Berliner Stadtschloss (architektur- und kunsthistorische Aspekte)

  • Zur Zeit sieht man wieder den Unterschied zwischen (einigermaßen) privatem und öffentlichem Bauen.


    Der Aufbau eines Kranes für die Stützmauern dauert 2 Tage,
    am Humboldtforum nur einen!

  • Nun, die Balustraden rund um die Kuppel werden nach und nach aufgebaut, interessanterweise bestehen diese "Pine" (bin mir nicht sicher wie es sich nennt) aus mehere Teile, während die entlang der Dächer nur aus einem Teil bestanden.
    Apropos Dächer, ich verstehe wirklich nicht weshalb ein paar Kupfer-Abedeckungen immer noch nicht angebracht wurden, obwohl ca. 95% der Fläche bereits vor Monate "behandelt" wurde :?:?(

  • Nun, die Balustraden rund um die Kuppel werden nach und nach aufgebaut, interessanterweise bestehen diese "Pine" (bin mir nicht sicher wie es sich nennt) aus mehere Teile, während die entlang der Dächer nur aus einem Teil bestanden. [...]

    Diese Baluster bestehen aus Terrakotta und nicht aus Sandstein!
    Ebenso die Konsolen unter dem Gesims und die Ornamente. Das Material ist hohl wie ein Schokoladenosterhase (oder -nikolaus, je nach Jahreszeit). Dadurch wird ein großer Teil des Gewichts eingespart.
    Als die Kuppel in den 1850ern gebaut wurde, hatte man die darunter liegenden Räume teilweise entkernt. Die Tragfähigkeit des Gebäudes war unsicher, und um böse Überraschungen wie beim Scheitern des Münzturm-Baus auszuschließen, wurde auf massiven Sandstein verzichtet.

  • Terrakota? Das ist aber interessant. Hätte ich nicht erwartet. Aber gut, ich kenne mich mit solchen Sachen nicht aus ;)
    Aber dieses Material ist zwar leichter, aber viel empfindlicher, oder?

  • Terrakota? Das ist aber interessant. Hätte ich nicht erwartet. Aber gut, ich kenne mich mit solchen Sachen nicht aus ;)
    Aber dieses Material ist zwar leichter, aber viel empfindlicher, oder?

    Es hat seinen ganz eigenen Charme und spart nicht einfach nur Gewicht, aber ja, es ist relativ empfindlich.


    Die Westfassade des Münchner Maximilianeums besteht quasi komplett aus Terracotta. Da bricht regelmäßig ein Bogen, ein Ornament, etc ab und muss ausgetauscht werden (dazu gibt's in den Katakomben des Gebäudes sogar ein eigenes Lager mit fertigen Ersatzteilen).


    So ein Gebäude aus naturnahen Materialien ist halt nicht abwischbar pflegeleicht wie ein Stahlbetonbunker mit drangeschraubten Fassadenprofilen aus dem Baustoffkatalog. Es wird sich kontinuierlich verändern und verwittern und gepflegt werden müssen. "Fertig" ist sowas nie in dem Sinne.

  • Wahrscheinlich wurde das schon längst von jemandem bemerkt: die Pilaster an der Innenseite von Portal V im Schlüterhof sind verputzt und mit Kanneluren versehen.

  • Ergänzend zur Rekonstruktion beim Portal V: Durch den Bau der zwei modernistischen Kasten als Dachrestaurant ist die Rekonstruktion der zwei kleinen Kuppeln, die ja beim Ensemble der Westfassade fehlen, ausgeschlossen? Oder gibt es Pläne, die zwei Kuppeln doch zu realisieren? :wie:

  • [...] Durch den Bau der zwei modernistischen Kasten als Dachrestaurant ist die Rekonstruktion der zwei kleinen Kuppeln, die ja beim Ensemble der Westfassade fehlen, ausgeschlossen? Oder gibt es Pläne, die zwei Kuppeln doch zu realisieren?

    Eine Rekonstruktion ist derzeit nicht vorgesehen (was man auch unschwer auf der Webcam erkennen kann, da die Ecken bereits mit Kupfer gedeckt sind), ist aber prinzipiell möglich, siehe: Warum erhält das Schloss nicht mehr die beiden kleinen Seitenkuppeln? Einen Zusammenhang mit den zusätzlichen Dachaufbauten gibt es nicht.

    Es gibt eine Architektur, die zur Landschaft gehört, sowie eine andere, die sie zerstört.

  • Über diese beiden kleinen Kuppeln links und rechts der Hauptkuppel ist kaum etwas bekannt,ob sie überhaupt wieder(oder irgendwann) hergestellt werden.Den Stella Planungen nach zu urteilen anscheinend bis jetzt leider nicht.
    Mit oder ohne diese kleinen Kuppeln auf der Westseite würde es optisch jedenfalls schon einen gewaltigen architektonischen Unterschied machen.

  • Sehenswerter Bericht. Offen gestanden, denke ich, dass die Südseeboote eine Bereicherung und ein Highlight des Forums werden. Wie das Forum insgesamt ein Highlight sein wird. In Ergänzung zur Museumsinsel wird hier ein Kultur-Komplex entstehen, der es mit dem Louvre aufnehmen kann. Hoffentlich findet sich doch noch ein anderer Platz für das Einheitsdenkmal, denn man könnte ja auf den verwegenen Gedanken kommen, das Einheitsdenkmal (woanders) UND die Kolonnaden zu bauen . . .

    "Mens agitat molem!" "Der Geist bewegt die Materie!"

  • Wahrscheinlich wurde das schon längst von jemandem bemerkt: die Pilaster an der Innenseite von Portal V im Schlüterhof sind verputzt und mit Kanneluren versehen.

    ... und das haucht dem Risaliten richtig Leben ein, erstaunlich das zu beobachten, wie die kannelierten Pilaster der Fassade Volumen und individuelle Differenziertheit verleihen. Aufstrebende Kräfte und Breitendimension vereinen sich zur ausstrahlenden, architektonischen Wirkung, durch das Gerüst hindurch ... eye:)

  • Sorry Gmünder ich kann mich dein Enthusiasmus nicht anschließen.So sehr mich es freut das das Schloß in seinen äußeren Konturen wieder da ist(leider ohne Eosanderhof und Kurfürstenflügel) und ich auch von der Handwerklichen Kunst der Bildhauer meinen Hut ziehe aber mit den ganzen Humboldforum und den Museum der Weltkulturen kann ich nix anfangen.
    Außen Hui ,innen Pfui leider

  • Ich würde mir wirklich sehr wünschen, dass es im Schloss auch eine Ausstellung zu Preußen, den Hohezollern oder Berlin geben würde, mit den anderen Ausstellungen kann ich nicht wirklich viel anfangen.

  • Nicht das mich das Humboldt-Forum besonders interessieren würde, aber ein Urteil kann man erst dann fällen, wenn man es sich angesehen hat. Vielleicht wird es einige Überraschungen geben, auch im Bezug auf das Museum des Ortes. Und da viele Flächen nicht fest bespielt, sondern regelmäßig angepasst werden, kann sich das danach auch noch weiter entwickeln.

    Es gibt eine Architektur, die zur Landschaft gehört, sowie eine andere, die sie zerstört.

  • Da es eine immens politische Entscheidung ist, die hier angesprochen wird, poste ich mal einen Link zur dahinter befindlichen politisch-ideologischen Debatte. Ein reines Preußen-Museum hätte wohl das Humboldt-Forum nicht füllen können. Zudem existieren gerade von linker Seite Vorbehalte gegenüber einer zu unkritischen musealen Darreichung von Preußentum und Monarchie an zentraler Stelle in Berlin. Insofern war das Humboldt-Forum mit der Präsentation weltkulturellen Kunsthandwerks nicht nur der Versuch, das Humboldt-Forum adäquat zu füllen, sondern es auch gegenüber einem "multikulturell" und "globalistisch" geprägten Zeitgeist der Eliten annehmbar zu machen.


    Doch es gibt eben auch Kritik am Museumskonzept des Humboldt-Forums nur nur von Preußen-Freunden, sonder auch von links, also von der "multikulturellen" und "antirassistischen" Hardcore-Fraktion. Kritisiert wird das Humboldt-Forum und dass die Ausstellungsstücke nicht ausreichend in Zusammenhang mit weißer Schuld präsentiert werden, also mit kolonialer und "rassistischer" Ausbeutung. So werde das Humboldt-Forum zu einer Art Versuch der Reinwaschung der "kontaminierten" deutschen Geschichte...


    Das Museum als volkspädagogische Anstalt
    von Michael Wiesberg
    https://sezession.de/58618/das…olkspaedagogische-anstalt

  • Ergänzend zu Heimdalls Beitrag möchte ich noch anmerken, daß das Thema Preußen in vielfältiger Weise belastet ist. Preußen wurde von den Alliierten als einziges deutsches Land 1945 für aufgelöst erklärt. Dahinter stand die Überzeugung, daß Preußen seit jeher Träger des deutschen Militarismus gewesen sei und es spielte plötzlich gar keine Rolle mehr, daß beinahe alle führenden Nazis aus Bayern, dem Rheinland und Österreich kamen. Diese Sichtweise wurde von der rheinisch-katholischen Politikerkaste unter Adenauer nur zu gerne übernommen. Adenauer äußerte ja auch mal, an der Elbe könne man Preußen "riechen". Spätestens mit der von ihm initiierten Westbindung übernahm man in Westdeutschland auch die historische Sichtweise der Alliierten, denn eine andere Bewertung Preußens in den Schulen und der politischen Kaste hätte zwangsläufig zu einer gewissen Belastung mit den Westmächten geführt.
    Zudem gab es auch in Deutschland schon seit den Zeiten der Weimarer Republik Stimmen, die meinten, daß Preußen spätestens seit der Reichsgründung seine Rolle in Deutschland erfüllt hätte und somit als eigenständige dominierende Region überflüssig wurde. Diese Position vermischt sich auch noch mit rheinländischen und süddeutschen Animositäten, sodaß eine nennenswerte Fraktion, die sich für eine Neubewertung Preußens mit einer damit verbundenen musealen Darstellung im Zentrum der deutschen Hauptstadt einsetzt, nur schwer zu finden sein dürfte.
    Die Verantwortung für den Zivilisatonsbruch der NS-Zeit wurde auf deutschsprachigem Boden nur zu gerne hin- und hergeschoben. Die Österreicher verstanden sich plötzlich als die ersten Opfer Hitlers, die DDR definierte sich als antifaschistisch sodaß Nazis nur im Westen zu verorten sein konnten und in Westdeutschland schob man es auf das nicht mehr existierende Preußen das so als idealer Sündenbock fungierte.
    Inzwischen hat sich schon bemerkenswert viel getan und preußische Kulturobjekte werden wieder gepflegt und mit den beiden Stadtschlössern sowie der Garnisonkirche sogar wieder aufgebaut, doch die Abwehrreflexe sind immer noch stark. Daher sind wir von einer positiven oder gar ruhmreichen Darstellung Preußens noch weit entfernt und die Objekte müssen immer in irgendwelche internationalen Projekte mit eingebunden werden. Also quasi "Preußen-light" für die pazifistische und antimilitaristische deutsche Bevölkerung und ihre Vertreter

  • Münchener, es stimmt nicht ganz. Es wurden deutlich mehr Länder als Preußen aufgelöst (Anhalt, Oldenburg, Braunschweig, Schaumburg-Lippe etc.) und an deren Stelle neue Länder wie "Nordrhein-Westfalen" oder "Rheinland-Pfalz" gegründet, die keinerlei staatliche Tradition hatten; Baden, Württemberg und die Hohenzollern (von wo die damaligen Bewohner des Stadtschlosses ja stammen) wurden erst in drei Zonen-Länder zerstückelt und 1952 mehr oder weniger zwangsvereinigt. Die Idee zur Auflösung Preußens geht sogar unter anderem auf den späteren Nazi-Funktionär Franz von Papen zurück, bereits vor dem Preußenschlag 1932 gab es 1930 die Idee zur Neuordnung Norddeutschlands, zu der auch die vollständige Auflösung Preußens gehörte.


    Zum Thema: Die vielbeschworene Angst vor den "preußischen Gespenst" ist völlig überzogen und zumeist unüberlegter Agitprop. Preußen wird pauschal mit rechtem Militarismus gleichgesetzt, dabei war das Land Preußen in der Weimarer Republik fast durchgehend von der SPD regiert, während z. B. Bayern für die Nazis als nationalistische "Ordnungszelle" galt; die Altstadt des damals preußischen Frankfurt war sogar eine Hochburg der Kommunistischen Partei Deutschlands.
    Hinzu kommt, dass das eigentliche Preußen (West- und Ostpreußen) zwischen Litauen, Polen und Russland aufgeteilt ist. Und diese Region, genauer gesagt das baltische Volk der Prußen, ist der Namensgeber für das auf den Deutschen Ordenstaat zurückgehende Land. So etwas macht die "Wiedererrichtung Preußens" eigentlich unmöglich.
    Dass die preußischen Hohenzollern irgendwann die Macht übernehmen werden und eine Monarchie kommen wird, sodass das Stadtschloss wieder Amtssitz wird, ist ebenso illusorisch.


    Wichtiger als eine "Neubewertung" ist eine allgemein differenzierte Sichtweise zum Thema, und die hat leider so manch ein Kritiker am Stadtschloss nicht. Es geht beim Stadtschloss-Wiederaufbau um schönes Bauen und Erhalt wichtiger Architektur, nicht um das Wiederholen von historischen Altlasten.

  • So etwas macht die "Wiedererrichtung Preußens" eigentlich unmöglich.

    Lieber Touranoglou, es stimmt schon, dass die namensgebenden Teile Preußens heute außerhalb Deutschlands liegen. Als Gegenargument dafür, dass ein "Land Preußen" innerhalb Deutschlands nicht mehr denkbar ist, trägt dies m. E. aber nicht. Die Aneignung des Namens Preußens für des ersten Friedrichs Königreich war doch nur eine Art Marketing-Trick, da er anders nicht an seine Krone herangekommen wäre. Das eigentliche Kernland Preußens war absolut unbestritten die Mark Brandenburg mit Berlin und Potsdam und die Altmark. Daraus ein neues Land Preußen zu gründen wäre m. E. deshalb schon denkbar. Ich fände das eine charmante Idee - denn (das gebe ich offen zu), dass ausgerechnet das Land, das die Geschicke Deutschlands über ca. 200 Jahre maßgeblich geprägt hat (mit allen positiven und negativen Implikationen) im heutigen Dtld. abgesehen von ein paar Stiftungen und Fußballvereins- und Studentenverbindungen-Namen komplett verschwunden ist, finde ich (historisch) schon irgendwie schade.


    Ob das in irgendeiner Weise nun mehrheitsfähig, geschweige denn PRAKTISCH realistisch ist - keine Ahnung. Wahrscheinlich eher nicht. Den meisten im Wahlvolk dürfte der Gedanke wohl schlicht zu abgedreht sein ... ;(


    Bezüglich Schloss: Käme es tatsächlich mal zu einer Renaissance Preußens (was ich ja selbst nicht glaube), würde ich nie wollen, dass da eines Tages wieder Adelige rumspazieren und das Sagen habe. Dafür neide ich als republikanischer Patriot den Briten ihr Kasperltheater im und vor dem Buckingham-Palace zu wenig ... Ich möchte schon im künftigen Schloss gerne in jedes Zimmer (hoffentlich irgendwann auch rekonstruierte) reingucken können - ohne über den Rockzipfel irgendeines Blaublüters zu stolpern ... :D


    P.S. Das heutige Sachsen dürfte rein landsmannschaftlich (m. W.) ebenfalls auch nicht Sachsen heißen ... Der Name rührt doch daher, weil irgend ein Fürst oder Herzog sich mal die sächsische Kurfürstenwürde angeln wollte, die historisch ja eher ausm niedersächsischen stammt. Die heutigen Sachsen sind doch eher eine Art Völkergemisch aus Thüringern, Slawen, Franken ... und ein paar Sachsen.