Wien – was vom alten Wien nicht blieb (Galerie)

  • Auch Wien wurde in den letzten 150 Jahren von vielfältigen Zerstörungen heimgesucht - aus im Wesentlichen zwei Ursachen - zwei Gründerzeiten und ein Krieg, wobei der Krieg weniger bewirkte als die erste Gründerzeit, jedoch auch nicht unterschätzt werden sollte - immerhin war der Wiederaufbau in Wien teilweise hervorragend. Leider wurde generell kein Historismus rekonstruiert, weshalb sich doch viele unzureichende Nachkriegsbauten ins Stadtbild eingefressen haben.
    Beginnen wir einmal drastisch, und noch dazu ganz im Herzen:

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    Eigentlich scheint dieses Bild nicht hierher zu gehören, aber das stimmt nicht ganz. Aus welcher Zeit, würdet ihr schätzen, stammt es?


    EDIT: Dieses sowie die folgenden Bilder entstammen dem Historischen Museum der Stadt Wien

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • mmhh...laß mich mal überlegen...vielleicht um 1860 herum...vermute 1866 oder `67 (in diesen beiden Jahren war nämlich der Südturm teilweise eingerüstet).


    Lös auf!


    Ein guter Strang, da in dieser Zeit Wien zu einer Weltstadt ausgebaut wurde...Schleiffung der Stadtmauer, Bau der Ringstraße, erste Weltausstellung im deutschen Sprachraum, etwas später dann 4. größte Stadt der Welt et cetera et cetera. Leider ging wertvolle Bausubstanz dabei verloren, aber es wurde auch sehr viel Neues gewonnen, von dem Wien noch immer zehrt:


    Wiens Zukunft liegt in seiner Vergangenheit. Auf den modernen Mist auf der Donauplatte oder dem verhunzten Donaukanal kann man getrost verzichten. Irgendwann werde ich auch einmal einen Strang eröffnen. Frei nach Friedländer: "Wien - Letzter Glanz der Märchenstadt".

    „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“ (Sir William Scott)

  • Ja, muss 66/67 sein, da genau in diesen Jahren das Haas & Haas errichtet wurde. Gute Idee übrigens, alte Aufnahmen aus der Vorstadt wären toll!


    lg

    "Ich denke an Wien, so wie Sie an Brüder, an Freunde denken, die jetzt an der Front sind. Nun sind sie fern von Ihnen und Sie wissen sie in Gefahr, ohne ihnen beistehen, ohne diese Gefahr teilen zu können" - Stefan Zweig 1940

  • Ja, 1866 ist richtig. Man könnte jedoch meinen 1944 oder 45.
    Tatsächlich bot die Stadt in den Gründerzeitjahren mitunter ein schauriges Bild.
    In der Tat eine schizophrene Zeit: auf der einen Seite höchste Kultur, auf der anderen Seite schlimmste Barbarei.
    Dh architektonisch eher zweiteres, gerade im Herzen der Stadt.
    Hier wird die Verbindung zwischen Graben und Stock-im- Eisenplatz hergestellt, Schlossergassel und Grabengasse hörten auf zu bestehen.
    Von diesem Schlag hat sich das Stadtbild noch immer nicht erholt, das Ineinandergehen von Graben, Kärnter Straße, St.i.E.Platz (nicht mehr als solcher wahrnehmbar) und Stephansplatz ist äußerst unbefriedigend.
    Hier einer der dadurch entstehenden Verluste:

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    Die Verluste im Herzen der Stadt waren beträchtlich, und sind mit Nürnbergs vom 2.1.1945 duchaus zu vergleichen:
    Graben: Totalverlust bis auf ein kleines Palais und Pestsäule, Stock im Eisenplatz: Totalverlust, Stephansplatz: Westseite Totalverlust. Tuchlauben: Totalverlust, Kärnter Straße: Totalverlust bis auf ein kl. Palais und Malteser Kirche, Kohlmarkt: ca 60- 70% Verlust, Neuer Markt: ca 75 % Verlust, Rotenturmstraße: 90-100% Verlust.
    Sicherlich, die Freiräume wurden historistisch und nicht mit Nachkriegsschrott gefüllt, im Fall vom Graben sogar recht ansprechend, aber auch dies wandelte sich teilweise zum Schlechten: Der Wiederaufbau nach 45, wiewohl er Altes und Wertvolles wiederherstellte, kümmerte sich nicht weiter um zerstörte historistische Bauten.
    Hier ein Opfer der allerschlimmsten Freveltaten: ein derartiges Gebäude an dieser Schlüsselstelle zu demoliren und durch billigste Allerweltsarchitektur zu substituieren, erscheint unfassbar. Lazansky-Haus, Attikafiguren geborgen:

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    Hier noch ein Blick auf die alte, längst vor 1945 untergegangene Westseite des Stephansplatzes:

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    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Bemerkenswert, diese Giebelhäuser. Gerade der Bereich um den Stephansplatz ist wohl der größte Problemfall überhaupt in Wien, vor allem nach dem 2. WK. So einem Dom so eine Umgebung zu bieten ist fast gemein!


    lg

    "Ich denke an Wien, so wie Sie an Brüder, an Freunde denken, die jetzt an der Front sind. Nun sind sie fern von Ihnen und Sie wissen sie in Gefahr, ohne ihnen beistehen, ohne diese Gefahr teilen zu können" - Stefan Zweig 1940

  • Hier extra was für Freund Kleist:

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    Alt-Lichtental, die Heimat Schuberts, eine mehr oder weniger untergegangene Kleinstadt, von der außer der Kirche nur noch max 20 Häuser stehen.


    Hier ein weiteres Beispiel für die Brutalität, mit der vorgegangen wurde:

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    eine "verschobene" Kirche, vormals an der Mariahilfer Straße.
    Da muss man an die Rauchfangkehrerkirche, prominentestes Opfer der 2. Gründerzeit, denken. Die Gebiete des heutigen 6. Bezirks hatten ganz besonders schwer zu leiden, sämtliche alten Strukturen sind hier restlos untergangen, vielleicht einmal später mehr davon.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Super, vielen Dank für die tollen Aufnahmen. Bei diesen Ansichten kann ich einfach nicht nachvollziehen, wie man so sehr dem Historismuswahn unterliegen konnte. Diese ewigen Begradigungen und gleichen Häuserfassaden sind doch langweilig, genau diese Kleinteiligkeit macht doch eine Stadt aus. War echt eine komische Zeit damals, einerseits hat man in vielen Bereichen viel erreicht, auf der anderen Seite viel zerstört und Sektierern und Halbwahnsinnigen viel Aufmerksamkeit geschenkt. Hab mir übrigens im April mal länger die Laimgrubenkirche angesehen, diese Verschiebung ist unglaublich, sehr schade, v.a. weil sie jetzt so im Abseits steht!


    lg

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  • Quote from "ursus carpaticus"

    Die Verluste im Herzen der Stadt waren beträchtlich, und sind mit Nürnbergs vom 2.1.1945 duchaus zu vergleichen


    :schockiert: Irgendwie denke ich manchmal, die Wiener sind mit dem gründerzeitlichen Stadtumbau ähnlich unzufrieden wie wir Deutschen mit dem modernen Wiederaufbau nach 1945. Vielleicht weil diese Epoche im heutigen Stadtbild eine ähnliche, fast schon erdrückende Übermacht hat? Wenn auch die Ergebnisse sich in ihrer Qualität und Schönheit fundamental unterscheiden.

  • Naja, da muss man trennen; erstens gibt es in Wien auch Nachkriegswiederaufbau, mit dem man nicht zufrieden sein kann. Auch mit der gründerzeitlichen Umstrukturierung von Berlin oder Dresden kann man nicht zufrieden sein, weil dieser Retortenstil einfach altgewurzelte Stadtstrukturen vernichtet. Ich sehe das eig. länderübergreifend so!


    lg

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  • @Dirk:
    Nein, tauschen wollte ich nicht mit der Nürnberger Nachkriegsbebauung, aber mir ging es darum, das Ausmaß der Zerstörung darzustellen.
    Abgesehen davon: In Berlin war der Historismus noch verhasster, der Bauhausstil geradezu eine Reaktion auf diese Fülle von Belanglosigkeit.
    In Dresden, scheint es mir, war man immer zu selbstverliebt. Ich bin nirgends drauf gestoßen, dass irgendwer die schleichende Zerstörung des alten DD beklagt hätte. Auch kritische Geister wie Kästner nicht.
    Auf jeden Fall wurde diese Problematik von der Zerstörung 1945 überlagert.
    Kleist
    Ich glaub nicht, dass da Sektierer am Werk waren. Es ging um handfeste kommerzielle Interessen. Investorenarchitektur anno dazumal, und da kam nie Gescheites heraus, auch heute nicht, wenn dies auch viele nicht wahrhaben wollen.
    Irgendwie bescheuert, wenn man bedenkt, dass dies die Zeit des vielbeschworenen "letzten Glanzes" war, der für uns eigentlich die Zerstörung des alten Wiens bedeutet.
    Wenn man bedenkt, was für Kulturschaffende damals in Wien gelebt haben, und was damals parallel mit der Stadt passiert ist.
    An den Größten der Großen scheint das wirklich spurlos vorübergegangen zu sein.
    Gerade mal Johann Strauss hat künstlerisch protestiert, in dem er höhnisch eine "demolir-Polka" geschrieben hat.
    Offenbar war man dermaßen in der Gegenwart verhaftet, dass man auf das Alte nichts gab.
    Zur Laimgrubenkirche:
    Sie ist nicht nur "verschoben" worden, das ist sogar noch das geringste Übel. Auf dem Bild siehst du die beträchtlichen Abweichungen bei der "Rekonstruktion". Heute sieht sie gar nicht mehr wie ein Barockbau aus, sondern wie ein x-beliebiger Historismusbau.


    Hier ein weiteres Bild aus den Archiven des Historischen Museums der Stadt Wien, das zeigt, wie "martialisch" die damalige Stadtdemolirung vor sich ging (auch in den Methoden, die Leute aus ihren Häusern zu kriegen, war man alles andere denn zimperlich):

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    Das Werdertor war im Norden der Inneren Stadt, aber diese Stelle wurde bis zur völligen Unkenntlichkeit verändert.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Von Stefan Zweig gibt´s ein tolles Essay zum Abbruch des Bösendorfersaals beziehungsweise von Beethovens Sterbehaus!


    lg

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  • Ja, aber das war schon der kritische Blick DANACH, von den unmittelbaren Zeitgenossen gibt s erstaunlich wenig dazu.


    Hier ein schmerzlicher Verlust vom Spittelberg:

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    Das schöne Fasszieherhaus links ist nicht mehr. Hier handelt es sich wohl um die Gardegasse, die ich schon beim "Gegenfaden" gezeigt habe. Die Häuser zwei und drei v li stehen noch, indes haben sich die Größenverhältnisse geändert, ja umgekehrt:

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    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Eine sehr gute Galerie. Diese Kehrseite der Gründerzeit muss man sich immer vor Augen führen, so prächtig und qualitätvoll ihre Ergebnisse auch sein mögen – was v.a. ab Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa bedenkenlos auf die Halde gewandert ist, ist geradezu unfassbar. Das Ganze wird erst begreifbar, wenn man bedenkt, wie viel von dem "alten Zeug" noch vor 1945 vorhanden war – wieviel mag es nochmals 100 Jahre zuvor gewesen sein?


    Man sollte allerdings auch nicht vergessen, dass diese Art des Stadtumbaus bis auf wenige Ausnahmen damals als einzige Methode begriffen wurde, Städte in die Moderne zu führen, was dann ja auch tatsächlich geschehen ist. Sanierung war ein Fremdwort, insofern kann ich den Leuten von damals nicht wirklich einen Vorwurf machen, im Gegensatz zu denen, die dann in den 1950er und 1960er Jahren die Reste dieses Erbes verschandelt haben!

  • RMA Ich weiß nicht, ob dieser Faden notwendigerweise in eine Debatte über Wert und Unwert des Historismus, also der den Abrissen nachfolgenden Bauten führen muss. Diese Frage erscheint mir angesichts der Verluste eher zweitrangig. Faktum ist, dass in den Großstädten ein enormer Raubbau an alter Substanz durchgeführt wurde, der über die Notwendigkeit der Stadtsanierung und - modernisierung hinausgehend, weitestgehend von wirtschaftlichen Interessen getragen wurde. Das ist das Verwerfliche, und darin übertrifft die erste Gründerzeit sogar noch die zweite. Das gezeigte edle Barockhaus am Stephansplatz konnte nur vor 1900 fallen, keine andere Zeit wäre so barbarisch gewesen.
    Dazu kommt, dass die Sünden der zweiten Gründerzeit in dieser dortigen Ausprägung ein eher bundesdeutsches Phänomen sind. In Wien, wie auch in Gesamtösterreich und auch in anderen Ländern ist man mit dem überkommenen Erbe sorgsamer umgegangen. Ein unrühmliches Gegenbeispiel wird allerdings bald gezeigt werden.


    Beginnen wir mit etwas Bizarrem:

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    Kann wer was damit anfangen?


    (Quelle: Rainer Reinsich: Altstadt in Österreich, Edition Christian Brandstätter, Wien, wie auch die folgenden Bilder)

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Ja, Kulisse des Hohen Marktes im Prater, zur Weltausstellung (?). Wahnsinn, wenn man bedenkt, dass WIen schon im 12. Jahrhundert im Prinzip voll ausgebaut war!


    lg

    "Ich denke an Wien, so wie Sie an Brüder, an Freunde denken, die jetzt an der Front sind. Nun sind sie fern von Ihnen und Sie wissen sie in Gefahr, ohne ihnen beistehen, ohne diese Gefahr teilen zu können" - Stefan Zweig 1940

  • Ja, Kulissenstadt anlässlich der Internationalen Ausstellung für Musik und Theaterwesen 1892.
    Wär eine gute Rekovorlage für den Hohen Markt, nicht wahr?
    Worum es mir hier geht: Offenbar liebte man damals schon alte Stadtbilder, warum sonst diese merkwürdige Reminiszenz?
    Und trotzdem hat man gerade damals soviel davon zerstört.
    Geburtshaus von Johann Strauß Vater in der Leopoldstadt, Floßgasse 7
    Pietät wurde nicht gerade großgeschrieben, auch nicht bei weit bedeutenderen Geistern:

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    Die Himmelpfortstiege im heutigen IX. Bezirk:

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    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Bleiben wir in der Vorstadt.
    Der übelste Nachkriegsverlust (1965):
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    (V. Wiedner Hauptstraße bei 105)
    DAS wiederum wär z Minga nicht möglich gewesen.
    Nun, die Entscheidung auf Abriss war damals kaum umstritten, der Barock ohnehin nicht hochgeschätzt, und die Rauchfangkehrerkirche, wie man sieht, ein beträchtliches Verkehrshindernis. Also bei manchen hier, wie s mir aus einigen Wortmeldungen scheint, müsste eigentlich ein gewisses Maß an Verständnis vorherrschen. Siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Florianikirche\r
    de.wikipedia.org/wiki/Florianikirche oder: http://www.gumpendorferstrasse.at/index.php?i=Platz&p=31\r
    http://www.gumpendorferstrasse.at/index ... Platz&p=31
    http://www.austriasites.com/vienna/bezirke/05/florianikirche.htm\r
    http://www.austriasites.com/vienna/bezi ... kirche.htm
    Ein weiterer Verlust aus der zweiten Gründerzeit ist diese vorstädtische Häuserreihe, hinter der sich das sogenannte Ratzenstadel barg, eine übel verkommene Hinterhofansammlung mit einem gewissen Reiz (fast kommt hier meine These über den sorgsameren Wr Umgang mit der Vergangenheit nach 45 ins Wanken):

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    (heute Wien VI Magdalenengrund)
    Bleiben wir im Bezirk.
    Aufs Konto der ersten Gründerzeit geht die Auslöschung dieser weit wertvolleren Häuserreihe:

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    (Beide Bilder entstammen dem Buch: Zu Gast im alten Wien von Bartel F. Sinnhuber, Verlag Amalthea)
    Hier handelte es sich um eine Szenerie aus der ganz kleinen ehemaligen Vorstadt Windmühle, an die heute nur mehr der Name Windmühlgasse erinnert, aus welcher auch dieses Bild stammte. Die Gemeinde war bis 1850 selbständig. Hier stand bis zur Türkenzerstörung eine namensgebende Windmühle, die jedoch nicht mehr wiederaufgebaut wurde, anders als die umliegenden Häuser. ursprünglich hätten lt kaiserlicher Auflage hier mehrere Windmühlen errichtet werden sollen.
    Heute an dieser Stelle architektonisch tristestes, uniformes Vorstadteinerlei.
    Am allermeisten hat überhaupt wohl das Areal des heutigen VI.Bezirks gelitten.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Bez. Hoher Markt: im Prinzip kann man die Zerstörung des gründerzeitlichen Hohen Marktes im 2. WK auch positiv sehen (wenn man von den Menschenleben absieht): dadurch erhält man die Chance, den vorgründerzeitlichen Zustand wiederherzustellen. So wäre jedenfalls mein Plan ;)! Aber der Hohe Markt dürfte schon im 18. Jhdt. ganz anders ausgesehen haben als auf deinem Bild; hast du noch mehr Ansichten, vl. im kontinuierlichen Zeitablauf? (ich weiß, ich verlange viel ;) !)


    Vielen Dank jedenfalls für die tollen Bilder!


    lg

    "Ich denke an Wien, so wie Sie an Brüder, an Freunde denken, die jetzt an der Front sind. Nun sind sie fern von Ihnen und Sie wissen sie in Gefahr, ohne ihnen beistehen, ohne diese Gefahr teilen zu können" - Stefan Zweig 1940

  • Ja, da wurde manch pittoreske Ecke geplättet. Schade! Daher rührt also Euer Gründerzeittrauma...


    Quote from "youngwoerth in potsdam"

    Dass der Historismus in Wien und manch anderen Städten auch Vieles verdorben hat, sollte nicht zum Maßstab für einen allgemeinen Historismus-Hass werden. In Städten wie Wiesbaden, Freiburg oder Dresden verdanken wir ebendieser Zeit massenhaft ästhetische Stadtbereiche höchster Lebensqualität. Was wäre Freiburg ohne Martinstor? Und wo hätte ich in Dresden wohnen sollen, wenn nicht in Striesen?

    Ich entschuldige mich von Herzen für meine früheren arroganten, provokanten, aggressiven und unfreundlichen Beiträge!
    Jesus ist mein Herr und Retter!

  • Nun, um Diskussion zu Wert und Unwert des Historismus an sich geht es mir hier gar nicht, aber ein paar Worte zu youngi:
    1) Ich dachte, das Martinstor in FB sei allenfalls historistisch überformt?
    2) mE hat der Historismus in D zu stärkeren, stadtbildkonformeren Leistungen geführt als bei uns, wo er, was den Wohnungs- und Häuserbau anbelangte, zu einer bloßen Schablonenarchitektur verkam. Überhaupt waren bei Stadtumbau und -erweiterung offensichtlich zu starke kommerzielle Interessen maßgebend, und städtebaulich große Chancen, wie etwa eine zeitgemäß monumental-prächtige Gestaltung etwa der alles in allem höchst dürftig gebliebenen Glacisverbauung, der Wienflusszeilen (nur partiell um den Naschmarkt ausgeführt) oder des Gürtels, wurden vertan. Zu Prager oder Karlsbader gründerzeitlichem Flair reicht es in Wien gar nicht.
    3) geht es in er Inneren Stadt nicht um das Verschwinden pittoresker Ecken. Das Ausmaß muss man verstehen: Was die Hauptstraßenzüge und deren Gefüge anbelangt, war die Zerstörung so umfangreich wie die Nürnbergs oder Frankfurts, bzw in gewissem Sinne schlimmer, da, was Profanbauten betrifft, so gut wie nichts Identitätsbestimmendes erhalten blieben. Ein Palais am Graben, eines in der Kärntnerstraße, eine Zeile am Neuen Markt, das ist alles. Kein Römer, kein Nassauerhaus.
    Beinahe alle Häuser Wiens liegen ziemlich im Verborgenen. Man kann die Stadt leicht durchstreifen, ohne von "Altstadt" im eigentlichen Sinne etwas mitzubekommen.
    4) erscheint mir gerade DD als ungeeignetes Beispiel. Gerade diese Stadt litt unter gründerzeitlicher Zerstörung in ähnlichem Maß wie Wien, wenn nicht schlimmer.


    - Nach soviel Peripheriem zu den schmerzhaften Verlusten der Inneren Stadt. Hier ein Schmankerl, ob dessen man die Gründerzeit eigentlich nur hassen kann:

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    Neuer Markt, Hotel Munsch, vormals Mehlgrube bzw Casino. Immerhin ein Fischer.
    Heute das völlig belanglose Hotel Ambassador. Abriss und Reko!
    Weiter nach Norden wird s auch nicht heiterer:

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    Auf dieser AK beherrscht das Hotel Meißl und Schaden das Bild, zur Abwechslung einmal ein anspruchsvollerer Historismusbau. Dafür wurde er im II. WK zerstört und, wie bei Gründerzeitlern üblich, nicht wieder aufgebaut. Überhaupt ist keines der hier gezeigten Häuser erhalten geblieben. Um bei Alt-Wien zu bleiben: Die Häuserzeile links, also auf der Nordseite wurden später abgerissen, ebenso wie das Haus rechts.
    Das Hotel Meißl und Schaden war bekannt für seine Rindfleischspezialitäten, insb. Tafelspitz. Im Vorgängerbau komponierte Haydn die Kaiserhymne (heute Deutschlandlied), und hier verzehrte am 21.10. 1916 Friedrich Adler Reibgerstlsuppe, Rindfleisch mit Kohl und Pflaumenkuchen, ehe er ein paar Tische weiterging und den dort speisenden Ministerpräsidenten Karl Graf Sturgkh erschoss.


    Auch hier kann einem nur das Herz bluten: Ein schwerer Verlust des trotz allem immer noch schönen Michaelerplatzes:

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    Tatsächlich - so sah das Griensteidl einmal aus, als es noch Café Größenwahn genannt wurde. Hier bekamen die literarisch interessierten Gäste nicht nur kostenlos Schreibmaterial, sondern auch Meyers Conversationslexikon zur Verfügung gestellt.
    (Bilder aus: Zu Gast im alten Wien)

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.