Berliner Schloss - architektur- und kunstgeschichtliche Aspekte

  • Ja, natürlich. Es geht um den architektonischen Ausdruck unterschiedlicher politisch-ideologischer Systeme, der in verschiedenen kulturellen Kontexten entstanden ist. Es dürfte jedem klar sein, dass es einen Unterschied zwischen deutscher und russischer Kunst gibt.

    So gern es mir leid tut, aber hier muß ich Dir widersprechen.


    Man hat gerne von einander abgekupfert - das ist aber keine neuere Erscheinung.


    Der Klassizismus ist auch der griechischen Architektur übernommen worden.


    Wer das Schloß genau betrachtet, wird hier griechisch klassizistische Elemente wahrnehmen können.


    Ähnliche Gemeinsamkeiten hatten auch die stalinistische und die Diktatur des 3. Reiches gehabt.


    Das DDR Regime hatte anfangs versucht sich dem anzuschließen.


    Das Schloß hätte man durchaus wieder instant setzen können - aber das DDR Regime setzte zunächst auf faschistische Architektur.

    Diejenigen, die entscheiden, sind nicht gewählt, und diejenigen, die gewählt werden, haben nichts zu entscheiden.

    Horst Seehofer

  • aber das DDR Regime setzte zunächst auf faschistische Architektur.

    Nein, das stimmt nicht. Man hat natürlich nicht den Stil des Regimes zitiert, das für die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges verantwortlich war.


    Und die Sowjetunion hatte es nicht nötig, sich künstlerische Anregungen beim Dritten Reich zu holen. Die UdSSR war ja schon vorher da und verfügte über eine vitale Architekturszene. Eiserner Pirat hatte eingangs einen nicht realisierten Hochhausentwurf gezeigt. Die Idee, ein abgestuftes, repräsentatives Hochhaus ins Zentrum einer sozialistischen Hauptstadt zu setzen, geht auf den Wettbewerb für den Palast der Sowjets in Moskau zurück, der in einem mehrstufigen Verfahren 1931 bis Anfang 1933 duchgeführt wurde. Der Siegerentwurf von Boris Iofan stammt von 1932, in wesentlichen Zügen schon von 1931. Er wurde dann unter Mitwirkung der neoklassisch orientierten Architekten Schtschuko und Helfreich überarbeitet. Dabei wurden die Dimensionen von 250 m auf 415 m mit Leninstatue erhöht. Das Gebäude sollte also höher sein als das Empire State Building in New York. Das alles geschah, bevor Speer mit seinen Germania-Planungen anfing.


    Entwurf für den Palast der Sowjets von Iofan, Helfreich und Schtschuko, überarbeitete Fassung, um 1933

    (Abbildung aus Б. М. Иофан, В. Г. Гельфрейх, В. А. Щуко, "Высотные здания в Москве" [Hochhäuser in Moskau], 1950, CC-BY-NC)


    Und nun kehren wir wieder zurück zum Berliner Schloss mit seinen menschlichen Dimensionen.

  • Es ist falsch, den damals international sehr beliebten Neoklassizismus als eine Erfindung Albert Speers zu betrachten. Neoklassizistische Monumentalbauten entstanden zu dieser Zeit auch in den USA, in Frankreich, in Japan usw. Wenn man einen "Urheber" dafür finden möchte, müsste man vielleicht in die Zeit der griechisch-römischen Antike zurückgehen.

  • Hierzu gibt es prominente Beispiele, die sich ebenfalls dieser Formensprache bedienen. Beides in demokratischen Ländern.


    Die Federal Reserve Bank (Eccles Building) in Washington von 1937, die aufgrund des zentralen Adlers und in Schwarz/Weiß vermutlich von vielen dem deutschen Kulturraum zugeordnet würde


    Das Basler Kunstmuseum (1931-1936)



    Dass dieser Stil durch Speer diskreditiert wurde (auch wenn die Neue Reichskanzlei m.E. ein äußerst interessanter Bau war) und teils versehentlich, teils sehr bewusst ausschließlich mit dem Dritten Reich assoziiert wird, ist bedauerlich, da er sehr viel Potenzial gehabt hätte und noch heute hätte.


    (Bilder sind von Wikipedia)

  • Manchmal frage ich mich, ob der Unmensch als Riesenfigur auf einem von Flugzeugen umschwebten Hochhaus, das höher als das Empire State Building ist, nicht durch das Monster, das auf der Spitze des Empire State Buildings gegen Flugzeuge kämpft, parodiert wurde.




    Nimm das Recht weg, was ist der Staat dann noch anderes als eine große Räuberbande? (Augustinus von Hippo)