Budapest - außerhalb des Burgbezirks

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    1. Woraus werden denn hierzulande Bauvorhaben finanziert? Zum Beispiel eine BND-Zentrale im Dystopie-Stil für 1,4 Milliarden Euro (allerdings incl. Umzug). (Siehe hier) Kaum ein Mensch fragt hierzulande danach, wie der Staat das finanziert. Ganz einfach: Aus dem Staatshaushalt.

    2. Der staatliche Haushalt beruht allein auf Entscheidungen der jeweiligen Regierung. Hierzulande werden z.B. 100 Milliarden Euro in Aufrüstung gesteckt, über eine Milliarde fließt in den "Kampf gegen den inneren Feind". In anderen Ländern werden eben teils deutlich kleinere Summen in die Rekonstruktion historischer Dächer gesteckt. Wie gewählt, so bestellt.

    3. Und woraus finanzieren sich Staaten heutzutage zu großem Teil? Egal, ob bei steigenden oder sinkenden Einnahmen?... Durch Schulden. Die Schulden Ungarns im Verhältnis zum BIP sind dabei nur geringfügig größer als die Deutschlands (siehe hier)

  • (...) In anderen Ländern werden eben teils deutlich kleinere Summe in die Rekonstruktion historischer Dächer gesteckt. Wie gewählt, so bestellt. (...)

    Eben. Allein der Wille zählt. Dann lassen sich solche Maßnahmen auch umsetzen. Mann stelle sich vor, es hätte seit 1945 deutschlandweit in der Politik den Wunsch gegeben, die Städte wieder im Ursprungszustand herzurichten. In 77 Jahren hätte das ganze Land locker wieder rekonstruiert sein können. Zumindest der bedeutendste Teil. Aber man wollte und will ja um jeden Preis modern und fortschrittlich sein. Wenigstens scheinen die Entscheider hierzulande zu glauben, daß quadratisch praktisch primitive Häuser fortschrittlich sind.

  • Zur ganzen Finanzierung weiß vielleicht hier ein Forist näheres?

    Derzeit laufen in Budapest drei große Wiederaufbauprojekte (Nationales Hauszmann-Programm, Steidl-Imre-Programm, Liget-Budapest-Projekt). Alle drei werden vom Staat aus dem zentralen Haushalt finanziert, und das Dome-Programm wird nicht vom Staat, sondern teilweise von privaten Investoren umgesetzt.

    Aber die Renovierung des Finanzministeriums zum Beispiel wird 54 Milliarden HUF (130 Millionen Euro) kosten, die größtenteils durch den Verkauf des alten Gebäudes finanziert werden.

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    1. Woraus werden denn hierzulande Bauvorhaben finanziert? Zum Beispiel eine BND-Zentrale im Dystopie-Stil für 1,4 Milliarden Euro (allerdings incl. Umzug). (Siehe hier) Kaum ein Mensch fragt hierzulande danach, wie der Staat das finanziert. Ganz einfach: Aus dem Staatshaushalt.

    2. Der staatliche Haushalt beruht allein auf Entscheidungen der jeweiligen Regierung. Hierzulande werden z.B. 100 Milliarden Euro in Aufrüstung gesteckt, über eine Milliarde fließt in den "Kampf gegen den inneren Feind". In anderen Ländern werden eben teils deutlich kleinere Summen in die Rekonstruktion historischer Dächer gesteckt. Wie gewählt, so bestellt.

    3. Und woraus finanzieren sich Staaten heutzutage zu großem Teil? Egal, ob bei steigenden oder sinkenden Einnahmen?... Durch Schulden. Die Schulden Ungarns im Verhältnis zum BIP sind dabei nur geringfügig größer als die Deutschlands (siehe hier)

    Wobei man mit 1 Milliarde Euro realistischerweise in Deutschland nicht viel reißen könnte. Nicht, weil Rekonstruktionen so teuer wären, sondern weil die Innenstädte, von wenigen Ausnahmen, inzwischen schon wieder komplett zugebaut sind. Das heißt, für größere Rekonstruktionsprogramm müsste erstmal viel aufgekauft werden, um es abreißen zu können.
    Bei den aktuellen Immobilienpreisen in deutschen Innenstadtlagen wäre 1 Milliarde da ein Tropfen auf den heißen Stein.


    Ich erinnere nur daran, dass die Altstadtfreunde Nürnberg mal die Rekonstruktion des Toplerhauses angedacht haben und schnell wieder verworfen haben: Nicht, weil die Rekonstruktion so teuer gewesen wäre, sondern weil der Aufkauf des dort heute stehenden Hauses bei den aktuellen Immobilienpreisen in der Nürnberg Innenstadt einen völlig irrwitzigen Betrag verschlungen hätte.


    Der Umstand, dass es kaum noch Brachen wie am Dresdner Neumarkt gibt, wird in Zukunft Rekonstruktionsvorhaben allerorten praktisch unmöglich machen. Das hat erstmal gar nicht so viel mit mangelndem politischem Willen zu tun. Selbst wenn der gegeben wäre, hätte kein Staat der Welt genügend Geld, um die bestehenden Bauten aufzukaufen und abzureißen, um Platz für Rekonstruktionen zu schaffen.

    Mit 1 Milliarde könntest du vielleicht 10 oder 20 Bauten in ganz Deutschland aufkaufen, um sie durch Rekonstruktionen zu ersetzen. Und da hättest du sie noch nicht abgerissen und die Rekonstruktionen gebaut.

  • Sehr interessant. Es ist schon bemerkenswert, welche hohe Lebensqualität die europäischen Gesellschaften vor 100 Jahren in architektonischer Hinscht gehabt haben. Und was durch den Entschluss von Wilhelm II. zum 1. Weltkrieg mit den direkten Folgen -> Reparationen - Wirtschaftskrise - Erstarken der Radikalen - 2. Weltkrieg - Feuerstürme - Stunde Null - Wiederaufbau - autogerechte Stadt - Entstuckung -> an Schaden angerichtet worden ist.


    In Ungarn musste man zudem noch das Jahr 1989 abwarten, bis sich durch eine Zeitenwende endlich neue Möglichkeiten eröffnet haben. Interessant ist nun auch, dass selbst in Polen die deutsche Vergangenheit in einer Akribie restauriert wird, welche Sprachlosigkeit auslöst, ob der grandiosen Ergebnisse und der Unvereingenommenheit gegenüber der unrühmlichen Geschichte. Deshalb schaue ich auf beide Länder derzeit mit großer Anteilnahme, denn es gibt einerseits politisch viel zu kritisieren, welches durch beide Länder auch zunehmend korrigiert wird, architektonisch ist es aber ein Gewinn für die EU, dort völlig andere Entwicklungen zu erleben, welche sicher bald auch eine positive Wirkung auf die Nachbarländer haben werden.


    Insofern ist es nur konsequent, die Gebäude des Historismus zu rekonstruieren. In Deutschland gelten sie als Vertreter des Wilhelminismus, wofür sie in Ungarn nun nicht stehen können. Damit ist auch der auf deutscher Arroganz beruhende Trugschluss widerlegt, eine solche Architektur sei per se verachtenswert. Nein, im Gegenteil. Es sind diejenigen, die solche Überlegungen zum Dogma erheben.

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    Gibt es eine Webseite dazu?

    Gab es eine Art Bürgerinitiative dafür, oder wie kommen die auf die Idee?

    Dieses Projekt ist offiziell Teil des Steidl-Imre-Programms, hat aber leider noch keine eigene Website. Vor der Belagerung von Budapest wurde die Stadt auch „Stadt der Türme“ genannt, weil fast jedes Gebäude einen Dachschmuck hatte. Die vom Krieg verschonten Kuppeln wurden vom neuen Sowjetregime systematisch abgerissen. Das ist natürlich nicht der einzige Grund, warum die Kuppeln verschwunden sind. Auf jeden Fall ist dieses Programm nicht so umstritten wie die Restaurierung des Schlosses, da sind sich fast alle einig. Das ist mir zumindest aufgefallen, als die Regierung einen Erlass zum Wiederaufbau von drei Kuppeln im Jahr 2020 erließ.

    Ansonsten sind diese Rekonstruktionen laut Regierung Reparationen.

  • Mit 1 Milliarde könntest du vielleicht 10 oder 20 Bauten in ganz Deutschland aufkaufen, um sie durch Rekonstruktionen zu ersetzen. Und da hättest du sie noch nicht abgerissen und die Rekonstruktionen gebaut.

    Nun, der Staat müsste gar nichts aufkaufen. Er könnte z.B. auch mit einer Milliarde willigen Eigentümern einen 100%-Zuschuss für Dachrekonstruktionen und Wiederbestuckungen in Aussicht stellen. Wenn der Staat sein Aufrüstungsprogramm zudem um die Hälfte abspecken würde, ständen zwar nur noch 50 Milliarden Euro für Panzer und Geschütze zur Verfügung (was in meinen Augen auch ausreichend wäre, allerdings werde ich nicht gefragt), dafür aber auch 50 Milliarden Euro für bauliche Verschönerungsmaßnahmen. Mit einer solchen Summe ließe sich wahnsinnig viel erreichen.

    Ich will damit aber nur ausdrücken: Es sind alles politische Prioritäten, die gesetzt werden. Und was oben steht, wird finanziert. Damit soll "erbses" Frage beantwortet sein.

  • Er könnte z.B. auch mit einer Milliarde willigen Eigentümern einen 100%-Zuschuss für Dachrekonstruktionen und Wiederbestuckungen in Aussicht stellen.

    Ja sicher, kosmetische Verbesserungen an noch bestehenden Gebäuden wären natürlich mit dem entsprechenden Geld auch so machbar. Ich meinte aber echte Rekonstruktionen.

    Zum Thema Rüstung sage ich nichts, um keine off-topic-Diskussion auszulösen. Nur soviel, dass ich das Programm in seinem aktuellen Umfang sinnvoll finde.

  • Danke für die Einblicke! Ich finde es sehr hilfreich, zu verstehen, wie das in anderen Ländern organisiert wird.

    Wobei man mit 1 Milliarde Euro realistischerweise in Deutschland nicht viel reißen könnte. Nicht, weil Rekonstruktionen so teuer wären, sondern weil die Innenstädte, von wenigen Ausnahmen, inzwischen schon wieder komplett zugebaut sind. Das heißt, für größere Rekonstruktionsprogramm müsste erstmal viel aufgekauft werden, um es abreißen zu können.
    Bei den aktuellen Immobilienpreisen in deutschen Innenstadtlagen wäre 1 Milliarde da ein Tropfen auf den heißen Stein.

    Für komplette Neubauten, ja. Für Fassadenrekonstruktionen ist das schon eine Summe, mit der man so einiges anfangen kann.


    Wie wär's dazu mit einem Rechenbeispiel?


    Hier entlang: RE: Kosten von Rekonstruktionen/Sanierungen

  • Detail des Feldtisches des Projekts Liget im Vordergrund das zu rekonstruierende Gebäude des ehemaligen Verkehrsmuseums.


  • Tolle Rekonstruktionsprojekte in Budapest - ich bin begeistert!

    Im Rahmen des Liget-Projektes im Stadtwäldchen gibt es einige Fertigstellungen - falls hier noch nicht darüber berichtet wurde:

    Das Haus der Musik des japanischen Ökoarchitekten Sou Fujimoto: https://www.baunetz.de/meldung…o_Architects_7957146.html Ist nicht der Oberkracher, aber stört zumindest nicht im Wald.

    Dann das Völkerkundemuseum auch im Stadtwäldchen in Form einer Wippe: https://ligetbudapest.hu/en/re…get/museum-of-ethnography

    Hier noch die im Stadtwäldchen geplante Nationalgalerie von Sanaa https://worldarchitecture.org/…dapest-s-green-mayor.html


    Bei aller Euphorie über die vielen Reko-Projekte in Budapest sollte trotzdem nicht vergessen werden, dass u.a. im IV.-Bezirk und in der Josefstadt hunderte Gründerzeitler unsaniert in einem schlechten Zustand sind. Mit Einschusslöchern vom 2.Weltkrieg und Ruinenbars a la Berlin der Nachwendezeit hat es Gewiss seinen Charme. Aber am Ende des Tages hat Budapest immer noch eine riesige Sanierungsarbeit vor sich. Zumindest wurden die Häuser nicht unnötig nach dem Krieg abgerissen und das Potential der Bauten ist gewaltig.

  • Im IV. Bezirk war ich nicht. Ich habe aber bei meinen Budapest-Besuchen stets an der Grenze zur Josefstadt gewohnt und bin auch somit regelmäßig dort durchgelaufen. Klar, ist das mit schwäbischen Sanierungsmaßstäben nicht vergleichbar, ist nicht steril, und es hat eben einen gelegentlich etwas rauen Charme. Aber ruinös kam mir das Viertel nicht vor. Gleichwohl will ich mir kein Urteil anmaßen und kann das nur aus der Perspektive des Stadtdurchwanderers beurteilen.

  • Im IV. Bezirk war ich nicht. Ich habe aber bei meinen Budapest-Besuchen stets an der Grenze zur Josefstadt gewohnt und bin auch somit regelmäßig dort durchgelaufen. Klar, ist das mit schwäbischen Sanierungsmaßstäben nicht vergleichbar, ist nicht steril, und es hat eben einen gelegentlich etwas rauen Charme. Aber ruinös kam mir das Viertel nicht vor. Gleichwohl will ich mir kein Urteil anmaßen und kann das nur aus der Perspektive des Stadtdurchwanderers beurteilen.

    Ruinös ist in der Gesamtheit in der Tat übertrieben. Aber vieles ist ungepflegt und unsaniert.

    Hier noch ein interessantes Denkmal: Die Reste des 1965 für den U-Bahnbau geopferten Nationaltheaters https://hu.wikipedia.org/wiki/…/F%C3%A1jl:Oldnemzeti.jpg

  • Für den vollständigen Wiederaufbau des Archivs wurde eine öffentliche Ausschreibung angekündigt.

  • Vielleicht können die Kuppeln des Hauses Stein an der Mündung der Adrássy út wieder aufgebaut werden. Das Gebäude selbst wurde um 1882 im neobarocken Stil erbaut. Die Hälfte der im Krieg beschädigten Kuppeln wurde damals abgerissen. Später, Anfang der 2000er Jahre, wollten sie das Gebäude renovieren aber aufgrund eines Rechtsstreits kamen sie nur so weit, das gesamte Dach abzureißen. Bis heute gibt es ein provisorisches Dach auf dem Gebäude.


    Vor langer Zeit:





    Gegenwärtig:


    Zukunft:




  • Vielleicht für manche der an der eigenen Geschichte Interessierten unter Euch eine Überraschung, aber von der ersten Volkszählung im Jahr 1715 bis Mitte des 19. Jahrhunderts hatte die Stadt eine deutsche Bevölkerungsmehrheit. Noch im Jahre 1882 - also dem Geburtstag des Hauses Stein - war jeder 3. Budapester ein Deutscher! Auch interessant: Bei der Volkszählung 2011 hatte Budapest ca 80 Prozent Ungarn als Bevölkerungsmehrheit, aber die restlichen 20 Prozent verteilten sich auf Deutsche, Zigeuner, Rumänen und Sonstige (übrigens in dieser Reihenfolge)!


    Ich selber kenne zwei „Deutsche“ Budapester, wobei der zweite ein ehemaliger Klassenkamerad aus Wien ist, der in den 2000er Jahren nach Budapest auswanderte und dort eine Familie gründete, dessen Kinder zweisprachig aufwachsen. Irgendwie schön wie die alte, gute kuk Zeit im Kleinen wiederbelebt wird.

  • Und noch einige interessante Fakten zu Budapest. 1838 und 1876 wurde Budapest von extremen Hochwassern heimgesucht. 1838 zählte man bei der Flutkatastrophe 70.000 Todesopfer. Also auch ohne Klimawandelunwetter hatte die Menschheit schon immer mit Hochwasserkatastrophen zu kämpfen.

  • Auch in Budapest soll ein neues Kulturquartier entstehen und zwar im Stadtpark Varosliget. Bereits fertiggestellt ist das neue Ethnografische Museum. Verglichen mit dem Lausanner Beispiel ist weitaus ansprechender und enthält auch ornamentale Elemente.



    Quote

    Die gläserne Gebäudehülle befindet sich hinter einer auffällig dekorierten Vorhangfassade aus Aluminium, die an ungarische Häkelspitze denken lässt. Sie besteht aus einem Gitterraster, auf dem gut eine halbe Million kleine Würfelelemente sitzen. Die Muster, die sie formen, basieren auf ethnografischen Motiven aus den ungarischen und internationalen Sammlungen des Museums.


    Koloss mit Häkelspitze - Ethnografisches Museum in Budapest von Napur Architect

    In der Altstadt die Macht, im Kneiphof die Pracht, im Löbenicht der Acker, auf dem Sackheim der Racker.


    Hätt' ich Venedigs Macht und Augsburgs Pracht, Nürnberger Witz und Straßburger G'schütz und Ulmer Geld, so wär ich der Reichste in der Welt.