Budapest

  • In Budapest ist das Rekonstruieren der Bauten seiner metropolischen Blütezeit ja quasi Staatsräson. Es geht dort mW nicht wie in Deutschland von Bürgerinitiativen aus, sondern ähnlich wie in Skopje von der Staatsführung. Da diese im Westen überwiegend nicht so vorbidlich gesehen wird, wird darüber auch nicht breit berichtet. Das ist aber so weit ich weiß auch in anderen Ländern so, im konservativen Polen interessiert das jetzt auch nicht sonderlich. Es ist imposant für das Stadtbild der ungarischen Hauptstadt, wird aber vermutlich erst in einigen Jahren wirklich antizipiert.


    Zumal Budapest ohnehin schon ein weitgehend intaktes, vorkriegszeitliches Stadtbild hat und hier eher die "Sahne auf der Kirsche" hinzukommt. Eine ganz andere Ausgangslage als in deutschen Großstädten, die ihren historischen Charakter an den meisten Stellen völlig eingebüßt haben.

  • Die wenigen Rekonstruktionen wie z.B. das Berliner Stadtschloss oder die neue Frankfurter Altstadt sind eher verpönt und sollen möglichst Einzelfälle bleiben.

    Dabei muss aber immer wieder betont werden, bei wem sie verpönt sind. Nicht bei den Bürgern, sondern bei einer kleinen Schicht von Kulturjournalisten, Architekten und (in bekannten Teilen desinteressierten) Politikern. Es ist also eine Gruppe, die auch in vielen anderen Themen eine andere Position als die meisten Normalbürger vertritt (Stichwort z.B. Gendersprache), aber "von oben" versuchen meinungsbildend nach unten zu agieren. Und, zu nicht unbedeutenden Teilen dürfte es sich auch innerhalb dieser Gruppe um Opportunisten handeln, die aus Gründen der Karriere mit den Wölfen heulen, um nicht negativ aufzufallen.

  • Während in Deutschland scheinbar versucht wird jede Rekonstruktion mit allen Mitteln zu verhindern, kommt es mir so vor, als würde man in Budapest in einem richtigen Reko-Fieber sein und regelrecht nach Gebäuden suchen, die man noch aufbauen könnte.


    Rekonstruktionen sind außerdem viel zu teuer. Das kann sich doch keiner leisten. Kann man ja am Beispiel Ungarn sehen, das bekanntlich in Gold und Geld schwimmt.

  • Das ist schon erstaunlich,wie man in Ungarn diese Fülle vor allen Dingen sehr GROßEN hist.Vollrekos und die innerhalb weniger Jahre aufbaut alle so finanziert.

    Zur ganzen Finanzierung weiß vielleicht hier ein Forist näheres?

  • Patbal oder Atala,wie sieht es eigentlich mit Rekonstruktionen verlorener Gebäude in Städten im restlichen Ungarn aus?

    Das wäre gut, aber leider ist das nicht beabsichtigt. Es ist maximal so viel Wiederaufbau zu erwarten, dass vor einigen Jahren ein Regierungsbeschluss gefasst wurde, verloren gegangene Dachverzierungen im ganzen Land wiederherzustellen.

  • In Budapest ist das Rekonstruieren der Bauten seiner metropolischen Blütezeit ja quasi Staatsräson. Es geht dort mW nicht wie in Deutschland von Bürgerinitiativen aus, sondern ähnlich wie in Skopje von der Staatsführung.

    Ja, das sind öffentliche Projekte. Übrigens:

    Auf dem Parteitag vor den Wahlen sagte Orbán, dass sie im Falle eines Sieges das einstige Licht von Budapest wiederherstellen würden.

  • Auch von solchen Dachverzierungen wären vorher-nachher-Bilder sicher interessant.

    Bisher wurden 4 Gebäude offiziell angekündigt, deren Kuppel wieder aufgebaut wird.


    1.



    2.



    3.



    4.



    Diese werden wahrscheinlich auch in Zukunft zurückkehren:



    (Leider fehlen Tausende von Dachdekorationen. Es gibt bereits eine Liste der Rekonstruktion der Kuppeln in Budapest. Es gibt ungefähr 30 Kuppeln darin, aber das könnte sich in Zukunft erweitern.)


    Nachrichten!

    Ich habe gerade einen genehmigten Plan zur Restaurierung der Türme am Charles Boulevard erhalten.

  • Da sieht man einmal,was in Budapest Architektonisch alles so fehlt.Ich dachte auch noch bis vor 2 Jahren das alles so war wie es jetzt noch ist. Nur durch die Fotos unserer Ungarischen Mitforisten wird mir, eigentlich uns allen hier,der wirkliche Verlust von Kuppeln, Dächern und ganzen Gebäuden in Budapest erst richtig bewusst.

    Atala und Patbal,ich kann immer wieder Danke sagen für die aufschlussreichen Fotos mit denen Sie uns stets immer auf dem Laufenden halten von Budapests interessanten Rekoprojekten und dessen aktuellen Baugeschehen. Ich muss sagen,der Strang Budapest ist für mich hier im Forum der Interessanteste.:thumbup:

  • Wenn in Deutschland nu 1% der riesigen Verlust der schönen Dächerlandschaften wettgemacht würde, dann wäre dass schon wunderbar.

    Budapest wird seine Pracht also wiederbekommen: vom Staat aus gemacht und finanziert.

    In D. streitet man nur über winzige Reko's; und alles könnte so einfach so ganz anders sein.

    Die Innenstadt Frankfurts, das Berliner und Dresdner Schloss......das sind doch allen wunderbare Projekten. Ohne diese Bauten gibt es tatsächlich nur banale Kuben und Rasterfassaden die gebaut werden.

    Die Kaiserzeit Bauten wurden allen verhunzt oder abgebrochen, weil eine kleine Elite das so entschlossen hat.

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    1. Woraus werden denn hierzulande Bauvorhaben finanziert? Zum Beispiel eine BND-Zentrale im Dystopie-Stil für 1,4 Milliarden Euro (allerdings incl. Umzug). (Siehe hier) Kaum ein Mensch fragt hierzulande danach, wie der Staat das finanziert. Ganz einfach: Aus dem Staatshaushalt.

    2. Der staatliche Haushalt beruht allein auf Entscheidungen der jeweiligen Regierung. Hierzulande werden z.B. 100 Milliarden Euro in Aufrüstung gesteckt, über eine Milliarde fließt in den "Kampf gegen den inneren Feind". In anderen Ländern werden eben teils deutlich kleinere Summen in die Rekonstruktion historischer Dächer gesteckt. Wie gewählt, so bestellt.

    3. Und woraus finanzieren sich Staaten heutzutage zu großem Teil? Egal, ob bei steigenden oder sinkenden Einnahmen?... Durch Schulden. Die Schulden Ungarns im Verhältnis zum BIP sind dabei nur geringfügig größer als die Deutschlands (siehe hier)

  • (...) In anderen Ländern werden eben teils deutlich kleinere Summe in die Rekonstruktion historischer Dächer gesteckt. Wie gewählt, so bestellt. (...)

    Eben. Allein der Wille zählt. Dann lassen sich solche Maßnahmen auch umsetzen. Mann stelle sich vor, es hätte seit 1945 deutschlandweit in der Politik den Wunsch gegeben, die Städte wieder im Ursprungszustand herzurichten. In 77 Jahren hätte das ganze Land locker wieder rekonstruiert sein können. Zumindest der bedeutendste Teil. Aber man wollte und will ja um jeden Preis modern und fortschrittlich sein. Wenigstens scheinen die Entscheider hierzulande zu glauben, daß quadratisch praktisch primitive Häuser fortschrittlich sind.

  • Zur ganzen Finanzierung weiß vielleicht hier ein Forist näheres?

    Derzeit laufen in Budapest drei große Wiederaufbauprojekte (Nationales Hauszmann-Programm, Steidl-Imre-Programm, Liget-Budapest-Projekt). Alle drei werden vom Staat aus dem zentralen Haushalt finanziert, und das Dome-Programm wird nicht vom Staat, sondern teilweise von privaten Investoren umgesetzt.

    Aber die Renovierung des Finanzministeriums zum Beispiel wird 54 Milliarden HUF (130 Millionen Euro) kosten, die größtenteils durch den Verkauf des alten Gebäudes finanziert werden.

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    1. Woraus werden denn hierzulande Bauvorhaben finanziert? Zum Beispiel eine BND-Zentrale im Dystopie-Stil für 1,4 Milliarden Euro (allerdings incl. Umzug). (Siehe hier) Kaum ein Mensch fragt hierzulande danach, wie der Staat das finanziert. Ganz einfach: Aus dem Staatshaushalt.

    2. Der staatliche Haushalt beruht allein auf Entscheidungen der jeweiligen Regierung. Hierzulande werden z.B. 100 Milliarden Euro in Aufrüstung gesteckt, über eine Milliarde fließt in den "Kampf gegen den inneren Feind". In anderen Ländern werden eben teils deutlich kleinere Summen in die Rekonstruktion historischer Dächer gesteckt. Wie gewählt, so bestellt.

    3. Und woraus finanzieren sich Staaten heutzutage zu großem Teil? Egal, ob bei steigenden oder sinkenden Einnahmen?... Durch Schulden. Die Schulden Ungarns im Verhältnis zum BIP sind dabei nur geringfügig größer als die Deutschlands (siehe hier)

    Wobei man mit 1 Milliarde Euro realistischerweise in Deutschland nicht viel reißen könnte. Nicht, weil Rekonstruktionen so teuer wären, sondern weil die Innenstädte, von wenigen Ausnahmen, inzwischen schon wieder komplett zugebaut sind. Das heißt, für größere Rekonstruktionsprogramm müsste erstmal viel aufgekauft werden, um es abreißen zu können.
    Bei den aktuellen Immobilienpreisen in deutschen Innenstadtlagen wäre 1 Milliarde da ein Tropfen auf den heißen Stein.


    Ich erinnere nur daran, dass die Altstadtfreunde Nürnberg mal die Rekonstruktion des Toplerhauses angedacht haben und schnell wieder verworfen haben: Nicht, weil die Rekonstruktion so teuer gewesen wäre, sondern weil der Aufkauf des dort heute stehenden Hauses bei den aktuellen Immobilienpreisen in der Nürnberg Innenstadt einen völlig irrwitzigen Betrag verschlungen hätte.


    Der Umstand, dass es kaum noch Brachen wie am Dresdner Neumarkt gibt, wird in Zukunft Rekonstruktionsvorhaben allerorten praktisch unmöglich machen. Das hat erstmal gar nicht so viel mit mangelndem politischem Willen zu tun. Selbst wenn der gegeben wäre, hätte kein Staat der Welt genügend Geld, um die bestehenden Bauten aufzukaufen und abzureißen, um Platz für Rekonstruktionen zu schaffen.

    Mit 1 Milliarde könntest du vielleicht 10 oder 20 Bauten in ganz Deutschland aufkaufen, um sie durch Rekonstruktionen zu ersetzen. Und da hättest du sie noch nicht abgerissen und die Rekonstruktionen gebaut.

  • Sehr interessant. Es ist schon bemerkenswert, welche hohe Lebensqualität die europäischen Gesellschaften vor 100 Jahren in architektonischer Hinscht gehabt haben. Und was durch den Entschluss von Wilhelm II. zum 1. Weltkrieg mit den direkten Folgen -> Reparationen - Wirtschaftskrise - Erstarken der Radikalen - 2. Weltkrieg - Feuerstürme - Stunde Null - Wiederaufbau - autogerechte Stadt - Entstuckung -> an Schaden angerichtet worden ist.


    In Ungarn musste man zudem noch das Jahr 1989 abwarten, bis sich durch eine Zeitenwende endlich neue Möglichkeiten eröffnet haben. Interessant ist nun auch, dass selbst in Polen die deutsche Vergangenheit in einer Akribie restauriert wird, welche Sprachlosigkeit auslöst, ob der grandiosen Ergebnisse und der Unvereingenommenheit gegenüber der unrühmlichen Geschichte. Deshalb schaue ich auf beide Länder derzeit mit großer Anteilnahme, denn es gibt einerseits politisch viel zu kritisieren, welches durch beide Länder auch zunehmend korrigiert wird, architektonisch ist es aber ein Gewinn für die EU, dort völlig andere Entwicklungen zu erleben, welche sicher bald auch eine positive Wirkung auf die Nachbarländer haben werden.


    Insofern ist es nur konsequent, die Gebäude des Historismus zu rekonstruieren. In Deutschland gelten sie als Vertreter des Wilhelminismus, wofür sie in Ungarn nun nicht stehen können. Damit ist auch der auf deutscher Arroganz beruhende Trugschluss widerlegt, eine solche Architektur sei per se verachtenswert. Nein, im Gegenteil. Es sind diejenigen, die solche Überlegungen zum Dogma erheben.