Potsdam - Quartier Barberini und Alte Fahrt

  • Mit Mondsichel, sicher die Verkörperung der Fruchtbarkeit, mit Hörnchen vielleicht Moses, er auch immer so dargestellt wird.



    Zur Einrichtung des neuen Lokals:


    Diese Kombination aus Fabrikhallen-Kantinenatmosphäre und 'Tunten'-Barock (mit den Lüstern) kenne ich nur aus den USA, z. B. Seattle, man soll sich da nicht lange aufhalten, sondern konsumieren und 'Abflug'.


    Aber das ist alles eine Frage des persönlichen Geschmacks, der Generationen. Jede Zeit hatte ihr "in".
    Mal sehen, ob das die Menschen in Potsdam annehmen und darum geht es der Hauptsache oder ob es eine Touristen-Abfütterungsanlage wird.

  • Ich hätte bei der Mondsichel auf Diana getippt. Die Muschel in ihrer Hand könnte aber vielleicht auch auf Venus hindeuten (dann macht die Sichel aber keinen Sinn mehr). Die Hörner haben mich auch an Mose erinnert, der Bogen und die Pfeile deuten vielleicht in Richtung eines Jagdgottes, oder Armor (dafür ist die Statue aber eigentlich zu groß). Wie man das sinnvoll zusammenbringen soll ist mir auch rätselhaft.

  • Mich würde einmal ein kleines Detail interessieren: wenn ihr die Fotos des Innenraums seht, wie gefällt der euch? Spricht der euch an oder eher geht so?

    Der Raum scheint aus ca. drei Stilarten zusammengestellt worden sein. Eine der der wohl ungewöhnlichsten Kombinationen der Innengestaltung.

  • Die Skulptur mit der Mondsichel könnte Luna darstellen.


    Zu dem Raum: Mir gefällt er gut.
    Natürlich ist das im Positiven "zeitlos", im Negativen "nichts besonderes". Der Parkettboden, die Beleuchtung und die Wandkachelung erscheinen mir wertig, die Bestuhlung klassisch. Im Gesamtkonzept wurde da jetzt nicht das Rad neu erfunden. Solche Café-Restaurants gibt es ja in vielen Städten. In Frankfurt würde das "Metropol" am Dom vielleicht so aussehen, wenn man es renovieren und den 90er-Jahre-Charme etwas abschütteln würde. Oder ich war früher öfter mal im "Platea", später "Halle der Helden" (ich weiß aber gar nicht, ob es das noch gibt) an der Hanauer Landstraße. Oder nehme das "Depot" in Frankfurt-Sachsenhausen. Ist natürlich ein wenig anders gewesen, eher auf den abendlichen Betrieb ausgerichtet, aber im Prinzip bleibt eine Restaurant-Bar eben eine Restaurant-Bar.
    Was mir nicht so in Potsdam gefällt, ist die Sichtbeton-Decke mit den etwas zu voluminösen Abluftröhren. Wobei ich den Teil mit der komischen (Plastik?)-Verkachelung der Decken noch schlechter als den Beton finde. Verputzt und weiß gestrichen wäre besser gewesen. Aber, na ja, für den Kaffee überlebt man das schon. :zwinkern:

  • Naja, Moses wäre in diesem Zusammenhang, halbnackt (ja ich weiß, der von Michelangelo hat auch nicht viel an), so jugendlich und mit dem Jagdwerkzeug ziemlich ungewöhnlich.


    Diana war auch eine von mehreren Fruchtbarkeitsgöttinen. Da würde die Muschel passen. Bogen, der gute Körperbau und die Nähe zu Diana/Artemis könnten auf Apoll schließen lassen. Aber die Hörner...Da fiele mir nur Pan bzw. allgemein ein Satyr ein. Aber dazu passt der Rest nicht. Ich vermute einfach mal, der Bauherr oder Architekt hatte es nicht so mit der griech. Mythologie oder war da nicht so pingelig und hat von allen etwas genommen.


    Den Innenraum finde ich ganz schnieke.

  • Mich würde einmal ein kleines Detail interessieren: wenn ihr die Fotos des Innenraums seht, wie gefällt der euch? Spricht der euch an oder eher geht so?


    Das ist halt eine Kettengastronomie wie Starbucks, Vapiano oder Mc Donalds. Aber besser als bei Maredo schaut's schon aus.

    Wahre Baukunst ist immer objektiv und Ausdruck der inneren Struktur der Epoche, aus der sie wächst. Ludwig Mies van der Rohe

  • Meines Erachtens korrespondiert der Innenraum perfekt mit dem von mir als fabrikartig empfundenen äußeren. Ansonsten zeigt sich die Beliebigkeit unserer Zeit. Der Innenraum könnte überall sein, in Dresden, London, Hamburg, Paris, Barcelona oder Mannheim. Der Bezug zu Potsdam fehlt total. Ein klassisches Café-Interieur , wenn es schon "modern" sein soll, sieht anders aus.

    Der deutsche Pfad der Tugend ist immer noch der Dienstweg.

  • Zur Frage der Attikafiguren auf dem Noack'schen Haus ('Engelchen und Teufelchen') meine Deutung:
    Es dürfte sich um das Zwillingspaar Artemis (= Diana) und Apollon handeln, die aufgrund ihrer engen verwandtschaftlichen Beziehung gerne gemeinsam abgebildet wurden. Artemis verschmolz schon früh mit der Mondgöttin Selene / Luna, daher die Mondsichel. Apoll wird wie üblich in jugendlich-strahlender Schönheit abgebildet und trägt auch hier wie fast immer einen kurzen Chiton. Der Köcher mit den Pfeilen und der Bogen gehören zu seinen Attrubuten. Die ungewöhnlichen Hörner sind wohl aus dem Mythos zu deuten: Apoll errichtete als Vierjähriger auf der Insel Delos, wo er und Artemis geboren waren, einen Altar aus den Hörnern der von Artemis erlegten Tiere. Dieser Hörneraltar war ein hochverehrtes Heiligtum im alten Griechenland. Wie Artemis mit Selene verschmolz, so verschmolz in einigen Regionen Griechenlands Apoll mit der Gottheit Karneios. Dieser Apollon Karneios wurde mit Widderhörnern dargestellt (Karneios = Widder). In Sparta gab es sogar ein eigenes Fest zu Ehren des Widder-Apollon, die Karneia.

  • Offenbar gibt es doch noch eine Nachfrage nach plüschigen Cafés; Marktlücke im wahrsten Sinne des Wortes. Ich schließe mich Heimdalls Bewertung an.


    Zu den Attikafiguren:
    'etinarcadiameo' (musste dieser Name sein? :augenrollen: ) hat das m. E. gut und zutreffend ausgearbeitet.
    Artemis war die Göttin der Jagd, des Mondes, der Geburt. Hier eine weitere Darstellung mit Mondsichel auf dem Haupt.


    Die historischen Ansichten zum Vergleich:

    In diesem Zusammenhang: Ich finde, dass die von Hand gehauenen Figuren bislang ausgezeichnet geworden sind. Unerklärlich, dass hier vor kurzem Schmähungen geäußert wurden.


    Könnten die anderen Götterdarstellungen von versierten Forumsmitgliedern ebenfalls zugeordnet werden?
    Die rechten beiden Figuren.


    Die beiden linken Figuren, welche bislang noch fehlen.

    Schön ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt.
    (Immanuel Kant)

  • Die Figur auf dem unteren Bild links stellt mM nach Apoll dar mit Lyra und 'Hörnchen', die weibliche Figur vielleicht eine Muse (Klio für die Geschichtsschreibung?)

  • Vielen Dank für die Rückmeldungen zum Innenraum. Ich versuch mich mal in Architektensprech:
    Dieser neugeschaffene Raum lebt von seinem kontrastreichen Spannungsbogen seiner modernen, zeitgemäßen und zukunftsweisenden Elemente.
    So wurde der Charme eines Leichenwaschraums in Bestattungsinstituten mit der funktionalen Eleganz der Gaszuleitungen in modernen Krematorien vereint und zusätzlich das spannungsvolle Element eines Bartresens integriert, der mit seinem futuristischen Design Motive von Seziertischen in Pathologien aufnimmt.
    Den letzten Schliff in der Wohlfühlatmosphäre werden ein paar Nacktbilder von Elisabeth Flickenschild, Eva-Maria Stange, Regine Zindler, Rita Süßmuth und Co. in Bälde liefern.
    Die Betriebselektronik läuft übrigens politisch korrekt mit Ökostrom.
    Damit hat das Wiederaufbauprojekt eines Teils der Potsdamer Innenstadt einen unübertreffbaren Höhepunkt erhalten.

  • Mich würde einmal ein kleines Detail interessieren: wenn ihr die Fotos des Innenraums seht, wie gefällt der euch? Spricht der euch an oder eher geht so?


    Insgesamt finde ich das Abgebildete auf den ersten Blick schon ansprechend. Störend empfinde ich allerdings die unmittelbare Nachbarschaft von Kronleuchter und dickem Lüftungsrohr. Letzteres passt denn doch eher in Jeansläden und in Bauten, die von nacktem Beton als vorherrschendem Baustoff geprägt sind.

  • Meines Erachtens korrespondiert der Innenraum perfekt mit dem von mir als fabrikartig empfundenen äußeren.


    In der Tat. Ich finde auch, dass der Innenraum einer Fabrikhalle des frühen 20. Jahrhunderts nachempfunden ist. Die glänzenden Wandkacheln passen dazu, sind aber trotzdem gewöhnungsbedürftig und könnten so auch in einer U-Bahn-Station zu finden sein. Der Fußboden mit den "Jugendstil"-Fliesen und dem dunklen, großformatigen Fischgrät-Parkett macht auf mich einen edlen Eindruck - auch wenn es wegen der Abriebfestigkeit wohl eher Laminat sein wird(?).
    Das Mobiliar könnte aus einem Western-Saloon stammen, passt aber insgesamt zum Erscheinungsbild. Lediglich mit den überdimensionierten Lüftungsrohren an der Decke kann ich mich nicht so recht anfreunden. Wozu hat man denn Geld investiert und darüber eine offenbar ganz schöne Kassettendecke angebracht? Sie wird doch durch die Rohre zum größten Teil verdeckt. :augenrollen:

    Lûbeke, aller Stêden schône, van rîken Êren dragestu de Krône. (Johann Broling, Lübecker Kaufmann und Ratsherr, um 1450)

  • @ Innenraumgestaltung


    Ihr habt Probleme!


    Mehr oder weniger sehen alle L'Osteria-Läden so aus. Schaut doch einfach mal bei Google. Das ist halt Systemgastronomie und damit nichts, worüber es sich zu diskutieren lohnt.

    Wahre Baukunst ist immer objektiv und Ausdruck der inneren Struktur der Epoche, aus der sie wächst. Ludwig Mies van der Rohe

  • Ich hatte vorher geschaut: http://losteria.de/deutschland/


    Natürlich sehen da einige sehr ähnlich aus wie dieses, viele aber auch anders. Man darf doch wohl trotzdem schreiben wie man es findet, wenn hier schon danach gefragt wird...

    Lûbeke, aller Stêden schône, van rîken Êren dragestu de Krône. (Johann Broling, Lübecker Kaufmann und Ratsherr, um 1450)

  • Zur Frage, wen die übrigen Figuren auf dem Noack'schen Haus verkörpern könnten:


    Die beiden rechten Figuren sind mangels erklärender Attribute nicht ganz einfach zu identifizieren. Bei der weiblichen Gestalt, bei der mir der Aspekt der Schönheit und eines wohlgeformten Leibes im Vordergrund zu stehen scheint, dürfte es sich um Venus / Aphrodite handeln, ihr beigesellt dann am ehesten der Kriegsgott Mars / Ares. Die beiden verband zeitweilig eine stürmische Liebesbeziehung. Ähnlich muskelbepackt sind zwar auch Darstellungen des Herkules und die Armhaltung erinnert an eines der bekanntesten antiken Bildwerke dieses Halbgottes, nämlich den Herkules Farnese, der in der auf den Rücken gewendeten Hand die gestohlenen Äpfel der Hesperiden hält, aber ich finde die Kombination Venus / Mars schlüssiger, zumal Mars auch meist in sehr jugendlicher, bartloser Gestalt zu sehen ist, während Herkules einen sehr maskulinen Vollbart trägt.
    Die Lyra ist das Attribut von Apoll und Orpheus. Ein Detail jedoch weist auch die Figur ganz links als Apoll aus, nämlich der Haarknoten, den auch eine der berühmtesten antiken Skulpturen überhaupt, nämlich der Apoll vom Belvedere, zeigt. Ihm beigesellt mit Schriftrolle dürfte dann eine der Musen sein, und ich tippe da wie ‚Spreetunnel‘ auf Klio.
    Nun kann man sich fragen, warum Apoll gleich zweimal auftaucht, und so will ich mich an eine Deutung des Gesamtprogramms der Attikafiguren wagen. Venus und Mars verkörpern Liebe (Frieden) und Krieg, der Apollon Musagetes (Musenführer) mit Klio Kunst und Kultur, die auch nur im Frieden gedeihen, während das Zwillingspaar Artemis und Apoll wiederum eher gewalttätige Aspekte verkörpert (Jagd und Rache, wie etwa bei der Ermordung der Kinder der Niobe).
    Es sieht für mich danach aus, daß das Figurenprogramm quasi antithetisch ausgearbeitet ist. Drei Paare, die sich in zwei gegensätzliche Gruppen einteilen lassen: hie Lyra-Apoll, Klio und Venus, dort Pfeil-und-Bogen-Apoll, Artemis und Mars.
    Ich kann mir vorstellen, daß Friedrich dem Großen, der ja starken Einfluß auf die Gestaltung der Fassaden in Potsdam nahm, die Illustration dieser beiden Aspekte sehr wohl zugesagt hat, waren sie doch auch Konstanten in seinem eigenen Leben: Krieg und Kunst.


    Eine mögliche Deutung der Muschel in Händen von Diana will ich noch nachliefern, obwohl ich mir dessen nicht sicher bin, da die Muschel nicht zu den klassischen Attributen dieser Göttin gehört: Diana verteidigte stets eisern ihre Keuschheit und ließ dann auch schon mal einen Jäger, der sie im Bade überraschte, von seinen eigenen Hunden zu Tode hetzen oder verbannte die von Zeus geschwängerte Callisto aus dem Kreis ihrer Gespielinnen, weil sie ihrer nicht mehr würdig war. Was macht eine Muschel, wenn man sich ihr nähert: schwupp! Sie verschließt sich und bleibt unnahbar.

  • @"frank1204"
    Laminat dürfte der Boden nicht sein. Dann würde der Boden klappern und der Abrieb sich schnell einstellen. Es wird schon sehr robustes Parkett sein, vermute ich. Am haltbarsten ist hochkantig verlegtes Industrie-Parkett.

  • Ja, Venus/Mars ist schlüssiger.


    Wir dürfen ja nicht vergessen das ganze Familientreffen am Alten Markt zu sehen: Atlas auf dem Alten Rathaus, Fortuna am Stadtschloß und (bis 1871) die formgeschnittenen Kugelorangen auf der Schloßwache als Sinnbild der Äpfel der Hesperiden. :opa:

    „Kreativität entsteht nicht durch Überfluß sondern durch Mangel.“
    Richard David Precht

  • Der Palast Pompei ist ausgerüstet:


    „Kreativität entsteht nicht durch Überfluß sondern durch Mangel.“
    Richard David Precht