Potsdam - Quartier Barberini und Alte Fahrt

  • Der Platz bekommt FÜHLBAR seine Fassung , so ist sie, die Fassung, keine ausschließlich des Kopfes, des rechten Winkels und damit der optimierten Stapelbarkeit. Vielmehr habe ich immer wieder das Gefühl, sichtbar, wie mittels der Geste einer Hand, Schritt für Schritt eingeladen zu werden. Keine abrupte Öffnung zum Platz hin, geplant als Stätte versammelten Kommerzes oder des Aufmarsches, vielmehr etwas Allmähliches, wer denn von der Langen Brücke her kommt.


    Es ist dieses quasi "Natürlich-sich Öffnende", wer sich von den Baulinien sanft leiten lässt: Ist es nicht dieses sehr grundlegende Gefühl, was die meisten Menschen auf Dauer anspricht, ja, schon immer ansprach?


    Dem Dank an Hasso Plattner, Günter Jauch und zuweilen auch Wolfgang Joop schließe ich mich hier sehr gerne an.

  • Anbei die Rede von Hasso Plattner anläßlich des Richtfestes im Barberini:


    „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“ (Sir William Scott)



  • Sehr geehrter 'Potsdam-Fan',


    Sie haben vor einigen Tagen das obige Bild der aktuellen Bausituation am Alten Markt - gesehen vom Dach der Nikolaikirche - hier im Forum eingestellt. Dieses Bild illustriert besser als tausend Worte die heilende Kraft von Rekonstruktionen auf im 20. Jahrhundert vielerorts so arg geschundene Stadtbilder. Vielen Dank dafür !


    Moderationshinweis (Michael): Teil des Beitrags abgetrennt und in den entsprechenden Strang verschoben: Speicherstadt und Brauhausberg

  • Hallo "Pagentorn",


    danke für die netten Worte. Momentan fehlt mir allerdings ein wenig die Zeit zur Beantwortung der Fragen.


    Heute wollte ich nur schnell ein neues Video "Richtfest im Barberini" einstellen, für alle, die nicht dabei sein konnten.



    Viel Spaß.... :thumbup:

  • Am Palast Pompei haben die Sandsteinarbeiten begonnen:




    „Kreativität entsteht nicht durch Überfluß sondern durch Mangel.“
    Richard David Precht

  • Hammer, wie das jetzt vorangeht! Wenn "die öffentliche Hand" nur auch mal so ein Tempo vorlegen würde. :biggrin:

    Der deutsche Pfad der Tugend ist immer noch der Dienstweg.

  • Heutige Impressionen von der Haveluferbebauung:





    Erfreulich, dass gut 10 cm dicke Sandsteinplatten verwendet werden, und nicht nur ca. 3 cm starke, wie bei den meisten Sandstein-Sockelzonen heutzutage üblich:




    Humboldtquartier, links die Tiefgarageneinfahrt:


    Eingestellte Bilder sind, falls nicht anders angegeben, von mir

  • Guten Tag,


    @ snork: danke für die schönen Bilder. Die Tiefgarageneinfahrt im Humboldquartier fügt sich sehr gut in das Gebäude ein. Auch im Palast Barberini hätte ich mir statt einem Rolltor, ein automatisches Tor mit zwei Flügeln gewünscht.


    Viele Grüße :cool:

  • Die Tiefgarageneinfahrt im Humboldquartier fügt sich sehr gut in das Gebäude ein.


    Ja, immerhin kein Rolltor, aber dieses gedrechselte Treppengeländer in "Eiche rustikal" als Oberlicht mag mir nicht so recht gefallen. Erinnert mich eher an "Gelsenkirchener" denn Potsdamer Barock... :unsure:

    Lûbeke, aller Stêden schône, van rîken Êren dragestu de Krône. (Johann Broling, Lübecker Kaufmann und Ratsherr, um 1450)

  • Schade, daß beim Pompei die Sandsteinverkleidungen nicht in eine Ziegelmauer fest eingemauert werden und offensichtlich direkt vor die Isolierung gehängt werden!? Das wirkt irgendwie wie vorne hui und hinten pfui, für mich nicht handwerklich stimmig, nur Fassaderie (Schade um den wertvollen, schönen Sandstein.) Ist das noch Rekonstruktion? Wo bleibt die Werktreue? Werden denn wenigstens die Fugen noch verputzt. Sonst wirkt es wie eine der modernen Kaufhausfassaden. Und die Sockelsteine hängen auch in der Luft :augenrollen: ... das gibt zum Trottoir hin wieder einen Schlitz und der aufmerksame Betrachter erkennt sogleich, ein "fake". Oder ist das nun zu pingelig gedacht?
    Aber hier fehlt halt die Liebe zum Detail und es soll gespart werden... !


    Da lobe ich mir doch die werkgerechtere, massive und solide Rekonstruktion der Berliner Schloßfassaden über alles!!!

  • Das ist natürlich Unsinn, denn alle Rekonstruktionen sind nach der Brandenburgische Bauordnung und den z. Zt. gültigen Verordnungen zu erstellen. Es mag Menschen geben, die eine vollständig material- und konstruktionstreue Rekonstruktion befürworten, diese müssen dann allerdings mit den Mängeln der seinerzeitigen Fassaden leben und den sich aus der Gesetz- und Verordnungslage ergebenden Folgen:
    - die Aussenwände müssten ohne Zweischaligkeit über 1,50 mächtig sein, dicker als das Original, um die EnEv zu erfüllen (da kann man drüber meckern, sie gilt trotzdem)
    - wenn der Sandstein tragend wird muss jedes Werkstück einzeln statisch abgenommen werden
    - auch Treppen etc. sind nach BauBrandenburg nicht mehr original zu errichten
    u. v. a. m.
    Mit sind die nostalischen Gründe, die zu solchen Beträgen führen, bekannt - aber diese Gebäude sind Neubauten. Eine Authentizität des Materials ist nicht herzustellen, auch nicht beim Berliner Schloß. Das ist auch nicht notwendig, weil es um die Form und um die Handwerklichkeit geht, nicht um die Frage wie die Einzelteile zusammengefügt werden.


    Die Sockelsteine hängen auch nicht "in der Luft" sondern sind mit Edelstahlankern an der tragenden Beton (erfunden und nachgewiesen verwendet seit etwa 150 v. Chr.) befestigt. Das wird beim Barberini genauso sein, da die Sandsteinfassade nicht tragend sein darf.


    Insofern sind die Begriffe "fake", Disneyland" usw. allesamt am Thema vorbei, da hier eben Neubauten nach zeitgenössischen Bauvorschriften errichtet werden. Wer das nicht akzeptieren mag ist meist ein unverbesserlicher Nostalgiker oder ein Gegenr von Rekos, der versucht mit allen Mitteln die Nachbildung historischer Fassaden diskreditieren will.

    „Kreativität entsteht nicht durch Überfluß sondern durch Mangel.“
    Richard David Precht

  • Na, jetzt haste aber dick belehrend aufgetragen. Ich hatte eigentlich nur bemängelt, daß keine Ziegelmauer vor die Isolierung massiv gesetzt wird, in die die Sandsteinelemente eingefügt werden, also sozusagen, eine Dreischaligkeit, eben wie nebenan beim Potsdamer Schloß bzw. beim Berliner! Und für mich ist diese handwekliche Unstimmigkeit hinter der Fassade spürbar. Tut mir leid, aber bei Rekonstruktionen dieser kunst- und stadtgeschichtlichen Bedeutung sollte doch mehr Aufwand geleistet werden. Daß es bei privaten Bauherren auch geht, sehen wir in Dresden.

  • Tut mir leid, dass das so rüber kommt, aber die Worte "Fake" etc. erzeugen bei mir derweil einen leicht aggressiven Unterton, weil sie meistens naive und sachverstandslose Nachplapperei des Zeitgeistes darstellen, vor allem von Leuten die bautechnisch und baurechtlich völlig ahnungslos sind. Ausnahmen bestätigen die Regel.


    Ich kenne die sächsische BauO nicht, aber ich kann keine zusätzliche Authentizität einer dritten Schale erkennen. Das Orginal war doch vollständig Massivziegel, in das die Sandsteinelemente (auch mit Wärmebrücken) eingesetzt wurden. Diese müssten heute nach EnEv eben über 1,50 Meter stark sein.


    Wir können ja darauf warten, wie beim Barberini die Havelfassaden diskutiert werden, die aus computergesägter, mineralischer Dämmung bestehen werden, die geputzt wird. Zudem werden an der Marktseite Teile der Fassade in Sandstein ausgeführt, die nie Sandstein waren. Dies liegt daran, dass im 18. Jahrhundert Sandstein kein an sich bevorzugtes Material war sondern nur eingesetzt wurde, wenn statische Anforderungen dies erfordern. Der Regelfall war verputztes Mauerwerk, auch in Mischbauweise mit Sandstein.

    „Kreativität entsteht nicht durch Überfluß sondern durch Mangel.“
    Richard David Precht

  • Ist schon okay!? Im Pinzip hast Du ja Recht.
    Doch eine Vollrekonstruktion mit durchgehendem Mauerwerk wollte ich nicht fordern! So realistisch bin ich noch.
    Aber ich finde es halt für mein ästhetisches Empfinden eine Zumutung erkennen zu müssen, wie die standartisierte, dem Naturbaustoff entfremdete Bauindustrie, inklusive starrer Bauordnungen, nach Lobbyistengutdünken erlassen, mit allen diesen kunststoffmäßigen Baumaterialien sich auch noch über quasi auferstehende historische Bauten ergießt und ihnen dadurch den Charme und den Charakter künstlerischer Einmaligkeit nimmt oder mindestens trübt, sodaß diese "Rekonstruktionen" trotz Alterung nie und nimmer die faszinierende Austrahlung ihrer Vorgänger entwickeln können. Es wird Zeit, daß neue Bauordnungen mit Ausnahmeregelungen erlassen werden für historische Bauten und vor allem auch für solche, die mit historischem Bezug neu gebaut werden sollen, bzw. den Anspruch mit sich bringen eine Rekonstruktion werden zu wollen. Es braucht halt private Bauherren mit brennender Leidenschaft, nötigen Sachverstand und entsprechender Finanzpotenz. (Begleitet von einer aufgeklärten Politik und ebensolchen Stadtverwaltungen.)
    Das haben wir aber alles schon diskutiert!

  • Ich bin der Meinung, dass den Bauordnungen beizukommen ist, wenn man die Rekos denkmalgerecht erbaute, und sie auch als Denkmäler akzeptiert werden würden.
    Derzeit geht man bei Denkmälern noch von der Originalität eines Gebäudes aus, um ihm die Denkmalseigenschaft zuzubilligen.


    Ich plädiere eher für den Denkmalsbegriff, der auf die Erlebbarkeit des Gebäudes abstellt. Unsere Rekos würden so, wenn sie denn authentisch gefertigt werden zu Denkmälern, weil sie die zerstörten Originale wieder erlebbar machen, auch wenn sie neu sind !

  • Was "authentisch" oder "original" ist wird lange diskutiert. Ich persönlich unterstütze die Ansicht, dass es mehrere Authentizitäten gibt: eine A. des Materials, eine A. der Form, eine A. der Nutzung und noch weitere mehr. Pars pro toto für diese Diksussion einmal ein schöner Text von Wolfgang Seidenspinner zum Thema.


    Die Baugesetzeslange bei vollständigen Neubauten wird sich jedoch nicht ändern.

    „Kreativität entsteht nicht durch Überfluß sondern durch Mangel.“
    Richard David Precht

  • aber dieses gedrechselte Treppengeländer in "Eiche rustikal" als Oberlicht mag mir nicht so recht gefallen. Erinnert mich eher an "Gelsenkirchener" denn Potsdamer Barock...


    Ist natürlich Geschmackssache, aber ich bin froh über den etwas individuelleren Charme der Holzarbeiten, froh über etwas Ornament am Bau, ein Schritt in die richtige Richtung!


    Und für mich ist diese handwekliche Unstimmigkeit hinter der Fassade spürbar. Tut mir leid, aber bei Rekonstruktionen dieser kunst- und stadtgeschichtlichen Bedeutung sollte doch mehr Aufwand geleistet werden.


    Sehe ich auch so, es ist wirklich schade dass diese schön anzuschauenden Sandsteine nur an Edelstahlanker und unverfugt drangehangen sind, wirkt total unstimmig, fragil und anfällig!

    Labor omnia vincit
    (Vergil)