Die "Moderne"

  • Ich habe mich etwas gewandelt. Darum möchte ich zu diesem Thema auch etwas loswerden. Meine frühere Sicht bestand darin, dass ich gesagt habe, modern sei der Zustand des Sein. In gewisser Weise ist das ja auch richtig aber wir sollten nicht anfangen irrational zu denken. Vorsicht Widerspruch ! - Denn irrational und denken widerspricht sich, weil irrational die nicht Vernunft bedeutet und denken die Vernunft. Aber mir ist gerade kein anderes Wortverhältniss in den Sinn gekommen.


    Stahl und Glas, Gebäude mit spacigem Outfit sind moderne Gebäude. So ehrlich muss jeder zu sich selbst sein. Und die klassischen Gebäude sind nicht modern, sondern sind klassisch. Es ist nicht zu befürworten, dass man die sogenannte "Moderne" mit dem Wort modern versucht in ihre Schranken zu weisen. Worum es gehen sollte wäre der Appell von mehr Qualität in Richtung der Modernisten und ein Appel zur Gleichberechtigung klassischer Gebäude sowie auch moderner Gebäude. Wir sollten uns hier also nicht streiten wie man einen Begriff definiert sondern realistisch bleiben und eine Lösung finden, die für alle Beteiligten akzeptabel ist. Ich bin weder fundamental für die Moderne, noch fundamental für die Klassik. Es muss sich aber endlich mal an einen Tisch gesetzt werden damit man gemeinsam einen Weg findet. Lasst uns vernünftig sein und es auch bleiben.

  • @Johann
    Da machst Du es Dir aber zu einfach.
    Natürlich ist etwas schlicht deswegen "modern", wenn es jüngeren Datums ist, aber weshalb muß es deswegen aus Glas, Stahl und Beton sein?
    Oder sind sämtliche Bruchsteine von dieser Welt verschwunden, sämtliche Sandsteinbrüche bis auf das letzte Stückchen abgetragen?
    Immerhin sind die drei o.g. alles künstliche Materialien, die so in der Natur im Gegensatz zu Holz und Stein gar nicht vorkommen.
    Das ist einer der Hauptgründe, weshalb der Mensch sie instinktiv ablehnt, es sind entfremdende Materialien.
    Und alle drei atmen nicht, sie sind von Beginn an Totgeburten. :kopfschuetteln:

  • modern wird leider immer wieder mit modernistisch verwechselt.
    Und das ist kein versehen, sondern absicht. nur so kann die moderne immer wieder ihren alleinvertretungsanspruch in der architektur festigen.
    wer sich also für eine gleichberechtigung von traditioneller und modernistischer architektur einsetzt, sollte das wort "modern" nicht den modernisten überlassen.
    vielleicht wäre es tatsächlich das beste, das wort modern aus unserem sprachschatz zu streichen, aber das scheint mir dann doch fragwürdiger und unrealistischer als eine echte auseinandersetzung mit dem wort modern.

  • für mich ist ein glasgebäude ebenso modern wie ein patzschkebau. schließlich sind alle erst for kurzem entstanden, also modern. das wort an sich kommt vom lateinischen adverb "modo" das soviel wie eben, erst oder auch gerade heißt (alles zeitlich gemeint).
    modern ist keine frage des stils, sondern des alters.
    modernistisch hingegen kann meines erachtens auf einen architekturstil bezogen werden.

  • Mal ganz nebenbei:


    Bauhaus kann richtig geil sein... wenn es puristisch ist. Alles, was nach dem 2. WK entstand, auch schon viele Sachen während der NS-Zeit sind es nicht mehr.


    Bauhaus in der Altstadt natürlich nicht, aber ich finde auch manche Sachen richtig geil:


    - Die Weißenhofsiedlung, ein Bauhaus-Freilichtmuseum das meines erachtens dringend rekonstruiert werden muss (fehlende Häuser):

    Landeshauptstadt Stuttgart - Startseite
    Hier sieht man übrigens auch schön, dass Bauhaus nicht nur Kästen sind.


    - die Fagus-Werke:

    http://www.wokalamps.com


    - Villa Cuno, wenn auch noch nicht reines Bauhaus so zeigt es immerhin Ansätze:

    Keom


    - Das Bauhaus in Dessau, inzwischen längst Kult:

    http://www.germanyok.boo.pl
    Die dazugehörenden Meisterhäuser sind ebenfalls ganz nett anzusehen.


    ... und es gibt natürliche viele mehr.


    Besonders reizvoll sind die weißen Gebäude mit den dunkeln Fensterrahmen aber auch vieles mehr. Für kleinere Bauten war das Bauhaus wirklich gut, für Fabrikbauten auch. Bei städtischen Bauten versagt es, doch das ist niemandem aufgefallen.

    Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
    Karl Kraus (1874-1936)

  • gebe dir da vollkommen recht :D


    ...bei drei rennen wir los ;-) das war jetzt nämlich unser todesurteil LOL

  • Wieso Todenurteil?


    Wenn es eine kreative Strömung neben Jugendstil und Expressionismus gewesen wäre wie in den Anfängen wäre es doch gut gewesen. Mittlerweile ist daraus eine fundamentalistische Architekturdiktatur entstanden, der jede Kreativität verloren ging.

    Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
    Karl Kraus (1874-1936)

  • Quote from "Booni"

    ...
    Bauhaus kann richtig geil sein... wenn es puristisch ist.
    ....


    Booni, also gerade Deine Beispiele finde ich nun gar nicht schön ! :daumenunten:
    Na gut, das Bild von der Weissenhofsiedlung schaut ja ganz nett
    aus - aber ist ja eigentlich auch klar bei den vielen Büschen und
    Bäumen. Da sieht man halt die schlechte Architektur nicht mehr...


    Die Fagus-Werke und das Bauhaus-Haus sind architektonische
    Katastrophen in meinen Augen. Kann da beim besten Willen nun
    überhaupt nichts schönes dran erkennen.
    Form, Farbe und Material - da passt einfach nichts.


    Tja, und bei dem weissen Häusschen scheinen irgendwie
    die Proportionen nicht zu stimmen. Positiv fällt aber das
    schmiedeeiserne Tor auf ! Wenigstens ein kleiner Lichtblick...


    Gesamturteil: :übelkeit:

  • unter residental die Potsdamer Villen finde ich sehr gelungen.

    Am Ufer der Sonne wo die wesen vom sehen träumen ist in Echtzeit überall Nacht

  • Menschenverachtende "Moderne" von Gropius:


    Quote

    Ein Eigenheim aus der Häuserbaufabrik
    In der Kupferhaussiedlung in Finow konnte Walter Gropius seine Idee vom industriellen Bauen verwirklichen.


    Fertigbausystem für Kupferhäuser, die nach dem Baukastensystem zusammengebaut werden und Stück für Stück mit der größer werdenden Familie mitwachsen konnten. Zwischen selbsttragenden Holzrahmen eingehängte Eternitplatten bildeten die Wände, welche außen mit Kupfer, innen mit Stahlblech verkleidet wurden. Statt Tapeten war das Blech des Innenraums in den Farben "Nilgrün", "Pastellblau" oder "Korallenrot" gestrichen. Selbst die Dächer der sieben Eigenheime waren aus Kupfer.


    Und eine Gummizelle für den Architekten...


    http://www.maerkischeallgemein…s/beitrag/11002479/63369/


    Nicht weit entfernt von dieser modernen Idee:


    http://www.freenet.de/freenet/…3b019b0132b52d45be60.html

    "Nichts zeichnet eine Regierung mehr aus als die Künste, die unter ihrem Schutze gedeihen."
    Friedrich der Große

  • das dessauer bauhaus kann es heute noch mit jedem nachfolgebau der moderne locker aufnehmen. gegenüber den kisten unserer zeit, wirkt es ja geradezu filigran, ich würde sogar sagen "moderner"


    da stellt sich natürlich die frage, welche existenzberechtigung hat eine architekturrichtung, die dem original seit 80 jahren vergeblich hinterher hächelt - und das in einem zeitalter, in dem uns die innovationen nur so um die ohren knallen.


    man vergleiche nur mal ein telefon aus den 20ern oder einen fernseher aus den 30ern mit entsprechenden geräten aus dem jahre 2007. kein designer käme auf die idee, solch klobigen kästen heute noch zu entwerfen - architekten dagegen kann es nicht klobig (peinlich) genug sein

  • Quote

    man vergleiche nur mal ein telefon aus den 20ern oder einen fernseher aus den 30ern mit entsprechenden geräten aus dem jahre 2007. kein designer käme auf die idee, solch klobigen kästen heute noch zu entwerfen - architekten dagegen kann es nicht klobig (peinlich) genug sein


    Richtig. Und warum ist das so? Weil die Designer von Telefonen und Fernsehern sich, im Gegensatz zu Architekten, an dem orientieren, was den Zuspruch des Verbrauchers findet.


    Auf irgendeiner Podiumsdiskussion hatte mal ein Architekt sich darüber aufgeregt, dass die Laien durch Bürgerinitiativen Mitspracherecht einfordern und den Experten ins Handwerk pfuschen würden. Er sagte sinngemäß, kein Autohersteller würde auf die Idee kommen, das Design seines neuen Modells zum Gegenstand einer Volksabstimmung machen zu lassen, nur die armen Architekten würden so behandelt.


    Der gute Mann übersieht natürlich, dass der Autohersteller von vorneherein gewillt ist, den ästhetischen Bedürfnissen seiner Kunden nachzukommen und daher seinem Produkt auch ein entsprechend populäres Design vepasst. Aus diesem Grund bilden sich auch keine Bürgerinitativen gegen hässliche Autos... :zwinkern:

  • Quote

    Zitat:
    man vergleiche nur mal ein telefon aus den 20ern oder einen fernseher aus den 30ern mit entsprechenden geräten aus dem jahre 2007. kein designer käme auf die idee, solch klobigen kästen heute noch zu entwerfen - architekten dagegen kann es nicht klobig (peinlich) genug sein



    Richtig. Und warum ist das so? Weil die Designer von Telefonen und Fernsehern sich, im Gegensatz zu Architekten, an dem orientieren, was den Zuspruch des Verbrauchers findet.


    >Naja, wenn Ihr ehrlich seid müsst Ihr zugeben, dass der Vergleich etwas hinkt:
    Sicher gibt es zuweilen so etwas im Altagsdesign wie eine Retrowelle, aber alles in allem sind Mobiltelefon, Auto, Fernseher und Co doch eher von puristisch minimalistischer Gestalt, die man eher mit der Formensprache der meisten Architekten vergleichen kann.
    Und wenn Ihr schon von der Nachfrage sprecht: ich bin absolut der Meinung dass das Gros der Bervölkerung zwar "schöne alte Architektur" (in unserem Sinne) liebt, wenn es aber um das wohnen geht, überwiegen doch bei dem meisten eher praktische Erwägungen: Helle Wohnung, gerade Wände usw. Es ist leider nicht die Masse, die sich beispielsweise für einen Fachwerkbau begeistern können. Die meisten würden es eher als Last sehen. Sind wir doch mal ehrlich: denkmalgerecht zu sanieren ist eher eine Bürde, Stuckfassaden werden immer noch abgeklopft und durch Dämmplatten (die zunehmend von der Politik gefördert werden) ersetzt. Fachwerkbauten werden durch Neubauten ersetzt oder , gerade auf dem Lande, mit Baumarktmaterialen verkleidet. Alles, damit man es als modernisiert vermieten oder4 selbst nutzen kann.
    So sieht es aus!

  • @ Kindvon2dresdnern
    Volle Zustimmung!


    Leider wird hier im Forum gern an der Legende von den bösen modernistischen Architekten (was sie natürlich sind... :zwinkern: ) gesponnen, die am angeblich traditionell geprägten architektonischen Geschmack der breiten Bevölkerung vorbei bauen.
    Ähhh...wenn man durch Deutschlands Eigenheimneubausiedlungen fährt, wenn man sich die hierzulande weitverbreitete Unsitte ansieht, Altbauten mit allen möglichen und unmöglichen Accessoires zu verschandeln, wenn man die eine oder andere Inneneinrichtungen des "gemeinen Mannes" kennt usw. dann gewinnt man eher den Eindruck, dass der normale Bürger keinen Deut besser ist als Behnisch und Konsorten. Scheinbar gibt es hierzulande einen Konsens der Hässlichkeit und der Geschmacklosigkeit
    Städtebauliche Ästhetik ist allenfalls das Anliegen einer Minderheit.

  • Quote

    Es ist leider nicht die Masse, die sich beispielsweise für einen Fachwerkbau begeistern können.


    Was aber eher an den verbreiteten Vorurteilen gegenüber Fachwerkgebäuden liegen dürfte als an einer allgemeineren Ablehnung.


    Nehmen wir als Beispiel meinen Vater: Der findet Fachwerkhäuser schön, sagte aber früher immer, er würde nie in einem wohnen wollen (weil: niedrige Decken, ständige Reparaturen, muffig, klein, etc.). Seit ich diese Vorurteile argumentativ entkräftet habe, sieht er das auch etwas anders.


    Insgesamt muss ich daher meinen beiden Vorrednern widersprechen. Und "Legenden gesponnen" werden in diesem Forum schon mal gar nicht.

  • @ Restitutor Orbis


    Ob Vorurteile oder reflektierte Ablehnung, im Ergbnis ist es dasselbe: es gibt in breiteren Bevölkerungsschichten kein nenneswertes Verständnis bzw. wirkliche Affinität zu traditioneller Architektur (Ausnahme: Oberbayern und Teile des Allgäus).
    Die meisten wollen sich nicht das Etikett "rückwärtsgewandt" anhängen lassen, sondern möchten "modern" und "zeitgemäß" leben und so sieht die bauliche Wirklichkeit in diesem Lande auch aus. Leider.

  • Restitutor Orbis:
    Wie hast Du denn das Argument der niedrigen Decken in Fachwerkhäusern entkräftet? Ich persönlich, nicht ganz 2m groß, finde Fachwerkhäuser zwar sehr schön anzusehen, aber drin leben könnte ich nicht. Da bin ich mit meinem Klinkeraltbau aus 1932 schon zufriedener. Der hat noch vergleichsweise hohe Decken (2,80m) und es lebt sich ganz gut darin. Ein angenehmes Raumgefühl.