Berliner Stadtschloss (architektur- und kunsthistorische Aspekte)

  • Auch in der Verkürzung noch ansehnlich


    Wenn man die beiden nachfolgenden Bilder betrachtet, dann muß man konstatieren, daß der Apothekenflügel bis zu seiner Zerstörung ein Bauwerk mit unvermindert starkem Charakter war, welches sich – selbst nach der Verkürzung – durchaus neben dem Schlüterbau behaupten konnte.


    Abbildung 01:
    Foto von Rudolf Albert Schwartz, um 1906 (Bildarchiv Preußischer Kulturbesitzt).



    Abbildung 02:
    Foto von 1929 (Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz).
    Blick von Alt-Berlin hinüber nach Cölln auf die Ostseite des Apothekenflügels.
    Ein wahrer Blickfang !
    Dieses Gebäude könnte auch heute als Solitär neben dem Humboldtforum bestehen !



  • Er mußte als erster gehen…


    Mit dem Apothekenflügel, dessen Außenmauern zum großen Teil noch standen (so war z.B. der bei der Verkürzung versetzte Nordgiebel noch in voller Höhe erhalten), begann am 7. September 1950 das Zerstörungswerk der Barbaren. Viele Filme über die Sprengung zeigen die in sich zusammenstürzenden Wände genau dieses Gebäudeteils.
    Aber vielleicht liegt in dieser Tatsache auch ein Keim der Hoffnung: Der Apothekenflügel mußte als erster gehen… Vielleicht wird er eines Tages der letzte Teil der Hohenzollernresidenz sein, der triumphal zurückkehrt. Ich finde, irgendwie sind wir ihm das schuldig !


    Abbildung 01:
    Auf dieser Nachkriegsaufnahme ist deutlich der noch in voller Höhe erhaltene Nordgiebel zu erkennen.



    Abbildung 02:
    Momentaufnahme vom Tag der ersten Sprengung, dem 7. September 1950. Die gezündeten Dynamitstangen entfalten gerade ihre Wirkung am Torso des Apothekenflügels…


  • ...hier handelte es sich vor allem um einen ideologischen Kurs der damaligen jungen Deutschen Demokratischen Republik (DDR).


    Die DDR wollte den "Staat Preußen" aus der Geschichte streichen. Alles was an Preußen erinnert hat sollte verschwinden. Hier auch noch einmal ein Link zur Geschichte des Reiterstandbilds Friedrich des Großen, da zeigt sich der Wiederspruch in der DDR und ihrem Verhältnis zu Preußen am stärksten.

    Geschichte ist nicht so einfach und voller Widersprüche. Die Hauptstadt des Herzogtums Preußen, Königsberg, lag damals in der Sowjetunion und liegt heute in Russland. Preußen wurde von den Allierten aufgelöst.



  • Alltagsgeschichte des Schlosses


    Weiß hier im Forum zufällig jemand, ob es schon eine überblicksartige Darstellung zur Alltagsgeschichte des Schlosses im Zeitraum zwischen 1888 und 1918 gibt ? Mit Alltagsgeschichte meine ich all das, was sich jenseits der großen Hoffeste im Schloß tagtäglich zugetragen hat. Also von den administrativen Tätigkeiten des Oberhofmarschallamtes bis hin zu handwerklichen Verrichtungen, von den Arbeiten der Hoftischler, Posamentierer, Raumpfleger und Floristen bis hin zur Hofküche. Interessant wären auch Innenansichten von Funktions- und Verwaltungsräumen, die ja im Gegensatz zu den kunsthistorisch interessanten Paraderäumen - wenn überhaupt - nur sehr selten photographiert wurden. Aber vielleicht hat der ein oder andere Forist ja doch etwas Derartiges in seinen Beständen....???


    :)

  • Zur 'Haustechnik' im Schloß gibt es schon einiges an Literatur, so enthält z.B. der folgende Link einige interessante Angaben:


    http://www.berliner-historisch…e-berlin-dateien/1945.pdf


    Das Folgende stammt aus diesem Link:


    "Die Wasserversorgung
    Um 1580 gab es bereits eine Wasserversorgung im Gebäude. Die “Wasserkunst” (Pumpen) förderten Spreewasser von den Werderschen Mühlen vor dem Schloss in 21 Bottiche mit insgesamt 18,9 Kubikmeter Fassungsvermögen über Portal III. Wegen des Schlosskuppelbaus werden 1845 Wasserbehälter mit insgesamt 67 Kubikmetern an anderer Stelle eingebaut. Ab 1853 übernahm eine Dampfmaschine mit 2 PS und Pumpe unter Portal 3 die Trinkwasserversorgung aus einem Tiefbrunnen. In den Jahren 1865/66 wird das Schloss an die öffentliche Stadtwasserversorgung angeschlossen. 1889 werden bei Portal IV weitere Speicherbehälter installiert und unterirdische Wasserleitungen werden verlegt. 1891 wird bei Portal IV ein Tiefbrunnen für Feuerlöschzwecke errichtet und eine Dampfmaschine pumpt das Wasser in drei Behälter im Kapellenturm der Spreefront.


    Die Beheizung
    Bis 1892 erfolgte die Beheizung durch Kamine und vereinzelt durch Ofenheizung. Ab 1892 gab es eine Warmwasser-Zentralheizung für sämtliche Wohn und Wirtschaftsräume, Schlosskapelle , weißer Saal, Neue Galerie und Bildergalerie.


    Haustechnik
    1895 gab es hydraulische und elektrische Aufzüge an verschiedenen Stellen Des Schlosses (z. b. im Treppenhaus der Hohenzollerntreppe – Schlossplatzflügel).


    Elektrische Anlagen
    Bereits 1864 erzeugt ein 16 PS leistender Gasmotor unter Portal III elektrischen Strom. 1882 kommen noch 3 Gasmotoren hinzu und die kaiserliche Wohnung wird an das Stromnetz angeschlossen. 1889 wird ein Maschinenhaus an der Spree mit mehreren Dampfmaschinen errichtet. 1891 und 1896 kommen weitere Dampfmaschinen für die Stromerzeugung hinzu ."


    All diese nützlichen Informationen geben aber keine Hinweise auf den Ablauf des Alltagslebens der im Schloß in der Ära Wilhelms II. arbeitenden Menschen.


    Es wird also weiter nach Darstellungen des Schlosses als Arbeitsplatz gesucht...


    :buchlesen:

  • Hallo Moderation,
    könnten die fundierten Visionsbeiträge von Pagentorn nicht besser in einem eigenen Faden Platz finden, in dem weitere Rekonstruktionsanliegen und Planungen diskutiert werden. Hier ist doch m.E. der aktuelle Baufaden, also was jetzt auf der Baustelle geschieht und damit Zusammenhängendes. Sonst wird es hier unübersichtlich!!! DANKE!

  • Angenommen man ist in 10 Jahren willig den stella'schen Fehler namens Ostfassade zu korrigieren, wäre dann das Recht auf seiner Seite, also in seinem Vorhaben dies zu verhindern?

  • Formaljuristisch prima facie sicher korrekt.


    Aber: Selbst ein Schlüter konnte die Modifizierung seines Werkes durch Eosander letztendlich nicht verhindern...


    Gott sei Dank !


    ;)


    Und abgesehen davon bin ich immer noch nicht davon überzeugt, daß Stella tatsächlich etwas gegen die Änderung der Ostfassade hätte...


    Wenn sich in der Bevölkerung die Erkenntnis durchsetzen sollte, daß der Bundestagsbeschluß zur Ostfassade ein grober Fehler war und dieser eine Heilung des Stadtbildes an dieser Stelle verhindert (Stichwort Wiederherstellung des östlichen Heilig-Geist-Viertels), dann wird auch über kurz oder lang die Politik nachziehen...

  • Und abgesehen davon bin ich immer noch nicht davon überzeugt, daß Stella tatsächlich etwas gegen die Änderung der Ostfassade hätte...

    Wäre die Ostfassade nicht mehr, fehlte auch das, was für Stella steht. Daher glaube ich nicht, dass er demgegenüber positiv eingestellt ist, Eitelkeit spielt wohl mit rein.

  • Hier ein schönes Alltagsbild aus dem Schloss und seiner (ex) Bediensteten:
    Laube auf dem Dach des Berliner Stadtschlosses, bewohnt vom Ehepaar Schönfelder. Otto Schönfelder ist der ehemalige Hofschlosspolierer.Frau Schönfelder giesst die Blumen.1932

    Von der Familie Schönfelder und der Dachwohnung gibt es eine ganze Serie - äußerst großartige Bilder!


    Blickrichtung Marienkirche


    Blickrichtung Schlosskuppel


    Blickrrichtung Berliner Dom


    Blickrichtung Nikolaiviertel

    Blickrichtung Königstraße/Rathaus

    Schön ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt.
    (Immanuel Kant)

  • Phänomenal ! Vielen herzlichen Dank !!! cclap:)


    So wird das Schloß langsam wieder lebendig ! Solche Bilder wirken doch ganz anders, als die nach 1918 leergeräumten, geradezu antiseptisch erscheinenden Museumsräume.


    Diese Schönfelder-Photos kombiniert mit den Ansichten der voll eingerichteten kaiserlichen Wohnung im Schloßplatzflügel ergeben schon einen ersten Ansatz eines Mosaiks zum Thema: 'Das Schloß als Wohn- und Arbeitsplatz'.

  • Das Folgende tanzt thematisch vollkommen aus der Reihe, ich weiß...


    Beim Betrachten dieses Photos


    Blickrichtung Nikolaiviertel


    werden die Potsdamer ganz neidisch werden, denn auf diesem kann man sehr gut erkennen, wie man eine stabile Befestigung sowie die 'Blitzsicherung' von Attika-Figuren so arrangieren kann, daß man es aus der Fußgängerperspektive nicht sieht und somit der Eindruck ungetrübt bleibt. Hätten doch die Potsdamer vor der Aufstellung der beiden Figuren auf dem westlichem Kopfbau des dortigen Stadtschlosses diese Berliner Bilder gesehen... ;)


    Tja, es läßt sich eben doch nicht verleugnen, wer erste und wer nur zweite Residenzstadt war... :D

  • Naja, ich glaube nicht, dass es in zehn Jahren zu einer Rekonstruktion der Ostfassade kommen wird. Wahrscheinlicher ist, dass in näherer Zukunft einmal der Apothekerflügel aufersteht. Damit die Ostfassade kommt, muss noch ein deutlich größerer Wandel hin zu einer Pro-Reko-Haltung stattfinden. Von daher ist es fast müßig, darüber jetzt zu diskutieren bzw. würde so etwas nur diejenigen auf den Plan rufen, die so etwas nachhaltig verhindern wollen.

    Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
    Karl Kraus (1874-1936)

  • Wenn man es weiß...


    @ Aedificium und Vulgow


    ... dann erkennt man sie:


    Die Laube (nebst Treppe) der Schönfelders auf dem Dach des Zwischengebäudes:


    (rot eingekreist)



  • Ja, hier noch einmal besser zu sehen das Dach des Lynar'schen Quergebäudes. Über Portal II. auch ein bewohnbarer Ausbau.



    Wann die Wohnung dort wohl eingerichtet wurde...

    Schön ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt.
    (Immanuel Kant)

  • Auf diesem hochauflösenden Luftbild, welches vor 1918 entstanden sein dürfte, sieht man einen weiteren Aspekt des Schlossalltages: Die über Portal II, IV und V aufragenden schwarz-weiß gebänderten Masten, an denen - sofern S.M. im Hause weilte - die rotgrundige Königs- bzw. die goldgrundige Kaiserstandarte aufgezogen werden konnten. Wie sagten die Berliner doch mit ihrer unnachahmlichen 'Kodderschnauze' : "Hängt der Lappen raus, ist der Kerl im Haus". Meines Wissens wurden die Masten nach dem Umsturz 1918 entfernt.


    Vielleicht wurde der Ausbau über Portal II ja von dem Hofmitarbeiter bewohnt, der für die korrekte Beflaggung des Königlichen Schlosses verantwortlich war ?
    Sei es wie es sei, diese Wohnung war jedenfalls das schönste Penthouse des unzerstörten Berlins... ^^