So schön könnte Bauen sein (Architekturentwürfe)

  • Interesse besteht auch meinerseits, sehr großes :) Vielen Dank soweit! Tolle Entwürfe.



    Gibt es eigentlich belegbare Beispiele, in denen mal ein Vorkriegsentwurf einige Jahre oder gar Jahrzehnte später zu Nachkriegszeiten errichtet wurde? Also keine Rekonstruktionen, sondern tatsächliche Neubauten auf alten Entwürfen basierend. Das fänd ich hochspannend.


    Das wäre sicher auch ein unerschöpflicher Fundus für historisierende Neubauten. :wink:

  • Etwas was mir ungefähr in diesem Zusammenhang dazu einfällt ist der Teil der Wiener Hofburg am Michaelerplatz - wenn auch nicht in dem von Dir angefragten Zeitraum. Zuerst gab es einmal einen Entwurf aus ca. 1730 (Fischer von Erlach?), der aber nicht wirklich ausgeführt werden konnte, weil damals noch das alte Hofburgtheater stand. Dann ist der Entwurf an einer ganz anderen Stelle, nämlich in Berlin, vom preussischen König ausgeführt worden (Hofbibliothek?) und erst ca. 150 Jahre später wurde nach Abbruch des alten Hofburgtheaters der ursprüngliche Entwurf irgendwann kurz vor 1900 annähernd umgesetzt!


    Die Nachkriegszeit ist dann halt die Zeit nach den Erbfolgekriegen, dem Siebenjährigen Krieg und dem deutsch-deutschen Krieg...;-) - aber immerhin.


    Ansonsten fällt mir momentan nur ein Zinshaus in Wien ein, bei dem die - nie im Entwurf von ca. 1890 ausgeführte Fassadengestaltung - erst (vermutlich in den kommenden 5 Jahren) umgesetzt wird, wenn die Liegenschaft einer Generalsanierung zugeführt wird...

    „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“ (Sir William Scott)

  • An Michaels eingestellten Entwürfen kann man sich gar nicht satt sehen.
    Es gab sie mal : Architekten, die Einfälle und Ideen hatten. Zugegeben, manches war sehr großzügig und kostenaufwendig gedacht.


    Es macht trotzdem große Freude, diese Entwürfe anzusehen, sich vorzustellen, w i e diese Bauten gewirkt haben könnten, wären sie denn
    letztendlich zur Realisierung gekommen.

  • Vielen Dank für die vielen Rückmeldungen.


    Ich habe noch ziemlich viele solche und ähnliche Entwürfe aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert aus allen erdenklichen Bereichen vom Schweinestall bis zum Schloss, die ich dann nach und nach hochladen werde. Es wäre auch interessant etwas über das Schicksal der jeweiligen Gebäude zu erfahren, vielleicht kennt jemand das ein oder andere, wie Palantir das Haus am Hackeschen Markt in Berlin.
    Würden in diesen Strang auch Fotografien passen, das würde den Fundus noch erweitern? Wie z. B. diese hier:


    Haus Schierenberg in Köln a. Rh.; erbaut von Müller & Grah, Architekten daselbst.


    Noch ein paar Entwürfe aus Wien:


    Konkurrenzentwurf zur Ausgestaltung des Neuen Marktes in Wien von Architekt F. Krasny daselbst.


    Wohnhaus in der Sechskrügelgasse in Wien; erbaut von den Architekten F. Freiherrn von Krauss und Jos. Tölk daselbst.

  • Was war das noch für eine Entwurfskunst! Im Vergleich dazu ist die heutige Architektur jämmerlich armselig in ihrer Formensprache.

    In dubio pro reko

  • Ich stimme Volker bedinungslos zu. Vor allem das Haus in der Sechskrügelgasse - welche Kreativität, welch Formenreichtum - ein wahres Hochgefühl der Kunstsinnigkeit kommt da auf! Großer Respekt! Ganz großer Respekt!

    Form is Function.


    "Fürchte nicht, unmodern gescholten zu werden. Veränderungen der alten Bauweise sind nur dann erlaubt, wenn sie eine Verbesserung bedeuten, sonst aber bleibe beim Alten. Denn die Wahrheit, und sei sie hunderte von Jahren alt, hat mit uns mehr Zusammenhang als die Lüge, die neben uns schreitet."

    Adolf Loos (Ja, genau der.)

  • Nun einige Villen, auch wieder aus der Architektonischen Rundschau von 1900.


    Villa Deichmann in Köln; entworfen von Baurat Otto March in Charlottenburg. Hier eine Chromolithografie, die anderen Bilder sind meist Zinkografien.


    Villa J. B. Dotti in Grunewald; erbaut von Baurat Otto March in Charlottenburg.


    Und nochmal von der Gartenseite.



    Landhaus Hasse in Oberneuland bei Bremen; erbaut von E. Gildemeister & W. Sunkel, Architekten in Bremen.


    Wohnhaus Francetti-Frova in Mailand; erbaut von Architekt Sebastiano Giuseppe Locati daselbst.


    Villa Riedel in Halle a. d. Saale; erbaut von Grisebach & Dinklage; Architekten in Berlin.



    Villa Lehne in Grunewald; erbaut von Architekt Rud. Bislich in Berlin.


    Zur Abwechslung auch mal eine Innenansicht:


    Diele in der Villa Steinthal in Berlin; erbaut von Gremer & Wolffenstein, Architekten daselbst.


    Dieser Sinnspruch aus dem Herrenzimmer des Wohnhauses Kayser in Berlin von Julius Wolff, den ich aus einem Lehrbuch über Wohnungsbaukunde von 1910 entnommen habe, passt ganz gut hierher:


    "Wer will bauen an der Straßen,
    Tu' es nach der Schönheit Maßen
    So nach außen wie nach innen.
    Doch er sei mit vollen Sinnen
    Aller Kunst darauf bedacht,
    Daß der Formen helle Pracht
    Steh' im Einklang mit dem Zwecke
    Ihn dem Auge nicht verdecke.
    Sei, ob schlicht, ob stolz es schauet,
    Ob es eng ist oder weit,
    Heimstatt der Behaglichkeit!

    Edited once, last by Michael ().

  • Anfrage an Michael : ist die hier abgebildete Villa Deichmann, in Köln, tatsächlich in dieser noblen Form ausgeführt worden - und - wenn ja, existiert sie noch ?
    Oder handelte es sich lediglich um ein sog. "Architekten - Schaubild" ?


    Es ist der Landhaus - Typ, wie er auch in DD ehemals in ähnlichen Formen zur Ausführung gelangte :
    etwas Neobarock, ein wenig Reformbaustil und div. Jugendstilornamentik - sehr stimmiges "Gemengsel" insgesamt, finde ich . . .


    Vielleicht kann auch ein APH - Mitstreiter aus Köln meine Frage beantworten, vorab DANK.

  • Was mich wirklich bei all den Plänen interessieren würde, ist, ob irgendwelche der Gebäude bis heute überdauert haben. Fänds toll, wenn es auch dazu Bilder gäbe. :)

  • Zu der Villa in Köln konnte ich im Internet nichts finden, nur diese Villa Deichmann in Köln, die Villa war bei Herausgabe der Zeitschrift noch nicht gebaut.


    Bilderbuch Köln - Villa Deichmann


    Hier die ausführliche Beschreibung im 5. Heft der Architektonischen Rundschau von 1900:


    "Die für Köln geplante Ausführung soll im Aeusseren in grauem Sandstein mit teilweise geputzten Mauerflächen erfolgen. Das Dach soll mit Freiwaldauer Dachziegeln aus der Sturmschen Fabrik eingedeckt werden.
    Die innere Einteilung der Räume, die auch der Pflege einer reicheren Gesellschaft dienen sollen, ist für die Bedürfnisse des Besitzers, der Junggeselle ist, entworfen."


    Hier auch noch einige Infos zu den anderen Zeichnungen und Entwürfen:


    Für das Stadthaus bzw. die Sparkasse in Laa an der Thaya wurde ein anderer Entwurf ausgeführt.


    http://upload.wikimedia.org/wi…6/Laa_an_der_Thaya_01.jpg


    Das Stadtheater in Baden wurde auch nach einem anderen Entwurf gebaut.


    Stadttheater Baden – Wikipedia


    Vom Haus Schierenberg in Köln gibt es auch einen ausführlichen Wikipedia-Artikel.


    Haus Schierenberg – Wikipedia


    Das Haus in der Sechskrügelgasse in Wien steht noch.


    http://goo.gl/maps/iu8Ib


    Die Villa Dotti stand in der Herthastraße 17-19.


    Das Landhaus Hasse bei Bremen steht noch so wie gezeichnet.


    http://upload.wikimedia.org/wi…Hasse_-_Bremen_-_2011.jpg


    http://de.wikipedia.org/wiki/D…rasse_41-43_(2012-04).jpg


    Ebenso die Villa Riedel in Halle.


    Panoramio - Photos of the World


    Die Villa Steinthal stand in der Uhlandstraße 191 in Berlin, dort erinnert heute ein Stolperstein an die ehemaligen Bewohner des Hauses.

  • Ich denke das ist in etwa der Villentyp den Bernd Ludwig meinte.


    Eine 1904 in der Commeniusstraße 44 in Dresden erbaute Villa, die Zeichnungen stammen aus der Architektonischen Rundschau von 1905.



  • Die "Architektonische Rundschau" von 1905 erweist sich als wahres "Schatzkästlein". Und Michael, genau so ist es : dieser von Dir veröffentlichte Villentyp wurde, natürlich in Modifizierungen, in Dresden gebaut.


    Gerade und leider gehört die Comeniusstrasse in DD zum sog. "Schadensgebiet".
    Beim Bombenangriff 1945 wurden dort, an der Comeniusstraße, unzählige Villen vernichtet.


    An Stelle der Villen stehen heute zum größten Teil Plattenbauten, nur ganz wenige Villen, darunter die Comeniusstrasse Nr. 32, als Wohnhaus des Gauleiters der NSDAP, stadtbekannt, haben die Zerstörung 1945 überdauert.


    Leider, leider existiert auch die Villa Comeniusstrasse 44 nicht mehr, ist unterdessen gleichfalls "modern" überbaut.


    So ist es Deinen Recherchen zu verdanken, dass ich und andere Interessierte, zum ersten Male dieses unwiederbringlich verlorene, schöne Gebäude, einer ehm. Dresdner Stadtvilla, wenigstens als Abbildung sehen kann.


    Ein hoch interessantes Dokument. Vielen Dank.

  • Noch einmal ein paar ältere Zeichnungen aus Rombergs "Zeitschrift für Praktische Baukunst" aus den Jahren 1843-45. Mich interessieren diese älteren Zeitschriften besonders, leider fehlen in meinen Exemplaren sehr viele der Tafeln mit den Abbildungen. Darin wird in monatlichen Kunstberichten fast wie hier im Forum über das aktuelle Baugeschehen in Deutschland berichtet.


    Zuerst ein 1838-40 errichtetes Gebäude in der Taubenstraße 14 in Berlin. Das Dienstgebäude der königlichen Hauptverwaltung der Staatsschulden entworfen von Oberlandes-Bau-Direktor F. Schinkel.



    Die ebenfalls von Schinkel entworfenen Kandelaber aus Gusseisen auf dem Schloßplatz und dem großen Schloßhof in Berlin.



    Und noch einmal Berlin: Ein Hofgebäude in Holzconstruction, entworfen und ausgeführt von A. Lohse, Baumeister in Berlin.



    Entwurf eines Monuments der Reformation von E. Pötzsch.



    Ansicht der Straf-Anstalt bei Halle, aufgenommen von dem Turm der Neumarkt-Kirche. Das Gefängnis "Roter Ochse" wurde von 1836-42 vom Architekt Gustav Spott gebaut, heute befindet sich dort eine Gedenkstätte und es wird immer noch als Gefängnis genutzt.


  • Am Entwurf für das 2. Gebäude aus "Michaels Taschenbüchel" werden gewisse Anleihen an Herrn Schinkels Arbeiten besonders deutlich.


    Für die Neogotik habe ich nicht unbedingt ein "Faible", mehr aufgeschlossen bin ich ( wohl bedingt durch die Herkunft ) dem neobarocken "Gewusel". Allerdings kann man sich dem klaren Liniengefüge und Umrissen der neogotischen Bauwerke schwer entziehen. Deshalb warte ich geradezu sehnlichst auf die Reko der Bauakademie.

  • Entwurf 2,3&4 könnten schöne Palazzi sein (wenn man bei 3 und 4 das schreckliche Steildach weglassen würde...) Die Kirche gefällt mir jetzt nicht so gut, die Türme sind irgendwie zu schmal und zu niedrig...

    Architektur ist immer subjektiv, da sie wie jede andere Kunstform vom Auge des Betrachters abhängt.

  • Die Kirche erinnert mich an die Dorfkirche von Pankow, hier ist noch die Seitenansicht die im vorigen Beitrag fehlte.



    Die Entwürfe im Tudorstil gefallen mir gut, besonders das Gymnasium auf dem ersten Bild. So wurde aber denke ich in Deutschland, bis auf einige Schlösser, eher selten gebaut, kennt vielleicht jemand etwas Vergleichbares? In meiner Umgebung fällt mir das Rathaus von Geisa ein, auch mit den Fenstern wie in den Entwürfen, das genau zur selben Zeit wie das Buch entstand.

    Edited once, last by Michael ().

  • Schloss Eckberg in DD zeigt Elemente der Tudorgotik. Es gibt aber auch einige palastartige, neogotische Wohngebäude in der Bautzner Straße, die Zitate in dieser Richtung aufweisen.


    Mitunter erscheint es bei der Zuordnung schwierig, gewisse Grenzwertigkeiten zu erkennen, da Architekten des Historismus
    manchmal relativ unbekümmert "malerische" Stilmischungen zum Einsatz brachten.

  • Da bald die Neubebauung des Schinkelplatzes in Berlin ansteht passen diese Zeichnungen jetzt ganz gut hierher. Sie zeigen das Hotel d' Angleterre in Berlin, die ehemalige Adresse lautete Platz an der Bauakademie No. 2.


    Hier die Beschreibung dazu aus einer Mappe mit Entwürfen von Eduard Titz von 1859:


    "Das Gebäude, im schönsten Theil Berlins gelegen, gewährt von der nahen Schloßbrücke aus gesehen einen äußerst imposanten Anblick. Aus den Fenstern der Logirzimmer hat man eine prachtvolle Aussicht auf die großartigen Umgebungen des Hotels, dessen Lage für den Fremdenverkehr überhaupt als eine sehr glückliche bezeichnet werden kann."


    Perspektivische Ansicht



    Geometrische Ansicht der Haupt-Fasade am Platz der Bau-Akademie



    Profil des Gebäudes von der Vorderfront bis zum Hof



    Detailzeichnungen aus dem Treppenhaus



    Detail der Dekoration des Speisesaales



    Detail der Tür-Bekrönung zum Kontor



    Detail des Risaliten



    Eine Fotografie habe ich hier in einem Link den Palantir schon einmal im Schinkelplatz-Strang einstellte auf der letzten Seite gefunden:


    http://liegenschaftsfonds.de/s…99_Schinkelplatz_netz.pdf