Denkmalschutz in der Kritik

  • Leipziger


    Ich möchte behaupten, in den Denkmalpflegeämtern bestehen verschiedene Haltungen zu Rekonstruktionen: Die einen sagen, eine Rekonstruktion ist strenggenommen eine Neubauaufgabe (so z.B. die Frauenkirche). Dabei hat die Denkmalpflege erst einmal überhaupt nicht mitzureden. Die anederen monieren, dass bei einer Rekonstruktion in der Regel ein annähernd exakter Zustand des Vorbildes angestrebt wird, also eines verlorenen historischen Bauwerks, das materiell ja überhaupt nicht mehr existiert. Die Wiedererrichter der Frauenkiche können wohl ein Lied davon singen, wie schwierig es trotz guter Quellenlage (Fotos, Pläne, Zeichnungen etc.) und sogar einiger Relikte (der Trümmerberg) war, dieses Ding bis ins Detail nachzubauen. Und nur wenige Bauten sind überhaupt in ihrem unmittelbaren Vorkriegszustand derart gut dokumentiert wie die Frauenkirche (so weit ich weiß eigentlich nur die Kölner Kirchen).



    Wozu führte nun diese Unsicherheit bei vielen Detailfragen der Rekonstruktion? Zu permanenten, wenn auch jeweils sehr kleinen Interpretationen, somit zwangsläufig zu Idealisierungen.
    Die Denkmalpflege hat sich aber etwa zu Beginn des 20. Jahrhunderts zumindest im deutschsprachigen Raum auf Standards geeinigt (dazu entsprechende Schriften von Georg Dehio und Alois Riegl).


    Was meine ich mit "Standards"?


    Die Übereinkunft, dass es primäres Ziel der staatlichen Denkmalpflege sein muss, ein Bauwerk in seinem überkommen Zustand und mit soviel von seiner Substanz wie irgend möglich zu bewahren. Alle Wunden, die einem Gebäude seiner Geschichte geschlagen wurden, sind zu konservieren, da sie unter Umständen wichtige Aussagen über das Gebäude hinaus geben können. Die Geschichte eines Gebäudes sollte erfahrbar, gewissermaßen am Material selbst mit seinen Abnutzungsspuren, Einschusslöchern, Rußschichten und seiner Patina ertastbar sein.


    Wenn denkmalpflegerisches Arbeiten sich überhaupt einer gewissen Nachvollziehbarkeit und Wissenschaftlichkeit unterwerfen möchte, ist dieser "Standard" nach Meinung einer Mehrheit der heute arbeitenden Denkmalpfleger auch in unserer Zeit noch der beste Modus.
    Dass dieses Prinzip des Konservierens der Zeitspuren nicht immer durchzuhalten ist, da oft aufgrund verschiedener Sachzwänge (z.B. Kosten zu hoch, Nutzbarkeit eingeschränkt, konstruktive oder substanzielle Schäden gefährden das Bauwerk) ein Eingreifen und damit ein Verändern unumgänglich ist, zeigt, wie schwer überhaupt der Job der Denkmapflege und des Denkmalschutzes ist. Zumal diese Institutionen seit ihrer Gründung um 1900 unter ständiger Unterfinanzierung leiden.


    Also noch mal: Die Prämisse denkmalpflegerischer Arbeit ist immer noch: Substanzerhaltung.


    Nun zum Pellerhaus:
    Leipziger hat gesagt, dass sich Denkmalerhaltung und Rekonstruktion ergänzen sollten. Dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden. Aber im Fall des Pellerhauses stehen sich die Substanzerhaltung und Reko unversöhnlich gegenüber. Was nämlich hier zum Denkmal erhoben wurde, ist nicht ein Renaissancehaus, sondern ein Bau der Nachkriegszeit auf rekonstruiertem Erdgeschoss. Bei einer Rekonstruktion der Renaissancefassade müsste ein denkmalgeschütztes Gebäude abgerissen werden. Aus Sicht einer im Sinne der Riegl'schen Prinzipien professionellen Denkmalpflege wird denkmalgeschützte Substanz (das heutige Pellerhaus) ersetzt durch einen Neubau (Kopie der Renaissancefassade). Damit ist in diesem Fall die von Leipziger angeregte friedliche Koexistenz von Denkmalerhaltung und Rekonstruktion unmöglich!




    Noch etwas zum Thema Bürgerbeteiligung:
    Meine persönliche Erfahrung mit Architektur ist, dass sich die subjektive Sicht auf ein Bauwerk massiv verändert, nachdem sich mit ihm intensiver befasst hat. Genau das tut übrigens die Bauforschung, eine Kernkompetenz der Denkmalpflegeämter: Es werden schriftliche Quellen (Akten oder Literatur) und restauratorische Befunde am Objekt selbst herangezogen und ausgewertet. Diese langwierige und mühsame Arbeit kann uns erst einen angemessenen Umgang mit einem Bauwerk ermöglichen. Oftmals treten völlig überraschende Befunde zutage, die aus einem einfachen Renaissancebau in Eisleben plötzlich ein Luther-Sterbehaus machen.
    Was ich damit sagen will: Um qualifiziert über ein Gebäude und die Frage, was mit ihm geschehen soll, urteilen zu können, muss man erst einmal tüchtig arbeiten. Im Falle des Pellerhauses heißt das zum Beispiel: Man muss verstehen lernen, warum der Architekt die Ruine damals gerade so umgebaut hat und nicht anders. Was hatte er für Absichten, wie interpretiert er das Vorgefundene, welchen Beziehung hatte er zum Vorgängerbau. Erst wenn wir diese mühsame "Einfühlungsarbeit" geleistet haben, können wir uns einigermaßen qualifiziert über dieses Bauwerk und seine Qualität äußern. Ich nehme an, die Mitarbeiter des Bayer. Landesamtes für Denkmalpflege haben dies getan und sind darauf erst zu dem Schluss gekommen, das (neue) Pellerhaus für schutzwürdig zu befinden, was ja ohne Zweifel ein Gebäude ist, das kaum ein Mensch auf den ersten Blick als besonders ansprechend bewerten würde.
    Genau das, den von mir beschriebenen Einfühlungsprozess in die Geschichte eines Bauwerks, kann eigentlich nur eine mit den entsprechenden Mitteln ausgestattete Institution, wie es ein Denkmalpflegeamt ist, leisten. Der Normalbürger kann das überhaupt nicht, schon deshalb, weil er die Zugänge zu den Informationsquellen nicht kennt. Deshalb sollte man die Bürger auch niemals bei Fragen mitentscheiden lassen, die dnekmalgeschützte Bauten betreffen.

  • Quote

    Alle Wunden, die einem Gebäude seiner Geschichte geschlagen wurden, sind zu konservieren


    Ruinenfetischismus.


    Quote

    da sie unter Umständen wichtige Aussagen über das Gebäude hinaus geben können


    Reduzierung der Bedeutungsvielfalt eines Gebäudes auf eine Geschichtsquelle.
    (Pointiert könnte man auch sagen: Künstliche Herstellung einer Quelle durch den Versuch, Geschichte "einzufrieren", da ohne eine solche Konservierung von "Wunden" eben diese Wunden ja normalerweise "geheilt" würden, was ja seinerseits den Fortgang von Geschichte darstellen würde und daher ebenso Quellenwert hätte.)

  • Quote

    Wozu führte nun diese Unsicherheit bei vielen Detailfragen der Rekonstruktion? Zu permanenten, wenn auch jeweils sehr kleinen Interpretationen, somit zwangsläufig zu Idealisierungen.


    Na und, eine Rekonstruktion ist halt auch "nur" eine Kopie und jede Kopie (außer in der Digitaltechnik) ist fehlerhaft. Die 100%ige Reko wird es also nie geben - und deshalb darf man nicht rekonstruieren? Mit der gleichen Begründung dürfte ich mir also auch kein klassisches Konzert anhören, denn es klingt heute ganz anders als vom Komponisten im 18. Jahrhundert geplant. - Blödsinn!-


    Quote

    Die Denkmalpflege hat sich aber etwa zu Beginn des 20. Jahrhunderts zumindest im deutschsprachigen Raum auf Standards geeinigt (dazu entsprechende Schriften von Georg Dehio und Alois Riegl).


    Standarts die Anfang des 20. Jahrhunderts festgelegt wurden, dürfen doch wohl nach all den danach stattgefundenen Ereignissen, jetzt im 21. Jahrhundert mal hinterfragt und den Verhältnissen angepasst werden.
    Komisch, diese Standarts wurden nicht von den 68igern abgeschafft - die waren doch sonst nicht so zimperlich mit Werten und Normen aus der Vorkriegsära?


    Quote

    Die Übereinkunft, dass es primäres Ziel der staatlichen Denkmalpflege sein muss, ein Bauwerk in seinem überkommen Zustand und mit soviel von seiner Substanz wie irgend möglich zu bewahren. Alle Wunden, die einem Gebäude seiner Geschichte geschlagen wurden, sind zu konservieren, da sie unter Umständen wichtige Aussagen über das Gebäude hinaus geben können. Die Geschichte eines Gebäudes sollte erfahrbar, gewissermaßen am Material selbst mit seinen Abnutzungsspuren, Einschusslöchern, Rußschichten und seiner Patina ertastbar sein.


    Hm, demzufolge hätte man nach der Wende hier im Osten kein Haus sanieren dürfen - immerhin war der Ver- und Zerfall der alten Bausubstanz Ergebnis komplexer geschichtlicher Ereignisse und eines inzwischen abgeschafften Gesellschaftssystems eines sich selbst aufgelösten Staates.


    Quote

    Dass dieses Prinzip des Konservierens der Zeitspuren nicht immer durchzuhalten ist, da oft aufgrund verschiedener Sachzwänge (z.B. Kosten zu hoch, Nutzbarkeit eingeschränkt, konstruktive oder substanzielle Schäden gefährden das Bauwerk) ein Eingreifen und damit ein Verändern unumgänglich ist, zeigt, wie schwer überhaupt der Job der Denkmapflege und des Denkmalschutzes ist.


    Und nun? Ein Bauwerk altert immer, der Zahn der Zeit nagt unerbitterlich, die Nutzung eines Gebäudes ändert sich - was nun? Abreißen? Umbauen? Oder konservieren und leer stehen lassen? Oder besser darüber nachdenken die "Standarts" der veränderten Realität anzupassen und den Spielraum vernünftig erweitern?

    Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert.


    Oscar Wilde (1854-1900)

  • Am Neumarkt entstehen Neubauten, die nach heutigem Stand der Technik gebaut werden und sich optisch an die Vorkriegsbebauung anlehnen. Wo soll da das Problem sein und wozu brauche ich da 2000 Seiten mit irgendwelchen abstrusen Theorien?


    Ich muß doch nur die Praxis des Advanta-Riegels oder neuen Palais anschauen, um zu begreifen, daß diese Vorgehensweise für die Dresdner Innenstadt genau die richtige ist.


    "Die Geschichte eines Gebäudes sollte erfahrbar, gewissermaßen am Material selbst mit seinen Abnutzungsspuren, Einschusslöchern, Rußschichten und seiner Patina ertastbar sein."


    Aha, und wie soll das in der Praxis umgesetzt werden? Mein 70er-Jahre-Wohnblock hier wurde vor kurzem renoviert, jetzt sind die Flecken auf der Fassade verschwunden, so ein Pech aber auch! Schade, daß noch niemand in meine Wand geschossen hat, dann müßte ich nicht mehr so häufig lüften... diese Theorie überzeugt wirklich!


    "da sie unter Umständen wichtige Aussagen über das Gebäude hinaus geben können"


    Wenn aus Geldmangel (wg. Sozialismus) das Dach undicht wird, dann ist das also "ein historisches Ereignis", das konserviert werden muß. Wenn dann wendebedingt Geld da ist und das Dach repariert werden kann, ist das offensichtlich kein "historisches Ereignis" mehr? Aber halt, dann muß ein kleines Stück vom Dach undicht gelassen werden, damit der Betrachter den Unterschied merkt... LOL, das ist nicht nur abstrus, sondern Geschichtsverfälschung.


    Man stelle sich mal vor, diese Thesen wären beispielsweise in Görlitz konsequent umgesetzt worden - dann müßten die Leute dort in einer Art Ruinenlandschaft leben.

  • was war denn das für ein beitrag?
    irgendein 70er jahre wohnblock fällt nicht unter das thema denkmalschutz und materialmangel in der ddr nicht unter die kategorie historisches ereignis.


    man muss nicht jede entscheidung des denkmalschutzes nachvollziehen können. aber wenn man scheinbar gar nichts versteht, muss das ja auch nicht unbedingt an den denkmalschschutz-richtlinien liegen...

  • Quote from "rakete"

    was war denn das für ein beitrag?
    irgendein 70er jahre wohnblock fällt nicht unter das thema denkmalschutz und materialmangel in der ddr nicht unter die kategorie historisches ereignis...


    Warum eigentlich nicht? Und, wer bestimmt das?
    In 10, 20 Jahren wird vom Denkmalschutz nämlich möglichenfalls exakt so argumentiert werden. Es gilt dann vielleicht die 70er-Betonplatte vor möglichen Stadtreparatur-Ideen zu schützen, usw. Denkbar ist es jedenfalls.
    Und wenn die Leute dann mit dem Kopf schütteln, kann auch stets argumentiert werden: Die Bürger der Gegenwart verstehen "scheinbar gar nichts" und sollen doch bitte die Entscheidung späteren Generationen und Kunsthistorikern überlassen.

  • Juan Martillo, noch einige Anmerkungen:


    Quote from "Juan Martillo"

    (...) Wozu führte nun diese Unsicherheit bei vielen Detailfragen der Rekonstruktion? Zu permanenten, wenn auch jeweils sehr kleinen Interpretationen, somit zwangsläufig zu Idealisierungen.
    Die Denkmalpflege hat sich aber etwa zu Beginn des 20. Jahrhunderts zumindest im deutschsprachigen Raum auf Standards geeinigt (dazu entsprechende Schriften von Georg Dehio und Alois Riegl). (...)


    Da die Rekonstruktion keine denkmalpflegerische Maßnahme ist, kann doch die Denkmalpflege kein Problem mit Idealisierungen haben? Im Gegenteil: sobald unsere Zeit kunsthistorisch abgeschlossen ist, dürfen sich die Inventarisierungsabteilungen auf die zeittypisch charakterisierenden Idealisierungen bei den Rekonstruktionen von Baudenkmälern stürzen ;)


    Quote

    Die Geschichte eines Gebäudes sollte erfahrbar, gewissermaßen am Material selbst mit seinen Abnutzungsspuren, Einschusslöchern, Rußschichten und seiner Patina ertastbar sein.


    Leider sorgen solche pathetischen Phrasen, mögen Sie auch etwas treffend auszudrücken versuchen, weniger für Überzeugung als für Mißverständnisse.


    Quote

    Wenn denkmalpflegerisches Arbeiten sich überhaupt einer gewissen Nachvollziehbarkeit und Wissenschaftlichkeit unterwerfen möchte, (...)


    Ein weiterer Fehler in der Kommunikation ist die Arroganz. Um den Denkmalpflege-Übervater Dehio sinngemäß zu zitieren: Alle Denkmalpflege muß vom Volk ausgehen. Die Denkmalpflege arbeitet im Auftrag des Allgemeininteresses, so daß "Kundenfreundlichkeit" eine Selbstverständlichkeit sein sollte.


    Quote

    Genau das tut übrigens die Bauforschung, (...) Diese langwierige und mühsame Arbeit kann uns erst einen angemessenen Umgang mit einem Bauwerk ermöglichen.


    Das ist richtig - und genau hier sollte die konstruktive Zuarbeit der Denkmalbehörden bei Rekonstruktionen ansetzen. Die Unterstützung mit dem Ziel, qualitativ möglichst gute Ergebnisse zu erzielen, ohne dabei den denkmalpflegerischen Ergebnissen kategorischen Vorrang einzuräumen. Dies ist deswegen richtig, weil sie mangels Zusammenhang mit einem noch bestehenden Denkmal strenggenommen nur hypothetisch anzuwenden sind, und andererseits ihre konsequente Durchführung Rekonstruktionen schlichtweg verhindern würde.


    Quote

    Im Falle des Pellerhauses heißt das zum Beispiel: Man muss verstehen lernen, warum der Architekt die Ruine damals gerade so umgebaut hat und nicht anders. (...) Ich nehme an, die Mitarbeiter des Bayer. Landesamtes für Denkmalpflege haben dies getan und sind darauf erst zu dem Schluss gekommen, das (neue) Pellerhaus für schutzwürdig zu befinden,


    Bitte verschone uns mit vorauseilendem Gehorsam irgendwelchen Behörden und "Autoritäten" gegenüber. Das ist unerträglich. Die Begeisterung ist nur von Deiner entflammten Überzeugung von der Richtigkeit Dehio'scher Thesen gespeist, deren Vertreter zu Idolen werden. Auch Denkmalpfleger sind nur Menschen und irren sich, glaube mir. Das BLfD hatte schon bei den ersten Terminen nicht nachgewiesene Positionen geäußert. Die Beschäftigung des Heimatpflegers mit den Archivmaterialien hat dann mehr Erkenntnisse gebracht. Es besteht wirklich kein Grund für eine pauschale Glorifizierung der Denkmalpfleger, auch wenn ihre Leistungen oft zu gering geschätzt werden.


    Einen gewichtigen Anteil für die Qualifizierung als Denkmal hatte im übrigen sicher die Nachwirkung des alten Pellerhauses. Natürlich ist der Neubau nicht ohne die Reste des Altbaues denkbar, aber es ist zu bedenken, daß die meisten Nachkriegsdenkmäler erst seit wenigen Jahren inventarisiert werden. Noch Anfang der 1980er Jahre war der moderne Aufbau noch überhaupt nicht in der Denkmalbschreibung vorhanden, es hieß nach ellenlanger Beschreibung der (großteils rekonstruierten!) Reste und des alten Hauses nur "Vorderhaus modern aufgebaut".


    Quote

    was ja ohne Zweifel ein Gebäude ist, das kaum ein Mensch auf den ersten Blick als besonders ansprechend bewerten würde.


    Eigenartig, daß Du das gerade sagst - als Vertreter der Denkmalpflege, der eine ästhetische Bewertung so fremd ist, daß sie ähnlich der Justitia nur mit Augenbinde allegorisiert werden müßte.


    Quote

    Deshalb sollte man die Bürger auch niemals bei Fragen mitentscheiden lassen, die dnekmalgeschützte Bauten betreffen.


    Das ist ein wesentlicher Fehler: Vielleicht nicht alleine entscheiden, aber mitentscheiden schon.

  • Quote

    irgendein 70er jahre wohnblock fällt nicht unter das thema denkmalschutz und materialmangel in der ddr nicht unter die kategorie historisches ereignis...


    Hier muss ich Heimdall zustimmen: Johannes Fried hat einmal gesagt, dass ein historisches Ereignis nicht definiert werden kann als ein Geschehen in der Vergangenheit, das besondere Bedeutung hat, sondern als ein Geschehen in der Vergangenheit, dem wir besondere Bedeutung beimessen. Anders gesagt: Etwas wird nicht zum Ereignis an sich, sondern die Bewertung als Ereignis hängt von der Fragestellung des Historikers ab. Und die kann in 50 Jahren eine andere sein als heute.
    Natürlich kann ein Historiker in 50 Jahren den Materialmangel in der DDR zum Gegenstand seiner wissenschaftlichen Fragestellung machen. Und dann hätte silesianospostato Recht, der Logik von Juan Martillo zufolge dürften wir nichts sanieren und reparieren, ohne Geschichte zu verfälschen.


    Ich kann sogar noch einen Schritt weitergehen mit folgendem Szenario:
    Ich gehe in den Zoo. Leider bricht an diesem Tag der große böse Bär aus. Meister Petz beißt mir die halbe Rübe ab (na ja, fast). Statt einen Spezialisten aufzusuchen und mein Gesicht auf der Grundlage der derzeitigen medizinischen Möglichkeiten rekonstruieren zu lassen, laufe ich lieber weiter entstellt durch die Gegend, um das Resultat des historischen Ereignisses "Bär greift Resti Orbis an" und somit die Geschichte nicht zu verfälschen.


    Dieses leicht übertriebene und bizarre Beispiel macht doch etwas deutlich: Eine Maßnahme, die den Bedürfnissen unserer Gegenwart entspricht, stellt keine Verfälschung der Geschichte dar, sondern ist vielmehr die Geschichte von morgen. Die "Wunden" eines Gebäudes zu "heilen" hat, wie ich bereits ausgeführt habe, für die Nachwelt ebenfalls Quellenwert: Sie vermittelt nämlich späteren Generationen, wie es um den Stand unserer technischen Möglichkeiten bestellt war, so etwas durchführen zu können. Im Grunde ist das "authentischer" als die eher künstlicher Konservierung von Schäden, die jeder normal denkende Mensch doch irgendwann beseitigen würde.

  • Genau: In China fällt der berühmte Sack Reis um, und man darf ihn nicht mehr aufheben :gg:


    Ob ein Mensch mit einem Gebäude gleichgesetzt werden kann, wage ich gefühlsmäßig zu bezweifeln, wobei mir der Vergleich auch schon kam.


    Denkmalpflege oder nicht, beides kann später untersucht werden: ich stelle mir schon jetzt die Begeisterung über die hochkultivierte Denkmalpflegewissenschaft an der Wende vom 20. zum 21. Jh. vor, wenn Hausforscher späterer Jahrhunderte entdecken, wie z. B. Originalbefunde partiell sichtbar gelassen wurden etc.


    Aber wenn wir reparieren und modifizieren, dann sichern wir doch diesen künftigen Hausforschern Arbeit, Abenteuer und Ruhm :) Vor allem ist es sicher eine enorme Sensation, wenn in hunderten von Jahren herauskommt, daß ein Gebäude, das für wesentlich älter gehalten worden war, sich als Rekonstruktion entpuppen sollte ... :)

  • "irgendein 70er jahre wohnblock fällt nicht unter das thema denkmalschutz und materialmangel in der ddr nicht unter die kategorie historisches ereignis. "


    Wieso denn nicht? Völlig belanglose (aus meiner Sicht) Gebäude werden unter Denkmalschutz gestellt, nur weil sie für eine bestimmte Epoche typisch waren. Weshalb dann nicht auch einen typischen Wohnblock mit damals typischer Farbgebung schützen?


    Und weshalb soll andauernder Materialmangel als Folge des Wirtschaftssystems kein historisches Ereignis sein?

  • Quote

    Ob ein Mensch mit einem Gebäude gleichgesetzt werden kann, wage ich gefühlsmäßig zu bezweifeln, wobei mir der Vergleich auch schon kam.


    Gut, ich nannte mein Beispiel ja auch selbst "leicht übertrieben" und "bizarr".


    Dennoch macht dieses Beispiel etwas deutlich: Nämlich dass die Grenze zwischen Schäden, die erhalten bleiben müssen, und Schäden, die repariert werden dürfen, doch willkürlich gezogen wird. Tatsächlich wäre die Beschädigung meines Gesichts durch einen Bärenangriff ja auch ein Vorgang, der - aus welchen Gründen auch immer - einen späteren Historiker interessieren und von ihm daher in den Rang eines historischen Ereignisse gehoben werden könnte. Man kann natürlich einwenden, dass der sich ohnehin recht schnell verändernde menschliche Körper schwieriger konserviert werden kann als ein bestimmter Zustand eines Gebäudes, zumindest so lange der Körper noch lebt.


    Aber dennoch fragt man sich, warum man denn dann die zerbombten Innenstädte nicht alle konserviert hat... :augenrollen:

  • Quote from "silesianospostato"

    "irgendein 70er jahre wohnblock fällt nicht unter das thema denkmalschutz und materialmangel in der ddr nicht unter die kategorie historisches ereignis. "


    Wieso denn nicht? Völlig belanglose (aus meiner Sicht) Gebäude werden unter Denkmalschutz gestellt, nur weil sie für eine bestimmte Epoche typisch waren. Weshalb dann nicht auch einen typischen Wohnblock mit damals typischer Farbgebung schützen?


    Und weshalb soll andauernder Materialmangel als Folge des Wirtschaftssystems kein historisches Ereignis sein?


    Zustimmung!
    Ab wann wird ein Gebäude zum Denkmal - sofort, wenn es etwas besonderes ist? Erst nach 10 Jahren oder 100? Wenn im oder am Gebäude etwas besonderes statt fand? Wenn dort eine Berühmtheit geboren wurde, wohnte oder starb? Wenn es besonders hässlich oder besonders schön ist? Wenn es zwar monumental aber nutzlos ist oder wenn es nützlich aber klein ist? Wer bestimmt was ein Denkmal ist - darf ein Gebäude nur ein Denkmal sein, wenn es nützlich für den Tourismus ist und es wilden Stadtplanungsideen nicht im Weg steht? Warum kann eine Reko kein Denkmal sein? Warum ist eine nutzlose Burgruine ein Denkmal und die wiederaufgebaute Dresdner Frauenkirche nicht? Warum steht der lange Plattenbauriegel auf der Prager Straße in Dresden unter Denkmalschutz und wird trotzdem durch die Sanierung optisch total verändert - und warum stehen die Plattenbausiedlungen in Prohlis und Gorbitz als Gesamtensemble nicht unter Denkmalschutz? Ist die Entscheidung ob ein Gebäude ein Denkmal ist oder nicht, nicht bereits eine subjektive Entscheidung die geprägt ist durch den Zeitgeist oder, schlimmer noch, durch die politische Einstellung der entscheidenden Experten? Oder ist sie gar eine rein politische Entscheidung?
    Ich denke nur an die Aussage einer gewissen Fr. Oexle zu den Kellern am Neumarkt - da ihre persönliche Vorliebe als Archäologin erst vom Mittelalter rückwärts galt, entschied sie, das die Keller am Neumarkt nicht schutzwürdig seien, obwohl sie durchaus viel Geschichte hätten erzählen können. Immerhin haben diese Keller den 7jährigen Krieg erlebt und in ihnen starben in der Bombennacht `45 viele Menschen und sie hätten die Rekos glaubwürdiger gemacht, sie quasi in der Vergangenheit wurzeln lassen. Aber ein "Experte" hat nunmal nach seinen, ganz persönlichen Maßstäben entschieden! Oder gab es Druck durch die Bauherren und der Stadt? Wenn ja, wie kann es sein? Ich denke die Bürger dürfen über sowas nicht entscheiden, sondern nur Experten - sind Politiker Experten? Oder holen die sich die passenden Experten nur, damit diese die von den Politikern und Investoren bereits getroffenen Entscheidungen verkünden?
    Sind Experten wirklich unabhängig, sind deren Entscheidungen immer objektiv? Mal drüber nachdenken!


    Quote

    Deshalb sollte man die Bürger auch niemals bei Fragen mitentscheiden lassen, die dnekmalgeschützte Bauten betreffen.


    Warum denn nicht? Man sollte doch einfach mal mit den Menschen reden, ihnen die Entscheidungen auch mal erklären! Nicht einfach immer von oben herab alles diktieren, denn dann hat der Normalbürger natürlich kein Verständnis für so einiges an Entscheidungen. Und immer daran denken: der Normalbürger bezahlt das alles (auch den Job des Denkmalschützers), also sollte er schon noch mitreden dürfen.
    Und warum nicht auch ästethische Kriterien mit einfließen lassen (es gibt auch Nachkriegsarchitektur die "schön" ist!) - Schönheit, bzw. das was als Solche empfunden wird, ist nicht zu 100% subjektiv, es gibt dafür sogar mathematische Formeln.


    Quote

    Aber dennoch fragt man sich, warum man denn dann die zerbombten Innenstädte nicht alle konserviert hat...


    Das frage ich mich auch. Vor allem, für Leute die Dehio als den Messias der Denkmalpflege ansehen, muß es doch ein Graus sein.


    Mir kommt es in letzter Zeit einfach so vor, als ob die Generation der Gutmenschen, Weltverbesserer und Alt-68iger, also die, die nach dem Krieg alles wegwischten und Tatsachen schafften um die autofreundliche oder die sozialistische Stadt zu bauen, das diese Leute ihren Stern versinken sehen und nun noch schnell alles was sie verbrochen haben unter Denkmalschutz stellen und auch noch schnell dafür sorgen, daß der letzte Rest deutscher Geschichte in den Städten ausradiert wird. Sonst käme ja noch jemand auf die Idee, das deutsche Geschichte mehr als nur das 3. Reich und die Nachkriegszeit ist.

    Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert.


    Oscar Wilde (1854-1900)

  • In der aktuellen Diskussion möchte ich beispielhaft das ehemalige Kapuzinerkloster in Rottweil erwähnen, das nun endlich Gelder zur
    Sanierung von Seiten des Gemeinderats bewilligt bekommen hat.


    Vorab ein paar Außenansichten
    sowie eine Ansicht zum geplanten Umbau,
    was infolg kritische Stimmen in Richtung
    derzeit praktizierter Denkmalpflege
    laut werden ließ.






    Quelle: http://www.rwbilder.de">http://www.rwbilder.de




    Quelle: http://www.nrwz.de">http://www.nrwz.de



    nrwz, 17.10.2007


    Kapuziner wird Opfer einer Modeströmung


    Nachdem die Zweifler zum Kapuzinererhalt ausgespielt haben, ergibt sich das nächste Problem: Die unvergleichliche Stärke der neuen alten Begegnungsstätte ist sicherlich das historische Flair, das es nun herauszuheben gilt. Leider ist der derzeitige Trend der Denkmalschutzbehörde, den man sicherlich nur als Modeströmung ansehen kann, verloren gegangene Teile nicht nach Möglichkeit original zu ersetzen, sondern durch modernere Bauteile, also Aluminium, Glas und Beton zu ergänzen. Dass dadurch die „Stimmung“ des antiken Gebäudes stark beeinträchtigt sein kann, versteht sich von selbst.


    Diese Mode dürfte so vergänglich sein, wie die Mode der Glasbausteine in den 60er Jahren.


    Sinnvoll ist es im vorliegenden Fall, die historischen Funktionen des Bettelordenklosters zumindest annähernd wieder sichtbar zu machen. Im vorliegenden Beispiel sollte etwa der Kreuzgang wieder so hergestellt werden, dass er auch als solcher erkennbar ist, das heißt, wie in allen Klöstern üblich, ein kleines Mäuerchen rund um den Innenhof, mit roter Sandsteinbedeckung, darauf die Holzsäulen (reiche Klöster haben Steinsäulen), die das biberschwanzgedeckte Pultdach tragen.


    Als Konzession an die Moderne können die Räume zwischen den Stützbalken durch Glasflächen verschlossen werden, sodass der Regen von den Besuchern abgehalten wird, was ja durchaus sinnvoll wäre.


    Der „Sonnensaal“, im Historismus der Gründerzeit erbaut, sollte so auch erhalten und komplettiert werden. Die alten Türen sollen ja noch vorhanden sein. Die Galerie sollte mit einem gründerzeitlichen Geländer versehen werden, nicht mit einem Geländer vom Baumarkt, wie leider die Balustrade am Alten Rathaus verunziert wurde.


    Das Refektorium mit seiner Barockdecke sollte auch wieder Barocktüren mit Barockschlössern erhalten, die Inneneinrichtung wird natürlich modern sein. Daß das Auftreiben historischer Bausubstanz ein Architekturbüro überfordert, was wahrscheinlich die Ursache für den Trend zur modernistischen Ergänzung ist, ist klar. Aber hier könnte eine Aufgabe für den Verein [Anmerk.: gemeint ist die Bürgerinitiative zum Erhalt des Kapuzinerklosters] sein, originales historisches Baumaterial von Recyclingfirmen und Hausabbrüchen aufzustöbern. Eine lohnende Aufgabe, um das Flair des alten Klosters zu retten.


    Als Beispiel für diese Tendenz wäre das allerneuste Bestreben Frankfurts zu nennen, die Altstadt ganz original wieder aufzubauen. Auch die Frauenkirche in Dresden lässt grüßen. Das Freiburger Denkmalschutzamt sollte dem nicht hinterherhinken.


    Dr. med. Dipl.-Ing. Hansjörg Deck, Rottweil


    Quelle: http://www.nrwz.de">http://www.nrwz.de


    Jeder, der sich die Fähigkeit erhält Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.
    www.archicultura.ch

  • @ Stefan
    Interessanter Beitrag. Besonders dies:

    Quote

    Leider ist der derzeitige Trend der Denkmalschutzbehörde, den man sicherlich nur als Modeströmung ansehen kann, verloren gegangene Teile nicht nach Möglichkeit original zu ersetzen, sondern durch modernere Bauteile, also Aluminium, Glas und Beton zu ergänzen. Dass dadurch die „Stimmung“ des antiken Gebäudes stark beeinträchtigt sein kann, versteht sich von selbst.


    Diese Mode dürfte so vergänglich sein, wie die Mode der Glasbausteine in den 60er Jahren.


    Hoffen wir, das diese "Mode" bald vorbei geht.
    Meiner Meinung nach, wird mit diesen "zeitgenössischen" Materialien doch eigentlich das Denkmal entwertet (von der Zerstörung des Flairs mal abgesehen). Zeigt es denn nicht mehr Respekt gegenüber dem alten Bauwerk, wenn man es möglichst unauffällig repariert und ergänzt?


    Quote

    Das Refektorium mit seiner Barockdecke sollte auch wieder Barocktüren mit Barockschlössern erhalten, die Inneneinrichtung wird natürlich modern sein. Daß das Auftreiben historischer Bausubstanz ein Architekturbüro überfordert, was wahrscheinlich die Ursache für den Trend zur modernistischen Ergänzung ist, ist klar. Aber hier könnte eine Aufgabe für den Verein [Anmerk.: gemeint ist die Bürgerinitiative zum Erhalt des Kapuzinerklosters] sein, originales historisches Baumaterial von Recyclingfirmen und Hausabbrüchen aufzustöbern.


    Das ist doch im Endeffekt ein Armutszeugnis unserer heutigen Zeit und auch der Architekten. Warum kann man denn nicht etwas Neues im Stil des Barock erschaffen? Wir verfügen doch über all das notwendige Wissen. Warum darf oder kann man nicht kreativ sein für so eine Aufgabe? Sollte die Gesamtwirkung, also das Flair eines Gebäudes, nicht oberste Priorität haben? Kann man sich nicht endlich einmal von diesen schwachsinnigen Dogmen trennen?!

    Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert.


    Oscar Wilde (1854-1900)

  • @silesianopastato:
    das thema hier lautet "denkmalschutz in der kritik". da macht es wenig sinn über ein gebäude zu schreiben, dass nicht unter denkmalschutz steht. es sei denn, man beklagt genau diesen umstand - aber das ist bei deinem 70er jahre wohnblock ja nicht der fall.


    zu den spuren der zeit an häusern: dass dächer undicht werden, wenn sie nicht instand gehalten werden, ist kein zeittypisches phänomen - so etwas würde jederzeit wieder eintreten. anders verhält es sich mit spuren der vergangenheit, die man unwiderbringlich wegsanieren würde, zum beispiel mit alten reklame-hinweisen oder schriftzügen wie "mittagstisch 1. stock", "heissmangel im hinterhof" etc. ich persönlich bedauere, dass bei sanierungen noch leserliche schriftzüge wie "lsr" (für luftschutzraum) über kellerfenstern oder "zum auffangplatz ->" verloren gehen. solche spuren haben keine physikalischen, sondern zeitgeschichtlich bedingte ursachen und sollten meines erachtens deshalb nicht wegretuschiert werden.


    Restitutor Orbis:
    wie du prinzipiell sehr richtig anmerkst, geht man bei speziellen problemen zu spezialisten, weil die davon mehr ahnung haben. so ungefähr wird es sich wohl auch bei denkmalschützern in bezug auf denkmalgeschützte bausubstanz verhalten.

  • Quote

    das thema hier lautet "denkmalschutz in der kritik". da macht es wenig sinn über ein gebäude zu schreiben, dass nicht unter denkmalschutz steht. es sei denn, man beklagt genau diesen umstand - aber das ist bei deinem 70er jahre wohnblock ja nicht der fall.


    Aber natürlich. Die Kritik am Denkmalschutz bezieht sich dann doch gerade auf die Kriterien, was unter Schutz gestellt wird und was nicht (= Vorwurf der Willkürlichkeit).


    Quote

    wie du prinzipiell sehr richtig anmerkst, geht man bei speziellen problemen zu spezialisten, weil die davon mehr ahnung haben. so ungefähr wird es sich wohl auch bei denkmalschützern in bezug auf denkmalgeschützte bausubstanz verhalten.


    Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich...


    Der Arzt, der mein Gesicht rekonstruieren soll, ist kein Geisteswissenschaftler. An den medizinisch-technischen Fortschritt braucht man nicht "glauben", er ist nachweislich da.


    Der Denkmalschutz hingegen stellt mit seinen Positionen nicht der Weisheit letzter Schluss dar. Er ist, wie hier bereits dargestellt wurde, von modischen Strömungen abhängig, nimmt aber dennoch Wissenschaftlichkeit für sich in Anspruch. Da muss er sich Kritik gefallen lassen. Nimm mal als Beispiel die Geschichtswissenschaft: Hier ändert sich der aktuelle Forschungsstand zu manchen Quellen alle paar Jahre, da der Zeitgeist sich ändert und damit auch die "zeitgeistige Brille", durch die die Quelle gesehen wird. Diese Tatsache wiederum ist selbst Gegenstand geschichtswissenschaftlicher Darstellungen: Wieso war z. B. die Fachwelt in den 70ern mehrheitlich in Bezug auf eine bestimmte Quelle der gegenteiligen Meinung als die heutige Fachwelt?
    Und glaube mir, im pädagogisch-didaktischen Bereich ist es noch schlimmer: Das, was vor 1-2 Jahren von allen Experten angepriesen wurde als der einzig seelig machende Königsweg, ist dann heute schon wieder veraltet und rückständig.


    Also: Die "Wissenschaft" ist auf manchen Teilgebieten oftmals überhaupt nicht wissenschaftlich, sondern mode- und trendabhängig. Ich habe im Hinblick auf den Denkmalschutz bisher wenige selbstkritische Positionen gesehen und gehört....

  • So sehr gehts hier nicht um Wissenschaft. Die Denkmalschützer sagen auch nicht mehr als: Was nicht erhalten ist, das baut mal in heutiger Formensprache. Wie es am Schluss umgesetzt wird ist vom Architekten abhängig, der in seinem Selbstverständnis Künstler ist. und seine subjektive Auslegung des "Zeitgemäßen" überträgt er einfach auf die ganze heutige GEsellschaft. Siehe Kulka, der sehr stolz darauf ist, dem Dresdner Schloss eine "heutige" Zeitschicht ergänzen zu können.


  • Stefan


    Ausgezeichnet! Dieser Artikel bestätigt die Unbeweglichkeit und Ideologieverbohrtheit des sogenannten Denkmalschutzes. Diese Behörde wird ihrem Namen leider nicht gerecht, weshalb sie unter der Bevölkerung auch nur wenig Akzeptanz findet.


    Aber auch diese letzte Ideologie des 20. Jahrhunderts wird demnächst einmal fallen müssen.

    „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“ (Sir William Scott)

  • Restitutor Orbis:
    es bleibt allerdings unsinn, über eine nicht denkmalgerechte sanierung eines nicht denkmalgeschützten 70er jahre wohnblocks zu räsonieren. du beschwerst dich in einem restaurant ja auch nicht beim koch über ein gericht, dass gar nicht auf der karte steht.


    Vitruv: eine macht-was-ihr-wollt-einstellung kann ich aus eigener erfahrung nicht bestätigen. in leipzig wurden und werden massenhaft auf druck des denkmalschutzes dächer, giebel und ecktürmchen rekonstruiert. natürlich haben denkmalschutzauflagen nur sinn, wenn sie im wirtschaftlich zumutbaren rahmen bleiben.
    (oder für restitutor orbis: ein arzt macht auch nur das, was ihm bezahlt wird.)

  • @ rakete:


    Quote

    Restitutor Orbis:
    es bleibt allerdings unsinn, über eine nicht denkmalgerechte sanierung eines nicht denkmalgeschützten 70er jahre wohnblocks zu räsonieren. du beschwerst dich in einem restaurant ja auch nicht beim koch über ein gericht, dass gar nicht auf der karte steht.


    Sorry, rakete, aber deine Argumentation ist gerade völlig unlogisch.


    Wenn ich die Kriterien, nach denen der Denkmalschutz Gebäude auf seine Listen setzt, kritisieren möchte, dann muss ich logischerweise einen Blick darauf werfen, welche Gebäude geschützt werden und welche nicht, um einen entsprechenden Vergleich anstellen zu können. Ich kann überhaupt nicht nachvollziehen, welche merkwürdigen Denkverbote du hier durchsetzen möchtest.


    Quote

    (oder für restitutor orbis: ein arzt macht auch nur das, was ihm bezahlt wird


    Unter bestimmten Umständen kann ich den Arzt, falls er mir Hilfe verweigert, weil ich ihn nicht bezahlen kann, wegen unterlassener Hilfeleistung anzeigen.