Berliner Schloss - Humboldt-Forum

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      Herr Haspel ist pensioniert. Ich stand mit ihm bei der Eröffnung des Neuen Museums und diskutierte mit ihm über genau unsere Frage, was ein Denkmal ausmacht, was Echtheit bedeutet. Er legte seine Hand auf einen Backstein aus dem 19 Jahrhundert, schaute mich versonnen an und fragte: "Fühlen Sie da wirklich gar nichts?" Ich entgegnete daraufhin: "Wenn Sie da was fühlen, Herr Dr. Haspel, muß ich wohl den Sektenbeauftragten verständigen. Ein neu gebrannter Rathenower Backstein aus dem gleichen Scherben ist genausogut wie ein alter."

      Letztendlich halte ich es mit dem Denkmalpfleger Seidenspinner. Seine These: es gibt mehrere Authentizitäten. Diejenige des Materials (bekannt), der Form, der Nutzung und des Ortes. Last, but not least kommen noch Zuschreibungen durch Erlebnisse hinzu.

      Z.B. lebt das Brandenburger Tor durch geschichtliche Ereignisse wie den Einzug Napoleons oder den 30.1.1933. Das hat wenig damit zu tun, daß die Quadriga kein Original sondern eine Figurengruppe der 1950er Jahre ist.

      Oder die Nutzung: der Berlin-Pavillion der IBA 1958 ist substanziell erhalten, durch die Nutzung als Burger King trotzdem hingerichtet.

      Oder: Das Ephraim-Palais ist zwar Ortsverschoben aber dennoch ein barockes Palais mit Echtheitswert.

      Oder: Die Schloßfassade hat die originale Form und ist deshalb echt - ob mit oder ohne Spolien.
      „Wer sich der Vergangenheit nicht erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ George Santayana (1863-1952), US-amerikanischer Philosoph spanischer Herkunft
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      Ich bin stets fasziniert von der Möglichkeit, durch den Einbau von Spolien zusätzliche Authentizität zu erreichen. Wenn diese Spolien sagen wir mal 0,000040 Prozent der originalen Bausubstanz ausmachen, wäre ich aber gerne bereit, diese auf 0,000035 Prozent zu reduzieren, wenn dadurch auch optisch eine vollständige Wiederherstellung des originalen Kunstwerkes möglich ist.

      Wenn damals bei dem Retten der Figuren ein wenig mehr kaputt gegangen wäre, hätten wir uns heute auch mit 0,000035 Prozent zufrieden gegeben. Es kann mir keiner erzählen, dass ein bisschen Anbohren und Bearbeiten für eine optisch korrekte 1:1-Rekonstruktion die durch die Verwendung von Spolien gewünschte Symbolik in Frage stellt.
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      Gutmensch = Gut gedacht, nicht nachgedacht, schlecht gemacht
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      Auch ich bin so ein schwarzes Schaf: ein glühender Anhänger von Spolien.

      Dabei bin ich mit Seinsheim, Philon und Konstantindegeer völlig einer Meinung, dass die Form, der Plan, die Idee, wie hier oft dargestellt, das eigentlich Bleibende eines Bauwerks ist. Schon bei der Neugewinnung der Frauenkirche waren diese Gedanken des Aristoteles bei vielen Veranstaltungen meine wichtigsten Argumente für die Legitimation von Rekonstruktionen. Beim Schloss in Berlin, in der Potsdamer Altstadt, beim Pellerhaus in Nürnberg, und wo auch immer verlorene Bausubstanz wiedergewonnen wird, ist das für mich ohne Frage: Keine Rekonstruktion braucht als Legitimation Spolien!

      Und dennoch bleibt die Spolie, der letzte Zeuge, der winzige überkommene Rest für mich etwas unendlich Kostbares! Ja, wie Rastrelli schreibt, fast etwas Heiliges.

      Wahrscheinlich ist es mehr ein Gefühl als Verstand, vielleicht nur eine Empfindung. Aber der Gedanke, dass der Alte Fritz diesen Stein schon gesehen hat oder Napoleon, oder in Rom Kaiser Augustus oder Marc Aurel einen anderen Stein, berührt mich in einer kaum zu beschreibenden tiefen und starken Weise.

      Ich kann mir seit etwa einem Jahr an den Fenstern der Schlossfassade das Geburtszimmer Friedrichs des Großen abzählen, wahrscheinlich bis auf wenige Millimeter den Geburts-Raum des Monarchen exakt markierend, und doch nur ein steinumschlossenes Luftzimmer im All - ein kurioser Zustand. Für mich spannen nun die Spolien im Schloss, obwohl alle an ganz anderer Stelle, dennoch eine feste Brücke hinüber zum einstigen wirklichen Geburtszimmer des Königs. Sie machen es für mich fast existent. Ich gebe zu, dass dies sehr irrational ist und dass ich diese Gefühle von niemandem verlangen kann. Aber ich weiß aus Gesprächen, dass es vielen, oft unbewusst, ähnlich geht. Und dies wiederum verlangt Respekt.

      Die Spolien am Innenportal III empfinde ich als nur schön! Die Torso-Spolien am Portal V sind für mich ausschließlich Bereicherung - und ja, sogar Legitimation. Dass sie gleichzeitig die Zerstörung des Schlosses bezeugen, vertieft bei mir ihren Erlebniswert.

      In meinem Besitz sind die fünf Original-Folianten der Dichtungen des Hans Sachs aus dem 16. Jhd., aus der großen Zeit Nürnbergs, in dieser Stadt gedruckt auf Papier der Stromerschen Papiermühle, der ersten in Deutschland, am Auslauf der Pegnitz. Es ist schwer zu begründen, wie sehr diese fünf schweren Bände für mich längst zu Spolien und damit zu einem gewissen Trost über die fast völlig vernichtete Altstadt geworden sind, die in ihren schönsten Teilen oft gleichzeitig mit Ihnen entstanden ist.

      Für mich sind Spolien in jeder Rekonstruktion völlig unverzichtbar, freilich nur sofern es sie gibt. Die Rekonstruktion braucht sie, wie oben gesagt und schon oft in diesem Strang dargestellt, fraglos zu ihrer Legitimation nicht.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Bentele ()

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      Ich kann die Argumentation von @Bentele sehr gut nachvollziehen. Und vielleicht muss ich auch etwas zurückrudern. Angesichts der vielen Einschränkungen, denen die Rekonstruktionen ausgesetzt sind (Stichwort: Neues Museum, wo das Ruinenhafte geradezu zelebriert wird), neigt man manchmal in einer Art psychologischer Gegenwehr zum anderen Extrem.
      Den Zauber des Originals kenne ich natürlich auch. Bei mir besonders intensiv, wenn ich eine alte Glocke höre, etwa die Hosanna des Freiburger Münsters von 1258. Ich weiß, genau diese Töne haben schon die Zeitgenossen Friedrichs II. (des Staufers freilich, nicht des Hohenzollern :) ) vernommen.

      Gerade wenn das Orginal bildkünstlerisch gestaltet ist, übt es eine Faszination aus (im Unterschied zum Ziegel). Und die Originalteile an der Innenseite von Portal III gefallen mir auch sehr gut, weil sie die Gesamtwirkung nicht beeinträchtigen.
      Aber im Fall der Atlantenhermen hätte es mir genügt, sie an anderer Stelle im Innern des Humboldt-Forums präsentiert zu bekommen, so gut ich das Bemühe versehen kann, mittels solcher Brüche an die Zerstörung des Schlosses zu erinnern. Oder aber man hätte sie um ihre Arme ergänzt.

      Denn bei der gegenwärtigen Form kommt wieder mein Affekt durch: Ständig müssen wir die Brüche betonen, Kontinuität darf es nicht geben, nichts darf heil sein, alles muss irgendwie dekonstruiert und realitiviert werden, wenigstens in Teilen. Ein unbefangener Umgang mit Geschichte - das darf nicht sein.
      Also mein Vorbehalt richtet sich keineswegs gegen die Atlantenhermen selbst, sondern gegen ihre fragmentarische Präsentation an dieser Stelle. Hätte sie ihre Arme, wäre ich zufrieden.
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      Vor geraumer Zeit haben wir im Forum die Problematik der Spolien bereits erörtert, und da die meisten hier die seinerzeit vorgebrachten Argumente im Wesentlichen wiederholen, will auch ich zwei - wie ich zumindest finde - wesentliche Aspekte in Erinnerung rufen und damit Rastrelli meine volle Zustimmung ausdrücken: erstens entzieht die Verwendung von originalen Teilen jenen Polemikern, welche behaupten, die Rekonstruktion des Schlosses sei "Disneyland", die argumentative Basis. Zweitens - und das scheint mir noch wichtiger - haben die verwundeten Atlanten ihre eigene Würde. Sie sind die Zeugen dafür, welchen Preis die europäische Kultur zu zahlen hatte für jene unglaubliche Barbarei, die von deutschem Boden ausging. Dass dann 1950 ein zum führenden Apparatschik avancierter sächsischer Tischlergeselle sein Banausentum am vielleicht wichtigsten Berliner Bauwerk ausrasen konnte, war nur möglich, weil zuvor noch Schlimmere als er an der Macht waren. Und nun zu sehen, dass einige wenige Teile an die Stelle zurückkehren, wo sie jahrhundertelang den kundigen Betrachter erfreuten und nun gleichermaßen künden von Grausamkeit und Glanz, finde ich rührend und tröstlich.
      Und angesichts der weit überwiegenden (fast) makellosen rekonstruierten Pracht sollte jeder hier im Forum, der am Berliner Schloss hängt, diese "fehlfarbenen" Details doch verschmerzen können.
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      Konstantindegeer schrieb:

      Rastrelli, es ging nicht um eine "vorschnelle Beseitigung der Schloßruine aus ideologischer Verblendung" sondern um eine Sprengung eines überwiegend intakten Gebäudes, im dem der Pariser Louvre nach 1945 noch international beachtete Ausstellungen durchgeführt hat (in einer Ruine wäre das nicht möglich gewesen). Die Kommunisten waren auch nicht "ideologisch verblendet" sondern es handelt sich um deren uneigenste Politik den "Feudalismus" und seine Symbole mit Gewalt zu zerstören, wofür es in der Regel keine Mehrheit in der Gesellschaft gibt. "Verblendung" suggeriert passive Unschuld, tatsächlich ist der Kulturvandalismus mit aktivem Vorsatz
      Konstantin, wenn du dir deine Privatdefinition von "Ruine" zurechtbastelst, hat es wenig Sinn zu diskutieren. Wir hatten das Problem schon beim Thema "Potsdams historische Mitte". Dort hast du ein Archivdokument präsentiert, das explizit "Ruinen" auflistet, und meintest, damit zu belegen, dass es keine "Ruinen" gewesen seien. Ich verwende das Wort "Ruine" natürlich so, wie es dem gängigen Sprachgebrauch entspricht. Dass es im Schloss noch einige nutzbare Räume gab, widerspricht dem nicht. Genauso verwende ich "ideologisch verblendet" im Sinne des normalen Sprachgebrauchs, nämlich, dass sich die Kommunisten auf einem Irrweg befanden. Mit "Unschuld" hat das nichts zu tun. Und wie aktives Handeln (was das Beseitigen einer Ruine zweifellos ist) als "passiv" aufgefasst werden könnte, ist mir schleierhaft.

      Konstantindegeer schrieb:

      Die Kommunisten waren auch nicht "ideologisch verblendet" sondern es handelt sich um deren uneigenste Politik den "Feudalismus" und seine Symbole mit Gewalt zu zerstören, wofür es in der Regel keine Mehrheit in der Gesellschaft gibt.

      Diese kommunistische Zerstörungs-Politik ist im übrigen weitgehend unabhängig von den Nazis und dem Zweiten Weltkrieg - so einschneidend und fatal dieser auch für Mitteleuropa gewesen ist. In der russischen Revolution oder der chinesischen sowie vieler anderen kommunistischen Umwälzungen sind die Phänomene dieselben - ohne, daß die Nazis dort gewütet haben. Hätten die Stalinisten in den 30er-Jahren die Macht in Deutschland übernommen wäre dem Land vermutlich ähnliches geschehen
      Schon die Erwähnung der Chinesen zeugt nicht gerade von Sachkenntnis. Die haben mit uns nichts zu tun. Relevant sind hier nur kommunistische Parteien des marxistisch-leninistischen Typs. Der Marxismus schließt an Hegel an und deutet die Weltgeschichte als gesetzmäßige Abfolge sozialökonomischer Formationen, die in der "klassenlosen" kommunistischen Gesellschaft kulminiert. Ziel kommunistischer Politik ist es, feudale oder kapitalistische Gesellschaftsstrukturen zu beseitigen und die eigene Ordnung an ihre Stelle zu setzen. (Ich referiere hier nur die Ideologie, ohne sie mir zu eigen zu machen.) Bekämpft werden dabei vor allem Personen, die für die alte Ordnung stehen. Die Beseitigung historischer Bauwerke oder Kunstwerke ist nicht das Ziel (in der stalinistischen Sowjetunion allerdings im Kampf gegen die Religion ein Mittel zum Zweck gewesen). Zu berücksichtigen ist, dass marxistisch-leninistische Parteien ausgesprochen national orientiert sind. Nationale Symbole sind in europäischen Ländern zum großen Teil feudale Erbstücke. Schauen wir uns den Umgang mit feudalen Bauwerken in der Realität an:

      In Sofia wurde der Zarenpalast nach dem Krieg Sitz des Ministerrates und der Parteihochschule. 1953 zogen die Politiker aus und zwei Museen wurden in dem Gebäude untergebracht. 1978 wurde der Zarenpalast unter Denkmalschutz gestellt. Die Sommerresidenz des Zaren, Vrana, nahe der Hauptstadt, wurde nach leichten Kriegsschäden umgehend instand gesetzt und von Kommunistenführer Georgi Dimitroff genutzt.

      In Bukarest wurde das Königsschloss von den Kommunisten zum "Palast der Sozialistischen Republik Rumänien" umetikettiert. Der große Komplex beherbergte ein Kunstmuseum und die politische Machtzentrale des Landes.

      In Budapest wurde der Burgpalast nach schweren Kriegsschäden in etwas vereinfachter Form wiederaufgebaut. Nutzung durch Museen und die Nationalbibliothek. Das Landeshaus auf der Pester Seite behielt seine traditionelle Rolle als politisches Zentrum. Auf seiner Kuppel wurde ein roter Stern angebracht.

      In Prag residierte der kommunistische Staatspräsident wie alle Herrscher des Landes vor ihm auf der Prager Burg. Die tschechoslowakischen Kommunisten der 50er Jahre waren Stalinisten der übelsten Sorte. Dennoch finden wir in Böhmen und Mähren zahlreiche intakte Altstädte. Der Reichtum Prags an Baudenkmalen sowie des gesamten Landes an Burgen und Schlössern sollte allgemein bekannt sein.

      In Polen wurden von den Kommunisten mehrere Schlösser rekonstruiert. Zu nennen ist besonders das Warschauer Königsschloss, das von den deutschen Besatzern dem Erdboden gleichgemacht worden war. Nutzung als Museum. In den ehemals deutschen Gebieten wurde der Wiederaufbau kriegszerstörter Schlösser zur Legitimierung des polnischen Herrschaftsanspruchs genutzt. Beispiele sind: Die Marienburg, bei der nun hervorgehoben wurde, dass sie nach dem 2. Thorner Frieden die Residenz des polnischen Königs in Preußen königlichen Anteils war (wobei die vorherige Funktion als Hochmeistersitz des Deutschen Ordens nicht verschwiegen wurde). In Stettin wurde das Schloss der Herzöge von Pommern nach Vorlagen des 16. Jahrhunderts rekonstruiert. Ähnlich ging man im schlesischen Brieg beim Piastenschloss vor. Beide Residenzen sollten vor Augen führen, dass polnische oder zumindest slawische Fürsten einst diese Länder beherrschten.

      In Litauen wurde die aus vorsowjetischer Zeit überkommene Ruine der Burg Trakai seit den 50er Jahren nach und nach wiederaufgebaut. Die ergänzende Wiederherstellung einer Burgruine ist in Europa ungewöhnlich. In Tallinn tagte der Oberste Sowjet der Estnischen SSR auf der Burg.

      Die Gruppe Ulbricht kam bekanntlich aus Moskau. Ihr Abgott Stalin residierte im Kreml. Der Moskauer Kreml war das sowjetische Machtzentrum. Neubauten zur Unterbringung politischer Funktionen wurden harmonisch in das bestehende Ensemble eingefügt. Der Rote Platz war das Zentrum der kommunistischen Welt. Sein Name bezieht sich nicht auf den Kommunismus, sondern auf den russischen Begriff von "Schönheit" und das Baumaterial der Kremlmauern und der Basiliuskathedrale. Bei den Militärparaden fuhren die Fahrzeuge auf die Basiliuskathedrale zu. Die beiden zum Roten Platz weisenden Tortürme behielten ihre traditionellen christlichen Namen: Erlösertor, Dreifaltigkeitstor. Es wurden lediglich die Zarenadler auf den Spitzen durch Sowjetsterne ersetzt und die Ikonen über den Durchfahrten entfernt. Höchstes Bauwerk des Kreml blieb der Glockenturm "Iwan der Große".

      In Leningrad wurde das Winterpalais der Zaren zum Museum umgewandelt und Teil der Staatlichen Ermitage. Der Anitschkow-Palast, die Lieblingsresidenz Zar Alexanders III., wurde nach der Oktoberrevolution zuerst als Museum, später als Pionierpalast umgenutzt. Im Beloselski-Beloserski-Palast, einer Adelsresidenz am Newski-Prospekt, nistete sich das Rayonkomitee der KP ein. Die Stadtzentrale der Leningrader Kommunisten war das Smolny Institut, ursprünglich eine Anstalt für adlige Töchter. Leningrad blieb als riesiges Flächendenkmal erhalten (heute Weltkulturerbe).

      Die Vorortresidenzen der Zaren mit ihren herrlichen Parks wurden zu Museen. Sie erlitten während der Blockade furchtbare Schäden. Unmittelbar nach der Befreiung, noch 1944 begannen die Wiederherstellungsarbeiten. Die Figurengruppe der Großen Fontäne der berühmten Kaskade von Peterhof, "Samson reißt dem Löwen den Rachen auf", war Kriegsverlust. Sie wurde bis 1947 (!) nachgeschaffen. Das Wiederingangbringen der Kaskade symbolisierte den Triumph der Kultur und der Sowjetmacht über die Nazibarbarei. Ursprünglich war die Samsongruppe eine Apotheose auf den Sieg Peters I. über die Schweden im Nordischen Krieg.

      Die Krimkonferenz fand im Liwadija-Palast statt, früher eine Sommerresidenz der Zaren.

      Ich denke, dass aus den Beispielen deutlich geworden ist, dass die SED-Führung keine ideologische Rechtfertigung hatte, das Berliner Schloss zu beseitigen. Das sowjetische Vorbild legte eine Aneignung der feudalen Hinterlassenschaften nahe. Die Reproduktion von Portal IV am Staatsratsgebäude zeigt, dass auch die SED einen Bezug zum Schloss hatte. Das Schloss als historisches Machtzentrum und als Mittelpunkt Berlins hätte zur Untermauerung des kommunistischen Herrschaftsanspruchs über die deutsche Hauptstadt genutzt werden können. Das Zeughaus, das früher der "Verherrlichung des preußischen Militarismus" gedient hatte, erhielt eine neue Nutzung als Museum für Deutsche Geschichte. Schloss Niederschönhausen in Pankow wurde Amtssitz des Präsidenten der DDR, später Regierungsgästehaus. 1980 wurde das Reiterdenkmal Friedrichs II. wieder Unter den Linden aufgestellt.

      Ich meine schon, dass großflächige Kriegszerstörungen die Gestaltung von Stadtzentren in der DDR stark beeinflussten. Die Bezirksstädte Schwerin, Halle und Erfurt bewahrten ihre historischen Zentren.
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      Angeblich soll Chruschtschow bei seinem Staatsbesuch in Ost-Berlin 1963 dem verdutzten Ulbricht vorgeschlagen haben, das Hohenzollernschloss zu besichtigen und dann seiner Verwunderung Ausdruck verliehen haben, weshalb es eigentlich abgerissen worden sei. In der Sowjetunion hätte man die Zarenschlösser alle stehen gelassen.
      Im übrigen kann man nicht einmal die Zerstörungswut Maos während der Kulturrevolution der gesamten KP Chinas anlasten, denn Mao hat mit der Vernichtung von so viel überliefertem Kulturgut die Tradition und damit vor allem die Autorität seiner innerparteilichen Konkurrenten in Misskredit bringen wollen. So stürzte sich die mit seinem Segen versehene Jugend willig nicht nur auf Tempel, Paläste und sogar auf das Grab des Konfuzius, sondern auch auf das lebende Alte, also die Lehrer, die Professoren und eben die alten hochrangigen KP-Funktionäre, die dem "Großen Vorsitzenden" im Wege standen.
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      Ein Beispiel aus eigener Anschauung: Als vor einigen Jahren ein Schloss in unserer Gegend teilrekonstruiert wurde, ist mir auch ein "Juso" begegnet, der umgehend dagegen agierte und die Parole "Friede den Hütten - Krieg den Palästen" an die Fassade schmierte. Ich denke, dass z.B. die anfängliche Agitation gegen die Stadtschlösser in Berlin und Potsdam im Kern durchaus marxistische Wurzeln hatte.

      "Rastrelli", Du verkennst bei den von Dir angeführten Gegenbeispielen den deutschen Hang zum Fanatismus und zur Gründlichkeit. So wie hier die Kommunisten bezogen auf die Stadtbilder anders wüteten als teilweise in anderen Ländern, so hatten auch die "Faschisten" (*) in viel extremerer Weise gewütet als z.B. in Italien oder Spanien. Einst war Deutschland auch eine Hochburg der Hexenverfolgungen. Ähnlich geht es heute mit der "Säuberung" z.B. von Straßennamen (z.B. hier oder hier) oder Gedenkbüsten ("Hindenburg" als Reizthema) zu. Oder mit der Akribie, nach der auch jede Kleinstadt möglichst ein Dutzend Stolpersteine im Gehweg erhalten soll, die dann wieder möglichst gut dokumentiert und fotografiert bei "Wikipedia" präsentiert werden sollen. Vom Fanatismus in anderen aktuellen Themen (von Klima-Greta bis zu gravierenderen Streitpunkten) möchte ich erst gar nicht en detail schreiben, da sonst die Moderation eingreift. Also, dass die Kommunisten hierzulande radikaler agierten als in anderen Ländern, hat schlicht damit zu tun, dass die Deutschen alles stets möglichst brav und gründlich umsetzen möchten. Sie sind stets 150%-ig Überzeugte oder häufig obrigkeitshörig, während man z.B. in Südeuropa die Dinge etwas gelassener sieht und angeht. Die Hintergründe wird man nur sozial- bzw. völkerpsychologisch ergründen können.

      * = (da der Begriff für den Nationalsozialismus eigentlich historisch falsch und generalisierend ist, wurde er in Anführungsstriche gesetzt)