Denkmalschutz in der Kritik

  • Hab mich vorhin ein wenig patschert ausgedrückt... Natürlich bin ich dafür, Denkmalschutz mit seinen Konsequenzen streng auszulegen. Und eine Aufhebung kommt überhaupt nur in FRage, wenn
    a) genügend gleichwertige Beispiele vorhanden sind UND
    b) der an dieser STelle entstehende Nachfolger in künstlerischer/städtebaulicher Hinsicht einen Mehrgewinn darstellt - wie dies eine Rekonstruktion darstellt.
    Da wird es wohl immer einen Zwiespalt geben, eine solche Entscheidung bleibt subjektiv und man muß wohl in Kauf nehmen, daß spätere Generationen das dereinst vielleicht missbilligen - so wie ja auch die Rekonstruktionen und "Vollendungen" des Historismus missbilligt wurden - bis in den letzten Jahren ihr Mehrwert erkannt wurde.


    Quote

    wieviele gründerzeitler wären für leipzig genügend?)


    Dazu ein Blick nach Wien: Hier, wo Rekonstruktionen ja kein Thema sind, liegt das Hauptproblem im leichtfertigen Umgang mit der gründerzeitlichen Bausubstanz. Es scheint genügend da, aber was anstelle der abgebrochenen Häuser entsteht ist meilenweit entfernt davon, gleich- oder mehrwertig zu sein. Hier kann als Motto nur gelten: Wehret den Anfängen, soviel erhalten wie möglich (Ensembleschutz!), Abbrüche nur in Ausnahmefällen!


    []

    ... und wenn jetzt nicht ganz allgemeine und durchgreifende Maßnahmen angewandt werden, so werden wir in kurzer Zeit unheimlich nackt und kahl wie eine Kolonie in einem früher nicht bewohnten Lande dastehen... (Schinkel 1815)

  • Roverandom:
    für "patschert" gibt es schon mal jede menge pluspunkte. und jetzt ist mir auch klar, was du meinst.


    ein wichtiger punkt ist halt, dass der denkmalschutz ja bauten für künftige generationen bewahren soll. und natürlich kann heute niemand mit sicherheit sagen, wie in zukunft über heutige umbauten oder abrisse gedacht werden wird. das erklärt vielleicht die tendenz, im zweifelsfall möglichst bestehendes denkmalgeschütztes zu bewahren. zuweilen wird daraus die - meiner meinung nach fälschliche - schlussfolgerung gezogen, damit irgendwelche anderen absichten zu verfolgen.


    mal abgesehen davon, was man vielleicht als "schön" oder "schöner" empfinden mag - die jetzige pellerhausfassade ist ein hochinteressantes beispiel für die wenigen ausnahmen, die es beim wiederaufbau gab. meist wurden ja einfach die trümmer abgeräumt.
    viel zu selten wurden nach dem krieg und vor dem abriss die fassaden geborgen, um sie für künftige neubauten wieder zu verwenden, wie z.b. hier
    http://www.fotothek-mai.de/khmaireg-gal-5.html\r
    http://www.fotothek-mai.de/khmaireg-gal-5.html
    viel zu selten wurden häuser so errichtet, dass sie als eine gelungene fortschreibung der baugeschichte gelten könnten, wie z.b. hier
    http://images.google.de/imgres?imgurl=http://www.dv-s.de/pro/imgb.php%3Fc%3D1102&imgrefurl=http://www.dv-s.de/pro/show.php%3Fl%3Dde%26c%3D1102&h=390&w=390&sz=35&hl=de&start=3&tbnid=bj4L2hffp53WpM:&tbnh=123&tbnw=123&prev=/images%3Fq%3Dalte%2Bwaage%2Bleipzig%26gbv%3D2%26svnum%3D10%26hl%3Dde%26sa%3DG\r
    images.google.de/imgres?imgurl=h ... e%26sa%3DG


    das pellerhaus ist wiederum speziell. die alte fassade ist wohl nicht mehr vorhanden und es ist kein reiner neubau. es ist der durchaus geglückte versuch einer symbiose. genau wie man die wege, die bei "deutrichs hof "oder der "alten waage" beschritten wurden, nicht negieren sollte, sollte man meines erachtens auch nicht die spuren der nachkriegs-pellerhausfassade verwischen. von solchen sonderwegen gab es im nachkriegsdeutschland nicht zu viele, sondern zu wenige. doch es gab sie - und darauf kann man ruhig sogar stolz sein. wenn auch vielleicht erst in hundert jahren.
    aber dafür müssten sie halt erhalten bleiben...

  • Bei "Deutrichs Hof" oder der "Alten Waage" stehen aber die Fassaden noch, und gerade deshalb sind sie noch erträglich. Am Marktplatz in Weimar gibt es auch ein Haus, das genauso wie die "Alte Waage" rekonstruiert worden ist: der Giebel originalgetreu, der Seitenmauer zur Gasse hin angepasst modern. Vielleicht war das zu einem bestimmten Zeitpunkt Brauch in der DDR.


    Ein ähnlicher Bau wie das Pellerhaus ist zB. das Kölner Rathaus, wo ältere Ästhetik und neuere Hässlichkeit miteinander verzahnt sind. Und eigentlich ist die ganze heutige Kölner "Altstadt" so. Es gibt da wirklich keine Mangel! Dort sind schon einige solche Zwitterwesen. Das Ensemble wird in den letzten und kommenden Jahren von gehobenen Kuben aus Naturstein und Glas abgerundet.

    VBI DOLOR IBI VIGILES

  • Brandmauer:
    habe vieles wieder gelöscht, um auf das eigentliche thema "denkmalschutz in der kritik" zurück zu kommen:
    kritik am denkmalschutz gibt es wohl, seit es ihn gibt. die hat ihn übrigens bestimmt nicht schlechter gemacht.
    wenn aber ein denkmalschützer deine kriterien ("finde ich hässlich" und "gibt´s anderswo auch") als entscheidungsgrundlage nähme, dann würde diese kritik ganz sicher nicht verstummen, denn damit liesse sich jedes haus abreissen. genau wie damals, als es noch keinen denkmalschutz gab.


    das wird ja nun esrt recht keiner wollen.

  • rakete
    Du vergasst mein wichtigstes: stand dort vor dem 2. Weltkrieg etwas einzigartiges, das man heute nicht vermissen moechte? Wie hier schon oft ausgefuert ist: auch ich halte die Situation in Deutschland auf diesem Gebiet seit dem Zweiten Weltkrieg fuer etwas ganz singulares, weil in dieser Krieg wie wohl nirgendwo sonst die wichtigsten Teile des baulichen Erbes, regional und national, ausgelesen und seriell zerstoert worden sind. Das war eben das Wesen des britischen Bombenkrieges, alleine schon wegen der vorzueglichen Brennbarkeit von Bausubstanz von vor dem 19. Jh.
    In Leipzig mag man die Folgen etwas weniger spueren denn in Koeln, Frankfurt am Main oder Stuttgart. Aber solche letztgenannte Staedte sind von ihrem Vorkriegsbestand an Baudenkmaeler aus gesehen eine einzige Brache und Provisorium, etwas stark gesprochen, natuerlich, aber dennoch...

    VBI DOLOR IBI VIGILES

  • siehst du, da wärst du auch nicht damit einverstanden, wenn jemand darauf einfach antworten würde "in görlitz, zittau und anderen städten gibt es doch dutzende ähnlicher renaissancefaasaden" oder "mir gefällt der baustil xy sowieso nicht".
    und schon gar nicht, wenn so etwas jemand vom denkmalschutz sagen würde.


    der entscheidungsprozess, wie man mit (z.t. mehrfach) umgebauten häusern umgeht, ist halt doch vielschichtiger. barock überformte renaissancebauten werden ja auch nicht in ihren originalzustand zurückversetzt. in leipzig ist mir nur webers hof
    http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/b/bf/Leipzig_Webers_Hof_Gesamtansicht.jpg/450px-Leipzig_Webers_Hof_Gesamtansicht.jpg\r
    upload.wikimedia.org/wikipedia/c ... nsicht.jpg


    bekannt, bei dem die gründerzeitliche dachlandschaft zugunsten des renaissancegiebels zurückgebaut wurde. im normalfall wird die baugeschichte eines hauses respektiert, wenn es sich - wie offensichtlich beim pellerhaus - nicht um einen als provisorium ausgelegten umbau handelt.


    abgesehen von den aufgaben des denkmalschutzes gilt wohl für alle städte: statt gelungenes wieder abzureissen, wäre es gewinnbringender, tatsächliche brachen und provisorien qualitätvoll zu bebauen.

  • Als "Normalfall" ist die Devise des modernen Denkmalschutz "Konservieren, nicht rekonstruieren" richtig und gut, aber in Ausnahmefällen darf mMn auch davon abgesehen werden. Ich finde es schön, daß in Deutschland mancherorts dieser Mut zur Rekonstruktion gefunden wurde und sehe das als eine Art Ausgleich zu den vielen Fällen, in denen nicht einmal das erste Prinzip, das Konservieren, gelingt, weil alte Bausubstanz umgebaut, modernisiert, entkernt und zerstört wird.


    Nochmal zum Pellerhaus bzw. der Alten Waage: Diese Bauten lösen - ich denke mal, nicht nur bei mir - Befremden aus. Wenn hier, wie du sagst, ein Fortschreiben der Baugeschichte vor Ort stattfindet, dann wohl nur über den gewaltigen Bruch mit der Tradition, den die Moderne in der Architekturgeschichte vollzogen hat. Ich verstehe zwar, daß das interessant, zeittypisch und bis zu einem gewissen Grad auch schützenswert ist, aber vom Empfinden her bleiben diese Fassaden Fremdkörper.
    Und von meinem laienhaften Standpunkt aus: die Pellerfassade scheint mir absolut nicht gelungen, auch an Zeitmaßstäben gemessen: dieser komische Fassadenabschluß mit den Bögen ist unausgereift, als ob sich der Architekt nicht durchringen konnte zu einem wirklich repräsentativen Element.

    ... und wenn jetzt nicht ganz allgemeine und durchgreifende Maßnahmen angewandt werden, so werden wir in kurzer Zeit unheimlich nackt und kahl wie eine Kolonie in einem früher nicht bewohnten Lande dastehen... (Schinkel 1815)

  • genau das ist der punkt.
    ein "bruch mit der architekturgeschichte" wäre gewesen, den restlichen pellerhaus-stumpf plattzumachen und völlig losgelöst von ihm irgend etwas anderes zu errichten. so, wie es tausendfach gemacht wurde. gerade das ist hier - zum glück - nicht geschehen.


    diese fassade ist ein zeugnis dafür, dass und wie sich die moderne mit der architekturgeschichte auseinandergesetzt hat. wenn man solche (durchaus seltenen) zeugnisse vernichten würde, entstünde tatsächlich der eindruck eines "bruchs", der jedoch ahistorisch wäre. auch gerade darin liegt der denkmalswert dieser fassade.
    und nicht darin, ob sie für den heutigen geschmack genügend oder ungenügend "repräsentative elemente" aufzuweisen hat.

  • rakete


    Ich bin mir sicher, daß es nachvollziehbare Gründe dafür gab, das neue Pellerhaus unter Denkmalschutz zu stellen. Und meine Kritik an der Architektur ließe sich auf zahllose andere 50er Jahre Bauten übertragen - damals wurde meist anspruchslos und in bescheidenen Formen gebaut. Vielleicht ist das Problem in dem Zusammenhang generell die Denkmalwürdigkeit der 50er Jahre, vielleicht war es zu früh, hier Denkmalschutz auszusprechen, bevor noch Stadtreparatur als verspätete Folge des Wiederaufbaus stattfinden kann. Ein Indiz dafür wäre, daß Fälle wie das Pellerhaus so umstritten sind. Meiner Meinung nach liegt hier einer der Ausnahmefälle vor, in denen man Denkmalschutz zugunsten einer Rekonstruktion aufheben dürfte. Aber wie auch immer: Es ist das die Angelegenheit der Nürnberger selbst.

    ... und wenn jetzt nicht ganz allgemeine und durchgreifende Maßnahmen angewandt werden, so werden wir in kurzer Zeit unheimlich nackt und kahl wie eine Kolonie in einem früher nicht bewohnten Lande dastehen... (Schinkel 1815)

  • Roverandom:
    dein gedanke "das ist die angelegenheit der nürnberger selbst" ist sehr interessant, denn er berührt gleich zwei wesentliche punkte:


    1. sollte über denkmalwürdigkeit quasi "basisdemokratisch" entschieden werden?
    2. kann eine solche frage ausschliesslich oder letztendlich unter lokalen aspekten entschieden werden?


    diese - und noch andere fragen - kann man mit guten argumenten so, so, so oder noch ganz anders beantworten und diese antworten wiederum völlig gegensätzlich miteinander kombinieren. ohne ein ergebnis zu erzielen, dass heute (und wohl auch in zukunft) alle zufriedenstellt. das beispiel dresdner waldschlösschenbrücke ist dabei nur eines unter vielen.


    der grösste gewinn ist daher wohl, dass solche diskussionen den blick für architektur und städtebau schärfen. der prozentuale anteil der menschen, der in städten lebt, war noch nie höher. trotzdem boomt der städtetourismus mehr denn je. undenkbar, ohne auseinandersetzung mit diesen themen. dass die durchaus nicht nur rekos sehen wollen, zeigt nicht zuletzt der ungebrochene ansturm auf die berliner reichstagskuppel.

  • rakete, dein Argument mag durchaus einleuchten, aber als Beispiel würde ich nicht die Reichstagskuppel nehmen. Denn hier lässt sich die Frage stellen, wieviele Leute da wohl hin rennen würden, hätte man den Reichstag originalgetreu rekonstruiert. Als gutes Beispiel würde ich vielleicht den Potsdamer Platz bezeichnen, da gibt's nur moderne Architektur, und trotzdem rennt da garantiert jeder Tourist hin...

  • RMA: ohne den ausblick auf die (ungeliebten) parlamentarier und die (zernarbte) stadt würden die leute bestimmt nicht stundenlang am reichstag anstehen. dies war nur möglich, weil man nicht originalgetreu rekonstruiert hat. hier finden sie neues in alten mauern. am potsdamer platz wird der verblichene mythos des ortes in neuer umgebung aufzuspüren versucht (und eher nicht gefunden).
    deshalb würde ich schon bei meinem beispiel bleiben mögen. weil es zeigt, dass man flair weder weder konstruieren noch rekonstruieren kann. das schaffen die menschen selbst - an orten, an denen sie sich als teil der geschichte begreifen können. nicht als teil einer inszenierung, wie auch immer die kulisse aussehen möge.

  • Ja, man kommt bei dem Thema selrten auf einen gemeinsamen Nenner- und wenn man danach fragt, was "besser" ist - "basisdemokratische" oder übergeordnete Entscheidungsfindung - da bin ich für mich auch noch zu keinem Schluß gekommen, wie du sagst, es hat beides Vor- und Nachteile; ich tendiere aber dazu, die Entscheidungen lokal treffen zu lassen und die Ansässigen möglichst weit einzubinden, weil diese mit der eigenen Geschichte vertrauter sind etc.


    Ich kann mich erinnern, wie es ein Riesengeschrei gab, als die Stadt Wien einen französischen Fachmann damit beauftragte, ein Neukonzept für den Prater, diesen urwienerischen Vergnügungspark, zu erstellen. Ja, da läßt man sich eben ungern von draußen dreinreden! (Dieser Herr hat Unsummen abkassiert für ein Konzept, dessen Umsetzung noch großteils in den Sternen steht!)


    Zum Pellerhaus: Vielleicht ein unpassender Vergleich, aber der Abriß des Palastes der Repunlik in Berlin hat bei mir mehr Bauchweh ausgelöst als es ein Abriß des neuen Pellerhauses verursachen würde. Da stand die historische Bedeutung des Gebäudes ja außer Frage! Aber man kann nicht alles haben und das zukünftige Schloß ist für Stadtbild und Stadtseele ein fragloser Gewinn!


    Zum Städtetourismus: Ob ein Ort oder Bauwerk angenommen und besucht wird, hängt entscheidend von der ästhetischen Qualität ab. In Berlin gibt es, so wie ich das überblicke, mehr gute moderne Architektur als in Wien, wo zwar viel und schnell, aber bestenfalls mittelmäßig gebaut wird. Touristen mögen nach Berlin kommen wegen dem Brandenburger Tor UND der Reichstagskuppel, nach Wien kommt sicher niemand wegen der "Donau-City"

    ... und wenn jetzt nicht ganz allgemeine und durchgreifende Maßnahmen angewandt werden, so werden wir in kurzer Zeit unheimlich nackt und kahl wie eine Kolonie in einem früher nicht bewohnten Lande dastehen... (Schinkel 1815)

  • Der Artikel ist dumm. Die Menschen haben, was das Bauen angeht, schon immer das überkommene, das ältere und vermeintlich wertvollere, reinere gegenüber dem Neuen bevorzugt. Dieses Phänomen ist seit der Renaissance nachzuweisen.


    Neu ist allerdings, das 1:1-Rekonstruktionen immer häufiger auch tatsächlich verwirklicht werden. Was da in Dresden oder in Frankfurt hingesetzt wurde, hat zumindest den Anspruch, eine orignalgetreue Kopie der Vorgänger-Bebauung zu sein. Zum ersten Mal in der Geschichte sehen sich Architekten vielerorts gezwungen, dem Wunsch der Bürger nach Wiederherstellung verlorener Stadtbilder nachzukommen.
    In den eher "rückblickenden" Phasen der Architekturgeschichte hat man es verstanden, den Wunsch vieler Bauherrn nach der Kopie älterer Bauten teilweise nachzukommen, ohne eine (ohnehin utopische) exakte Rekonstruktion tatsächlich umzusetzen. Diese "Kompromisse" hatten neue Stilrichtungen zur Folge, deren Wet heute keiner mehr in Frage stellt (Reniassance, Klassizismus, Historismus).
    Wollen wir es den heutigen Architekten wirklich verwehren, ihrer Kreativität Ausdruck zu verleihen? Wollen wir unseren Nachkommen in den Innenstädten wirklich nur Rekonstruktionen verlorener idealisierter Vorzustände hinterlassen?


    Die Masse der Bevölkerung ist skeptisch gegenüber allem Neuen. Das ist nicht neu und beschränkt sich nicht auf Architektur, davon können alle Aktuere, die sich im öffentlichen Raum bewegen, ein Lied singen (z.B. Komponisten, Künstler, Schriftsteller). Entscheidungen über architektonische Gestaltung eines Neubaus dürfen niemals den Bürgern überlassen werden. Denn dann kriegen wir sie sicher, die Puppenstube! Das heißt natürlich nicht, dass dem Architekten, der im historisch oder städtebaulich sensiblen Umfeld baut, nicht auch Grenzen gesetzt werden sollten. Auch er hat sich auf den genius loci einzulassen, darauf muss man bestehen. Aber die Verhandlungen über solche Probleme sollte man den Fachleuten überlassen. Emotion (und das ist fast immer die Nostalgie) hat hier nichts verloren!


    Zum Glück haben sich die Denkmalämter bislang gehütet, die von vielen geforderten (und nicht selten bereits durchgeführten) Rekonstruktionen verlorener historischer Bauten gutzuheißen. Die Denkmalpflege darf nicht wieder in das frühe 20. Jahrhundert zurückfallen, als man sich anmaßte, den Architekten Empfehlungen für Neubuten zu geben. Das ist zum Glück nicht mehr ihre Aufgabe. Wir können froh sein, dass man sich in den Landesämtern und Schutzbehörden bisher erfolgreich dagegen gewehrt hat, von häufig konservativen Gesinnungen der Öffentlichkeit vereinnahmt zu werden!


    Klug ist, was der rheinische Landeskonservator Udo Mainzer sinngemäß einmal gesagt: Gebt den heutigen Architekten genügend Raum und Möglichkeiten, damit sie Bauten schaffen, die später einmal Denkmal werden können!

  • Quote

    Die Masse der Bevölkerung ist skeptisch gegenüber allem Neuen.


    Das ist aber nicht der Grund für den Wunsch nach Rekonstruktionen, wie die unreflektierte Architektenschaft und du behaupten. Vielmehr geht es darum, nach einer nahezu vollständigen Auslöschung des eigenen kulturellen und geschichtlichen Erbes (soweit es baulicher Natur war), wenigstens einen Bruchteil davon wiederzugewinnen. Die Situation Deutschlands - die einer fast vollständigen Auslöschung des jahrhunderte- oder jahrtausendealten kulturellen Erbes eines Landes - ist in dieser Hinsicht eben mit nichts vergleichbar, was es an einem anderen Ort (außer vielleicht Japan) oder einer anderen Zeit gab. Zwischen dem, worum es hier geht und den Bestrebungen der Renaissance oder des Historismus liegt genau dieser unüberbrückbare Unterschied.
    Und diese einmalige Situation führt eben auch zum Wunsch nach Rekonstruktionen. Aber die deutsche Architektenschaft scheint schlicht zu blöd oder zu borniert und ideologieverhaftet zu sein, um das zu begreifen.


    Mit Nostalgie oder Abwehr des Neuen hat das aber auch nicht das mindeste zu tun. Ich finde diese ständigen Unterstellungen allerdings mittlerweile so platt und ausgelutscht, daß ich keine Lust mehr habe, mich noch groß damit auseinanderzusetzen.


    Und was die Denkmalpflege angeht: mir ist es egal, ob sie Rekonstruktionen gutheißt oder nicht, sie soll nur endlich aufhören, sie aus abstrusen Dogmen heraus zu verdammen oder faktisch zu verhindern (wie z.B. oft in Nürnberg zu sehen).

  • Juan Martillo:


    Da muß ich widersprechen. Zumindest teilweise magst Du recht haben, aber großteils bin ich damit in dieser Rigidität nicht einverstanden.


    Daß die Menschen immer das Überkommene bevorzugt haben ist nicht richtig. Das ist von Strömungen abhängig. Vor allem gibt es nicht "die Menschen", sondern es waren immer Individuen, die Entscheidungen getroffen haben.


    Die Verwirklichung von 1:1-Rekonstruktionen (gibt es auch andere als 1:1 Rekonstruktionen in realem Zusammenhang?) ist neu, aber hat auch ihre bekannten historischen Hintergründe.


    Den Anspruch einer originalgetreuen Kopie erhebt im übrigen niemand, weil dies objektiv nicht möglich (wie Du richtig sagst "utopisch") ist. Aber man nähert sich einem verlorenen Stadtbild wieder an, um das Zerstörungstrauma zu überwinden und an eine normale Entwicklung anknüpfen zu können.


    Womit ich hadere, ist Deine Ansicht, daß die Kreativität bei der Verarbeitung kulturellen Allgemeinguts in den früheren Epochen gleichzusetzen ist mit der Kreativität der Architekten in der Gegenwart.


    Heute sind in einem ungleich anderen Maße Rentabilitätsgesichtspunkte und Zeitmangel vermischt mit moderner Architekturlehre dominierend, so daß Architekten in der Regel wenig Spielraum bleibt, um wirklich sensibel und kongenial mit dem Ort umzugehen.


    Daß in den Innenstädten Rücksicht genommen werden muß, darüber sind wir uns einig. Aber was Rücksicht heißt, darüber gehen die Meinungen denkbar weit auseinander ("Kontrastisten" gegen "Harmonisten"). Gottfried Böhm war mal in Nürnberg auf einem Vortrag, und ich habe ihn gefragt, was in einem historischen Stadtkern wie Nürnberg mit Alt und Neu wichtig ist, und er antwortete: Rücksichtnahme. Sein Verständnis von Rücksichtnahme dürfte allerdings auch nicht allen Teilnehmern des Forums hier nachvollziehbar sein, wie er es z. B. im Rathaus Bensberg zum Ausdruck gebracht hat. (Allerdings war sein außer Konkurrenz eingereichter Entwurf für den Stadteingang am Königstor um Meilen besser als der jetzt verwirklichte, gewöhnliche Glas/Stahlkubus).


    Im übrigen bleibt es den Architekten unbenommen, außerhalb historischer Zusammenhänge zu bauen, wie sie wollen, und ihre Kreativität ohne Vorgaben sprudeln lassen.


    Außerdem muß man sagen, daß "nur" Rekonstruktionen verlorener idealisierter Vorzustände besser wären als manches was heute da steht. Dennoch: diese Gefahr besteht ohnehin nicht. Wenn Du davor warnst, blendest Du bewußt aus, daß Rekonstruktionen nur kleinste Bruchteile der Bautätigkeit ausmachen, und auch künftig wird dies realistisch gesehen so bleiben. Individualität kann auch beim Rekonstruieren eines Bauwerks gezeigt werden: Die Qualität eines Architekten macht bekanntlich nur zum kleinen Teil der äußere Entwurf aus, auch die Konzeption des Innenlebens, die Materialien, durchdachte Funktion, Bauleitung, Kostenplanung etc. gehören dazu. Außerdem dürfte oft bei Rekonstruktionen die Anpassung an die heutigen Bedürfnisse, ggf. Anbauten und Erweiterungen, ein Platz sein, wo ein Architekt zeigen kann, ob er nur Sprüche machen oder auch ein Haus bauen kann.


    Wenn Du sagt, die Bevölkerung sei skeptisch gegenüber Neuem, aber gleichzeitig sagst, daß der Rekonstruktionstrend neu sei, dann meinst Du also, daß die Bevölkerung vor Rekonstruktionen Angst hat. :P (Im übrigen ist das Nacheifern nach Mies van der Rohe auch alles andere als neu.)


    Klar ist, daß neue künstlerische Strömungen zunächst nur von einer kulturellen Avantgarde aufgenommen werden.


    Daß Entscheidungen über architektonische Gestaltung eines Neubaus niemals den Bürgern überlassen werden dürfen, mag insoweit stimmen, als die Zeichnungen immer ein ausgebildeter Architekt machen sollte. Aber das ist ohnehin der Fall. Doch nur den Fachleuten unkontrolliert alle Entscheidungen zu überlassen, wäre bedenklich.


    Ob Puppenstube oder Geisterbahn, hier stimme ich Dir zu:


    Quote

    Das heißt natürlich nicht, dass dem Architekten, der im historisch oder städtebaulich sensiblen Umfeld baut, nicht auch Grenzen gesetzt werden sollten. Auch er hat sich auf den genius loci einzulassen, darauf muss man bestehen.


    Die Bevölkerung zu ignorieren und nicht einmal "mittelbare Demokratie" zuzulassen, ist das schlimmste, was man fordern kann. Wenigstens kann man wählen gehen, um sich politisch zu beteiligen, aber architektonisch soll man alles fressen? Und warum hat Emotion dabei nichts verloren? Ich bin Mensch, Emotionen gehören dazu! Und daß Nostalgie etwas schlechtes sein soll, erschließt sich mir ebensowenig wie deine Behauptung, es sei fast immer Nostalgie dabei. Für mich ist es überhaupt keine Nostalgie, weil ich die alten Städte überhaupt nicht mehr erlebt habe. Für mich ist es eine Perspektive für die Zukunft, Gebäude wiederaufzubauen.


    Warum die Denkmalpflege zu Rekonstruktionen ein unterkühltes Verhältnis hat, kann diese selbst nicht einmal schlüssig erklären.
    Richtig ist aber, wenn die Denkmalämter sich aus der Rekonstruktionsdebatte heraushalten, da die Errichtung neuer Gebäude nicht in die Kompetenz der Denkmalpflege gehört.
    Wenn sie gezwungen sind, in Verfahren zu einem Rekonstruktionsvorhaben Stellung zu nehmen, sollte dies aber nicht zur Verhinderung der Rekonstruktion "genutzt" werden, sondern mitgeholfen werden, das Vorhaben im Sinne einer möglichst guten Qualität mit Fachwissen zu unterstützen. Daß Rekonstruktionen in der Nähe von Baudenkmälern diese "echten" Denkmäler entwerten würden, ist - mit Verlaub - Humbug. Denn ein alter Balken bleibt ein alter Balken, egal ob daneben ein neuer ist oder nicht.


    Falsch ist aber, daß Denkmalämter keine Empfehlungen für Neubauten mehr geben (vielleicht aber in anderer Art als früher). Ist das Denkmalamt beteiligt, so wird stets kräftig mitgekritzelt, bis der Anbau, Einbau etc. nicht mehr verwechselbar ist mit der denkmalgeschützten Substanz. Früher hat man sich mehr an das Alte angepaßt, jetzt heißt es Kontrast um jeden Preis.


    Abgesehen davon ist die Unabhängigkeit der Denkmalpflege von politischen Strömungen tatsächlich wichtig, da diese rein fachliche Belange vertreten müssen.