Baugeschichtliche Rekonstruktionen

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    Die Abstimmung für das Gebäude des Jahres 2018 ist geöffnet! Abstimmungsende ist am 15. November 2018. Bitte gebt bis dahin Eure Stimme ab.

    • Baugeschichtliche Rekonstruktionen

      Baugeschichtliche Rekonstruktion des 1958 abgebrochenen Hauses "Zum Weinfalken" an der Metzgergasse 2 in St. Gallen (CH)


      Anhand eines Beispiels aus St. Gallen möchte ich zeigen, wie die Baugeschichte verschwundener Gebäude erforscht werden kann. In den Strängen "Fachwerkbauten in Frankfurt a. M." sowie "Fachwerkbauten in Nürnberg" habe ich schon mehrere Beispiele vorgestellt, ohne aber den Weg aufzuzeigen, wie ich zu den Ergebnissen gekommen bin. Diesen Weg möchte ich hier nun Schritt für Schritt erläutern.


      Oft findet man in alten Familien-Photoalben oder in losen Photosammlungen alteingesessener Geschäfte Photos, welche einen Stammsitz während des Abbruchs zeigen. Oft sind solche Bilder wahre Leckerbissen für die baugeschichtliche Forschung, aber nur solange, als Gebäude noch von Hand abgebrochen wurden.

      Ein sehr altertümliches Gebäude am Marktplatz/Bohl in St. Gallen, welches 1958 abgebrochen worden ist, hatte schon lange meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen, und ich beabsichtigte, bei den jetzigen Geschäftseigentümern mal nachzufragen, ob sie eventuell noch Photos vom Abbruch des Hauses besitzen. Nun kam es so, dass vergangen Sommer das Ladengeschäft umgebaut, und auf die Bauabschrankung eine solche Photographie projiziert wurde. Diese zeigte das 3. Obergeschoss sowie den Dachstuhl in völlig entkerntem Zustand, also nur noch mit dem übriggebliebenen Balkenskelett. Eine Nachfrage beim Geschäftsinhaber förderte noch drei weitere Ansichten zutage, welche das innere des Dachstuhles festhalten.




      Der "Weinfalken" kurz nach der letzten Renovation ca. 1940
      (Photo Ryser & Treuer, St. Gallen)





      Ausschnitt aus einer Photographie vom Abbruch des "Weinfalkens" im Juli 1958, auf Bauvorhang 2008
      (Photo W. Fietz, 1958)



      Mittels einer starken Ausschnittsvergrösserung hoffte ich, Licht in die Entstehungsgeschichte dieses Balkenwirrwarrs zu bringen. Handskizzen einzelner Partien führten nicht zum erhofften Ergebnis, sodass nur noch eine komplette Durchzeichnung und anschliessende Einfärbung konstruktiv zusammenhängender Balken in Frage kam. Auch jahrhundertealte, starke Setzungen im Innern des Hauses liessen dessen geometrische Rekonstruktion nicht befriedigend aufzeigen.

      Die weitere Beschäftigung mit dem Haus führte aber zur Entdeckung einer äusserst spannenden Baugeschichte, und es ist fast unvorstellbar, wieviel baugeschichtliche Detailinformationen solche Abbruchphotos preisgeben können. Ich habe mich deshalb entschlossen, hier den Werdegang einer solchen baugeschichtlichen Erforschung eines Hauses, welches seit exakt 50 Jahren nicht mehr existiert, Schritt um Schritt aufzuzeigen.



      1. SITUATION


      Die Liegenschaft befindet sich in der Ecke Goliathgasse/Metzgergasse. Beide Gassen gehören zur ersten und einzigen Stadterweiterung, dem St. Mangenquartier (früher Ira-Vorstadt oder mindere Stadt), welches zu Beginn des 15. Jahrhunderts in die Stadtbefestigung einbezogen wurde. Die Goliathgasse dürfte allerdings auf einen Weg zurückgehen, welcher seit dem 9. Jahrhundert vom Kloster zur St. Mangenkirche führte.




      Ansicht der Stadt St. Gallen von Osten nach Merian, vor 1638
      links die obere Altstadt mit der Klosteranlage, rechts die später ummauerte Ira-Vorstadt



      Im Bereich zwischen oberer Altstadt und St. Mangenquartier etablierten sich ab dem 15. Jahrhundert öffentliche Gebäude wie Rathaus, Metzg, Kornhaus, Zeughaus und Waaghaus. Der mittelalterliche Marktplatz befand sich allerdings ganz auf dem Boden der oberen Altstadt. Um die Metzg und das Kornhaus, welche im Sichtbereich des "Weinfalkens" lagen, fand der Rindermarkt statt, und erst im Verlauf der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mutierte dieser durch den Abbruch der spätmittelalterlichen, öffentlichen Bauten zum heutigen Marktplatz.

      Man darf annehmen, dass die Liegenschaft des "Weinfalkens" schon vor dem letzten Stadtbrand von 1418 überbaut war. Einerseits führte hier zu diesem Zeitpunkt bereits seit einem halben Jahrtausend der Weg zur St. Mangenkirche vorbei, und die Goliathgasse selbst war eine der drei wichtigen Ausfallstrassen der Stadt, durch welche der Verkehr in Richtung des Kantons Thurgau und weiter nach Konstanz führte.



      2. SAMMLUNG UND SICHTUNG VON ABBILDUNGSMATERIAL


      Aus der Schlussfolgerung des oben geschriebenen könnte man sehr viel Bildmaterial erwarten. Doch bereits die ältesten Stadtprospekte, welche alle von Osten her aufgenommen wurden, zeigen das Haus nur von einer Seite. Durch jahrelange Forschungstätigkeit erwies es sich, dass der älteste von ihnen, der Planprospekt von Melchior Frank von 1596 sowie der "Grosse Pergamentplan von 1671" die Häuser schon sehr genau festhielten!


      . .

      links: Ausschnitt aus dem Planprospekt von M. Frank, 1596
      rechts: Ausschnitt aus dem gr. Pergamentplan, 1671



      Zudem existiert eine um 1790 entstandene Reihe von Umrissradierungen, welche einzelne Strassen und Plätze der Stadt zeigt. Auf einer dieser Radierungen, welcher von der Goliathgasse in Richtung Metzg und Kornhaus aufgenommen wurde, ist der "Weinfalken" am rechten Bildrand festgehalten. An vor-photographischen Ansichten gibt es also lediglich drei verlässliche Abbildungen des Hauses!




      Ausschnitt aus einer Radierung nach J. C. Mayr, ca. 1790



      Photographische Ansichten ab den 1890er Jahren sind dann sehr zahlreich, da sich in den Jahren davor der Rindermarkt zum zentralsten Platz der Stadt entwickelte, dem heutigen Marktplatz und anschliessenden Theater- oder Hechtplatz (heute Bohl).




      Der Bohl Richtung Osten; links die Häuserzeile am ehemaligen Rindermarkt, heute Marktplatz, davon die ersten
      fünf Häuser von rechts her 1954 abgebrochen; in der Mitte der "Weinfalken"; rechts Hotel Hecht, bis auf einen Teil
      der Fassade abgebrochen 1990; rechts angeschnitten Stadttheater, abgebrochen 1971
      (Foto Gross, St. Gallen, ca. 1940)





      Selbe Ansicht wie oben (Foto Gross, St. Gallen, zw. 1955 und 1958)





      Ansicht von der Marktgasse/Marktplatz in die Goliathgasse (Foto Gross, St. Gallen, ca. 1940)





      Ansicht des "Weinfalkens" und der anschliessenden Gebäude Goliathgasse 1 - 5 mit Blick in die Metzgergasse
      (Ansichtkarte ohne Verlagsangabe, vor 1905)





      Selbe Ansicht wie oben heute (Januar 2008)




      3. PLANUNTERLAGEN


      Im Archiv der städtischen Bauverwaltung sind ab der Zeit von 1860/1870 alle Baueingabepläne lückenlos vorhanden. Da die Gebäude der Altstadt früher selten totale Umbauten erfuhren, sind von diesen kaum Aufnahmepläne vorhanden, da nur die von Umbauten betroffenen Teile gezeichnet wurden. Erste schematische, aber für die Forschung immerhin brauchbare Unterlagen liefern die Kanalisationspläne ab etwa 1900, bei denen in die Grundrisse und Schnitte die Kanalisationsleitungen eingezeichnet wurden.

      Einen Besuch des Bauarchivs habe ich ausnahmsweise auf später verschoben, da sich die Untersuchung in einem ersten Schritt auf das 3. Obergeschoss und Dachgeschoss beschränken wird, und erst in einem zweiten Schritt das Erd- bis 2. Obergeschoss einbezogen werden sollen. Da das Gebäude ab der Mitte des 19. Jahrhunderts keine nennenswerten Umbauten erfuhr, vermute ich, dass ausser den Kanalisationsplänen kaum andere Pläne vorhanden sind. Somit statte ich dem Bauarchiv erst vor dem zweiten Schritt einen Besuch ab.



      Nun habe ich den "Weinfalken" in groben Zügen vorgestellt, und die eigentliche Forschungsarbeit soll in den nächsten Schritten erfolgen. Diese werden sich voraussichtlich in folgende Kapitel gliedern:

      4. Überlegungen zur Gebäudeform und Bauweise
      5. Vergleichsbeispiele
      6. Analyse des Balkenskeletts
      7. Erd- bis 2. Obergeschoss
      8. Zusammenfassung
    • Re: Baugeschichtliche Rekonstruktionen

      toller Beitrag, riegel.
      Was treibt eigentlich die St.Gallener in ihrem Haß auf die eigene Stadt. Ich mein, soviel Abbrüche seit 1950 auf so engem, zentralem Raum, ist das in der Schweiz normal?
      ... dass jeder troglodytischen Lebensart, beruht sie nur fest in sich selbst, etwas schlechthin faszinierendes eignet, überhaupt für solche, die einen Ansatz dazu schon besitzen und mitbringen, der dann nur noch einer gewissen Entwicklung bedarf. (HvD)
    • Re: Baugeschichtliche Rekonstruktionen

      Bald kommt der nächste Teil...

      @ ursus
      Ich glaube nicht, dass das ein St. Gallen-spezifischer Vorgang ist. In St. Gallen konzentrierten sich wenigstens die meisten Abbrüche in der Altstadt vor allem auf den Marktplatz-Bohl. Beim Schreiben des obigen Beitrags, vor allem beim Bildtext mit den vielen Abbruchdaten, bin ich mir bewusst geworden, in wie vielen Strängen hier gemutmasst wird, wie die deutschen Städte ohne den Krieg heute dastünden. Meine lapidare Antwort hierauf ist "eben so..., wie das Marktplatzbild bei uns heute".

      Ich hatte eh schon lange vor, in der Galerie über St. Gallen eine Bilderreihe mit Neubauten der letzten 50 Jahre in der Altstadt einzustellen, nachdem dort als letzter Beitrag die Frage nach den vielen Neubauten in den Raum geworfen worden war:

      Treverer schrieb:

      Warum gibt es eigentlich so viele Nachkriegsbauten in der Innenstadt? Gut, viele ist vielleicht übertrieben, aber ich hab auf vielen Bildern welche ausmachen können. Die Stadt wurde im 2. Weltkrieg doch nicht beschädigt, oder?

      @ Herzog
      Ist das nicht auch heute noch genau so? Es wäre aber interessant, wieviele Neubauten durch Private, und wieviele durch Gesellschaften erstellt wurden. In den 50er Jahren waren es aber noch einige Private, im Gegensatz zu heute.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Riegel ()

    • 4. Überlegungen zur Gebäudeform und Bauweise


      Die Dachform des "Weinfalkens" war höchst eigenwillig, und wahrscheinlich das besondere Merkmal des Hauses. Es empfiehlt sich, als erstes das Haus von verschiedenen Seiten her aufzuzeichnen, um die Dachform zu verstehen, oder deren Entstehung zu begreifen. Zur Vervollständigung der photographischen Ansichten sei jedoch ein älterer Photoausschnitt mit abgebildeter Rückseite vorangestellt:




      Rückseitige Dachfläche gegen Nordwesten (mit den drei kleinen Dachlukarnen und ausgelegter Bettwäsche). Ausschnitt aus einer Stadtansicht von 1889





      Der "Weinfalken" im Zustand bis zum Abbruch 1958
      links: Rückansicht von Westen; rechts: Vorderansicht von Südosten



      In der St. Galler Altstadt herrscht die geschlossene Bauweise mit traufständigen Fassaden vor. Eckgebäude zeigen zur Seitenfassade hin in der Regel einen Giebel. Die Traufseite des "Weinfalkens" war gegen die Goliathgasse gerichtet, und das Pendant dazu, aber um ein Geschoss niedriger, gegen den Hof an der Metzgergasse. Die Traufe an der Seite gegen die Metzgergasse, wo eigentlich eine Giebelwand erwartet würde, rührte von einer abgewalmten Dachfläche her. An dieser Seite befand sich auch der Hauseingang, weshalb das Haus zur Metzgergasse gehörig war (eine solche Überlegung zur Ausrichtung ist auch beim Haus Prechtelsgasse 10 in Nürnberg am Schluss des Beitrags beschrieben).

      Von der Rückseite gibt es nicht so viele Ansichten, weshalb ich einen Ausschnitt einer Stadtansicht von 1889 zeige. Bis zum Abbruch des Hauses gab es hier keine Veränderungen. Die Dachneigung der Rückseite war einheitlich, während die Dachfläche der Vorderseite kurz unterhalb des First einen Knick aufwies. Solche Knicke deuten meistens auf eine nachträgliche Aufstockung hin (im zweiten Bild des ersten Beitrags kann man in der Seitenwand eine ältere Dachschräge bereits erkennen). Auf der Rückansicht von 1889 sieht man zudem deutlich, dass der "Weinfalken" nicht ein Eckgebäude war, sondern ein Kopfbau, welcher die Häuserreihe an der Goliathgasse abschloss. Somit ist das Satteldach mit einem Halbwalm ("Krüppelwalm") gegen die Metzgergasse verständlich.

      Auch der Dreiecksgiebel an der Vorderseite war eher ungewohnt. Es handelte sich nicht um einen klassizistischen Bekrönungsgiebel, denn dafür hatte er zu viele Unregelmässigkeiten, sondern dürfte der grossen Auskragung wegen der Rest einer ehemaligen Aufzugslukarne gewesen sein.

      Die folgende Rekonstruktionsskizze dient erst mal als Arbeitshypothese. Sie entstand aus den oben beschriebenen Vermutungen (nachträgliche Teilaufstockung, Aufzugsgiebel) sowie aus dem Basiswissen aus langjähriger Erforschung der Altstadt. Es gilt nun, nach baugeschichtlichen Hinweisen zu suchen, welche diese Hypothese untermauern, oder gar zu einem andern Resultat führen. Auch Vergleiche mit andern Gebäuden sind unumgänglich.




      Der "Weinfalken" im hypothetischen Urzustand



      Der Grundriss war leicht trapezoid bei parallelen Giebelwänden. Der zugehörige Hof an der Metzgergasse war teilweise mit Ökonomiegebäuden überbaut, und erst ca. 1905 mit einem eigenständigen Gebäude überbaut worden. Eine Restfläche dieses Hofes bestand aber noch bis zum Abbruch des "Weinfalkens", da seine Rückseite befenstert war.

      Beim Neubau 1958 erfolgte eine Arrondierung zugunsten einer Verbreiterung der Metzgergasse. Im Gegenzug durfte dafür die Vorderfassade breiter ausgeführt werden, und auch der restliche Hofraum wurde nun vollständig überbaut. Bereits bei der Überbauung des Hofes ca. 1905 erfolgte eine Rücknahme der Baulinie an der Metzgergasse.




      Überlagerung des ersten Vermessungsplanes von 1863 (unscharf, farbig) mit dem Katasterplan von 2008 (scharf, grau getönt)



      Zur Bauweise:

      Auf dem Abbruchphoto des ersten Beitrags kann man erkennen, dass das Gebäude mindestens ab dem 3. Obergeschoss vollständig in Fachwerk aufgeführt war. Betrachtet man die schlanken Fensterpfosten der ersten beiden Obergeschosse, so wird auch hier klar, dass die Aussenwände nicht massiv gebaut gewesen sein konnten. Zudem war auch die Fassadengliederung mit Lisenen und Gurtsimsen aus Holz ausgeführt. Über das Erdgeschoss kann bezüglich der Bauweise keine Aussage gemacht werden, da hier Öffnungen unterschiedlicher Bauepochen vorhanden waren. Die bogenförmigen Abschlüsse des Hauseinganges und Kellerabganges auf der Seite der Metzgergasse allein beweisen noch keine durchgehend massiven Erdgeschosswände. Diese Feststellungen finden mindestens für den Zustand um 1790 in der Ansicht Mayrs ihre Bestätigung.

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    • Als nächster Schritt folgt eine Nachzeichnung des Balkenskeletts aus der Abbruchphotographie. Dabei werden unsichtbare oder unklare Details nicht mitgezeichnet; ebenso muss beachtet werden, dass im Rahmen der Abbrucharbeiten bereits einige Balken aus ihrer ursprünglichen Lage verschoben worden sein können:


      Photo W. Fietz, 1958





      Nach dem Herauskopieren der Nachzeichnung kommt man zu diesem Resultat:




      Mit Hilfe weiterer Photos werden unsichtbare und unklare Details ergänzt:




      Und jetzt folgt der spannendste Schritt, indem Ordnung in dieses Wirrwarr von Balken gebracht wird. Zusammengehörige Balken werden in der gleichen Farbe eingefärbt, für den hypothetischen Kernbau Rot, für die vermutete Aufstockung Gelb, sowie für die Front der ehemaligen Aufzugslukarne Blau:




      Man könnte jetzt für diesen letzten Schritt viele Erklärungen dazuschreiben, was aber den Rahmen hier sprengen würde. Dies wäre aber in einer wissenschaftlichen Arbeit unbedingt notwendig. Diesen letzten Schritt verstehe ich vielmehr in einer Annäherung an die Baugeschichte des "Weinfalkens", und dient vor allem dem Kennenlernen der Baustruktur und der Balkenverbindungen. Erst jetzt ist es zusammen mit dem Wissen aus anderweitigen Bauuntersuchungen möglich, Vergleichsbeispiele heranzuziehen, und Rückschlüsse daraus zu ziehen, respektive den "Einfärbeversuch" zu untermauern.
    • Re: Baugeschichtliche Rekonstruktionen

      @ SchortschiBähr
      Nein, Rekonstruktionen sind in der Schweiz generell kein Thema, ausserdem wurde das Geschäft im "Weinfalken"-Nachfolgebau letzten Sommer zum dritten Mal total umgebaut. Rekonstruktionen gibt es äusserst selten nach Brandfällen oder Unwetterschäden, aber ein Beispiel der letzten 20 Jahre kommt mir nicht in den Sinn. Im 2. Weltkrieg gab es im Grenzgebiet zur Schweiz auch irrtümliche Bombardements, und dort wurde meistens rekonstruiert.

      @ Oliver
      Man kann hier die Hausnummern, die Grundstücksnummern und die Katasternummern (Gebäudeversicherungsnummer) herauslesen.

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      Gleichzeitig mit der Suche nach Vergleichsbeispielen beschäftigte ich mich weiter mit der Rekonstruktion des Kernbaus. Im Hinterkopf waren diese Vergleichsbeispiele bereits präsent, und da kamen von den spezifischen Balkenverbindungen und der Dachform her verschiedene Beispiele in Frage. Teilweise sind diese Beispiele in den letzten Jahren dendrodatiert worden, und zwar alle zwischen ca. 1450 und 1550.

      Die Darstellungsweise erfolgte immer noch auf Grundlage der Nachzeichnung aus der Photographie, und die rückwärtigen (auf der Photographie verdeckten) Bauteile wurden mit den angenommenen Verformungen ergänzt.




      Rekonstruktion des Dachstuhls des Kernbaus



      Da der Blickwinkel jener von der Strasse aus ist, sind Teile des Dachstuhls nicht sichtbar, und es empfiehlt sich für die Weiterarbeit eine axonometrische Darstellung von oben und ohne Verformungen. Auch eine Plandarstellung käme jetzt schon in Frage (Bleistift und Papier lagen immer neben dem PC, und waren unabdingbare Hilfen für die bisherige Arbeit.

      Nun gibt es im Firmenarchiv des heutigen Geschäftsinhabers noch drei nicht näher bezeichnete Innenaufnahmen des Dachstuhls kurz vor dem Abbruch, deren Lokalisierung teilweise Kopfzerbrechen verursachte. Zuerst müssen aber noch die Geschossbezeichnungen genau definiert werden. Aus den Bildern im ersten Beitrag geht hervor, dass der "Weinfalken" ein Erd- und drei Obergeschosse hatte. Darüber folgte noch ein Dachgeschoss. Wie wir nun gesehen haben, entstand das 3. Obergeschoss aus einer Teilaufstockung und dem Ausbau des ursprünglichen 1. Dachgeschosses. Im Wesentlichen bestand dieses Geschoss grösstenteils weiter als Lagergeschoss mit Abstellräumen und bewohnten Mansarden, wie man auf einer der drei Innenaufnahmen entnehmen kann. Auch auf der Rückseite gegen die Metzgergasse hinauf erschien der "Weinfalken" weiterhin als dreigeschossiges Haus mit zwei Dachgeschossen. Ich definiere daher das vermeintlich 3. Obergeschoss neu als 1. Dachgeschoss, um Unklarheiten in der künftigen Beschreibung vorzubeugen (Erdgeschoss, 1. und 2. Obergeschoss, 1. (ausgebautes) Dachgeschoss, 2. Dachgeschoss).




      2. Dachgeschoss gegen Nordosten


      Dass die drei Innenaufnahmen überhaupt im "Weinfalken" entstanden sind (die Photos sind rückseitig nicht bezeichnet), geht aus der ersten Aufnahme hervor, welche das 2. Dachgeschoss in Richtung Nordosten zeigt. Frei im Raum liegen die Sparren des Kernbaus, und ihnen aufgelegt sind die flacher geneigten Sparren (richtig wäre die Bezeichnung "Rafen") der Aufstockung. Nach rechts geht es in den Dachraum hinter dem Dreiecksgiebel der Vorderfassade, zu dessen beiden Seiten nachträglich eingebaute Dachkammern aus Fachwerkwänden bestanden. Diese wurden durch die beiden Lukarnen seitlich des Dreieckgiebels belichtet.
      (Man vergleiche diese Aufnahme mit der dreifarbigen Etappendarstellung drei Beiträge weiter oben; der Blick geht dort von links nach rechts unter den gelb bezeichneten Sparren/Rafen).

      Ein Augenmerk richtete ich auch auf den durchhängenden Boden aus breiten Dielen, welche quer zum darunterliegenden Kehlgebälk aufgenagelt sind. Beim Treppenausschnitt erkennt man, dass dieser Boden nachträglich leicht aufgeschiftet worden ist; möglicherweise zur Zeit der Aufstockung.




      Treppe vom 1. ins 2. Dachgeschoss gegen Ost-Südost


      Die zweite Aufnahme zeigt die Treppe vom 1. ins 2. Dachgeschoss. Im Hintergrund oben erkennt man die Tür zur Dachkammer im ersten Bild, ebenso stimmen auch die Geländer überein. Rechts von der Treppe sieht man die Deckenkonstruktion mit den Kehlbalken und querverlaufenden Bodendielen. Nur das geübte Auge wird auch hier wiederum die Schiftung erkennen.




      2. Dachgeschoss gegen Westen


      Diese Aufnahme bereitete nun einiges Kopfzerbrechen. Auf Grund der Decke konnte es sich nicht um das 2. Dachgeschoss handeln, und auch kaum um eine Aufnahme aus den ersten beiden Obergeschossen. Somit blieb nur noch das 1. Dachgeschoss - unter der Annahme, dass die Photographie überhaupt aus dem "Weinfalken" stammte.

      Dass es sich um eine verwandte Konstruktion wie jene des "Weinfalkens" handelte, zeigte die Strebe an der Decke mit einem schwalbenschwanzförmigen Blatt - also ein angeblattetes Fussband. Der Pfosten rechts läuft ins obere Geschoss hinein, und wurde offensichtlich mit der Strebe gesichert. Durch zwei Geschosse verlaufende Pfosten sind für die Bauten des 15. und frühen 16. Jahrhunderts in St. Gallen nicht unüblich.

      Im Hintergrund sieht man ein Fenster, also müsste das Bild eine Partie nahe der Giebelwand zur Metzgergasse in Richtung Süden zeigen. Die Bodendielen verlaufen quer zu den Dielen an der Decke, also müssten auch die Balkenlagen quer zueinander verlaufen. Dass die Deckenbalken über dem 2. Obergeschoss - im Bild hier also unter dem Boden - von der Vorder- zur Rückseite in die Tiefe des Hauses verliefen, darf auf Grund der Dachform als sicher gelten. Demnach müsste es sich bei den Balken an der Decke um querverlaufende Kehlbalken zur abgewalmten Dachfläche zur Metzgergasse hin gehandelt haben. Ein solches Drehen der Kehlbalken unter dem Walm machte auch einen konstruktiven Sinn, damit die Rafen der Walmfläche auf sie gelegt werden konnten. Dies konnte beispielsweise am Nebenhaus von Schmiedgasse 28 dokumentiert und auf 1460 dendrodatiert werden!

      Das Fenster im Hintergrund zeigte aber nur drei Scheiben in der Höhe, und in der fraglichen Giebelwand zur Metzgergasse hin bestanden nur Fenster mit vier Scheiben in der Höhe. Auch grundrissmässig liessen sich die Beobachtungen auf keinen gemeinsamen Nenner bringen. Der Glaube an die um 90° gedrehte Kehlbalkenlage und die Annahme eines Aussenfensters führten wahrscheinlich auf einen Irrweg. Nun fällt auf, dass der Boden keine Durchbiegung wie an der Decke aufwies. Demnach war auch dieser Boden aufgeschiftet worden.

      Ein Blick auf eine weitere Photographie während des Abbruchs offenbart weiteres:




      Photographie vom Abbruch des "Weinfalkens" im Juli 1958, rechts Ausschnitt (Photo W. Fietz)


      Es ist gerade der Zeitpunkt festgehalten worden, nachdem die beiden Dachgeschosse fertig abgeräumt waren. Die am Kran hängenden Bodenbretter gehörten gemäss Abbruchablauf wahrscheinlich zum 1. Dachgeschoss. Deren Betrachtung mit einer Lupe zeigen ausnivellierende Schifthölzer darauf, auf welche anlässlich einer früheren Reparatur ein neuer Boden aufgenagelt worden ist - sehr wahrscheinlich der in der Innenansicht festgehaltene Boden.

      Was hat das nun für eine Bedeutung? Der neue Boden wurde also wiederum um 90° gedreht über den alten Boden genagelt - also in Richtung der Deckenbalken! Somit habe ich mich in der Blickrichtung der Innenansicht um 90° geirrt! Die Frage mit dem Fenster erklärt sich so, dass es sich um ein Binnenfenster (zum Treppenhaus?) gehandelt haben dürfte (im Gegensatz zu dieser Bodenreparatur wurde der obere Boden aus der ersten Innenansicht nicht um 90° gedreht, sondern es wurden zuerst die Bodenbretter demontiert, anschliessend die Kehlbalken aufgeschiftet, und der alte Boden wieder in gleicher Richtung wie vorher aufgenagelt). Das Bild birgt noch weit mehr Aussagen, was hier aber den Rahmen sprengen würde; ich wollte nur mal ein Beispiel schildern, wie man Trugschlüsse und Folgerungen aus scheinbar nichtssagenden Details ziehen kann.

      Die Aufnahme wurde in Richtung Westen aufgenommen, und zwar genau in der Mitte des Hauses. Der Ständer, welcher über zwei Geschosse hinweg läuft, steht genau unter dem Schnittpunkt des Firsts mit den beiden Gräten der Walmdachfläche. Die Kehlbalkenlage zwischen den beiden Dachgeschossen verlief also ebenfalls in die Haustiefe, und war nicht wie bei Schmiedgasse 28 unter dem Walm gedreht.




      Photographie vom Abbruch des "Weinfalkens" im Juli 1958; die Aufstockung und das 2. Dachgeschoss sind weitgehend abgeräumt, sodass nur noch der ursprüngliche Dachstuhl samt Kehlgebälk übrig geblieben ist. In der Mitte ragt der zweigeschossige Ständer aus der obenstehenden Innenansicht aus der Abbruchruine heraus. (Photo W. Fietz)



      Als weitere Quintessenz aus der bisherigen Erforschung der Baugeschichte des "Weinfalkens" resultiert die Dachstuhlkonstruktion, welche auf einem dreifach stehenden Stuhl aufgebaut war. In der mittleren "Stuhlwand" erkennt man den beschriebenen Pfosten mit dem links angeblatteten Fussband (Strebe):




      Rekonstruktion des Dachstuhls des Kernbaus mit hervorgehobenem dreifach stehendem Stuhl

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    • Ergänzung zu 3. PLANUNTERLAGEN


      Im Archiv der städtischen Bauverwaltung sind ab der Zeit von 1860/1870 alle Baueingabepläne lückenlos vorhanden. Da die Gebäude der Altstadt früher selten totale Umbauten erfuhren, sind von diesen kaum Aufnahmepläne vorhanden, da nur die von Umbauten betroffenen Teile gezeichnet wurden. Erste schematische, aber für die Forschung immerhin brauchbare Unterlagen liefern die Kanalisationspläne ab etwa 1900, bei denen in die Grundrisse und Schnitte die Kanalisationsleitungen eingezeichnet wurden.

      So war es denn auch nach dem Besuch des Bauarchivs. Der "Weinfalken" hatte nie einen Totalumbau erfahren, sodass nur Pläne von kleinen baulichen Veränderungen vorhanden sind:

      - 18?? kleine Vergrösserung des Stalles und Hofüberdeckung
      - 18?? Aufbau Lukarne auf Stall
      - 18?? Erhöhung des Stalles um ein 2. Geschoss
      Die undatierten, aber vom Baugesuchssteller signierten Pläne müssen gemäss Hausbesitzergeschichte zwischen 1879 und 1897 entstanden sein.
      - 1898 Baurechtsermittlung
      Damals dürfte eine Baulinie vorgesehen worden sein, welche bei einem allfälligen Neubau die Rücknahmen der Fassaden gefordert hätte, da der "Weinfalken" weit in die Gasse vorsprang.
      - 1907/08 Anschluss an die Kanalisation
      Erstmals sind hier Grundrisse vorhanden, allerdings nur des Erd- und 1. Obergeschosses, und zudem nur sehr rudimentär gezeichnet. Für eine Strukturerkennung sind sie trotzdem hilfreich. Auch ist ein Schnitt vorhanden, welcher allerdings gegen die Goliathgasse nur drei statt vier Geschosse zeigt (was aber eindeutig falsch ist).
      - 1912 Verlegung des Hauseinganges
      Die Haustüre wurde zwecks Vergrösserung des Ladens um wenige Meter nach hinten verschoben. Von der Seitenfassade zur Metzgergasse ist nur die Erdgeschosspartie gezeichnet, dafür aber auf den Zentimeter genau vermasst!
      - 1926 Ladenvereinigung
      Diese Baueingabe entstand auf der Grundlage des Planes von 1912
      - 1938 Fenstervergrösserung im Erdgeschoss
      Teilansicht der Fassade im EG und 1. OG
      - 1938 Kaminanbau an der Rückseite
      Die Rückfassade scheint hier recht genau aufgenommen worden zu sein; ebenso auch ein Schnitt durch sie, der die Verformungen der Fassade wiedergibt.
      Allen Plänen ab 1907 ist zudem ein Katasterplan beigefügt.

      Für die Erforschung der Vollgeschosse ist insbesondere der Plan von 1912 von Interesse, da er wenigstens den südwestlichen Laden samt Treppenhaus samt Vermassung zeigt. Dieser Plan wurde 1926 vom selben Planfertiger um den nordwestlichen Laden vervollständigt, allerdings stimmt die Haustrennwand zu Goliathgasse 1 nicht mit dem Katasterplan überein (im Katasterplan sind jeweils auch die gemeinsamen Haustrennwände samt den Vor- und Rücksprüngen eingezeichnet, und nicht nur die Grundstücksgrenzen).




      Erdgeschoss im Zustand bis 1912 (Grundlage: Baupläne von 1912 und 1926 im Bauarchiv der Stadt St. Gallen)



      Ein Vergleich mit dem Grundriss auf dem Kanalisationsplan ergibt nichts. Nicht einmal die Aussenwände sind in der tatsächlichen Stärke eingetragen, und könnten leicht als Fachwerkwände interpretiert werden. Die Zweiteilung in der Breite ist vorhanden, aber an der falschen Stelle gezeichnet; einzig die Dreiteilung in der Tiefe (Treppenhausflur) ist korrekt eingemessen worden.

      Die Aussenwände bestanden aus Mauerwerk. Auffallend ist die westliche Gebäudeecke, wo die Mauern eine Stärke von ca. 1.20 m aufwiesen. Sonst sind die Mauerstärken sehr variabel, und deuten grösstenteils auf Massivbauweise hin. Die gemeinsame Trennwand mit Goliathgasse 1 dürfte heute noch vorhanden sein, denn es ist kaum vorstellbar, wie eine Bruchsteinwand auf die Grundstücksgrenze zurückgeschrotet wird, ohne nachteiligen Schaden auf das Nachbarhaus auszuüben. Ebenso dürfte die Westecke in ihrem Fundament noch in der Gasse vorhanden sein, da beim Neubau 1958 hier die Baulinie deutlich zurückgenommen worden war.

      In der Breite war das Erdgeschoss zweigeteilt: nordöstlich in einen grossen Laden und südwestlich in einen kleinen Laden, Treppenhaus und Nebenraum. Unter der Treppe ins 1. Obergeschoss befand sich ein Kellerhals (Treppe vom Keller direkt auf die Gasse).

      Um sich ein Bild des ursprünglichen Grundrisses (gemeint ist zu spätgotischer Zeit) machen zu können, ist die Kenntnis anderer Erdgeschossgrundrisse heranzuziehen. Diese hatten meist eine Dreiteilung in der Tiefe, gleich wie in den Obergeschossen. Dabei betrugen die Gebäudetiefen in der oberen Altstadt im Durchschnitt 12 bis 15 Meter, was annehmbare Raumgrössen erlaubte. Das Treppenhaus war normalerweise in der Mitte angeordnet. In der unteren Altstadt, deren Eingang der Weinfalken markierte, betrugen die Gebäudetiefen grösstenteils 9 bis 12 Meter, woraus oft nur zwei Räume hintereinander resultierten. Der "Weinfalken" hatte aber eine für St. Gallen völlig ungewöhnliche Gebäudetiefe von 18 Metern - ein Mass, welches in der oberen Altstadt nur bei ganz wenigen Patrizierhäusern, vorwiegend an der Markt- und Spisergasse, gemessen werden konnte.

      Eine Dreiteilung in der Tiefe ist beim "Weinfalken" erkennbar im Bereich des Treppenhausflurs. Die beiden Längswände waren ca. 20 cm dick, was durchaus einer tragenden Fachwerkwand entsprach. Die vordere Längswand fluchtete zudem mit dem Kamin - ein weiteres Indiz für das hohe Alter dieser Wand. Weiter konnte festgestellt werden, dass die Raumtiefen oft im Verhältnis von 1,3 : 1 : 1 bis 1,4 : 1 : 1 zueinander standen (von vorne nach hinten). Beim "Weinfalken" betrug dieses Verhältnis 1,3 : 1 : 1,6. Könnte es sein, dass der "Weinfalken" einst in den Hof hinaus eine Erweiterung erfuhr? Bauliche Hinweise dazu gibt es keine, nicht einmal im Dachstuhl. Die grosse Gebäudetiefe und das Vorspringen der Rückwand gegenüber dem Nachbarhaus Goliathgasse 1 (oben im Grundrissplan) lassen diese Möglichkeit aber zu. Stellt man sich eine hypothetische Rückwand in derselben Flucht wie Goliathgasse 1 vor, so erhält man tatsächlich ein Verhältnis von 1,3 : 1 : 1! Diese Hypothese kann zwar mit nichts nachgewiesen werden, aber sie ist es trotzdem Wert, im Hinterkopf vermerkt zu werden, falls in den Obergeschossen weitere Feststellungen in diese Richtung gemacht werden können.




      Erdgeschoss im Zustand bis 1912 mit hypothetischer ursprünglicher Grundrissstruktur des Kernbaus



      Nun folgen noch Gedanken zur Mittelquerwand. Die Dicke der 1926 abgebrochenen Querwand im Ladenbereich wird mit ca. 12 cm angegeben, womit es sich nicht um eine tragende Fachwerkwand gehandelt haben kann. Ich postuliere daher diese Wand als nicht zum Kernbestand gehörend. Ihre Fortsetzung im hinteren Gebäudedrittel war leicht verschoben und offenbar ein bisschen dicker, und könnte damit älteren Ursprungs als ihr Pendant im vorderen Bereich gewesen sein.

      Gemäss der Abbildung Mayrs bestanden schon im 18. Jahrhundert zwei Eingänge gegen die Goliathgasse. Beim linken könnte es sich um den Hauseingang gehandelt haben, und beim rechten um den Zugang zu einem Laden oder einer Werkstatt. Die Trennwand dazwischen befand sich kaum in der Fassadenmitte, sondern dürfte eher weiter südwestlich gelegen haben. Ein Blick auf die ersten beiden Obergeschosse gegen die Goliathgasse lässt auch dort den Schluss zu, dass die Querwände bis zum Gebäudeabbruch nicht in Fassadenmitte angeordnet, sondern ebenfalls gegen Südwesten verschoben waren.


      .

      links: Ausschnitt aus einer Radierung nach J. C. Mayr, ca. 1790
      rechts: der "Weinfalken" kurz nach der letzten Renovation ca. 1940 (Photo Ryser & Treuer, St. Gallen). Das Erdgeschoss präsentiert sich hier nach der Zusammenlegung der beiden Läden um 1926. Gegen die Metzgergasse erkennt man den niedrigen, bogenförmigen Kellerzugang und daneben die 1912 verschobene Haustüre
    • 5. VERGLEICHSBEISPIELE


      Die Planunterlagen und die Photos vom Abbruch haben praktisch keine Kenntnisse über die Bauweise der ersten beiden Obergeschosse hergegeben. Durch Vergleichsbeispiele dokumentierter Bauten ist es dennoch möglich, eine Vorstellung von ihr zu erhalten. Anhaltspunkte liefert einzig der rekonstruierte Dachstuhl, doch es ist nicht als sicher vorauszusetzen, dass dieser gleich alt wie die Vollgeschosse war.

      Die Fachwerkbauten in St. Gallen haben noch nie eine eingehende Würdigung erhalten. In den letzten zwanzig Jahren wurden zwar sehr viele Einzelbauten untersucht und datiert, und aus diesem Fundus sollen hier einige Bauten wahllos für einen Vergleich mit dem "Weinfalken" herangezogen werden.

      Es gibt drei markante Merkmale, welche den Dachstuhl des "Weinfalkens" auszeichneten: Halbwalm, stehender Dachstuhl, Firststud (Pfosten unter der Firstpfette, über mehrere Geschosse durchgehend möglich).


      Bauten mit Halbwalmdächern sind und waren in St. Gallen eine Ausnahme (ganz im Gegensatz zu bspw. Nürnberg). Folgende Bauten können für einen Vergleich herangezogen werden:


      - Kugelgasse 16 (kleiner Halbwalm, 1911 durchgreifend neu- und umgebaut)
      Gemäss Plänen und einer Fotografie im Bauarchiv, die während den Umbauarbeiten gemacht worden war, bestand das Haus aus drei Massivgeschossen, einem Fachwerkgeschoss und zwei Dachgeschossen. Das Fachwerkgeschoss entstand wohl gleichzeitig mit den Dachgeschossen, und war mindestens mit angeblatteten Kopfbändern verstrebt. Bauzeit: 16. Jh. oder evtl. früher


      - Schmiedgasse 28 (Umbau und Dokumentation 1992/94)
      Im Vorfeld eines Totalumbaus wurde dieses Haus dokumentiert und seine Baugeschichte erforscht. Weitere Beobachtungen und eine Dendrodatierung während des Umbaus bestätigten die vermutete Baugeschichte. Es ist ein typisches Beispiel, wie heterogen die Bauten in St. Gallen sind, da während 500 Jahren selten Gebäude abgebrochen, sondern immer wieder erweitert und aufgestockt worden waren.

      Ein Vergleich dieses Hauses mit dem "Weinfalken" ist unumgänglich, da beide eine sehr ähnliche Grundform (Kopfbau, Drei- resp. Viergeschossigkeit, Halbwalmdach, Balkenverbindungsdetails) haben. Die zusammengefasste Baugeschichte sieht so aus:
      (Darstellung: links Seitenfassade, rechts Vorderfassade, Rückfassade ist nicht dargestellt)




      Bauphase I: 1436 (18 Jahre nach dem Stadtbrand) entsteht über einem Erdgeschoss in Bruchstein- oder Ständerbauweise eine zweigeschossige Ständerkonstruktion. Mindestens die Stube im 1. Obergeschoss war mit Bohlen ausgefacht, und die restlichen Wände wahrscheinlich mit einem lehmüberzogenen Rutengeflecht. Die Gebäudetiefe betrug ca. 11 m, und war in drei Raumzonen im Verhältnis 1,3 : 1 : 1 unterteilt. Analog zu anderen Bauten aus der Wiederaufbauphase dürfte das Satteldach ca. 30° geneigt gewesen sein und auf einer Firststudkonstruktion aufgelegen haben.


      .

      Bauphase II: 1460 erfolgt eine rückwärtige Erweiterung. Dabei wurden die Mittelräume mit Küche/Treppenhaus/Flur vergrössert, und die hinteren Kammern komplett in Geschossbauweise neu erstellt. Anstelle des alten Dachstuhls wurde ein steileres Satteldach mit Halbwalm und gassenseitiger Aufzugslukarne (in der Skizze links nicht eingezeichnet) erstellt. Die obere der neuen rückwärtigen Kammern hatte respektable Masse, und erhielt Wände und Decke aus Bohlen.




      Bauphase III: Im Zusammenhang mit dem Neubau des nordöstlich anschliessenden Hauptgebäudes um 1640 wurde das Haus gassenseits in ausgemauertem Fachwerk aufgestockt, und erhielt an der Stube einen Erker.




      Bauphase IV: Vom 18. bis 20. jahrhundert erfuhr das Haus nur noch unwesentliche Veränderungen. Insbesondere wurde das Fachwerk verputzt, und die Fensteranordnung den wechselnden Bedürfnissen angepasst.


      Keinesfalls darf jetzt aber geschlossen werden, dass der "Weinfalken" nur aus Gründen der beschriebenen Baugeschichte von Schmiedgasse 28 auch eine rückwärtige Erweiterung erfahren hatte! In den Konstruktionsdetails unterscheiden sich die beiden Dachstühle auch. Während beide Dachstühle auf einem dreifach stehenden Stuhl aufsassen, waren beim "Weinfalken" die Sparren am Fuss in die Dachbalken eingezapft und das Vordach mit Aufschieblingen gebildet worden. Bei Schmiedgasse 28 waren die Sparren mit den Dachbalken verblattet, und bildeten somit zugleich auch das Vordach. Die Sparren der Walmfläche beim "Weinfalken" waren auf dem äussersten Kehlbalken, der gleichzeitig als Wandrähm fungierte, nur aufgelegt (genau genommen handelte es sich hier also um Rafen und nicht um Sparren); bei Schmiedgasse 28 waren über dem Kehlgebälk Stichbalken und Gratstichbalken aufgekämmt, und mit den Sparren verblattet.


      - Turmgasse 6 (undokumentiert)
      Dieses Eckhaus wird von einem "halbierten Halbwalmdach" bekrönt. In der Literatur wird sein Baudatum mit 1523 angegeben, was ich aber sehr bezweifle. Die ersten beiden Obergeschosse in Ständerbauweise weisen alle Merkmale der Bauweise auf, welche nach dem letzten Stadtbrand von 1418 dominierte (siehe oben Schmiedgasse 28, Bauphase I). 1523 könnte das auskragende 3. Obergeschoss samt dem "halbierten Halbwalmdach" aufgestockt worden sein. Kurz nach 1900 erfuhr das Haus eine historisierende Renovation, bei der das originale Fachwerk mit einem Brettchenfachwerk versehen wurde, sodass heute die Verbindungsdetails nicht mehr sichtbar sind. Das Haus ist ca. 1965 mit dem benachbarten Schulhaus vereinigt und stark umgebaut worden, und dürfte im Rohbau aber noch gut erhalten sein.




      Turmgasse 6 von Westen; Baudatum gemäss Literatur 1523, untere drei Geschosse wahrscheinlich älter




      Bauten mit Dachstühlen mit Firststud


      - Kugelgasse 5 (Umbau und Dokumentation 1989)
      Gemäss einer Dendrodatierung geht der Kernbau auf das Jahr 1458 zurück. Über einem sehr wahrscheinlich von Anfang an gemauerten Erdgeschoss ruht eine zweigeschossige Ständerkonstruktion, die mit Fuss- und Kopfbändern ausgesteift ist. Bei einer Gebäudetiefe von 16 Metern und einer Struktur mit drei hintereinander liegenden Räumen beträgt das Raumtiefenverhältnis 1,55 : 1,55 : 1. Ein solches Verhältnis mit einem gleich tiefen Mittelraum wie die Stube steht bisher in St. Gallen alleine da. Der grosse Unterschied der Räume in der Breite kann wiederum häufig beobachtet werden.

      Darüber folgte ein dreifach stehender Stuhl mit durchgehendem Firststud. Die Firstpfettenwand stand auf einer Schwelle, während die Pfosten der Mittelpfettenwände wahrscheinlich direkt auf den Dachbalken standen. Um ca. 1800 erhielt das Haus ein 3. Obergeschoss.




      Kugelgasse 5 von Südwesten; von aussen ist es kaum zu glauben, dass das Gebäude im Wesentlichen noch auf das Jahr 1458 zurückgeht!




      Kugelgasse 5; Innenansichten an die südliche Seitenfassade und westliche Hauptfassade mit hervorgehobener Struktur des Kernbaus von 1458 (Erdgeschoss angeschnitten)




      Kugelgasse 5; Grundriss des 2. Obergeschosses mit hervorgehobener Struktur des Kernbaus von 1458 (Süden oben!)



      - Löwengasse 4 (weitestgehender Abbruch 1984)
      Dieses Haus zeigte in den ersten beiden Obergeschossen alle Merkmale eines Ständerbaus aus der Wiederaufbauphase nach dem Stadtbrand von 1418 (vermutlich massives Erdgeschoss, Ständer über zwei Geschosse verlaufend, Aussteifung mit Fuss- und Kopfbändern, doppelter Rähm, Dachform unbekannt). In der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts wurde das Haus aufgestockt, und mit einem dreifach stehenden Dachstuhl sowie zwei Giebellukarnen versehen. Die Ausfachung des Fachwerks zeigte Reste ehemaliger Sichtbacksteinausmauerungen. Den einzigen Hinweis zur Datierung gibt das sehr ähnliche 3. Obergeschoss von Spisergasse 24, welches von 1475 stammt, und ebenfalls Sichtbacksteinausmauerungen aufwies.




      Löwengasse 4; nachträglich aufgestocktes 3. Obergeschoss (Fachwerk ungenau rekonstruiert) mit ehemaliger Aufzugslukarne, wohl 2. Hälfte 15. Jahrhundert. Die Fensterbrüstungen und die Sturzpartien zwischen den Pfosten waren ursprünglich nicht unterteilt, und mit Sichtbacksteinfüllungen ausgefacht.




      Spisergasse 24; 1. und 2. Obergeschoss Ständerkonstruktion von 1418, 3. Obergeschoss (ehemals mit Sichtbacksteinfüllungen) von 1475, heute restauriert im Zustand um ca. 1800 mit überkalktem Fachwerk. Man beachte die ununterteilten Fensterbrüstungen sowie die ursprünglich tiefer liegenden Sturzriegel des 3. Obergeschosses.



      Der Dachstuhl von Löwengasse 4 hatte eine grosse Ähnlichkeit mit jenem des "Weinfalkens": einen dreifach stehenden Stuhl mit durchgehenden Firststüden. Die Mittelpfettenwände standen auf Schwellen, während die Pfosten der Firstpfettenwand direkt auf den Dachbalken standen. Beim "Weinfalken" war die Basis der Mittelpfettenwände nirgends sichtbar, sodass kein Vergleich angestellt werden kann. Die Firstpfettenwand stand gemäss der Innenaufnahme des 1. Dachgeschosses ebenfalls nicht auf einer Schwelle (es sei denn, dass der Boden dort so stark aufgeschiftet worden war, dass die Schwelle nicht mehr sichtbar war). Bei der Giebelwand von Löwengasse 4 gab es im 1. Dachgeschoss nur eine Riegelkette, und alle Riegel waren den Sparren mit einem Schwalbenschanz angeblattet. Beim "Weinfalken" waren es zwei Riegelketten, und die Verblattung mit den Sparren erfolgte mit ganzer Balkenhöhe. Gemeinsam war beiden Dachstühlen der Dachfuss mit eingezapften Sparren und Aufschieblingen.




      Löwengasse 4; östliche Giebelwand vor dem Abbruch 1984, 2. Hälfte 15. Jh.




      Löwengasse 4; Rekonstruktion der östlichen Giebelwand



      - Goliathgasse 19 (Umbau und Dokumentation1990/91)
      Der Kernbau datiert von 1450 und besteht aus einer zweigeschossigen Ständerkonstruktion und einem dreifach stehenden Dachstuhl mit ca. 40° geneigten Dachflächen. Die Auswertung der Dokumentation ist noch nicht abgeschlossen, das Haus reiht sich aber den beiden vorher beschriebenen Bauten ein.


      - Webergasse 15 (undokumentiert)
      Dieses Haus wurde im 19. Jahrhundert aufgestockt, und musste gleichzeitig massive Eingriffe in die Fassaden erleiden. Als Kernbau ist eine zweigeschossige Ständerkonstruktion mit angeblatteten Fuss- und Kopfbändern über einem Erdgeschoss unbekannter Bauart ersichtlich. Zusammen mit dem Dachstuhl ist sie sehr verwandt mit dem bereits beschriebenen Haus Kugelgasse 5, und dürfte daher auch aus der Mitte des 15. Jahrhunderts stammen.




      Webergasse 15 von Nordwesten;



      - Schwergasse 23 (Umbau und Dokumentation ab 1995)
      Sein Kernbau mit zwei geschossweise abgezimmerten Geschossen datiert auf 1529. Das Fachwerk war mit Fuss- und Kopfbändern ausgesteift, und mit Sichtbacksteinfüllungen ausgefacht. Nur die Stube und Nebenstube erhielten Bohlenausfachungen. Ungewöhnlich für diese Zeit ist das nur 30° geneigte Satteldach, dessen Sparren auf einer Firstpfettenwand ruhten, und am Fuss in die Dachbalken eingezapft und mit Aufschieblingen versehen waren.




      Schwertgasse 23; Rekonstruktion des Kernbaus von 1529
      oben: Grundriss des Erd- und Obergeschosses
      unten: Fassadenansicht, Längsschnitt durch die Bohlenstuben, Querschnitt


      Schwertgasse 23 eignet sich nur bedingt für einen Vergleich mit dem "Weinfalken", da das Haus viel kleiner und eine andere Grundrissstruktur hat. Mit seiner flachen Dachneigung ähnelt es eher den Bauten, welche ein Jahrhundert früher errichtet wurden. Die geschossweise Abzimmerung, Backsteinausfachungen und die am Fuss eingezapften Sparren weisen bereits auf die Weiterentwicklung des hiesigen Fachwerkbaus hin, welche im 16. Jahrhundert ihren grössten Wandel erlebte.


      - Spisergasse 19 (Umbau und Dokumentation 1992)
      Dieses Haus wurde 1563 mit Bruchsteinaussenwänden neu errichtet. Für den Dachstuhl wurden die Balken eines älteren Dachstuhls, sehr wahrscheinlich vom Vorgängerbau von 1420, wiederverwendet. Seine hypothetische Rekonstruktion basiert ebenfalls auf einem dreifach stehenden Stuhl mit durchgehenden Firststüden und ca. 30° geneigten Dachflächen.



      Fazit:

      Alle hier gezeigten Beispiele, mit Ausnahme der letzten beiden, zeigen sehr verwandte Dachstühle mit jenem des "Weinfalkens". Die datierten Beispiele stammen hauptsächlich aus der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts, und mit den letzten beiden Beispielen, Vorgängerdachstuhl von Spisergasse 19 von 1420 und Schwertgasse 23 von 1529, sollen Anfang und Ende dieses Zeitraumes markiert werden. Gemeinsam ist diesen Beispielen auch die Konstruktion der Vollgeschosse in ein- oder zweigeschossiger Ständerbauweise, welche mit Kopfbändern, grösstenteils auch mit Fussbändern ausgesteift ist. Die Ausfachungsart ist noch nicht allgemein bestimmbar; die Grösse und Form der Gefache spricht aber vorwiegend für Backsteinausfachungen, welche anfänglich unverputzt geblieben sein dürften.

      Beim "Weinfalken" kann davon ausgegangen werden, dass auch seine beiden Obergeschosse in Ständerbauweise errichtet waren. Die praktisch identische Fensteranordnung beider Geschosse und kein feststellbares Ausknicken der Fassaden sprechen für durchgehende Ständer über beide Geschosse. Es muss aber die Möglichkeit berücksichtigt werden, dass die Obergeschosse älter als der Dachstuhl gewesen sein könnten. Auch für diesen Fall ist eine zweigeschossige Ständerkonstruktion anzunehmen.

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    • Re: Baugeschichtliche Rekonstruktionen

      Unser Riegel sollte mal ein Buch über Fachwerkbauten veröffentlichen 8)


      Top Beiträge, wie gewohnt von dir! Man mag das gar nicht einzeln ausdiskutieren, da man Angst hat, das Gesamtkunstwerk in seiner Wirkung zu beeinträchtigen ;)
    • Re: Baugeschichtliche Rekonstruktionen

      Auch von mir herzlichen Dank für diesen wertvollen Beitrag. Er zeigt, wie man aus verdammt wenig auch ohne bauarchäologische Untersuchung, die leider immer noch viel zu wenigen Gebäuden zukommt, eine Menge über die Baugeschichte herausfinden kann. Gleichzeitig ist zutiefst zu bedauern, dass man bei Rekonstruktionsprojekten nicht auf Fachleute wie dich zurückgreift, derer es sicher viel zu wenige gibt, sondern stattdessen allzu oft mit Halbwissen hantiert - oder auf akademisch ausgebildete Architekten zurückgreift, die einem nur Leid tuen können. Die Zahl der unfachmännisch sanierten und teils auch rekonstruierten Fachwerkbauten zumindest hier in Hessen ist erschreckend groß, wie du ja in der Limburg-Gallerie auch schon an manchem Beispiel dargestellt hast. Ich vermute mal, dass es in den fachwerkärmeren Regionen Deutschlands noch düsterer aussieht.

      Interessant finde ich ja die St. Gallener-Ständerbauten, die du an einigen Beispielen dargestellt hast. Auffällig die Eigenart (schweizerisch oder oberdeutsch?), dass die Ständer nicht wie hier im mitteldeutschen Raum alleine an den Traufseiten stehen, in die das Fachwerkgefüge "eingehängt" ist, sondern um das ganze Haus herumgeführt sind, wie bei Webergasse 15 zu sehen. Dies hat vermutlich relativ große, stützenfreie Innenräume sowie den Verzicht auf eine komplizierte Längsaussteifung der Gebinde ermöglicht? Hatten solche Häuser ursprünglich auch hohe Hallen in den Erdgeschossen oder waren hier schon immer eine Geschosstrennung vorhanden? Oder spielte das weniger eine Rolle, da viele Erdgeschosse von Anfang an massiv waren?
    • Re: Baugeschichtliche Rekonstruktionen

      "erbsenzaehler" schrieb:

      Man mag das gar nicht einzeln ausdiskutieren, da man Angst hat, das Gesamtkunstwerk in seiner Wirkung zu beeinträchtigen ;)
      Wobei mich ein Hinterfragen des bereits Geschriebenen nicht stören würde... :zwinkern: Es würde mich nämlich interessieren, wie gut verständlich die Texte sind, welche ab und zu sehr viele Fachbegriffe innerhalb eines Satzes aufweisen, wie bspw.
      [...] einen dreifach stehenden Stuhl mit durchgehenden Firststüden. Die Mittelpfettenwände standen auf Schwellen, während die Pfosten der Firstpfettenwand direkt auf den Dachbalken standen. Beim "Weinfalken" war die Basis der Mittelpfettenwände nirgends sichtbar, sodass kein Vergleich angestellt werden kann. Die Firstpfettenwand stand gemäss der Innenaufnahme des 1. Dachgeschosses ebenfalls nicht auf einer Schwelle [...]
      Auch Fragen über Fachbezeichnungen würden mich nicht stören (bspw. kennt wohl fast niemand den Unterschied zwischen einem Rafen (auch Rofen) und einem Sparren).
      Ein Buch oder mindestens eine umfassende Arbeit über die St. Galler Fachwerkbauten sehe ich schon als Ziel, aber ich möchte es innerhalb eines Kontextes im gesamten deutschen Sprachraum stellen. Deshalb befasse ich mich auch mit je einer Beispielsstadt aus den drei deutschen Fachwerkgruppen (Nürnberg für alemannisches Fachwerk, Frankfurt für fränkisches Fachwerk, sächsisches Fachwerk noch offen).


      "RMA" schrieb:

      Interessant finde ich ja die St. Gallener-Ständerbauten, die du an einigen Beispielen dargestellt hast. Auffällig die Eigenart (schweizerisch oder oberdeutsch?), dass die Ständer nicht wie hier im mitteldeutschen Raum alleine an den Traufseiten stehen, in die das Fachwerkgefüge "eingehängt" ist, sondern um das ganze Haus herumgeführt sind, wie bei Webergasse 15 zu sehen. Dies hat vermutlich relativ große, stützenfreie Innenräume sowie den Verzicht auf eine komplizierte Längsaussteifung der Gebinde ermöglicht?
      Ich denke nicht, dass es eine typisch schweizerische Eigenart innerhalb des oberdeutschen (oder alemannischen) Fachwerks gibt. Wesentliche Unterschiede sind die Traufständigkeit (was aber auch für den Steinbau gilt) und die selten vorkommenden Auskragungen.
      Im mitteldeutschen Raum finden sich die Ständer auch nicht nur an den Traufseiten, sondern bei tiefen Häusern auch im Hausinnern. Diese trauf- und firstparallel angeordneten Ständerreihen werden durch Fuss- und Kopfbänder, aber auch mittels Schwertern primär ausgesteift. In Querrichtung werden dann diese Ständerreihen mit Ankerbalkenlagen (eingehängt) oder Deckenbalkenlagen (aufgelegt) miteinander verbunden, und dann ebenfalls mit Bändern und Schwertern gesichert. Komplizierte Lösungen entstanden vorwiegend bei den teils mehrfach auskragenden Giebelfassaden.
      Die Ständergerüste in St. Gallen folgen auch diesem Schema, nur das bei uns alles mit Bändern ausgesteift wurde, und Schwerter praktisch unbekannt sind.

      Ich erläutere dies anhand der Planskizzen von Kugelgasse 5:
      Die beiden Obergeschosse bestehen aus vier Ständerreihen zu je drei Ständern, welche durch Fuss- und Kopfbänder ausgesteift sind. Eine solche Ständerreihe steht auf einer Schwelle, und wird oben mit dem "Rähm" zu einem Rahmen zusammengebunden (daher die Bezeichnung "Rähm"). Solche Rahmen bilden die Vorder- und Rückfassade (s. Bild unten rechts), sowie die Rückseiten der vorderen und hinteren Räume. In Querrichtung werden diese Rahmen mit der Dachbalkenlage untereinander verbunden und ebenfalls mit Bändern gesichert. Vom Verb "verbinden" kommt dann der Begriff "Binder". Bei Kugelgasse 5 gibt es drei Binder: die beiden seitlichen Giebelfassaden (s. Bild unten links), und ein Binder in der Ebene der sekundären Raumtrennwände.

      Im Dachstuhl wiederholt sich dieses Prinzip: drei Ständerreihen unter den beiden Mittelpfetten und der Firstpfette werden durch die Kehlbalkenlage miteinander verbunden. Daher spreche ich oft von "Mittelpfettenwand" oder "Firstpfettenwand", auch wenn diese keine geschlossenen Wände waren. Die Binder sind dann die beiden Giebelwände und ein bis zwei Binder dazwischen (letztere konnten bei Kugelgasse 5 nicht mehr genau eruiert werden). Normalerweise bildeten die Seitenwände allfälliger Aufzugslukarnen die weiteren Binderebenen.



      Kugelgasse 5; Grundriss des 2. Obergeschosses mit hervorgehobener Struktur des Kernbaus von 1458 (Süden oben!).
      Die vier Ständerreihen sind hier vertikal, und die drei Binder horizontal im Grundriss eingezeichnet.



      Kugelgasse 5; Innenansichten an die südliche Seitenfassade (= Binder) und westliche Hauptfassade (= Ständerreihe) mit hervorgehobener Struktur des Kernbaus von 1458 (Erdgeschoss angeschnitten)



      "RMA" schrieb:

      Hatten solche Häuser ursprünglich auch hohe Hallen in den Erdgeschossen oder waren hier schon immer eine Geschosstrennung vorhanden? Oder spielte das weniger eine Rolle, da viele Erdgeschosse von Anfang an massiv waren?
      Ob es hohe Erdgeschosshallen gibt, hängt nicht von der Bauweise der Häuser ab. Auch Steinbauten besassen solche Hallen. Hohe Erdgeschosshallen sind in St. Gallen unbekannt, was man vermutlich für die ganze Schweiz sagen kann.

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    • Re: Baugeschichtliche Rekonstruktionen

      6. ANALYSE DES BALKENSKELETTS


      Eine eigentliche Analyse ist auf Grund der bisherigen Erkenntnisse noch nicht möglich, da diese zu den ersten beiden Obergeschossen nichts hergaben, und nur die Dachgeschosse betrafen. Eine weitere Betrachtung und Rückschlüsse daraus könnten aber weitere Hinweise zu den ersten beiden Obergeschossen geben. Es sollen einfach mal lose Gedanken in chronologischer Reihenfolge niedergeschrieben werden:

      a) Zum Kernbau
      Der Dachstuhl konnte relativ genau rekonstruiert werden. Die rückwärtigen Bauteile wurden analog den vorderen ergänzt, da keine Unregelmässigkeiten an der Dachform festgestellt wurden. Die Frage der Ableitung der Kräfte auf die Vollgeschosse bleibt aber offen. Aus den bisher erforschten Beispielen geht hervor, dass die Ableitung der Kräfte aller äusseren Ständer auf die Fassaden keine Probleme verursacht, auch wenn dort gerade kein Ständer vorhanden war. Die Abfangung der inneren Ständer ist da problematischer, da nicht immer eine Wand darunter liegt. Aus diesem Grund wurden die Ständer unter den Pfetten oft auf eine Schwelle gesetzt, auch wenn diese die Nutzung des Dachgeschossses einschränkten. Somit übte der Dachstuhl in der Regel keinen Einfluss auf den Grundriss des obersten Vollgeschosses.

      Schwellen unter den Pfettenwänden waren beim "Weinfalken" weder zu beobachten noch auszuschliessen. Die Lage aller Ständer des Dachstuhls geht aus folgender Skizze hervor:




      Grundriss des 1. Dachgeschosses mit Eintragung der Ständer der First- und Mittelpfetten
      (die Lage und Anzahl der Ständer unter der hinteren Mittelpfette ist unklar; es sind lediglich die möglichen Standorte eingezeichnet)



      Es ist anzufügen, dass die Abfangung der Firstpfette mit nur einem Innenständer sehr dürftig war, und nachträglich eine Verstärkung von mindestens einem weiteren Pfosten erfuhr (s. Innenansicht 1. DG in Kap. 4). Die Walmfläche erhielt ebenso laufend Verstärkungen. Die vordere Mittelpfette besass zwei Bundpfosten in der Verlängerung der Aufzugslukarnen-Seitenwände. Die Abfangung der hinteren Mittelpfette ist unbekannt. Dort ist gemäss Bilddokumenten mindestens seit 1889 keine Lukarne nachweisbar (ausser den kleinen aus barocker Zeit, die jeweils nur ein Sparrenfeld belegten), die Einfluss auf den Dachstuhl gehabt haben könnte. Im 16. und 17. Jahrhundert war es üblich, dass eine Aufzugslukarne ein Gegenstück in den Hof hinaus hatte, allerdings ohne Aufzugsfunktion. Für das 15. Jahrhundert ist diese Frage noch nicht beantwortet; beides kommt vor (Löwengasse 4 mit vorderer und hinterer Lukarne, Schmiedgasse 28 ohne Nachweis einer hinteren Lukarne). Beim Weinfalken bleibt daher die Frage nach einer ursprünglich vorhandenen hinteren Lukarne offen.

      b) Zur Aufstockung
      Bei der Umzeichnung des Balkenskeletts konnte eine interessante Beobachtung gemacht werden. In der Seitenwand zur Metzgergasse hin bestand noch der Randsparren der ursprünglichen Dachfläche (rot). Sein Fusspunkt in den Dachbalken konnte ebenfalls ermittelt werden. Nun lag dieser Dachbalken aber auf der Höhe innerhalb der Fenster der Vorderfassade. Zur Veranschaulichung sind die Balkenköpfe der weiteren Dachbalken mit roten Linien dargestellt:




      Rekonstruiertes Balkenskelett aus der Abbruchphotographie
      rot = Kernbau, gelb = Aufstockung, hellblau = Veränderung Aufzugslukarne



      Offensichtlich wurde die Decke über dem 2. Obergeschoss bei der Aufstockung (gelb) um ca. 30 cm angehoben. Diese Erhöhung betraf wahrscheinlich nur die vorderen Räume, wie aus der bearbeiteten Abbruchphotographie hervorgeht. Auf dieser ist der Dachbalken nicht sichtbar, da die darüber liegenden Mauerfüllungen zu jenem Zeitpunkt erst bis zum höher liegenden Boden ausgebrochen worden waren. In der Mitte der Seitenfassade reicht der Gefachsausbruch bis zum ursprünglichen Dachbalken hinunter, woraus geschlossen werden kann, dass der Mittelraum im 1. Dachgeschoss seine ursprüngliche Höhe behielt. Bei den hinteren Räumen wiederholt sich die Beobachtung wie bei den vorderen, aber es kann keine schlüssige Aussage gemacht werden.

      c) Zur Aufzugslukarne
      Das grosse und überhohe Format des Fensters in der Fassade weist es als Produkt des 19. Jahrhunderts aus. Die Abbildung Mayrs von 1790 zeigt noch die Auskragung der Aufzugslukarne trotz der Hauserhöhung. Das Zurücksetzen der Lukarnenfront in die Fassadenebene muss demnach im 19. Jahrhundert erfolgt sein (hellblau in der Abbildung oben). Nur der Dreiecksgiebel blieb in der ursprünglichen Form bis zum Abbruch erhalten.

      d) weitere Beobachtungen
      Nun ist der Zeitpunkt gekommen, weitere Photographien der Fassaden auf Unregelmässigkeiten, Verformungen etc. zu betrachten. Gleichzeitig wurden geeignete Photos so entzerrt und vergrössert/verkleinert, dass von ihnen eine massstäbliche Fassadenabwicklung erstellt werden konnte. Für die Vorderfassade schien die erste in diesem Beitrag gezeigte Photoansichtskarte am geeignetsten. Zur Überprüfung des Breiten-/Höhenverhältnisses wurde eine Photographie vom Abbruch, allerdings ohne das 1. Dachgeschoss, darüber gelegt, da diese ziemlich frontal aufgenommen wurde, und somit am wenigsten verzerrt war. Die Fassadenbreite ist aus dem Katasterplan bekannt, und die Höhe könnte vom noch bestehenden Nachbarhaus Goliathgasse 1 bestimmt werden. Der Aufwand der Höhenvermessung wurde hier aber eingespart, und die Höhe aus der Erfahrung in Fassadenentzerrung übernommen.
      Für die Seitenfassade diente eine Photographie aus der Reihe der Abbruchaufnahmen von 1958. Mit einer Breite von 18 Metern ist sie sehr selten in voller Breite abgebildet, und zudem oft sehr stark verkürzt. Die Höhe wurde von der Vorderfassade übernommen, und anschliessend mit dem detailliert vermassten Bauplan zur Haustürverlegung von 1912 verglichen und eine weitgehende Übereinstimmung festgestellt.
      Von der Rückfassade gibt es ebenfalls Photos, die aber innert nützlicher Zeit nicht aufzutreiben waren. Daher fiel die Entscheidung zur Verwendung des Fassadenplanes von 1938, der allerdings nicht vermasst, aber im Massstab 1:50 gezeichnet war. Seine Korrelation mit den anderen Fassaden bereitete keine Schwierigkeiten.




      Massstäbliche Fassadenabwicklung
      links: Rückfassade (Plan von 1938); Mitte: Seitenfassade zur Metzgergasse (Photo W. Fietz, 1958); rechts: Vorderfassade zur Goliathgasse (Photo Ryser & Treuer, St. Gallen, ca. 1940)



      Zur Vorderfassade: Auffallend ist die identische Fensterteilung im 1. und 2. Obergeschoss, die auf eine identische Raumaufteilung schliessen lässt, und damit auch auf eine möglicherweise identische Baustruktur. Die Wand hat sich im 2. Obergeschoss rechts zudem ein bisschen nach aussen geneigt. Mit der Annahme eines durchgehenden Eckständers müsste dieser gebrochen sein, da die Wand im 1. Obergeschoss senkrecht steht. Merkwürdig ist die Zunahme der Fensterbreiten im oberen 5er-Reihenfenster von aussen nach der Mitte. Diese Unregelmäsigkeit dürfte auf eine nachträgliche Verbreiterung eines ursprünglich schmäleren Fensters zurückzuführen sein (der Planprospekt von Frank 1596 und der Grosse Pergamentplan von 1671, siehe 1. Beitrag, zeigen tatsächlich ein schmaleres Reihenfenster!). Das 5er-Reihenfenster ist auf der Ansicht Mayrs von ca. 1790 bereits vorhanden.

      Zur Seitenfassade: Die Wand buchtete rechts zwischen dem 1. und 2. Obergeschoss sehr stark aus. Mehrere dunkle Verfärbungen zeichnen offenbar das darunterliegende Fachwerk ab, aber es muss beachtet werden, dass es sich um Flicke im Verputz oder auch Etappengrenzen handeln könnte. Insbesondere die Verfärbungen im Bereich der Gurtsimsen könnten Feuchtigkeit oder Flicke anzeigen. Das helle Band auf halber Höhe des 1. Obergeschosses könnte auf Salzausblühungen zurückzuführen sein.

      Aus dem Photomaterial geht hervor, dass der "Weinfalken" bis ca. 1900 einen glatten, hell gestrichenen (Kalk?-)putz besass. Dieser wurde um ca. 1900 mit einem dunkel gestrichenen Kieselwurf beworfen, und ca. 1930/40 hell gestrichen. Beim Abbruch 1958 war der Kalkputz offenbar noch fast vollflächig vorhanden. Es ist nun möglich, dass der Kalkputz bis auf die halbe Höhe des 1. Obergeschosses durch einen Zementputz ersetzt worden war, und die Mauerfeuchte durch die Kapillarwirkung erst oberhalb dieses (wasserundurchlässigen) Zementbandes austreten konnte. Beim Austritt hinterliess die Feuchtigkeit Salzausblühungen, welche sich in einem hellen Band abzeichneten.

      Eine Hervorhebung aller dunkel verfärbten Stellen an der Seitenfassade dürfte am ehesten weitere Kenntnisse zur Baugeschichte preisgeben.

      Zur Rückseite: Die einzige baugeschichtliche Aussage ergibt nur der zugehörige Schnitt durch die Fassade (hier nicht wiedergegeben). Dieser Schnitt war nötig, um den Abstand des projektierten Aussenkamins von der Fassade ermitteln zu können, da diese dort im 2. Obergeschoss stark nach aussen kippte. Zudem ist im Schnitt ein Kniestock eingezeichnet, was Rückschlüsse auf die Ausbildung des Dachfusses geben dürfte.




      Massstäbliche Fassadenabwicklung mit Eintragung des Fachwerks des Dachstuhls und der Aufstockung, sowie Hervorhebung der dunkel verfärbten Stellen im Verputz der Seitenwand.
      (die roten Quadrätchen und das Rechteck kennzeichnen die Lage diverser Unterzüge an der Erdgeschossdecke gemäss dem Plan von 1912, und die beiden senkrechten roten Linien die Lage der hypothetischen hinteren Hausecke bei Annahme eines kleineren Kernbaus mit selber Tiefe wie Goliathgasse 1, je nach dem, ob die Rückfassade parallel zur vorderen oder späteren Rückfassade verlief)
    • Re: Baugeschichtliche Rekonstruktionen

      6. ERD- BIS 2. OBERGESCHOSS


      Nun geht es endlich mal zu einem ersten ganzheitlichen Rekonstruktionsversuch!

      Die erste Frage war natürlich die, nach welchem Konstruktionsprinzip die Obergeschosse des "Weinfalkens" gebaut waren. Die Bauzeit liegt mit grosser Wahrscheinlichkeit im 15. Jahrhundert. Als frühester Zeitpunkt gilt die Zeit nach dem Stadtbrand von 1418. Mit 1423 (Goliathgasse 21) und 1433 (Schwertgasse 17) haben wir zwei sicher datierte Beispiele von früher Bautätigkeit in der unteren Altstadt, an deren Eingang der Weinfalken stand. Bei beiden handelt es sich um zweigeschossige Ständerbauten, welche nicht auf einem separaten Erdgeschoss stehen. Ständerbauten, welche auf einem massiven Erdgeschoss oder auf einem solchen in Fachwerk stehen, kommen in diesem Stadtteil aber auch vor, und waren ab der Mitte des 15. Jahrhunderts die Regel. In der oberen Altstadt stehen nach bisherigem Kenntnisstand die Ständerbauten immer auf einem separaten Erdgeschoss.

      Den spätesten Zeitpunkt der Erstellung gibt die Dachstuhlkonstruktion. Sie ist sehr verwandt mit jener von Schmiedgasse 28 (1460) und Kugelgasse 5 (1458). In diese Gruppe gehört auch Löwengasse 4, zu deren Errichtungszeit nur Spisergasse 24 (1475) einen Hinweis liefert. Mit Vorsicht heranzuziehen ist Turmgasse 6, bei welcher das Baudatum in der Literatur jeweils mit 1523 angegeben wird (die Beispiele sind teilweise im Beitrag zuoberst auf dieser Seite vorgestellt).

      Für den "Weinfalken kommt also eine Errichtungszeit ungefähr zwischen 1418 und 1523 in Frage. Während dieser Zeit waren zweigeschossige Ständerkonstruktionen durchwegs die Regel, egal, ob sie auf einem separaten Erdgeschoss standen oder nicht. Es gibt aber während dieser Zeit kleine Weiterentwicklungen dieser Konstruktionen, auf welche ich hier nicht eingehe.

      Die zweite Frage war diejenige nach der Haustiefe. 18 Meter Gebäudetiefe wie beim "Weinfalken" war bis ins 19. Jahrhundert eine grosse Ausnahme, woraus ich schliesse, dass er kaum unmittelbar nach dem Stadtbrand in der Tiefe erbaut worden war, welche er bis zu seinem Abbruch besass. Es gibt somit zwei Möglichkeiten:

      Variante a)
      Kurz nach 1418 entsteht ein dreigeschossiger Kernbau mit ca. 30° geneigtem Satteldach. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts wird der Kernbau rückseitig erweitert, und mit einem steileren Satteldach mit Halbwalm versehen.

      Variante b)
      In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts entsteht ein 18 m tiefer Neubau mit steilem Satteldach mit Halbwalm. Vielleicht stand vorher schon ein Vorgängerbau, oder der Bauplatz war noch frei.

      Die Variante b) ist mit Kenntnis der ganzheitlichen Baugeschichte der Stadt eher unwahrscheinlich. Gewissheit könnte nur noch eine Grabung in der Metzgergasse geben, da der Weinfalken mit seiner westlichen Ecke bis 1958 weit in die Gasse vor stand, und hier auch die Nahtstelle zur vermuteten Erweiterung zu finden sein müsste. Ebenso könnten Hinweise zur Geschichte in der Trennwand zu Goliathgasse 1 stecken, sofern diese 1958 nicht auch abgebrochen worden ist.

      Ich habe mich deshalb zu einem ersten zeichnerischen Rekonstruktionsversuch nach Variante a) entschieden:




      1. Rekonstruktionsversuch unter der Annahme eines Kernbaus aus dem frühen 15. Jahrhundert und einer späteren rückwärtigen Erweiterung samt neuem Dachstuhl aus der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts. Von links nach rechts: Rückfasssade, Seitenfassade, Vorderfassade





      Massstäbliche Fassadenabwicklung mit Eintragung des Fachwerks des Dachstuhls und der Aufstockung, sowie Hervorhebung der dunkel verfärbten Stellen im Verputz der Seitenwand.



      Zur Vorderfassade: Auf Grund der Fensterteilung dürfen hier zwei verschieden breite Räume angenommen werden; rechts die Stube und links die Nebenstube. Im 2. Obergeschoss waren auf selbem Grundriss zwei Kammern angeordnet, welche weniger Fenster besassen. Die linke Seitenwand des Aufzugsgiebels sass zudem auf der Raumtrennwand hinter dem Bundständer.

      Zur Seitenfassade: Die letzte Abbildung gibt sehr diffuse Hinweise. Auffallend ist der mögliche Ständer direkt über dem rundbogigen Kellerportal. Dieser kann aber nicht mit der Grudrissstruktur des Erdgeschosses in Einklang gebracht werden; zudem ist seine Lastabtragung auf das Rundbogenportal (sofern dieses ursprünglich ist) sehr ungünstig. Der rechte Bundständer wurde so platziert, dass die Rückwand der Stuben zum Mittelraum (mit Küche, Flur und Treppenhaus) über die erst 1912 entfernte Wand im Erdgeschoss zu stehen kommt. Einen Hinweis darauf gibt auch der Abluftventilator der Gaststube im 1. Obergeschoss. Solche waren meist unmittelbar neben der Rückwand platziert. Den linken Bundständer setzte ich über die bis 1958 noch bestehende Wand unmittelbar neben dem Hauseingang von 1912. Der vermeintliche Bundständer über dem Kellerportal machte aber insofern einen Sinn, dass er die Last der Firstpfette mittrug. Ich schliesse daraus, dass der Kernbau hier beim Aufbau des neuen Dachstuhls verstärkt worden ist.

      Der linke Eckständer des hypothetisch weniger tiefen Kernbaus orientiert sich an der Gebäudetiefe von Goliathgasse 1. Im Bereich der hypothetischen rückwärtigen Erweiterung (gleichzeitig mit dem Dachstuhl) schimmerte ein Fachwerk mit geschosshohen Streben und zwei Riegelketten durch, wie es im 18. und 19. Jahrhundert üblich war. Die Fenster in diesem Bereich, wie auch jene der Rückfassade, zeigen ein Format, welches zum Quadrat tendiert, und typisch für die Zeit um 1800 ist. Die Erweiterung ist somit mit dem Fachwerk von ca. 1800 aus einer weiteren Umbauphase dargestellt.

      Zur Rückfassade: Diese Fassade wäre die Ansicht an die hypothetische Erweiterung. Von dieser ist nicht einmal bekannt, ob sie in Ständerbauweise oder geschossweise errichtet worden war. Ein Rekonstruktionsversuch ist hier deshalb nicht möglich. Zur Veranschaulichung, dass die Ständerstruktur des Kernbaus nicht mit jener der Fensteranordnung (welche zwar auch nicht mehr die Ursprüngliche war) übereinstimmt, habe ich die Ständer der Vorderfassade seitenverkehrt hier übernommen. Im 2. Obergeschoss überschneidet der Bundständer ein Fenster; das entsprechende Fenster im 1. Obergeschoss war blind (nur mit geschlossenen Fensterläden vorgetäuscht) und würde den Bundständer an dieser Lage zulassen. Mindestens im 2. Obergeschoss ist ein Bundständer in Fassadenmitte zu vermuten, was auch einen Vorteil für die Lastabtragung der hinteren Mittelpfette des Dachstuhls bedeutet hätte.
    • Re: Baugeschichtliche Rekonstruktionen

      Eigentlich wollte ich nur noch einen Beitrag zum "Weinfalken" folgen lassen, in dem die Baugeschichte zusammengefasst sein wird. Doch kürzlich stiess ich zufällig auf eine der zahlreichen Fotos des Hauses, welche die Seitenfassade um 1897 zeigt. Dort sind an der Seitenfassade auf Deckenhöhe des 2. Obergeschosses zwei verputzte Balkenköpfe sichtbar, welche jüngere Fotos nicht mehr zeigen. Sie sind wohl bei der Aussenrenovation kurz vor 1940 abgeschrotet worden.

      Nun entspricht deren Position genau jener wie in der mutmasslichen Rekonstruktion! Dort ist ihre Lage nur aufgrund der Wände im Erdgeschoss angenommen worden. Die zufällig bemerkte Fotografie unterstützt also ebenfalls das angenommene Ständergerüst in der Rekonstruktion, und damit auch die These von einem Kernbau, welcher rückseitig erweitert worden war und gleichzeitig ein neues Dach erhielt.




      Markierte Lage der beiden Balkenköpfe;
      links: in der entzerrten Seitenfassade mit den hervorgehobenen dunkel verfärbten Stellen im Verputz (Foto von 1958, als die Balkenköpfe bereits abgeschrotet waren) und in der Rekonstruktion; rechts: in einer Fotografie von 1897 (Kantonsbibliothek (Vadiana) St. Gallen)





      Ausschnitt aus der Fotografie von 1897 mit den beiden Balkenköpfen



      Es ist bemerkenswert, dass die Ständer, welche zwingend unter diesen Balkenköpfen stehen mussten, nicht durch den Verputz durchschimmerten. Dafür schimmerte aber ein Ständer über der Kellertüre durch, welcher nicht in das ursprüngliche Schema der Konstruktion passte, und deshalb - auch wegen seiner Lage über der Rundbogentür - als spätere Zutat postuliert wurde. Über diesem Ständer war kein Balkenkopf sichtbar, wodurch er sich ebenfalls von den angenommenen ursprünglichen Ständern unterschied.

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