Berliner Schloss - architektur- und kunstgeschichtliche Aspekte

  • Quote from Seinsheim

    Es geht wohl wirklich darum, den modernen Kern auch nach außen hin sichtbar werden zu lassen.

    Was man ja zum Beispiel auch bei der Kommandantur gemacht hat. Dort beschränkt sich der modernistische Glas-Terror wenigstens auf die Rückseite des Gebäudes, wenngleich diese vom Schinkelplatz aus natürlich einsehbar ist; hier hätte man mit ein paar breiten, dichten Laubbäumen das Ganze halbwegs kaschieren können, aber auch diese Chance wurde vertan.

  • @ schloßgespenst


    Ich kann deinen Frust in weiten Teilen nachvollziehen. Trotzdem gebe ich zu bedenken, dass die Zustimmung für Rekonstruktionen in der Bevölkerung zwar zunehmend steigt. Trotzdem muss man ehrlich sagen,dass es auch signifikante Gesellschaftsgruppen gibt, die das Rekonstruktionsthema eben wesentlich kritischer sehen oder einfach einen völlig anderen ästhetischen Geschmack haben. Auch wenn es uns nicht passt muss man dies aber trotzdem anerkennen. Denn sonst wird man irgendwann genau so intolerant wie die Gruppen denen wir genau das immer vorwerfen. Aber in den immer polarisierender werdenden Debatten egal zu welchem Thema ist es aktuell eben schwierig überhaupt noch Kompromisse zu finden.

    APH - am Puls der Zeit

  • @Stauffer


    deine Kritik wäre absolut berechtigt und ich würde sie absolut teilen, wenn deiner Kritik nicht ein grundsätzlicher Betrachtungsfehler zugrunde liegen würde.


    Das Humboldtforum war nie, und ich wiederhole, nie als Rekonstruktion des Schlosses geplant. Bei der langen Planungsgeschichte geht das vielleicht bei dem ein oder anderen manchmal unter. Ursprünglich war nach hartem Ringen und bei äußerst knapper Mehrheit der damaligen Kommission ein moderner Museumsbau geplant, dem als Kompromiss drei barocke Fassaden und drei Fassaden des Schlüterhofs vorgeblendet wurden. Mehr war es nicht. Es war nie ein Schloss geplant.


    Und dann kamen mehrere glückliche Umstände zusammen.


    1. hat stella den Wettbewerb gewonnen, der die Grundstruktur des Baus respektiert hat. Nur durch ihn ist auch von der Sicht von oben die Grundstruktur eines Schlosses überhaupt erkennbar, da gab es im Wettbewerb ganz andere Lösungsansätze. Stella hat in Wahrheit nämlch mit als einziger das Schloss wirklich weiter gebaut. So hatte man auf der Habenseite schon mal eine schlossähnliche Grundstruktur des Baukörpers.


    2. es kam dann der glückliche Umstand, dass Stella viel mehr Optionen zur Schlossrekonstruktion vorsah als eigentlch geplant waren. So kam es, dass man neben der Grundstruktur plötzlich mit 3 weiteren Innenportalen, den historischen Durchfahrten und der historischen Kuppel planen konnte. Ja, auch diese war ursprünglich nicht vorgesehen.


    3. Durch weitere Spenden kam dann auch noch das historische Eckrondell dazu.


    Dies hat in der Summe dazu geführt, dass aus einem geplanten Museumsbau mit vorgehängter Fassade an 3 Seiten sukzessive immer mehr Schloss wurde. Dies führt nach 25 Jahre Diskussion und Planungshistorie bei dem ein oder anderen vielleicht dazu, dass man vergisst, dass es trotzdem früher anders geplant war und nur vor dem Hintergrund dieser Planung der Wiederaufbau überhaupt möglich war.


    Und daher ist meine Einstellung zu dem Bau eine ganz andere und ich sehe ihn trotz der ganzen Einschräkungen sehr positiv, weil ich es aus der Perspektive sehe, was eigentlich geplant war und was jetzt kommt. Wir haben das große Glück, dass letztlich viel mehr Schloss kommt als man am Anfang zu hoffen glaubte. Schon jetzt ist der gesamte Bau nämlich viel mehr Schloss als moderner Zweckbau. Und wenn der Wille da ist, kann aus einem einst als bloße Fassadenreplik geplanten Museumsbau in 30 Jahren ein komplettes Schloss werden. Mit historischen Innenräumen, mit Treppenhäusern, mit historischem Schlossumfeld. Wenn man bedenkt, wie lange man in Dresden und Müchen benötigt, wo die historischen Bauten noch standen, ist das vor dem Hintergrund der politischen Gegebenheiten eigentlich eine fantastische Perspektive. So gesehen können mich solche Dinge wie die Dachterrasse oder die Ostseite zwar etwas ärgern, mir aber die Freude über das was kommt nicht im geringsten nehmen, weil ich bei aller Kritik das Mehr sehe, was kommt und nicht das was zu den 100 % vielleicht noch fehlt.

    APH - am Puls der Zeit

  • Anschauliche Beispiele. Eigenartigerweise würde niemand hier auf die Idee kommen, etwa dem Bundeskanzleramt ein Mansarddach oder dem Berliner Hauptbahnhof ein paar Erker und verschnörkelte Türmchen aufzusetzen - im Gegenteil, jeder würde solche architektonischen Zugaben selbstverständlich als völlig unpassend und idiotisch empfinden und ablehnen. Aber umgekehrt einem barocken Schloss - und das betrifft gleichermaßen im Originalzustand erhaltene, nach Kriegsschäden wiederaufgebaute oder eben äußerlich aus dem Nichts, aber historisch getreu rekonstruierte Schlösser - gläserne und stählerne An- oder Aufbauten zu verpassen, das finden dann auffallend viele Menschen "interessant", "spannend" oder gar "elegant", wie z.B. in Zerbst (hoffentlich nur Entwurf) oder in Saarbrücken und Wiesbaden (beides traurige Realität).

  • Ich ärgere mich auch immer wieder über das Fehlen ausgerechnet der meines Erachtens so wichtige, eigentlich für den historischen Bezug sogar wichtigste Seite im Osten.
    Trotzdem versuche ich mich nicht daran soweit hochzuziehen und damit auch das Gelungene in Abrede zu stellen, dass ich mich wegen einer Kleinigkeit wie der Dachterrasse auch noch aufrege. Besonders wenn ich den Planungsverlauf gar nicht kenne und wer welche Anforderungen an die Nutzung zu beschreiben hatte.
    Letztendlich muss das Ganze auch bewirtschaftet werden. Mir äußern hier zu viele viel zu schnell irgendwelche Verschwörungstheorien, in denen sie die Akteure sofort in Gut und Böse einteilen und dann auch diejenigen, die mit Kompromissen für das Erreichte gekämpft haben und noch mehr erreichen wollen sofort dem "Bösen" (und dann auch noch mit unterstellter Absicht) zuordnen, weil sie von der "reinen Lehre" abweichen (was ist diese denn überhaupt?).


    Es macht einen gewaltigen Unterschied, hier in einem Forum unter mehr oder weniger gleichgesinnten Forderungen zu "erkämpfen", als vor Ort gegen wirkliche Gegner und dann auch noch im Hinblick mit einer Nachweisführung, wie so ein Vorhaben überhaupt Zustimmung einer Mehrheit (das nennt man Demokratie) erhalten und dann noch finanziert werden kann. Diesen Leuten sollte es man nun mit aus der Luft gegriffenen Vorwürfen oder Unterstellungen nicht noch schwerer machen.

    Die Feder ist mächtiger als das Schwert...wenn das Schwert sehr stumpf ist und die Feder sehr spitz!


    -Terry Pratchett

  • "Eigenartigerweise würde niemand hier auf die Idee kommen, etwa dem Bundeskanzleramt ein Mansarddach aufzusetzen."


    Selbstverständlich nicht. Das Mansarddach ist eine historisch überlieferte Bauform, die im Formenkanon der Modernen nicht enthalten ist, sie müsste erst für ein heutiges Bauprojekt legitimiert werden - dadurch, dass an derselben Stelle schon ein Mansarddach war, das der Architekt als Rekonstruktion übernimmt; oder dadurch, dass es der Architekt eben aus gestalterischen Gründen als Zutat oder Zitat einsetzen will, ohne dass es an dieser Stelle schon einmal eines gegeben hat.


    Dagegen ist es legitim, jedwede moderne Bauform an jedem Neu- oder Altbau einzusetzen, ob uns das gefällt oder nicht.


    Und hier liegt nun der Haken: Uns gefallen die modernen Bauformen fast nie, und der Konsens über das Unbehagen an der Modernen reicht bereits bis zur Selbstkritik bedeutender Architekten. Der Verzicht auf historisch überkommene Formen, das Verbot jedes Ornaments, das Ignorieren des Horrors Vacui und der weitgehende Verzicht auf natürliche Materialien oder alte Grundrisse, das alles und noch mehr hat dazu geführt, dass die Seele des Menschen nicht mehr angesprochen wird, dass nirgendwo ein Platz oder ein Straßenzug entstanden ist, der dasselbe Behagen verschafft wie fast ein beliebiger in irgend einer Stadt noch des neunzehnten Jahrhunderts!


    Es ist unmöglich Kompromisse mit alten Bauformen zu fordern für ein modernes Gebäude, umgekehrt aber ist es leider legitim, wenn die Ergebnisse auch schrecklich sind, siehe das Schloss in Saarbrücken oder die Kommandantur in Berlin.


    Was Wissen.de über Stella schreibt, teile ich fast voll und ganz. Stella hat wirklich in seiner Schlossplanung Kompromisse vermehrt, wenn diese auch bei einem weitgehend zu rekonstruierenden Gebäude natürlich legitim waren. Andererseits bin ich der Meinung, dass der Wiederaufbau des Schlosses von Anfang an noch vor dem Humboldtforum Ziel und wesentlicher Teil der Ausschreibung und der Planung war und auch bei der Verwirklichung heute noch ist, wenn auch die Schlossgegner daran gesägt haben und sägen, wo es nur geht. Für sehr viele Menschen, auch Offizielle, steht die Wiederkehr des Schlosses wirklich an erster Stelle! Und es werden immer mehr!


    Wie es mit der Modernen weitergehen soll, müssen die Architekten finden. Etwas Hoffnung keimt auf: Kritik wächst aus den eigenen Reihen. Es wird schwer. Ob man auf überkommene Formen zurückgreift oder sich anregen lässt oder "seelenvollere" neue erfindet und das Ornamentverbot aufhebt - das Problem wird immer der Massenbau in einer Massengesellschaft sein


    Darum sollte man rekonstruieren, wo immer es geht.

    Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,

    Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern‘,

    Und verstehe die Freiheit,


    Aufzubrechen, wohin er will.


    Hölderlin

    Edited 3 times, last by Bentele ().

  • Man muss auch mal die Kirche im Dorf bzw. das Schloss in der Stadt lassen. Ursprung für das Projekt Humboldt-Forum war nicht der Wunsch nach einem Museumsneubau, sondern das Bestreben Boddiens zum Wiederaufbau des Stadtschlosses. Demzufolge ist auch die Anspruchshaltung hoch und es gilt weiterhin, möglichst viel Schloss umzusetzen und möglich zu machen, auch für kommende Generationen.

  • Auch ich war ein Gegner des Wiederaufbaus. Doch bin jetzt sehr erstaunt über die Wirkung der entstehenden Fassaden und überhaupt des ganzen Gebäudes. Wenn ich die Beiträge über die Innenräume lese - ich muß da an Dresden denken. Auch dort war (so gut wie ) nix mehr da, gut, die Hülle der Räumlichkeiten war größtenteils noch da. Hier werden nach und nach verschiedene Paradezimmer neu entstehen. ES IST HALT ALLES EINE FRAGE DES GELDES!!! Wenn in paar Jahren einzelne Räume kommen sollten - das wäre doch toll! Habt Geduld! :ueberkopfstreichen:

    In der Architektur muß sich ausdrücken, was eine Stadt zu sagen hat.
    Eine Stadt muss ihren Bürgern gefallen, nicht den Architekten

  • Auch ich war ein Gegner des Wiederaufbaus. Doch bin jetzt sehr erstaunt über die Wirkung der entstehenden Fassaden und überhaupt des ganzen Gebäudes. Wenn ich die Beiträge über die Innenräume lese - ich muß da an Dresden denken. Auch dort war (so gut wie ) nix mehr da, gut, die Hülle der Räumlichkeiten war größtenteils noch da. Hier werden nach und nach verschiedene Paradezimmer neu entstehen. ES IST HALT ALLES EINE FRAGE DES GELDES!!! Wenn in paar Jahren einzelne Räume kommen sollten - das wäre doch toll! Habt Geduld! :ueberkopfstreichen:

    Es ist eine Frage des Geldes. Und das Geld ist eine Frage des (politischen) Willens. Solange wir Kunst für politische Entwicklungen der Geschichte in Sippenhaft nehmen, werden Bauwerke wie das Berliner Schloss oder die Potsdamer Garnisonkirche zum Zwecke politischer Diskurshegemonie missbraucht - und dementsprechend fehlinterpretiert. Und dann ist es eben auch mit der Willensbildung schwierig. Das Dresdner Schloss ist glücklicherweise nicht Gegenstand solcher ideologische Kämpfe, hier sind der Wille - und damit auch das Geld - für die Rekonstruktion der Innenräume vorhanden.

    Früher hieß es: "Der Geist weht, wo er will". Heute muss es heißen: "Der Zeitgeist tickt, wo er will".

  • Anschauliche Beispiele. Eigenartigerweise würde niemand hier auf die Idee kommen, etwa dem Bundeskanzleramt ein Mansarddach oder dem Berliner Hauptbahnhof ein paar Erker und verschnörkelte Türmchen aufzusetzen - im Gegenteil, jeder würde solche architektonischen Zugaben selbstverständlich als völlig unpassend und idiotisch empfinden und ablehnen.

    Sage niemals "niemand". Doch ich wäre dafür. Selbstverständlich kann man die Hinterlassenschaften der Moderne nicht einfach so weiter die nächsten Jahrhunderte die Landschaft verschandeln lassen, wenn sie nicht in Zukunft weitgehend flächendeckend abgerissen werden sollen. Insofern müssen Modifizierungen her. Allerdings kein Mansarddach im Falle des Bundeskanzleramtes. Ich wäre für das Aufsetzen einer Kuppel, beispielsweise im Stil des Palastes des Präsidenten von Kasachstan. Allerdings wäre ich noch lieber für den Abriss und einen grundlegenden Neubau des Bundeskanzleramtes. Beim Berliner Hauptbahnhof würde ich ein Tonnengewölbe vorschlagen und an den Eckkanten des Gebäudes monumentale Pylonen. Alternativ wäre eine Umgestaltung der Dachzone ähnlich des Wiener Secession-Gebäudes denkbar.


    Die Flachdachkiste darf nicht das letzte Wort bleiben. Die Modernisten dürfen in ihren Gräbern gerne vor Weißglut platzen.

  • Nee, danke, lass stecken. Von mir aus können moderne Gebäude, sofern sie nicht unfassbar hässlich sind oder partout an der falschen Stelle stehen (oder gar beides), gerne so bleiben, wie sie sind. Aber umgekehrt sollen eben Gebäude aus allen Epochen bis zum Ersten Weltkrieg ebenfalls so bleiben wie sie sind oder wieder in den originalen, von dem damaligen Architekten geschaffenen Zustand zurückversetzt werden. Und das bedeutet, dass auch rekonstruierte Gebäude frei von modernistischen Zugaben sein müssen, sofern diese nicht aus irgendeinem Grund zwingend erforderlich sind, was kaum denkbar ist und natürlich weder beim Berliner noch beim Dresdner Schloss und auch nicht bei der Kommandantur der Fall war.


    Was nicht heißt, dass man manch ein modernes Gebäude nicht auch durch Umbauten optisch verbessern könnte, aber zum einen verhindert das bis auf weiteres das Urheberrecht des Architekten, und zum anderen entstehen meist auch bei modernen Gebäuden nachträglich eher Verschlimmbesserungen.

  • Mir äußern hier zu viele viel zu schnell irgendwelche Verschwörungstheorien, in denen sie die Akteure sofort in Gut und Böse einteilen und dann auch diejenigen, die mit Kompromissen für das Erreichte gekämpft haben und noch mehr erreichen wollen sofort dem "Bösen" (und dann auch noch mit unterstellter Absicht) zuordnen, weil sie von der "reinen Lehre" abweichen (was ist diese denn überhaupt?).

    Da vermutlich ich gemeint bin: Wer sind denn "diejenigen, die mit Kompromissen für das Erreichte gekämpft haben und noch mehr erreichen wollen"? Da fällt mir in erster Linie nur Wilhelm von Boddien ein - über den habe ich nie etwas negatives geäußert, ich bewundere ihn für seine Beharrlichkeit und für einiges mehr.


    Als "böse" (nach Deiner Diktion) würde ich hingegen diejenigen bezeichnen, die die Öffentlichkeit täuschen und einen Bau während der Ausführungsphase ohne Not grob verunstalten. Und, noch einmal zum Thema "mit unterstellter Absicht": Kardinal, niemand setzt aus Versehen, ohne es zu merken, auf penibel rekonstruierte Barock-Schlossfassaden anstelle des ursprünglich vorgesehenen weitgehend historisch getreuen Daches einen gläsernen Kasten mit einer großflächigen Dachterrasse. Natürlich war das "mit Absicht", verdammte Hacke, fängst Du jetzt auch schon an, das Ganze als bedauerliche Panne zu deklarieren, die leider von einem armen, unwissenden Bürger verursacht wurde, kann passieren, wer hätte das gedacht? Willst auch Du mir etwa weismachen, der wusste gar nicht, was er tat und wie ihm geschah? Meine Güte, so naiv bist Du doch wirklich nicht, genauso wenig wie Oktavian. Also, was soll das?

  • Nein, nicht unbedingt bzw. nicht ausschließlich und nicht so drastisch (deshalb auch "viele äußern..."). Natürlich werden solche Dinge nicht "aus Versehen" erstellt, aber einige Beteiligte haben sicherlich andere Zielsetzungen als Priorität, wahrscheinlich gemäß ihres vertraglichen Auftrags und/oder einfach nicht das Wissen und die entsprechende Gewichtung.


    Es ist hier aber eine Tendenz (eben allgemein, gar nicht mal speziell nur Dein Beitrag) vielen am Bau Beteiligten, die nicht ausschließlich die reine Konstruktion betreiben, irgendwelche Umtriebe mit der Zielsetzung perfide die Rekonstruktion zu hintertreiben und lächerlich zu machen zu interpretieren. Da wird es dann aber langsam albern. Ich möchte eben, dass sich hier alle mal prüfen, wie realitätsnah solche Unterstellungen sind, ob man selbst schon darin und sich somit nicht in ein etwas paranoides Weltbild verstrickt und sich selbst und anderen das Leben schwer macht. Letztendlich glaube ich nicht, das ganz Architektenscharen hier mitlesen und penibel Strategien entwickeln, um gewisse Aussagen gegen Rekonstruktion zu nutzen (solche Befürchtungen vom Zeitvertreib des angefeindeten Berufssand wurde ja auch schon mal ansatzweise geäußert und entspräche einem Anflug entsprechender Paranoia). Aber der ein oder andere, der hier ohne Vorfestlegung einer bestimmten Gestaltungsrichtung mitliest, kann bei der ein oder anderen Aussage schon etwas erstaunt und erschrocken reagieren.

    Die Feder ist mächtiger als das Schwert...wenn das Schwert sehr stumpf ist und die Feder sehr spitz!


    -Terry Pratchett

  • Schlüters Treppenhäuser sind im Grunde Teile der Fassadenarchitektur; sehr wahrscheinlich waren die Treppenhausrisalite ursprünglich unverglast, die Stockwerks-Säulenordnungen setzten sich in den Treppenhausarchitekturen nach dem Prinzip der Prospettiva nach hinten fort. Die Rückwand des Großen Treppenhauses war wie die Kulisse einer Bühne, auf der das barocke Staatstheater (= Hofzeremoniell) inszeniert wurde. Die Hoflauben, wären sie denn rundum ausgeführt worden, hätten dann gleichsam als Logen gedient, und der Fassadenspiegel wäre eine Art Proszenium gewesen. Ebenso waren die inneren Säulen im Rittersaal, im Elisabethsaal und in den anderen Räumen, die sich hinter den Risaliten I und V befanden, Teil der Fassadenarchitektur, desgleichen die durchlaufenden Kolonnaden in den Portaldurchfahrten. Streng genommen hätten diese Teile in den Bundestagsbeschluss, die barocken Fassaden zu rekonstruieren, einbezogen werden müssen.


    Aber das muss man den modernen Architekten, Denkmalpflegern und Kunsthistorikern erst einmal wieder klar machen: dass die Fassaden der Antike, der Renaissance, des Barock und des Klassizismus keine zweidimensionalen Elemente sind, sondern in der Regel raumhaltige und raumgreifende Architekturen, die den Innenraum mit dem Außenraum verschränken oder zumindest zwischen beiden vermitteln. Das kann man auch bei den Bauten der Museumsinsel, v.a. dem Alten Museum, studieren.


    Hier noch eine Literaturempfehlung:
    http://www.faz.net/aktuell/feu…d-vermauert-11057371.html

    Früher hieß es: "Der Geist weht, wo er will". Heute muss es heißen: "Der Zeitgeist tickt, wo er will".

  • Es ist hier aber eine Tendenz (eben allgemein, gar nicht mal speziell nur Dein Beitrag) vielen am Bau Beteiligten, die nicht ausschließlich die reine Konstruktion betreiben, irgendwelche Umtriebe mit der Zielsetzung perfide die Rekonstruktion zu hintertreiben und lächerlich zu machen zu interpretieren. Da wird es dann aber langsam albern. Ich möchte eben, dass sich hier alle mal prüfen, wie realitätsnah solche Unterstellungen sind, ob man selbst schon darin und sich somit nicht in ein etwas paranoides Weltbild verstrickt und sich selbst und anderen das Leben schwer macht.

    Dem ist nichts hinzuzufügen.

  • Schlüters Treppenhäuser sind im Grunde Teile der Fassadenarchitektur.
    [...]
    Hier noch eine Literaturempfehlung:
    faz.net/aktuell/feuilleton/bue…d-vermauert-11057371.html

    Danke für Deine klarsichtigen Ausführungen und den Hinweis auf den Artikel! Angesichts des Anspruchs, das Humboldt-Forum als "demokratischen Stadtraum" zu gestalten, böte das Treppenhaus doch den idealen Ort dafür. Hoffentlich wird man dies noch erkennen und aus der politischen Floskel eine Tatsache machen.

  • Übrigens war es auch bei dem großen Schloss Weißenstein in Pommersfelden (bei Bamberg) so, dass das riesige und großartige barocke Treppenhaus nur gänzlich durchbrochene barocke Türflügel der Außentüren (aus Gusseisen) hatte, also letztlich nach außen offen war. Dies scheint dem barocken Zeremoniell des Wilkommens zu entsprechen sowie dem des "fürnehmen" Abschiednehmens. Bei sehr hoch gestellten (Staats-) Besuchern ging der Hausherr bis ganz unten ins Pareterre dem Gast entgegen. War der Besucher nicht ganz so hoch gestellt , so ging der Hausherr bis zur halben Treppe hinunter, um den Gast in Empfang zu nehmen. Bei weniger bedeutenden Gästen empfing der Hausherr oben auf der Treppe. Soviel mir bekannt, wurden erst nach dem II. Weltkrieg in Schloss Weißenstein bei Pommersfelden an die besagten gusseisernen, durchbrochenen Haustürflügel Glasscheiben angebracht, um fürderhin im Winter ein völliges Auskühlen des Baues zu verhindern.

  • Übrigens war es auch bei dem großen Schloss Weißenstein in Pommersfelden (bei Bamberg) so, dass das riesige und großartige barocke Treppenhaus nur gänzlich durchbrochene barocke Türflügel der Außentüren (aus Gusseisen) hatte, also letztlich nach außen offen war. Erst nach dem II. Weltkrieg wurden an die besagten gusseisernen, durchbrochenen Haustürflügel Glasscheiben angebracht, um künftig im Winter ein völliges Auskühlen des Baues zu verhindern.

    Pommersfelden, dessen Treppenrausrisalit mit den vier Riesensäulen m. E. eine Reminiszenz auf Portal I des Berliner Schlosses sein dürfte, ist ein gutes Beispiel. Offen war auch das Treppenhaus des Oberen Belvedere in Wien. Man konnte von Ehrenhof durch das Schloss in den Garten blicken. Das Treppenhaus des Palazzo Madama in Turin war zumindest offen geplant. Das Treppenhaus des Hotel Lambert in Paris war ursprünglich offen, viele von Sanfelice entworfenen Treppenhäuser sind es ebenso noch wie St. Florian von Prandtauer. Im Grunde sind das alles überbaute Freitreppen, ähnlich den offenen Wendelsteinen (Blois, Torgau, einst auch der Renaissance-Wendelstein in Berlin).

    Früher hieß es: "Der Geist weht, wo er will". Heute muss es heißen: "Der Zeitgeist tickt, wo er will".