klett das Ganze noch damit entschuldigen kann, dass die damalige Generation benebelt vom Krieg, Konsumwahn und Fortschrittsglauben jegliches Gespür für eine anständige Wohn- und Stadtbaukultur verloren hatte,
    bin ich beim jetzigen Bürgermeister Schuster total überrascht, wie rücksichtslos und unsensibel er das Ganze durchsetzen will. Anstatt aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen (z. B. Abriss des Kaufhauses Schocken trotz weltweiter Proteste etc.), wird die hirnlose "Abrissbagger-Politik"
    fortgesetzt.

    Der Tiefpunkt der Baukultur wurde in den 60er und 70er Jahren des 20sten Jahrhunderts erreicht...

  • http://www.stuttgarter-zeitung…rmieren-die-buerger-.html


    Haben sicher die meisten schon mitbekommen: Stuttgart 21 wird kommen und damit ist für mich Stuttgart in architektonischer Hinsicht endgültig gestorben.
    Die Bürger wurden nicht gefragt; ein DB-Ersatzmann hat unterschrieben; ein Farce sondersgleichen.
    Im DAF knallen die Sektkorken und es ist die Rede von einer einmaligen und großartigen Chance für Stuttgart.
    Der 2. April 2009 - ein schwarzer Tag für Stuttgart.

  • Ist nicht wahr oder...? Das Scheitern dieses Projektes wäre das beste an der Finanzkrise gewesen. Damit ist auch wohl klar wo ich nie im Leben hinziehen werde. Ich möchte nicht ständig von so einem U-Bahnhof losfahren. Abgesehen davon, das komplette Gleisvorfeld mit allen Kunstbauten steht meines Wissens unter Denkmalschutz. Das war's dennoch damit, statt dessen Hochhäuser und ähnliches.

    Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
    Karl Kraus (1874-1936)

  • Wo stünde diese Stadt, wenn sie nur einen Bruchteil des Geldes, das in derartige Prestigeprojekte gesteckt wird, für ansprechendes Bauen und die Wiederherstellung der verlorenen Altstadt aufwenden würde.:traurigboese: Eine wirkliche Ikone der bundesdeutschen Nachkriegsidentität, die bis heute wirkt: Das kulturelle Bewusstsein ist abhanden gekommen, jeder Selbstwert wird an wirtschaftlichen Erfolg gebunden, ein ekelerregender Hofknicks vor der Wirtschaft folgt dem anderen, bauliche Ästhetik ist jenseits von Fragen der Wirtschaftlichkeit nicht mehr denkbar...

    "Meistens belehrt uns der Verlust über den Wert der Dinge."
    Arthur Schopenhauer

  • Ja, es ist einfach nur noch traurig, was in Stuttgart passiert. Wenn man überlegt, was man alles mit den ganzen Milliarden anstellen könnte, wenn man nur wollte. Es hat ja keiner behauptet, es sei nicht möglich, die komplette Stuttgarter Altstadt zu rekonstruieren. Möglich wäre es sicher, nur machen wird es niemals einer. Die Region ist einfach zu sehr auf wirtschaftliches Denken fixiert. Ob das allein an der schwäbischen Mentalität liegt, sei mal dahingestellt.

  • Quote

    Barbareien wie der Eichstätter Abrißfeldzug der Achtziger, der im Niederlegen des Pirckheimer-Hauses gipfelte, haben nicht nur ein ums andere Mal Unionspolitiker als gesinnungslose Scheinkonservative entlarvt, sondern vielerorts den Sinn für die Bewahrung des architektonischen Erbes überhaupt erst wieder geweckt. Im Aufstand der Enterbten gegen den Verwüstungsfeldzug der Investoren stehen Bürger und Denkmalschützer oft über alle Lager hinweg gegen ignorante Politiker und skrupellose Profitmaximierer.


    Der Kampf ums kulturelle Erbe, der konservativ Gesinnte jenseits der üblichen Links-Rechts-Einteilungen zusammenführen und Identität stiften kann, ist durchaus nicht aussichtslos und des Schweißes der Besten wert. Schließlich ist Denkmalschutz immer auch Verteidigung eines Stücks nationalen Eigenbewußtseins – deswegen wohl sind Denkmalschützer bei Politikern jeder Ebene so unbeliebt.


    Richtig erkannt.

  • Stuttgart 21, der größte Irrsinn in der Geschichte dieser Stadt, ist seit gestern beschlossene Sache, daher aus aktuellem Anlass folgender Artikel:


    Schwabenstreiche


    Es gibt Schwabenstreiche, die werden so wuchtig und treffsicher geführt, daß man zur Rechten wie zur Linken „einen halben Türken herniedersinken“ sieht, wie Ludwig Uhland kündete. Und dann gibt es noch Schwabenstreiche, die gehen so grandios daneben, daß die legendären Schildbürgerstreiche im Vergleich ganz blaß aussehen.


    Das Bahnprojekt „Stuttgart 21“ gehört fraglos zur zweiten Sorte. 33 km Eisenbahntunnel in geologisch hochsensiblem Gelände graben, den halben Hauptbahnhof abreißen und jahrhundertealte Baumbestände abholzen, damit ein leistungsfähiger Kopfbahnhof mit 18 Gleisen als durchgehender besserer S-Bahnhof mit acht Gleisen im dichtbefahrenen Zentrum einer Großstadt unter die Erde vergraben werden kann – das ist freilich ein anderes Kaliber als ein Rathaus ohne Fenster bauen und das Licht dann mit Säcken reintragen wollen.


    Auf die verheißenen neuen Stadtquartiere, die auf den freiwerdenden Gleisflächen entstehen sollen, kann sich auch nur freuen, wen es bei der üblichen Stuttgarter Neubauarchitektur nicht graust. Als „architektonisch besonders wertvoll“ gilt hier simpelstes Bauhaus-Epigonentum der dritten Ableitung – ödes Glas-Beton-Gewürfel mit eintönigen geschleckten Rasenflächen und wie Zinnsoldaten in Reih und Glied gesteckten Rasierpinsel-Bäumchen dazwischen.


    .....


    Ist es deutsch, ist es schwäbisch – dieser blinde Haß auf das überkommene Schöne und Einzigartige, das bedenkenlos dem Profit und dem Modernisierungswahn geopfert wird, ohne nach links und rechts zu schauen? Publizistischer Widerstand wird in den tonangebenden Tageszeitungen praktisch nur noch in Leserbriefen geleistet, die Redakteure halten sich gegenüber den bauwütigen Politikern und Managern vorsichtig zurück. Auch eine Form des Auseinanderklaffens von öffentlicher und veröffentlichter Meinung.


    Gesamter Artikel:
    http://www.jungefreiheit.de/Si…y.154+M58546aaa6a0.0.html

  • Quote

    Der Bundesrechnungshof rechnet mit über fünf Milliarden Baukosten, externe Gutachter mit sechs bis acht.


    Im Fernsehen wurde geäußert, daß man sich hinsichtlich der Baukosten aufgrund der Unwägbarkeiten nach oben hin nicht festlegen könne. Absolut irrsinnig in Zeiten bereits jetzt grassierender Staatsverschuldung. Würde mich nicht wundern, wenn es letztlich Oettingers Kopf kosten könnte.

  • Wie wird denn der Widerstand (Demos) von der Stadt wahrgenommen? Ansonsten echt irrsinnig bis zu acht Milliarden für ein Verkehrsprojekt ausgeben zu wollen! Mir fällt jetzt spontan nicht ein, ob in einer anderen Großstadt so viel Geld ausgegeben wurde…