Berliner Stadtschloss (architektur- und kunsthistorische Aspekte)

  • Ja, es gibt in der Tat diese motivische Verwandtschaft - eine schöne Beobachtung, vielen Dank! Ich hatte das gar nicht auf dem Schirm!


    Wobei hier natürlich auch noch die Tradition der liegenden Sarkophagfigur hineinspielt: Sie hat etruskische Ursprünge, die Florentiner sahen sich als Nachfahren der Etrusker, ob Michelangelo diese Gräber kannte, weiß ich allerdings nicht.

    Jedenfalls fand dieser Typus Eingang in die römische Sepulkralkunst ...



    und von dort zu den Liegefiguren (gisants) der mittelalterlichen Grabkunst.


    Was Michelangelo bereits vorwegnimmt, ist das dialektische Verhältnis zwischen den beiden Figuren. Das ist dann ja auch bei Bernini und Schlüter so: An Portal V hält der eine Genius eine Trompete nach unten, der andere einen Palmzweig nach oben; der eine blickt zum Wappen hin, der andere blickt nach außen, der eine hat den Kopf erhoben, der andere gesenkt, beim einen reicht der Flügel bis hinter den Wappenschild, beim anderen knickt er vom Schild weg. Am ausgefeiltesten ist diese Dialektik bei Bernini, und an Portal V wiederum ist sie besser als an Portal IV.


    Was mich überhaupt an der alten Kunst, gerade auch am Hochbarock, beeindruckt, ist die Fähigkeit, verschiedene Bildtraditionen und Bildmotive zu synthetisieren bzw. sie zu etwas Neuem zusammenzuführen, ohne in einen Eklektizismus zu verfallen. Das 19. Jahrhundert konnte das schon nicht mehr so gut.

  • Der "Blick" auf den Glaskasten, der sich Dachcafé nennt, kann nur durch die Anbringung der zwei Nebenkuppeln, die bei der Planung rausgenommen wurden, gerettet werden. Platz ist vorhanden, nur das Geld und der Wille fehlt...

  • Die Nebenkuppeln wären wünschenswerter denn je, aber sie würden den Café-Gästen die schöne Aussicht versperren. Also ist ihre Realisierung jetzt noch unwahrscheinlicher geworden. Leider!

  • Wo wollt ihr denn das Küppelchen wohl platzieren bei dem Dachverlauf?


    Seinsheim: Der links zu sehende Überstand der Dachgarage soll noch reduziert (angeglichen) werden - hattest Du das nicht jüngst in Erfahrung gebracht?

    Schön ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt.
    (Immanuel Kant)

  • Wo wollt ihr denn das Küppelchen wohl platzieren bei dem Dachverlauf?

    Entsprechend große Standfiguren auf den Dachbalustraden könnten hier etwas bewirken . nur wie groß müßten die dann sein? 5m, 8m... ?

    Jeder hat das Recht auf meine Meinung.

  • Nach meinen Infos hätte der Rückbau schon beginnen müssen. Andererseits wird über diesen Schacht auch die Dachterrasse erschlossen, die sich gerade noch im Bau befindet. Wenn ich Näheres weiß, sage ich es...


    Was die Küppelchen betrifft, so waren diese eine Zutat unter Wilhelm II, nachdem das Dach erhöht worden war. Sie waren dem Dachgrat aufgesetzt. Das gegenwärtige Dach ist m. E. nicht steiler.

  • 5m, 8m... ?

    Oder so? (https://images.app.goo.gl/RexHEt7VLzRLmcjL8)
    Thorak müsste wohl wieder ran... :zwinkern:


    Oder ihr nehmt einfach ein riesiges Sonnenseegel oder eine Plane a la Bauakademie und zieht sie rund um die Balustrade... :lachen:


    Nein, im Ernst, mit den Dachaufbauten müssen wir nun eben für die nächsten Jahre leben. Für die nächste Zeit wird es andere Aufgaben geben, z.B. Spendengelder für Innenräume zu sammeln, z.B. für die Gigantentreppe.

  • Das oben im Detail gezeigte Foto zeigt übrigens eine interessante Zwischenphase: Über Portal ist bereits die Wappenkartusche angebracht. Auch gibt es schon die Reliefs über den seitlichen Bögen. Aber noch fehlen die Voluten an der Balustrade.

  • Hm? VanWuerzburg hat schon recht. Wir reden hier von den Trompten allein an Portal IV. Die flache Trompete zeigt nach oben, die hohle zeigt nach unten. Kann man auf einem früheren Bild von Mantikor gut erkennen:


    Vielen Dank fürs erneute Einstellen der wunderschönen Bilder übrigens. :)


    Als ich eben alte Bilder durchsah, stieß ich auf ein Foto aus Stettin, von einem der früheren Stadttore, die errichtet worden waren, nachdem Pommern im 18. Jh. an Preußen gefallen war. Direkt über der Durchfahrt verkünden rechts und links des Torbogens zwei Famen den Ruhm des Königs Friedrich Wilhelm von Preußen, indem sie kräftig in ihre Trompeten blasen. Der vergoldete lateinische Text, der weiter oben angebracht ist, beginnt wie folgt: Friedricus Wilhelmus Rex Borussiae...







    Hier vergrößert (leider nicht in guter Qualität, insoweit bitte ich um Nachsicht), doch erkennt man, dass, wie am Berliner Schloss eine Trompete in die Höhe gerichtet ist, die andere hingegen in Richtung der Erde:




  • Und der Aufsatz erinnert mit seiner Wappenkartusche und den reichhaltigen Trophäen an das Berliner Zeughaus. Möglicherweise wollten die Stettiner Stadtväter beide Großbauten der Hauptstadt zitieren ...

  • Fridericus Wilhelmus rex Borussiae ducatum Stetinensem
    cessum Brandenburgicis electoribus sub clientelae fide Pomeraniae
    ducibus redditum post fato ad Suecos delatum iustis pactis iustoque
    pertio (sic!) ad Panim usque emit paravit sibique restituit anno MDCCXIX
    ac portam Brandenb(urgicam) fieri iussit.


    Ziemlich wörtlich übersetzt:


    Friedrich Wilhelm, König in Preußen/König von Preußen (je nachdem, ob man Borussiae als Lokativ oder als Genitiv deutet) hat das Herzogtum Stettin, das den Brandenburgischen Kurfürsten zugefallen und den Herzögen Pommerns unter ihre Lehnshoheit zurückgegeben worden war (und) das anschließend durch das Schicksal an die Schweden gefallen war, durch gerechte Verträge und einen gerechten Preis (fälschlich steht in der Inschrift pertio, es muss aber pretio heißen) bis zur Peene hin (zurück-)gekauft, es sich angeschafft und wiederhergestellt im Jahre 1719. Und er hat befohlen, dass (dieses) Brandenburger Tor entstehe.


    Friedrich durfte sich ja nur König in Preußen und nicht König von Preußen nennen, weil ein Teil Preußens (das spätere Westpreußen) noch polnisch war. Aber im Lateinischen konnte er mogeln: Rex Borussiae konnte beides bedeuten.


    Schön auch der Rechtschreibfehler in der Inschrift....

  • Das Stadttor mit den schönen Famen in Stettin ist das Berliner Tor. Es ist eines von zwei erhaltenen Toren, der unter Friedrich Wilhelm I. errichteten Stettiner Festungswerke. Der polnische Name des Tores ist heute "Hafentor" (Brama Portowa).


    Hier ist ein Foto, das den Zustand nach der jüngsten Restaurierung zeigt. Klickt bitte den Bildlink an und stellt dann die maximale Vergrößerung ein! Dann könnt ihr alle Details der Fassade sehen. Die Aufnahme ist wirklich exzellent.



    Stettin, Berliner Tor (Brama Portowa), Feldseite (Foto: Photogoddle, Juli 2018, CC-BY-SA-4.0)


    Das Tor entstand 1725-1727 unter Leitung des Festungsbaumeisters Gerhard Cornelius van Wallrawe. Der bildhauerische Schmuck stammt von Bartholomé Damart. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Schmuckgiebel zum Schutz vor Zerstörung abgenommen und versteckt und das Tor wohl durch irgendeine Umbauung geschützt. So überstand das Berliner Tor den Krieg. 1954 wurde es in die polnische Denkmalliste eingetragen. Die Schmuckgiebel wurden 1957 wiedergefunden und das Tor anschließend restauriert. Aus der erheblichen Stärke des barocken Festungswalls, in den sich das Tor ursprünglich einfügte, ergibt sich eine geräumige Tordurchfahrt. Sie beherbergte lange Jahre ein Geschäft für polnisches Kunsthandwerk und heute ein Kammertheater. Bei maximaler Bildvergrößerung erkennt man, dass die Famen sehr schön sind, aber nicht ganz das Niveau der Schlüterplastik am Berliner Schloss erreichen. Hohe Qualität hat nach meiner Auffassung das Relief oberhalb der Inschrift. Es zeigt Viadrus, die Personifizierung der Oder. Der Torbau wird bekrönt von Trophäen, dem Wappen des Königreichs Preußen und der preußischen Krone. Insgesamt ein mit Berlin gut zu vergleichendes Stück barocker Herrschaftsinszenierung. Die "Stadtväter von Stettin" hatten mit diesem Bauprojekt nichts zu tun. Es war ein königliches Projekt, nicht anders als das Berliner Schloss, und zeigt, dass auch der als knausrig geltende Soldatenkönig auf architektonische Machtsymbole setzte - da, wo es nötig war. Im gerade erst gewonnenen Stettin war das der Fall.

  • Reich mit Famen gesegnet ist auch das Berliner Zeughaus. Die Parallelen zur Bauplastik des Berliner Schlosses werden niemanden überraschen. Der auf den folgenden drei Bildern zu sehende plastische Schmuck stammt jedoch von dem französischen Bildhauer Guillaume Hulot. Er arbeitete unter der Bauleitung des ebenfalls aus Frankreich gekommenen Jean de Bodt. Hier besteht eine Parallele zum oben vorgestellten Berliner Tor in Stettin, wo ja ebenfalls ein französischer Bildhauer am Werk war. Dort zeigt sich der französische Einfluss insbesondere im Viadrus-Relief, das mit seiner Zartheit und Asymmetrie die ansonsten konventionelle barocke Repräsentationsarchitektur durchbricht.


    Berlin, Zeughaus, Giebel der Ostseite (Foto: BrokenSphere, 2004, CC-BY-SA-3.0)


    Im Zentrum des Giebelfeldes der Ostseite sehen wir den preußischen Adler mit Zepter und Reichsapfel. In ähnlicher Stilisierung finden wir ihn auch am Schloss, dort jedoch vergoldet. Der ovale Wappenschild wird von der Collane des Schwarzen Adlerordens gerahmt und von der preußischen Krone überhöht. Zwei wilde Männer begleiten das Wappen, einer von ihnen hält die Krone in die Höhe.


    Berlin, Zeughaus, Giebel der Westseite (Foto: Miguel Hermoso Cuesta, 2014, CC-BY-SA-4.0)


    Im Zentrum des Giebelfeldes der Westseite sehen wir das vielfeldrige große Wappen Preußens. Es wird von der Collane des Schwarzen Adlerordens gerahmt, von der Krone überhöht und von zwei Famen begleitet. Das gleiche Arrangement finden wir an der Südseite, jedoch nicht im Giebelfeld, sondern über dem Portal. Im Giebel statt dessen Minerva, Jünglinge im Kriegshandwerk unterweisend.


    Berlin, Zeughaus, Südseite, Reliefs über dem Haupteingang (Foto: Miguel Hermoso Cuesta, 2014, CC-BY-SA-4.0)


    Die Reliefs des Portalrisaliten der Südseite gelten als Hauptwerk Hulots. Die Ausstattung der Famen mit Posaune (heraldisch rechts) und Palmzweig (heraldisch links) erinnert an Portal V des Schlosses. Dass die rechte Fama die Posaune nicht bläst, kann als Friedenssymbol gedeutet werden. Das von zwei Adlern begleitete Medaillon zeigt König Friedrich I. mit Lorbeerkranz im Haar. Es datiert in das Jahr 1706. Die beruhigte Formensprache der Reliefs zeigt deutlich den Stil der französischen Klassik und unterscheidet sich von der künstlerischen Handschrift Andreas Schlüters. Dessen Hauptwerk am Zeughaus sind die expressiven Masken sterbender Krieger im Innenhof. Schlüters italienisch geprägter Stil ist wesentlich bewegter und kraftvoller. Mit der Wiedererrichtung des Schlosses haben wir die Möglichkeit gewonnen, Hauptwerke hochbarocker, der Herrschaftsrepräsentation dienender Bauplastik zweier verschiedener Stile in unmittelbarer Nachbarschaft vergleichen zu können.


    Die Nordseite des Zeughauses ist schlichter gehalten als die übrigen drei Seiten und weist keinen Giebel auf.

  • Und noch einmal preußische Famen:


    Nach überstandenem Siebenjährigen Krieg hatte auch Friedrich der Große das Bedürfnis, seinen Ruhm in die Welt hinausposaunen zu lassen. In den Jahren 1763 bis 1769 ließ er am westlichen Ende des Parks Sanssouci das Neue Palais errichten. Unter den Giebeln der Gartenseite und der Ehrenhofseite begleiten jeweils zwei Famen das königliche Wappen.


    Potsdam, Park Sanssouci, Neues Palais, Giebel der Gartenseite (Foto: Steffenheilfort, September 2012, CC-BY-SA-3.0)


    Die Famen der Gartenseite greifen mit der freien Hand nach der Wappenkartusche. Das Wappen zeigt einen auffliegenden Adler, der - "Nec soli cedit" - nicht einmal der Sonne weicht. Wahlspruch und Wappenbild hatte bereits Friedrichs Vater, König Friedrich Wilhelm I., verwendet. Über dem Adler setzen zwei Putten die preußische Krone auf einem Kissen ab. Im Giebelfeld sehen wir verschiedene Motive des Athene-Mythos. Sie stehen für das Selbstverständnis Friedrichs II. als großer Kriegsherr sowie Förderer des Wirtschaftslebens und der Künste.


    Potsdam, Park Sanssouci, Neues Palais, Giebel der Ehrenhofseite (Foto: Steffenheilfort, September 2012, CC-BY-SA-3.0)


    Die Famen der Ehrenhofseite zeigen mit der freien Hand auf die preußische Krone und auf den Wahlspruch des Königs, "Nec soli cedit". Das Wappenbild wird durch den Kopf eines Putto verunklart. Im Giebelfeld sehen wir Athene unter den Musen.


    Dem Ehrenhof des Neuen Palais gegenüber stehen die Communs, zwischen ihnen eine Kolonnade mit Triumphtor. Auf diesem finden wir ebenfalls zwei Famen.


    Potsdam, Park Sanssouci, Triumphtor gegenüber dem Neuen Palais (Foto: Nikolai Karaneschev, April 2013, CC-BY-3.0)


    Die Sandsteinplastiken sind stark verwittert, das Wappenbild ist verloren. Bei der jüngsten Restaurierung erhielten die Famen neue goldene Instrumente, um wieder vom Ruhme Preußens zu künden, dessen goldene Krone zwei Putten in die Höhe halten.


    (Es lohnt sich, jeweils die Links anzuklicken und die Bilder in maximaler Vergrößerung zu betrachten.)

  • Mir ist aufgefallen, dass man bei den Instrumenten, auf denen die Famen am Giebel des Neuen Palais spielen, dieselben Unterschiede feststellen kann wie bei den Trompeten an den Portalen V und IV des Berliner Schlosses: Bei dem Instrument an Portal V scheint der scheibenförmige Schalltrichter fast übergangslos an der "Röhre" angebracht zu sein, so dass man sich tatsächlich an die Form einer modernen "Stehlampe" erinnert fühlt. Diese Trompete entspricht also dem Instrument rechts am Ehrenhofgiebel des Neuen Palais, das von Friedrich II. ja als (Achtung: Wortspiel!) "Fanfaronade" bezeichnet wurde.
    Bei den anderen Trompeten verjüngt sich der Schalltrichter allmählich. Wäre es möglich, dass das prinzipiell zwei verschiedene Instrumente sein sollen? Ikonographisch hat man doch im Barock eigentlich nichts dem Zufall überlassen.