Berliner Schloss - architektur- und kunstgeschichtliche Aspekte

  • Danke für die Bilder, Vulgow und Snork!

    Bei der Ostfassade mußte ich an das TU-Hauptgebäude denken mit dem vorgesetzten Neubau, und hinten ist das alte Gebäude. Aber die Spree ist doch kein Ernst-Reuter-Platz mit lauter Neubauten! Nebenan stehen der neue Marstall und der Dom, und zu diesen gebäuden muß es passen!

    Die Voluten von dem Kompositkapitell gefallen mir sehr. Die Bildhauer verstehen ihr Handwerk.

    Hier sind erste viertelsfertige Skizzen bzw. Scribbles zu meinen Ideen, wie man die Ostfassade etwas anreichern könnte, damit sie nicht ganz so kahl ist:


    Skizze 1: Versuch, mit Säulen und wenigen Gesimselementen so eine Art Portale zu bilden.
    Eingang betont mit Figuren oben und Bögen über den Fenstern. Alles recht schlicht bis auf Figuren und Kapitelle.


    Skizze 2: (angefangen, noch nicht ganz durch bis oben) - der Versuch, die Fassade etwas "angezogener" aussehen zu lassen, was aber angesichts des wenigen "Fleisches", auf dem man Rähmchen und Gesimse unterbringen kann, schwierig ist. Wenn die Maßstäblichkeit der Zeichnungen der verschiedenen Fassaden stimmt, dann ist die Ostfassade die niedrigste, so daß man in der Höhe schonmal nicht viel Spielraum hat. Und die Fenster sind halt sehr groß...


    Bildquelle: die von SchortschiBähr weiter oben im Text genannten öffentlich zugänglichen Fassadenzeichnungen vom Schloß/Humboldtforum, bearbeitet von mir.

    Edited once, last by Loggia (October 3, 2016 at 2:20 PM).

  • Loggia,

    auf Deiner Handskizze wirken die Fassadenelemente additiv appliziert, als Dekor! Und mit Säulen würde ich da nichts versuchen aufzuhübschen. Das tritt in Wettstreit mit den Barockfassaden und kann im Vergleich nur unterliegen, m.M.!

    Deine Graphikbearbeitung in Skizze 2 hat was! Das wirkt verbundener mit der Fassade. Die Elemente im 1.OG haben fast was futuristisches. So ohne Tiefenwirkung in der Ansicht erinnern sie mich an elektronische Leiterplatten. Liegt aber an einer optischen Täuschung, wie ein Umklappbildchen , sehe ich gerade. Es sind ja Fensterrahmungen mit Ohren. Aber wenn ich auf die Pfeiler zentriert schaue, bekommt es einen anderen Charakter, wie beschrieben. Die Rundbögen würde ich weglassen und mehr der Rechtwinkligkeit des Stella-Stils folgen. schöne kräftige Sockelrustizierung, die dem ganzen Bau die nötige Erdung verleiht.
    Bin gespannt, wie Du weiter baust!

  • Es erinnerte mich irgendwie an die "DDR-Altbauplatte" am Gendarmenmarkt, als ich es dann vervielfältigt zusammengesetzt hatte... bin da noch nicht so recht zufrieden damit, u.a. wegen dem Umklapp-Effekt und der argen Enge der Zwischenräume. Bin grad noch an einer anderen Variante. Meine Idee ist aber schon, den Eingang mit vorgesetzten Säulen zu rahmen, ich finde, das ist sonst einfach zu glatt.

    Gibt es für die "Ohrenfenster" eigentlich einen speziellen Namen? Ich nannte die für mich bis jetzt auch immer "Ohrenfenster", abgeleitet von "Ohrensessel", aber vielleicht weiß ja Oktavian was besseres...

  • Hm, glaub schon, daß es Ohrenfenster heißt, naja, weiß nicht genau!? huh:)
    Du könntest statt Säulen auch Pfeiler zur Ausbildung des Risaliten nehmen. Oder gleich Pilaster, die sich nicht so vordrängen. Ich finde halt, es sollte eine architektonische Gliederung sein, die dem Stella-Charakter nicht zu sehr entgegen gesetzt wirkt.
    Spannend wäre freilich alle diese Varianten zu vergleichen und wirken zu lassen! Nur zu!

  • Das sind sehr schöne Entwürfe. So oder so ähnlich könnte die Ostfassade klassisch anspruchsvoll viel akzeptabler gemacht werden, keine Frage.

    Aber hoffentlich ist euch das bewusst: Es sind Spielereien ohne die geringste Zukunft. Kein Mensch wird an die fertige Ostfassade mehr rühren. Man darf träumen, aber Andreas hat recht: Es ist auch eine Frage der Zuverlässigkeit, wenn ein Konsens erreicht worden ist, dass man nicht ständig darin herumrührt. Der Stella-Flügel ist nun mal der Preis für das Schloss! Im Übrigen müsste jede Veränderung an ihm an allen anderen Stella-Fassaden im Innenhofbereich auch geschehen, da sie ja alle aufeinander abgestimmt sind.

    Das Spiel heißt: Wie schöpfen wir die Stella-Fassade formal aus?

    Doch der Ernst heißt: Wie bekommen wir den Schlossbrunnen an den Schloßplatz zurück? Wie schaffen wir den Bau der Lustgarten-Terrasse? Wie kriegen wir die Rossebändiger vom Kleistpark vor das Portal IV? Wie erreichen wir die Rekonstruktion des Schlütertreppenhauses im Innern? Wie erreichen wir die Rekonstruktion von Innenräumen darüber hinaus?
    Wie holen wir den Großen Kurfürsten vom Schloss Charlottenburg auf die Rathausbrücke, einst Lange Brücke? Wie unterstützen wir Plädoyer und Appell im Extrablatt 86, S.34 und 35?

    Nicht nur Ohrenfenster, diese Ziele brauchen jeden Hirneinsatz!

    Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,

    Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern‘,

    Und verstehe die Freiheit,


    Aufzubrechen, wohin er will.


    Hölderlin

  • Ich hab ja gar nichts gegen den Stella-Flügel, es ist mir nur seine Fassade zu kahl.
    Ich empfinde die als Gründerzeithaus ohne Stuck ("Meister, das Haus ist fertig, was fürn Stil soll denn dran?") oder auch als Bäderarchitektur ohne Balkons. Eine Herausforderung, die mich nunmal einfach juckt. Und beim Zeichnen juckte es mich noch mehr, als ich feststellte, daß die Fugen wie Millimeterpapier quasi eine Vorzeichnung sind...
    Innen läßt sich aber wohl nichts aufhübschen, wie ich nach den Zeichnungen gesehen habe (die Fenster sind NOCH größer).

    Für das Schlütertreppenhaus (unbedingt!!) und ein paar Innenräume (wenn das geht, ich weiß nicht, inwiefern der Grundriß das hergibt) bin ich auch, es sollte schon auch innen einen Schloßteil geben, idealerweise vom Schlütertreppenhaus aus erreichbar. Das wäre ganz wunderbar.
    D.h. in der Art TU-Hauptgebäude weitermachen, nur daß diesmal das Altgebäude nachher dran ist...

    Der Neptunbrunnen sollte wieder zum Schloß, denn da kommt er her. Die Schwierigkeit dürfte sein, für den Rathausplatz einen adäquaten Ersatz zu bekommen - evt. ein Neuentwurf? -, denn auch dort gehört ein Brunnen hin.
    Zu den Rossebändigern habe ich noch keine Meinung, weil mir noch nicht klar ist, wo die zu stehen kommen würden.

    Aber den Großen Kurfürsten laßt mal schön in Charlottenburg, wo ich ihn sehen kann und wo er sehr prominent und gelungen steht. Der muß doch echt nicht auf eine Brücke, der braucht Platz um sich!

  • Das Haus, in dem ich wohne, Baujahr 1908, bekam irgendwann später - möglicherweise Anfang 1920er - eine sehr ansprechende Fassade. Könnte ja sein, daß man in Stadtmitte...

  • Es heißt immer, die Innenräume seien so dimensioniert, dass spätere Generationen den alten Innenzustand rekonstruieren könnten.

    Die Rossebändiger stehen verloren im Kleistpark, sie gehören vor Portal IV, Voraussetzung ist die Rekonstruktion der Lustgartenterrasse. Die wiederum ist für die Wirkung des Schosses unerlässlich.

    Der Neptunbrunnen ist verrottet und muss restauriert werden. Der Bund hat die Mittel dafür und auch für die Umsetzung auf den Schloßplatz bereits bewilligt! Nur der Senat sperrt sich.

    Der Große Kurfürst ist für die Lange Brücke gemacht und dem Stadtschloss stimmig zugeordnet. Er sieht im Ehrenhof von Schloss Charlottenburg auch recht gut aus. Die Brücke müsste neu gestaltet werden - da sehe ich vorläufig schwarz.

    Ich habe noch die fünf Oranierstatuen vergessen. Sie standen auf der Balustrade zum Lustgarten. Eine,ist noch im Original erhalten, drei in gleichgroßen Abgüssen, alle fünf in verkleinerten Abgüssen, so dass die fünfte Statue ebenfalls leicht zu rekonstruieren wäre. So viel ich weiß, wäre die Finanzierung gesichert.

    Man stelle sich vor die Wiederkehr: welche Wiedergutmachung nach dem zweimaligen Überfall auf die Niederlande! Die Holländer warten darauf.

    Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,

    Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern‘,

    Und verstehe die Freiheit,


    Aufzubrechen, wohin er will.


    Hölderlin

    Edited once, last by Bentele (October 2, 2016 at 4:19 AM).

  • Ah, die Rossebändiger gehören zur Lustgartenseite hin. Ja, dann sollten sie zurück. Das ist die wichtigste Schauseite vom Fußgängerverkehr her gedacht, da schaut man von all den Museen drauf.

  • WANN wurden denn ursprünglich die Lustgartenterrassen hinzugefügt? Und auch die anderen Balustradenumrandelungen auf West- und Südseite? Und auf wessen Idee und Entwurf geht das zurück? Welche Idee, d.h. gewollter gestalterischer Effekt ist damals beabsichtigt worden?

  • Die Lustgartenterrasse wurde 1845 angelegt. Die Rossebändiger, Geschenk des Zaren Nikolaus I., folgten 1858, alles unter Friedrich Wilhelm IV. . Die Terrassen wurden angelegt, um Höhenunterschiede innerhalb des Lustgartens auszugleichen. In ihrer Wirkung sind sie genial, weil sie das Schloss harmonisch und behutsam zum Garten und zum Alten Museum hin vermitteln.

    Die Rossebändiger korrespondieren mit den Skulpturen am Alten Museum.

    Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,

    Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern‘,

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    Aufzubrechen, wohin er will.


    Hölderlin

    Edited 2 times, last by Bentele (October 2, 2016 at 5:08 PM).

  • Es gibt aber keinen "Angriff" Deutschlands auf die Niederlande im Ersten Weltkrieg und ich weiss auch gar nicht was das jetzt wieder hier im Stadtschlossstrang zu suchen hat.

    Labor omnia vincit
    (Vergil)

  • Im 1. Weltkrieg wurden die Niederlande nicht besetzt, hatten aber gewaltige wirtschaftliche Schäden.

    Im 2. Weltkrieg wurden die Niederlande im Mai 1940 erobert und besetzt.

    Also nur einmal. Bei dem Wort "Überfall" hatte sich bei mir Belgien eingemischt, ein Lapsus, der nicht vorkommen. sollte. Verzeihung! Aber es hatte auch im 1. Weltkrieg schlimm unter Deutschland zu leiden, die Niederlande.

    Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,

    Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern‘,

    Und verstehe die Freiheit,


    Aufzubrechen, wohin er will.


    Hölderlin

    Edited 5 times, last by Bentele (October 3, 2016 at 12:03 AM).

  • Aber es hatte auch im 1. Weltkrieg schlimm unter Deutschland zu leiden.

    Sicher, klar doch! Die Niederlande hatten so schlimm unter den Deutschen gelitten dass sie und das Königshaus dem Deutschen Kaiser 1918 das Exil gewährten, ausgerechnet demjenigen, dem die Alliierten die ganze Schuld in die Schuhe geschoben haben...

    Labor omnia vincit
    (Vergil)

  • Nichtsdestotrotz wäre die Wiederaufstellung der Oranierfürsten eine tolle Geste für die Beziehung zwischen den Niederlanden und Deutschland. Sie wäre mir zumindest, abgesehen vom ästhetisch, architektonischen Aspekt her, wichtiger und angemessener als eine Umbenennung des Schlossplatzes in Nelson-Mandela-Platz.

    Es gibt eine Architektur, die zur Landschaft gehört, sowie eine andere, die sie zerstört.

  • Im 1. Weltkrieg wurden die Niederlande nicht besetzt, hatten aber gewaltige wirtschaftliche Schäden.

    Im 2. Weltkrieg wurden die Niederlande im Mai 1940 erobert und besetzt.

    Also nur einmal. Bei dem Wort "Überfall" hatte sich bei mir Belgien eingemischt, ein Lapsus, der nicht vorkommen. sollte. Verzeihung! Aber es hatte auch im 1. Weltkrieg schlimm unter Deutschland zu leiden, die Niederlande.

    Das ist alles schon so lange her, dass wir eine solche "Wiedergutmachung" doch gar nicht mehr brauchen. Es wäre also viel besser, wenn wir uns jetzt vor allem mit den Problemen der heutigen Zeit beschäftigen würden...