Berliner Schloss - architektur- und kunstgeschichtliche Aspekte

  • @Kaoru: alt ist alt, und Nachbau ist eben Nachbau.
    Ich habe selbst eine Modernisierung/Renovierung einer seit 50 Jahren vom gleichen Mieter bewohnten Wohnung in einem 100 Jahre alten Haus hinter mir, das war vor nunmehr 8 Jahren.
    Was da an Spuren aus dem gesamten 20. Jhdt. abgetragen wurde... Tapeten aus jedem Jahrzehnt, schließlich in der Küche senfgelbe Sockel aus den 1930ern und darunter ein dunkeltürkisener Anstrich der gesamten Küche mutmaßlich aus den 1920ern oder noch früher. In den Zimmern kamen unter all dem gemalte Muster zum Vorschein.
    Die habe ich zusammen mit einem Maler nachgemalt, aber in einigen Teilen viel harmonischer als das Original - daß die Bordüre schräg über die Wand lief und dann abknickte, weil die 2 damals mit Ausmalen Befaßten schnell fertigwerden wollten bzw. der eine kaum mit dem Pinsel umgehen konnte (all das war aus der Machart deutlich zu ersehen), war mir unerträglich. Also habe ich das geändert. In gewisser Weise ist die Neubemalung nun "perfektionierter" als die alte.
    Aber die Freiheit habe ich mir genommen, denn ich muß es ja auch jeden Tag anschauen!

  • Philosophische Argumente für Rekonstruktionen


    Fake, Fälschung, Disneyland, das sind die häufigsten Schimpfwörter der Gegner von Rekonstruktionen, auch des Berliner Schlosses. Ich will nun versuchen aus der Philosophie, diese Einschätzungen – sofern es nicht bloße Beschimpfungen sind – zu widerlegen. Grundlage soll Aristoteles sein. Er muss freilich für diesen Zweck verkürzt und sprachlich vereinfacht werden, dennoch natürlich korrekt.


    Aristoteles gibt für das Vorhandensein aller mit den Sinnen erfassbarer Dinge zwei Grundbedingungen an: Form und Stoff. Erst wenn Stoff und Form vereinigt sind, können Sinne den Gegenstand erfassen, und er ist existent oder Wirklichkeit.


    Für Form können wir auch Wörter wie Gedanke, Idee, Entwurf, Plan, Definition, Formel oder Vorstellung setzen. So besteht z.B. eine Kugel aus allen Punkten, die von einem einzigen Punkt dieselbe Entfernung haben. Diese Form ist eine Definition und als solche allein mit den Sinnen natürlich nicht erfassbar. Erst wenn ich sie in einem Stoff: Holz, Elfenbein, Silber, Gold, Metall oder Plastik tatsächlich umsetze, kann ich die Kugel sehen und fühlen.


    Wird die Kugel zerstört, so kann sie, da ihr „Plan“, ihre Definition, ja bekannt ist, sogleich wieder rekonstruiert werden. Ich verwirkliche also den Plan erneut in einem Stoff. Das kann ich unendlich oft wiederholen. Voraussetzung ist die Verwendung eines Stoffes, also eines Materials, und die Technik, die Kugel auch tatsächlich schaffen zu können, durch Gießen, Schnitzen oder Drehen usw.. Die Definition, die Idee, also die Form, fordert mich geradezu heraus, den Plan oder eben die Form in einem Material zu verwirklichen.


    Wir sehen sogleich, dass die Form, die Idee, wichtiger ist als der Stoff, denn nur sie gibt die Möglichkeit, überhaupt etwas zu erschaffen, freilich geht es nicht ohne Material. Die erste Voraussetzung ist aber die Form. Sie ist ja im Falle der Kugel immer dieselbe, während der Stoff weitgehend beliebig sein kann: Kugel aus Holz oder Metall usw.. Es folgt also klar, dass eine solche Kugel keine Fälschung sein kann – sie verwirklicht ja immer denselben Plan, dieselbe Definition.


    Eine kleine Abschweifung in die Musik: Die Form der Musik ist in den Noten festgehalten. Die Noten stehen auf Papier, die Ohren hören sie erst, wenn sie mithilfe von Stoff, hier Instrumenten, in Klang – der Stoff ist hier die Luft – umgesetzt werden. Form und Stoff kommen zusammen: Erst jetzt sind die Noten als Musik erlebbar! Dabei ist die Umsetzung in der Aufführung so, dass es niemals zwei genau identische Aufführungen z.B. einer Symphonie geben kann. Wir kommen darauf wieder bei der Frage nach den Originalen.


    Alle Kunst ist so beschaffen. Die Form des Bildes braucht Farbe und einen Träger. Jahrhundertelang hat man Bilder kopiert, um sie vielen Menschen zugänglich zu machen, durch Kupferstiche oder Radierungen oder durch möglichst getreue Farbkopien. Ginge ein Werk wie die Mona Lisa in Flammen auf, so würde man in den Louvre an dieselbe Stelle eine möglichst pedantisch getreue Kopie des Originals hängen, damit die herrliche Form des Gemäldes auch weiteren Generationen erlebbar wäre.


    Dasselbe gilt selbstverständlich auch für die Baukunst. Wir haben die exakten Pläne des Berliner Schlosses und damit die Form des Schlosses. Aber Pläne sind nicht erlebbar! Sie sind nur Form. Auch Modelle eines Gebäudes geben kaum mehr als wissenschaftliche Anregungen. Nur das Modell eins zu eins, die genaue Umsetzung der Form in den Stoff, schafft nach der Zerstörung eines Gebäudes die wiedererlangte Erlebbarkeit für nachkommende Generationen.


    Selbstverständlich ist eine genaue – auch technisch genaue – Rekonstruktion damit nach Aristoteles keine Fälschung, so lange sie nicht angibt, sie sei das alte Original – ja sie ist sogar ein neues Original: Nach der Fertigstellung dem Schlüterschen Original unmittelbar nach seiner Entstehung insofern exakt gleich, als auch der neue heutige Bau nur die Geschichte der Errichtung hat und noch keine andere. Die wird kommen und eine eigene Geschichte sein. Freilich fehlt der Rekonstruktion die durch die Zerstörung verlorene Geschichte des Originals, aber das Schloss wird erlebbar werden, als wäre es nie zerstört gewesen. Im Falle des Schlosses vorläufig leider nur äußerlich. Dagegen besitzt es die Authentizität des Standorts: Jedes Gebäude ist für einen bestimmten Standort geschaffen – die Asymmetrien des Schlosses rühren aus der fehlenden Parallele von Spree und Kupfergraben. Peter Stephan gibt im letzten Extrablatt die Authentizität des Schlosses in der Stadt Berlin in großartiger Gesamtschau. Hier gibt es keine Abstriche. Spolien verstärken die Authentizität selbstverständlich. Im Übrigen gibt es keine exakte Identität weder in Musikaufführungen noch in einer Rekonstruktion. Nicht einmal die Pläne Schlüters konnten damals exakt identisch umgesetzt werden.


    Form und Stoff. Bei Schiller hat der Mensch Form- und Stofftrieb: Nur im Spiel könne der Mensch Form und Stoff ganz vereinigen – welch schönes Plädoyer für Rekonstruktion als Spiel mit Form und Zeit!

    Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,

    Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern‘,

    Und verstehe die Freiheit,


    Aufzubrechen, wohin er will.


    Hölderlin

    Edited 4 times, last by Bentele ().

  • Da möchte ich nur anmerken, dass wir diese Diskussion u.a. schon im Potsdam-Thread zum Alten Markt hatten. Aber Kaoru und Bentele haben es wieder auf den Punkt gebracht. Substanz ist vergänglich, aber der Geist, die geistige Idee "Berliner Schloss" hält ewig, solange es Menschen gibt, die sich dessen bewusst sind. Nicht das Wann, sondern das Wie zählt.

    Es gibt eine Architektur, die zur Landschaft gehört, sowie eine andere, die sie zerstört.

  • Alles wunderbar, was oben philosophiert wurde. In anderen Worten heißt das, der Geist schafft die Form. Hier differenziere ich nochmals. Auch die Form, der Plan ist bereits ein Schöpfungsakt der Verdichtung zur materiellen Form. Zuerst bildet sich die Idee, die Inspiration, die Vorstellung schöpft eine Attratkion zur materiellen Verdichtung. Sie ordnet die Gedankenzu einer harmonischen Form. In der geistigen Vorstellung liegt der Genius des Künstlers/in verborgen und wird erlebbar mit den Sinnen nach dem Akt der materiallen Schöpfung!
    So weit, so gut!
    Und dennoch gibt es für mich noch eine andere Ebene, die Authentizität schafft und die über das, was weiter oben als historische Tiefe beschreiben wurde hinaus geht: es ist die Handschrift, der Duktus, ja die Bewußtseinsimprägnierung des ausführenden Künstlers oder Handwerkers, die in die Materie wie einbeschrieben wird und ihr die unverwechselbare Ausstrahlung verleiht. Das was ich hineingebe in Gedanken und Gefühlen liegt als Information in der Materie und prägt ihren Ausdruck. Und das sind von einem Menschen des Barock andere Denk- und Gefühlsmuster als von einem Menschen der Moderne. Die geistige Idee bleibt die gleiche, die optische Verwirklichung mag ihr gleichen und doch ist sie in ihrem Wesen eine andere, über die materiellen Unterschiedlichkeiten hinausgehend in den Bereich ätherischen Informationsgehaltes hinein. Mit diesem Informationsgehalt kann der Betrachter in kommunikative Wechselwirkung treten und das Gebäude/Kunstwerk mehr empfinden. Ist die Sensibilität groß genug zeigt sich der Unterscheid zwischen original und Neuschöpfung eindrücklich.
    Ganz zu schweigen von den Einprägungen des in einem alten Gebäude stattgefundenen Lebens. Das schafft weitere atmosphärische Schichten, manchmal auch recht dichte und belastende ... !


    (PS: so wäre auch eine Kopie der Mona Lisa nie und nimmer mehr mit dem Original vergleichbar. Der Genius des Meisters Da VINCI saß nicht vor der Leinwand, sie wurde nicht imprägniert mit dem Herzblut des Meisters, mit seiner akribischen Leidenschaft und Liebe in der langwierigen, Jahre beanspruchenden Malerei.
    Oder überträgt sich der Genius über den Kopisten auf die Kopie!? Der kopist als Medium!? Kann sein, ausschließen möchte ich das nicht. Aber es wäre mir doch rudimentär!)

  • @ Loggia: Sie haben Recht, das ein Neubau, ein Neubau ist.


    Trotzdem finde ich Rekonstruktionen mit einem modernen Innenleben interessant. Hier möchte ich das Beispiel des Potsdamer Landttagsschlosses bringen. Außen wurde barock gebaut und innen dem Gebäude neues Leben eingehaucht.


    Ein weiteres Beispiel ist das Stadtschloss Braunschweig obwohl ich dies in Verbindung als Einkaufszentrum für den falschen Weg gehalten habe aber nur so war eine Rekonstruktion bzw. Wiederaufbau möglich. Auch der Neumarkt in Dresden ist für mich ein gelungenes Beispiel für Rekonstruktionen bzw. die Frauenkirche obwohl unterschieden werden muss da hier noch 20% des Gebäudes erhalten waren.

  • Ginge ein Werk wie die Mona Lisa in Flammen auf, so würde man in den Louvre an dieselbe Stelle eine möglichst pedantisch getreue Kopie des Originals hängen, damit die herrliche Form des Gemäldes auch weiteren Generationen erlebbar wäre.

    Oh je, oh je.
    Das glaubst du doch nicht allen Ernstes?
    Also: Reine Architektur kann man (zu sehr großen Teilen) gut rekonstruieren, da sie zu 80% aus (nota bene: gut gemachter!) Handwerkskunst ist besteht, die man - die Handwerker und das richtige Material sowie Fotos, Pläne und historische Dokumente vorausgesetzt - wiederholen kann.


    Ganz anders sieht es mit den bildenden Künsten aus: Hervorragende Stukkatuere/Bildhauer zu finden ist schon oft nicht leicht. Da gibt es auch riesige Unterschiede. Ist mean bereit, etwas mehr Geld auszugeben, findet man diese (glücklicherweise) aber zumeist noch.


    Rekonstruierte Malereien gehen aber (so zeigen die Ergebnisse in 60 Jahre Wiederaufbaupraxis in Dtl.) meist daneben, da man eben diesen unnachahmlichen "Touch" des historischen Malers einfach nicht mehr hinbekommt (einziges m. E. wirklich gelungenes und großartiges Rekobeispiel einer Malerei sind die Zick-Fresken in Bruchsal). Meist gelang nur eine vage (!) Annäherung, manchmal ging es sogar regelrecht daneben, was aber nicht heißen soll, dass es schlecht oder unnütz war, dies so zu tun, denn diese Malereien gehörten nun einmal untrennbar mit zum Gesamtkunstwerk der einstigen Bauten dazu (gute Annäherungsbeispiele sind hier in DD die Frauenkirche und die (sog. "Semper"-)Oper. Das ändert aber nicht das Geringste daran, dass diese Malereien sehr deutlich als Werke ihrer Zeit, d. h. des 20. bzw. 21. Jhs. zu erkennen sind (Stichwort: Sozialistischer Realismus)...


    Sorry, aber du hast von Kunst nicht sehr viel Ahnung und sich dann ausgerechnet die ML zu greifen ist wirklich seeeehr schlecht. Die ist von LEONARDO DA VINCI!!!!!! Bis heute weiß z. B. niemand genau, wie das Gemälde mit seinen unendlich vielen Lasurschichten (Stichwort: Sfumato)


    Sorry, aber mit solchen Äußerungen trägst du nicht zur Erhellung der Reko-Problematik bei....
    Ich habe das immer wieder hier betont bei den Rufen, dass man ja jetzt einfach mal so auf die Schnelle die 10-15 Schlüterräume "hinbauen" könnte. Selbst wenn die Bereitschaft und das Geld da wären: DAS GEHT SO NICHT!!!


    Sorry, aber Das musste jetzt mal raus....

  • ...gibt ja auch die Theorie die Mona Lisa sei nach ihrem Raub 1911 nicht wiedergefunden wurde. Um sich die Blamage zu ersparen (und den Besuchermagneten nicht zu verlieren) habe man dann eine Fälschung aufgehangen. :D Obs stimmt oder nicht, die alte lächelnde Dame mußte schon so manches erleiden:



    http://www.art-leonardo-da-vinci.de/diebstahl-der-mona-lisa/


    Aber das Ersetzen der Kunstwerke scheint wohl nicht die Regel zu sein, sonst wäre "der Arme Poet" von Karl Spitzweg auch wieder "aufgetaucht"...


    Ganz zu schweigen vom wohl tragischsten und unwiderbringlichsten Kunstverlust der neueren Geschichte, der Brand des Münchner Glaspalastes 1931, bei dem über 3.000 Gemälde, darunter bedeutenste Werke der deutschen Romantik unwiederbringlich zerstört wurden. Von vielen Bildern existieren leider nur Schwarz-Weiß-Abbildungen. Diese Bilder zu rekonstruieren, das wäre einmal ein faszinierendes Mammutexperiment!


    https://de.wikipedia.org/wiki/…sts_zerst%C3%B6rter_Werke

  • Diese Bilder zu rekonstruieren, das wäre einmal ein faszinierendes Mammutexperiment!

    Ich gebe ja auch ehrlich zu, dass mich einiges durchaus auch reizen würde. Auch und gerade vor dem Hg. der neuen technologischen Möglichkeiten. :D


    Vor allem darf man ja auch mal gespannt sein, wie hier im Dresdner Schloss die beiden zu rekonstuierenden Silvestres im Audienzgemach und Paradeschlafzimmer werden. Das soll ja alles 2019 - also in drei Jahren - fertig sein. :koenig:

  • Um wieder den Bogen zum Schloss zu ziehen: Bezüglich Gemälderekonstruktion stimme ich Oktavian zu, dass ist eine andere Hausnummer. Während Gemälde direkt von einer Person stammen und jeder Pinselstrich sitzen muss, um original zu sein, verhält es sich bei Gebäuden anders. An den Schlüterfassaden saßen ja damals auch mehrere Bildhauer, Schlüter selbst hat ja die Form nur aus seinem Kopf auf Papier gebracht. Erst die Bildhauer setzten dann "den Pinsel auf die Leinwand". Und genauso wird es jetzt auch gemacht. Das geistige Eigentum von Schlüter & Co. wird von Bildhauern erneut in Stein gehauen. #neueOriginale

    Es gibt eine Architektur, die zur Landschaft gehört, sowie eine andere, die sie zerstört.

  • Off-topic:
    Ich weiß zwar nicht, ob bei Kopisten die Gabe ausreicht, um auch verlorene Originale zu rekonstruieren, die einem Kunstexperten genügen, aber aus meiner Laienhaften Sicht heraus gäbe es durchaus Talente die auch heute noch zu sowas womöglich imstande sind:


    die Gebrüder Posin(ab 13:50 die Mona Lisa :D ) :
    https://www.youtube.com/watch?v=KTZo8PeXsu0


    oder der allseits bekannte Beltracchi (der ja jahrzehntelang Kunstexperten genarrt hat):
    https://www.youtube.com/watch?v=TdgFSDWoALc


    Christian Goller hat z.B. die Gemälde am rekonstruierten Altar in der Marktkirche Paderborn neu geschaffen:
    http://www.ochsenfarth-restaur…taurierung-dokumentation/
    http://web.archive.org/web/201…d/f__rstenbergprojekt.pdf
    lustigerweise oder eher tragischerweise ist er auch in einen Kunstfälschungsskandal um Kranachbilder involviert gewesen.

  • Ich muss jetzt leider auch noch mal, weil ich einen eklatanten Denkfehler zu erkennen meine.


    Es geht um die Frage Rekonstruktion ist auch Neubau und warum dann nicht den Plan aufgreifen und einfach eine vierte Barockseite neu dazusetzen (mal stark verkürzt zusammengefasst).
    Vor allem im Bezug auf den Einwurf, man hätte auch damals auf den Bestand nicht unbedingt Rücksicht genommen und diesen dann durch eine vierte Barockseite ersetzt (um in etwa Loggias Einwand wieder zu geben). Aber das wäre dann das Barockbauwerk der entsprechenden Zeit gewesen, weil man dann in der entsprechenden zeitgemäßen (!) Epoche umgebaut hätte. Somit entspricht gerade der von Dir ungeliebte Anblick gerade der Argumentation, die Du hier anführst, da man einen älteren Bereich durch einen zeitgemäßen Neubau ersetzt.
    Wie auch die westlichen Anbauten, es wurde hier schon mal erwähnt, nicht mehr wirklich barock sind, sondern immer, wenn auch den Bestand berücksichtigend, eine leichte Modifikation im Sinne ihrer Zeit.


    Rekonstruktion will aber etwas anderes und muss daher auch, unabhängig von den romantisierenden Vorstellungen, originalgetreuer agieren, weil sonst, nach der alten Theorie zur Denkmalpflege, dieser gänzlich die Legitimation abzusprechen ist.
    So sehe ich es eben auch als Frevel an, das die St. Bartholomäuskirche von Frankfurt (gemeinhin "Dom" genannt) nach dem Brand von 1867 ihres basilikalen Charakters beraubt und zur Hallenkirche umgebaut wurde, die sie ursprünglich nicht war. Hierzu wurde sogar die Schadensberichte gefälscht um für den Zweck des Umbaus auch unbeschädigte Originalsubstand abreißen zu können. Des Weiteren wurde der historisch bedeutsame (im Bezug auf das erste, richtige Kaiserreich ;) )Kreuzgang fast zur Hälfte niedergerissen.
    Und das alles nur, weil der zuständige Architekt, der natürlich nie das Mittelalter gesehen hat, meinte, er könne Gotik besser als die gotischen Baumeister.
    Der einzige meines Erachtens legitime Umbau war die Weiterführung der Turmspitze, weil diese sich auf die originalen Pläne bezogen hat.
    So eine Gefahr droht eben auch, wenn man in heutiger Zeit versucht, solche Dinge weiter zu denken.

    Die Feder ist mächtiger als das Schwert...wenn das Schwert sehr stumpf ist und die Feder sehr spitz!


    -Terry Pratchett

  • Und das alles nur, weil der zuständige Architekt, der natürlich nie das Mittelalter gesehen hat, meinte, er könne Gotik besser als die gotischen Baumeister.

    Genau!
    Auch wenn viele hier das nicht hören wollen: Es gab vor 100 Jahren eben auch triftige Gründe, warum man den Historismus loswerden wollte. Freilich hat man danach das Kind mit dem Bade ausgeschüttet....


    Noch 'ne große Gefahr heute, Kardinal: Die damals, im 19. Jh., die konnten wenigstens den Historismus par excellence und waren in dieser Hinsicht umfassend ausgebildet! Aber wenn ich mir die heutigen "Historisten" (Adams usw.) anschaue...... brrr...

  • Ich kann Kardinal und Oktavian nur zustimmen. Bei Rekonstruktionen und Restaurierungen sollte man möglichst auf historistische Neuschöpfungen verzichten. Allein das Bauen nach alten unverwirklichten Plänen scheint mir noch angemessen. Im Wikipedia-Artikel über den Frankfurter Kaiserdom lassen einen die Abschnitte zu den beiden Wiederaufbauten ja geradezu erschaudern. Einzige offtopic-Anmerkung: Folgte nicht auch das gotische Langhaus des Frankfurter Doms dem Hallenschema und war nur niedriger als das neugotische?

  • Das angeführte "Negativ"-Beispiel Frankfurter Dom illustriert freilich die Überheblickeit des Historismus zu meinen es besser zu können und die daraus folgende Opferung originaler Bausubstanz durch Verschlimmbesserung. Wobei es auch gute Beispiele der Vollendung gotischer Kirchen (Ulm, Köln) gibt und ich möchte deshalb die architektonische Historismuslust des 19.Jahrhunderts nicht missen!
    Doch in Bezug auf das Berliner Schloß ist die Lage völlig anders. Hier exixtiert kein bisschen aufgehendes Mauerwerk mehr, völlige tabula rasa wurde vorgefunden, einzig ein kümmerlicher Rest Kellermauern. Da liegt es nahe nach alten Plänen idealisiert weiter zu bauen, wenn man schon von Grund auf neu erbaut. Zumal die barocke Umgestaltung der Spreeseite dem heutigen Nutzungskonzept als Museum mehr entgegen zu kommen scheint, als die verwinkelten Gebäudekomplexe des Renaissancevorgängers.
    Also für mich wäre beides in Ordnung gewesen. Minutiöse Rekonstruktion der alten Ostseite, oder harmonisierter Weiterbau nach den alten Schlüterplänen!
    Tja, jetzt isses eh anders gekommen und schon längst um's Eck, also können wir das hier lassen und es vielleicht in 40 Jahren mal wieder ausgraben!? :ueberkopfstreichen:

  • Für die Türme in Ulm und Köln hielt man sich ja auch weitgehend an mittelalterliche Pläne. Und für die freien Schöpfungen des 19. Jahrhunderts gilt, was Oktavian geschrieben hat: Damals waren noch Baumeister am Werk!

  • Nun ja, jedes Bauwerk hat seine Geschichte.
    Aber Stella ist kein Denzinger, der gleich ALLES "neuer und besser" machen will. Die rekonstruierten Teile sind ja schon möglichst originalgetreu. Insgesamt aber stellt das Gebäude "rekonstruiert-alt" und "abweichend-neu" ziemlich kraß gegeneinander. Mir ist das einfach zu kraß, zu "bruchbetonend", jedenfalls was die Ostfassade angeht.
    Ich meine, es ist ja auch ein neuentstehendes Gebäude, das in seiner physischen Gestalt mit der umgebenden Stadt und den heutigen Leuten wechselwirkt.
    Ich fände eine neobarocke Ostfassade einfach freundlicher. Ja, das wäre komplett ahistorisch, und würde die Dichotomie verwischen. Aber ich will einfach kein Gebäude, das der Stadt in einer Richtung den Hintern rausstreckt. Und das tut es eben mit einer reinen Nutzbaufassade, der man nur kärglichste Gestaltung angedeihen läßt.

  • Bekommen wir eine neue Webcam auf der Kuppel? cam01 8:30 Uhr


    Nein. Ist schon wieder weg.


    Jetzt ist das Ding wieder da.
    Sieht aus wie ein Periskop. Raus, rein, raus.... Wird Berlin Geflutet?

    Auckland bei Nacht

    Edited 2 times, last by Weissenseeer ().

  • Noch einmal auf den Beitrag 7095 zurückzukommen. Das Bau des Humboldt-Forums ist ein Projekt der Bundesregierung. Ich weiß nicht wie weit die zukünftige, rot- rot- grüne Regierung Einfluß auf die Gestaltung des Umfelds nehmen kann. Stellt natürlich ein Linker im neuen Abgeordnetenhaus den Senator für Stadtentwicklung und Umwelt ( in Zusammenarbeit mit Frau Lüscher), dann wird es sehr schwierig die Rossbändiger, die fünf Fürsten und den Neptunbrunnen an seinen alten Platz zurückkehren zu lassen. Auch eine Berliner SPD Ortsverband hat sich ja vor geraumer Zeit ausgesprochen das die Rossbändiger im Kleistpark bleiben.


    Trotzdem bin ich optimistisch das es gelingen wird, das die Rossbändiger, fünf Fürtsten und der Neptunbrunnen an den alten Platz zurückkehren. Das neue BERLINER EXTRABLATT hat ja sehr ausführlich darüber berichtet.


    https://www.welt.de/sonderthem…iger-und-ein-Brunnen.html (Quelle: die WELT, 08.06.2015)


  • Jetzt ist das Ding wieder da.
    Sieht aus wie ein Periskop. Raus, rein, raus.... Wird Berlin Geflutet?

    Das könnte ein Laserscanner zur milimetergenauen Erfassung der tatsächlich gebauten Geometrie, oder aber ein Laser zum Einmessen neuer Bauteile sein.
    Neben der Kupferdeckung auf Holzschalung wird es lt. vor einiger Zeit mal öffentlich einsehbarer Ausschreibung auch eine Innenverkleidung des Stahltragwerks und eine dazwischen liegende Dämmschicht geben, daher wohl auch das Innengerüst.

    Wer zwischen Steinen baut, sollte nicht (mit) Glashäuser(n) (ent)werfen...

  • Nach wieder so vielen Klagen über die "schlichte Schönheit" von Stellas Ostfassade habe ich mich mal rangemacht und mit einfachsten Mitteln den "Ostblock" durch das Einzeichnen von einfachsten zum Stil der Ostwand passenden Gesimsen aufzuhübschen, d.h. die Proportionen und Stockwerksgliederungen zu betonen und dem Bau einen Hauch von Klassik zu verleihen. Ich finde das hat Wirkung. Es kann so einfach sein und schon gefällt es besser! Leider darf heutzutage dem Mainstream so wenig gefallen! Das muß uns aber nicht kümmern!


    Hier meine Fassadenmanipulation: klicken zum Vergrößern!



    Eine leichte Betonung einer Sockelzone würde noch gut tun. Diese einzuzeichnen scheiterte aber an meinen Fähigkeiten. Vielleicht hat wer anderer Lust weiter zu fummeln. Oder die beiden unteren Stockwerke erhalten bis zum mittleren Gesims eine andere Fassadenfarbe. Wäre auch eine Lösung, dann dunkler, als oben!
    (Leider ist die Bildqualität der Abbildung in jpg.-Format schlechter als das Original im Zeichenprogramm)


    Und noch ein Ausschnitt:



    Hier die reine Stella-Fassade zum Vergleich:




    Quelle/Originale: http://www.sbs-humboldtforum.de/de/Startseite/